Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

„Occupied“: Nichts ist sicher – und niemand ist frei

Anne-Kathrin Meinhardt |  22. September 2016 |   |  Drucken

Banner_Blog_Politikserien[kommentiert]: Anne-Kathrin Meinhardt über die Politikserie „Occupied“

Russland besetzt seinen Nachbarstaat, setzt Ultimaten, übernimmt die Kontrolle und niemand kann sich wehren. Dieses Szenario lässt einen vermutlich zuerst an ein reales Ereignis aus jüngster Vergangenheit denken: die Annexion der Krim. Doch genau dieses Szenario wird auch in der norwegischen Fernsehserie „Occupied“ durchgespielt. Eine wichtige Notiz dabei: Das Drehbuch wurde kurz vor der Zuspitzung der Krimkrise im Frühjahr 2014 geschrieben. Zugleich zeichnet die Serie ein überaus ambivalentes Bild von Politik – und eröffnet damit sehr differente Interpretationsmöglichkeiten.

In der Politikserie – eine Idee des Bestsellerautors Jo Nesbø – geht es darum, dass der norwegische Premierminister Jesper Berg sein Wahlversprechen erfüllen und die umweltschädigende Erdölförderung seines Landes einstellen will, um stattdessen erneuerbare Energien zu fördern. Dieses Vorhaben wird allerdings sowohl von der EU – Norwegens größtem Energiekunden – als auch von Russland derart kritisch betrachtet, dass Russland im Auftrag der EU Norwegen besetzt und die alten Verhältnisse wieder etablieren will. Daraus ergibt sich für die handelnden Akteure – in erster Linie Politiker – die zentrale Frage: kooperieren oder widerstehen?

Dabei wird ein durchaus negatives Bild der Politik skizziert: Der Premierminister spielt eine One-Man-Show, knickt ein – und das Wahlversprechen wird nicht umgesetzt. Gleichzeitig soll das Dilemma Freiheit vs. Sicherheit gelöst werden, wobei erstere zunehmend an Relevanz verliert. Die Serie zeigt auch die Rolle der Medien in der Politik, wenn der Journalist Stefan Christensen als einziger von der Entführung des Premiers berichten kann und die Geheimdienste ihren Teil zum Abwenden eines Krieges beitragen.

In „Occupied“ finden sich folglich eine Reihe von aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themenfeldern und Konflikten wieder, die die Menschen gegenwärtig beschäftigen: Macht, Energiewende, internationale Abhängigkeiten, Terror oder der erneut anschwellende Interessenkonflikt zwischen den USA und Russland. Dieser Realitätszusammenhang wird bei Politikserien immer wieder als entscheidender Faktor für die Qualität der Serien angeführt.[1] Wo ist die Serie fiktiv, wo enthält sie reale Züge? Und

„[n]atürlich liegt nahe, zu überlegen, wie realistisch oder unrealistisch eine Serie ist. Dabei ist diese Frage gar nicht mal die interessanteste. Im besten Fall schärft sie den Blick für die Unterschiede zwischen Fiktion und Realität; im schlechtesten Fall hat man am Ende eine pedantische Aufzählung akribisch vermerkter ‚Fehler‘.“[2]

Die Produzenten von „Occupied“ jedenfalls haben ihre Arbeit zu Beginn als futuristisch und damit fiktiv eingestuft.[3] Regisseur Erik Skjoldbjærg spricht von dem Versuch, eine „parallele Wirklichkeit“ neben der tatsächlichen Wirklichkeit darzustellen.[4] Insbesondere eine derart mächtige Kontrolle Russlands über die Innenpolitik Norwegens schien den Kreateuren von „Occupied“ unmöglich. Allerdings wurden sie während ihrer Arbeit von realen Ereignissen überrascht, die ihrem erdachten Szenario erstaunlich stark ähnelten. Die Verschärfung des Konflikts zwischen Russland und der benachbarten Ukraine (auch Norwegen grenzt zumindest im Norden direkt an Russland) und die Krimkrise 2014 fielen genau in die Dreharbeiten von „Occupied“. Und auch die – tatsächliche oder vermeintliche – Abhängigkeit Europas von der Ölproduktion in Norwegen stellt eine Parallele zwischen Realität und Fiktion dar.

Während den „Occupied“-Zuschauern also vermutlich vor allem ebendiese Analogien ins Auge stechen, interessieren sich die Produzenten der Serie vielmehr für die Reaktion der Bevölkerung auf eine solche Besetzung. Wie reagieren die Menschen, wenn ihnen demokratisch erlangte Rechte weggenommen werden? Was muss geschehen, damit sie Freiheit wertschätzen? Ihre Annahme lautet, dass sich die meisten mit ihrer Lage abfinden, weil sich für sie nichts ändert und sie deshalb das Gefühl haben, gar nichts verlieren zu können.[5] Für das Serienpublikum allerdings dürfte dieser Blickwinkel in den Hintergrund treten – wird diese analytische Perspektive doch überschattet von der alles dominierenden russischen Präsenz.

