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Schwere Zeiten für den Konservatismus

Franz Walter |  28. September 2010 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter über die Auflösung der konservativen Werte in der Union.

Für alteingesessene Konservative und streng gläubige Katholiken sind das keine leichten Zeiten. Eine christdemokratische Kanzlerin und ein christdemokratischer Bundespräsident in zweiter Ehe. Ein Ministerpräsident, über dessen außereheliche Amouren und Reproduktionen die Regenbogenpresse monatlang genüsslich mit allerhand Fotos berichtet hatte. Die manifeste Krise der Kirchen, die gesellschaftliche Einsamkeit der Erika Steinbach. Im Grunde ist die bundesdeutsche Mehrheit über all das bemerkenswert gelassen, ja gleichgültig zur Tagesordnung übergegangen. Nicht so aber die CDU selbst. Mindestens die älteren Mitglieder in der Fläche, gleichsam zwischen Heiligenstadt und Meppen, zwischen Warendorf und Passau, tun sich ersichtlich schwer mit der Selbstsäkularisierung ihrer Anführer. In altchristdemokratischen Kreisen galt vor Jahren das seinerzeit muntere Paarungsverhalten von Joschka Fischer und Gerhard Schröder noch apodiktisch als verwerflicher Ausdruck einer wertentbundenen und unbürgerlichen Lebensweise. Mit der Empörung darüber konnten die harten CDU-Strategen die eigenen Traditionstruppen verlässlich in die Wahlkämpfe schicken. Damit ist es nunmehr vorbei.

Zugleich und andererseits wird das traditionelle Terrain der Christdemokraten schmaler und schmaler, da zunehmend weniger Menschen im nachtraditionellen Deutschland noch treue Kirchgänger und gehorsame Adepten päpstlicher oder bischöflicher Moralimperative sind. Diese sozialkulturelle, von den Roten und Grünen kräftig geförderte Entwicklung öffnete den Raum eben auch für christdemokratische Würdenträger, neue Liebes- und Paarbeziehungen zu beginnen. In den ersten Jahrzehnten der rheinisch-katholisch geprägten Alt-Bundesrepublik wäre das für einen prominenten CDU-Repräsentanten politisch sehr viel weniger gefahrlos gewesen, weil er damit in den eigenen Reihen und der dort produzierten gesellschaftlichen Normmentalität auf kräftige, karrieregefährdende Ablehnung gestoßen wäre.

Insofern profitieren nun auch christdemokratische Spitzenpolitiker ganz privat von einer Entwicklung, die der Union als Partei indes noch erhebliche Probleme bereiten mag. Schließlich sind die Vorboten davon bereits seit Ende der 1990er Jahre unschwer zu erkennen. Denn durch die Abschwächung des einst so emotionalisierenden kulturellen Konflikts mit der moralisch als lasziv denunzierten Linken gelingen der CDU keine aggressiven Lagerwahlkämpfe à la Adenauer und Kohl mehr. Die militante Gesinnungsfront dafür ist zerbröselt. Die normative Basis in der christlichen Anhängerschaft ist nach vielen Jahrzehnten homogener Eintracht gesprengt; die einst tief konservativen Moralüberzeugungen, Ethiken, Glaubensinhalte im Bürgertum Deutschlands haben sich seit den 1960er Jahren gelockert und gelöst. Das junge und mittelalte Bürgertum in Deutschland will sich ebenso wenig für alle Zeiten in Partnerschaften, Religionsgemeinschaften und lokale Sozialkontrollen zwingen und festbinden lassen wie der früher gerade deshalb wütend geächtete linke Gegner.

Für die CDU als Partei aber wird es dadurch immer schwieriger. Denn sie verliert immer mehr die Klammern, die diese heterogene Volkspartei einst fest zusammenhielten. Die Union verstand sich über Jahrzehnte als politische Kampfgemeinschaft. Doch solche Truppen brauchen den Feind und das fest umrissene Feindbild. Früher waren das der Sozialismus, die Roten, die linken Gegner des Privateigentums. Es gibt sie nicht mehr. Zu den kittenden Feinden der Christlichen Union gehörten auch die Kritiker des Nationalen, die Polemiker gegen Heimat und Patriotismus. Doch dieser Typus befindet sich heute massenhafter im global agierenden Bürgertum als im bräsig-kleinbürgerlichen Restsozialismus.

So blieb den Christdemokraten alten Schlages zuletzt nur noch die Lebensweise, das Kulturelle, das Moralische – das Anti-68erhafte. Nun ist auch das perdu. Die Dämme, die die Union gegen die Kulturrevolte, den Hedonismus, den libertären Postmaterialismus errichtet hatte, sind gebrochen. Die neue christdemokratische Parteielite hat die Waffen gegen das, was die Filbingers, Strauß’ und Dreggers noch verächtlich den »Zeitgeist« nannten, gestreckt.

So aber sind die Grundlagen des alten christdemokratischen Erfolgsmodells unübersehbar porös geworden. Die bemerkenswert geschmeidige Elastizität des früheren christdemokratischen Erfolgmodells war immer abhängig von den festen Wurzeln, die sie in den katholischen und konservativen Lebenswelten besaß. Die Loyalität der Traditionstruppen sicherte den politischen Spielraum der christdemokratischen Führungsmannschaften ab. Die Autorität der Kirche war die Quelle für diese Loyalität. Der gemeinsame Glaube wiederum verband verschiedene soziale Schichten und Generationen. Die Traditionsstoffe hatten also die gesellschaftliche Integration ermöglicht, von der die Volkspartei nur zehrte, die sie aber nicht selbst herstellt und als säkularisierte liberale Zweckgemeinschaft auch nicht herzustellen vermag. Eben das wird künftig zum Problem, da die traditionsgestützten Voraussetzungen von politischer Elastizität und komplexer Integration offenkundig unaufhaltsam dahinschwinden.

Indes, merkwürdig ist das schon. Denn schließlich: Der Konservatismus in Deutschland verliert die Schlacht gegen den Wertewandel in einer Zeit, in der doch dieser an Flair, Zauber und Attraktivität massiv einbüßt, wie zuletzt auch die Shell-Jugendstudie wieder gezeigt hat. Die Konservativen haben merkwürdigerweise politisch resigniert, als die Quellen für ihre Renaissance kulturell gerade wieder ein wenig zu sprudeln scheinen.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitung Neues Deutschland.


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