Russland scheint in „Occupied“ auf den ersten Eindruck alle Stereotype zu erfüllen: Scheinheilig und erpresserisch, hält es sich nicht an Vereinbarungen. Doch damit macht es sich der Zuschauer zu einfach. Die norwegischen Widerstandskämpfer sind nicht besser und kämpfen brutal und skrupellos für die Unabhängigkeit ihres Landes. Zudem profitieren manche Bürger von der russischen Anwesenheit – beispielsweise die Restaurant-Besitzerin Bente Norum, bei der Russen regelmäßig speisen. In der Realität beschwerte sich Russland via Statement der russischen Botschaft in Oslo offiziell über die Serie.[6] Auch wenn die „Occupied“-Produzenten immer wieder betonen, dass sie diese abschreckende Landescharakterisierung nicht hätten erzeugen wollen, birgt das hier gezeichnete Bild doch die Gefahr, dass sich der ‚normale‘ Fernseh-Zuschauer bestätigt fühlt und einen „Beleg“ für das negative Russland-Image bekommt.

Die Serie kann folglich die negative Konnotation von Politik verstärken und Politikverdrossenheit fördern[7] – getreu dem Motto: Der Bürger hat ohnehin keinen Einfluss, da das Wahlversprechen des norwegischen Premierministers aufgrund von Russlands Besetzung nicht eingehalten wird. „Und so wie die Welt zurzeit tickt, trifft das einen Nerv.“[8] Trotz dieser potenziellen Reduktion der politischen Komplexität erzeugt genau diese Stimmungslage die notwendige Brisanz für ein politisches Drama und macht die Serie so spannend. Zugleich kann die Serie ebenso gut der Politikverdrossenheit entgegenwirken, indem die Betrachter Abläufe und Aufgaben der Politik kennen- und verstehen lernen. Es zeigen sich als beide Seiten der Medaille: Muss Politik in einer Serie positiv dargestellt werden, um politikdidaktisch wirksam zu sein? Aus ethisch-moralischer Perspektive ließe sich dem sicherlich zustimmen – aber auch anhand von Negativbeispielen kann diskutiert und gelernt werden. Zudem zeigt sich hier das Spannungsfeld zwischen fesselndem Filminhalt und dramaturgisch mitunter weniger ausgefeilter Realität. Die Schwierigkeiten der Politik in Occupied – egal, wie fiktiv oder realitätsnah – können dem Zuschauer jedenfalls helfen, die realen politischen Herausforderungen zu erkennen und einzuordnen. Gerade in Zeiten von wachsendem Populismus erscheint die Botschaft, dass politische Widrigkeiten zumeist nicht mit einer einfachen Lösung behoben werden können, notwendig.

„Occupied“ – dieses „hochspekulativ[e]“ und „gewagte[] Zukunftsszenario“[9], das doch unverkennbare wechselseitige Bezüge zur Realität aufweist – stellt somit in einer spannenden Art und Weise dar, wie schnell, einerseits, aus einem festen System ein schwankendes werden kann, und dass, andererseits, Staaten nie vollkommen unabhängig sind. Die Serie veranschaulicht – auf mitunter geradezu dramatische Art und Weise – die Ungewissheit und Unsicherheit der Politik. Sicher sei lediglich, so die Produzentinnen, dass es noch eine zweite Staffel geben werde. Sie hoffen jedoch, dass ihre Fiktion nie ganz Realität werden wird.

Anne-Kathrin Meinhardt ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Weitere Beiträge zur Blogreihe über Politikserien finden sich hier.

[1] Vgl. weitere Blogbeiträge zum Thema Politikserien (http://www.demokratie-goettingen.de/tag/politikserien).

[2] Rahlf, Katharina: Politik als Unterhaltung, in demokratie-goettingen.de, 10.05.2016, URL: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/politikserien-unterhaltung [eingesehen am 08.08.2016].

[3] Arte TV: Occupied – Interview mit dem Regisseur und den Produzentinnen, in arte.tv, 18.12.2015, URL: http://sites.arte.tv/occupied/de/occupied-interview-mit-dem-regisseur-und-den-produzentinnen-occupied, Interview [eingesehen am 04.08.2016].

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Vgl. z.B. o. V.: Occupied – Die Serie, in: arte.tv, 27.10.2015, URL:  http://sites.arte.tv/occupied/de/occupied-die-serie-occupied [eingesehen am 22.08.2016].

[7] Vgl. Bock, Annekatrin: Machtkampf, Intrigen und Manipulation. Die negative Wahrnehmung von Politikgeschehen in aktuellen Politikserien, in: INDES, H. 4/2014, S. 23-31, hier S. 29 u. 31.

[8] Hannemann, Matthias: Sollen wir uns nicht einfach unterwerfen?, in: FAZ Online, 19.11.2015, URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-serie-occupied-sollen-wir-uns-unterwerfen-13919711.html [eingesehen am 04.08.2016].

[9] Frank, Arno: Arte-Serie „Occupied“: Hereinspaziert, liebe Besatzer, in: Spiegel Online, 19.11.2015, URL: http://www.spiegel.de/kultur/tv/arte-serie-occupied-politthriller-aus-norwegen-in-serie-a-1063375.html [eingesehen am 04.08.2016].


Ältere Einträge |  Neuere Einträge