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Schwäche aus Stärke

Robert Lorenz |  1. Dezember 2010 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz über Aufstieg, Niedergang und Renaissance der Gewerkschaften in Deutschland und Österreich.

Gewerkschaften werden notorisch in einer Krise gewähnt – sowohl in Österreich als auch in Deutschland. ÖGB und DGB, die jeweiligen Gewerkschaftsbünde dieser Länder, waren zwischen den 1950er und 1980er Jahren kraftstrotzende Organisationen mit vielen Mitgliedern, viel Geld, viel Einfluss. Einen solchen Eindruck konnte man jedenfalls anhand der hohen Organisationsgrade, Mitgliederzahlen und Vermögenswerten österreichischer und deutscher Gewerkschaften gewinnen. Anschließend widerfuhr ihnen jedoch ein langwieriger Niedergang, litten sie nun chronisch unter dem Verlust von Mitgliedern, Repräsentativität, Geld und Einfluss. Doch der Maßstab, mit dem die heutige Krise konstatiert wird, ist ein hoher.

Denn in besagten Jahren der Stärke fanden Gewerkschaften mit Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum, staatlichen Großbetrieben, personeller Verflechtung mit Parteien, der sozialtypologischen Dominanz des männlichen, überdies bestens sozialversicherten Industriearbeiters, dazu einer weitverbreiteten Rollenaufteilung, welche die Frau im Haushalt und den Mann in der Erwerbstätigkeit vorsah, und nicht zuletzt der Bindekraft sozialmoralischer Milieus nahezu ideale Bedingungen vor, um jene Stärke überhaupt erstreben zu können. Die zumeist männlichen Arbeitnehmer aus der metallverarbeitenden Industrie oder dem kohlefördernden Bergbau strömten in großen Massen in die Gewerkschaften, bescherten dem DGB und ÖGB rekordverdächtige Mitgliederstände und machten beide dank der vielen und hohen Mitgliedsbeiträge zu äußerst wohlhabenden Organisationen, deren Repräsentanten als Abgeordnete und Minister in Parlamenten und an Kabinettstischen saßen.

Neben diesen überaus günstigen Umständen kennzeichnet die Demokratien Österreichs und der Bundesrepublik außerdem vor allem eine Stabilität der politischen Ordnung. Allerdings ist diese 1945 eingetretene Systemkontinuität neu. Vor dieser Zeit nahm sich die Geschichte der Gewerkschaften ausgesprochen turbulent aus, mussten die Arbeitnehmerorganisationen mehrfache Systemwechsel überstehen, wiederholt staatliche Repression aushalten, zwei Weltkriege rafften ihre einstigen Mitglieder und Eliten dahin. In kurzen Abständen gerieten die Gewerkschaften in Ausnahmesituationen, die ihrer Biografie einen ausgesprochen unsteten Verlauf gaben. Im wilhelminischen Kaiserreich sahen sie sich durch Bismarcks Sozialistengesetze staatlicher Verfolgung ausgesetzt; in Österreich gerieten sie in die bürgerkriegsähnliche Konfrontation zwischen dem katholischen und dem sozialistischen Lager, anschließend folgte – in beiden Ländern – eine Phase der verbrecherischen Unterdrückung durch das nationalsozialistische Regime. Jedenfalls erlebten die Gewerkschaften in Deutschland und Österreich vor 1945 eine regelmäßige Abfolge von traumatischen Tiefen, aber auch euphorischen Höhen. Auf diese Weise, durch die Fährnisse des historischen Schicksals, kamen die Gewerkschaften vor 1945 nicht zur Ruhe, alle zehn bis zwanzig Jahre ereilten sie heftige gesellschaftliche Zäsuren, die sich auch auf den Mitgliederstand, das Vermögen und die institutionelle Macht auswirkten. Die grundlegende Dauerhaftigkeit des politischen Systems seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist also ein Novum in der Geschichte der Gewerkschaften. So konnten die Gewerkschaftsbünde in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg gedeihen und eine imposante Statur annehmen.

Doch in den 1970er Jahren ging diese historisch wohl einmalige Zeit vorüber, kamen wirtschaftlicher Strukturwandel und demografischer Wandel über die Gesellschaft. Im soziologischen Wortschatz firmieren diese grundlegenden Veränderungen unter Vokabeln wie feministische Emanzipation, Tertiärisierung, Internationalisierung und Milieuerosion. Gemeint sind damit durchaus bedeutsame Entwicklungen: Frauen gewannen an Selbstbewusstsein und begannen, ihre Ansprüche auf einen gegenüber Männern gleichberechtigten Status durchzusetzen, strömten also auch auf den Arbeitsmarkt, um dort eigenhändig und selbstbestimmt Geld zu verdienen. Arbeitsplätze entstanden fürderhin vornehmlich im Dienstleistungssektor, bei Lieferanten, in Hotels, Gaststätten oder Einkaufszentren – wohingegen sie im Industrie- und Montanbereich zurückgingen. Auch mussten einheimische Unternehmen zunehmend mit ausländischen Anbietern konkurrieren, die ihre Produkte in vielen Bereichen deutlich preiswerter auf den Markt brachten, was gleichfalls einen Rückgang von Arbeitsplätzen in etlichen Branchen und verschlechterte Arbeitsbedingungen zur Folge hatte. Und obendrein kamen den sozialdemokratischen Großorganisationen die sozialmoralischen Milieus abhanden, in denen die Gewerkschaftsmitgliedschaft noch selbstverständlich, die Loyalität zur Organisation sakrosankt, die lebenslange Zugehörigkeit aus emotionaler Verbundenheit und sozialem Zwang hergestellt worden waren. Schlagartig hatte sich das vorteilhafte Umfeld ins Negative verkehrt, sahen sich die Gewerkschaften sowohl in der Bonner als auch in der Alpenrepublik den Widrigkeiten einer feindseligen Umwelt ausgesetzt.

Gewerkschaften wurden unattraktiv, schienen an politischer Bedeutung verloren zu haben. Insbesondere in Österreich erwies sich die sozialpartnerschaftliche Verankerung für den ÖGB als zwiespältig: In Zeiten sprudelnder Staatseinnahmen konnte er sich als materieller Wohltäter präsentieren;  in der Phase des Abschwungs litt er demgegenüber unter der Mitverantwortung an Massenentlassungen in betriebswirtschaftlich angeschlagenen Staatsbetrieben. Normativ entbunden von der moralischen Räson des Herkunftsmilieus, überdies dem proletarischen Elternhaus durch Abitur und Studium, durch einen Angestellten- oder Beamtenjob, durch ein annehmliches Auskommen entrückt, arbeitslos oder prekär beschäftigt, erkannten zahlreiche Bürger kaum einen Sinn mehr in einer Gewerkschaftsmitgliedschaft oder gar gewerkschaftlichem Engagement.

Als Arbeitnehmer nahm man auch ohne eine Gewerkschaftsmitgliedschaft am ökonomischen Aufstieg teil oder aber stieg trotz der Gewerkschaften zum Modernisierungsverlierer ab. Die Gewerkschaftsführer unterschieden sich von der übrigen Elite in ihrem Habitus und mitunter auch ihrer Sprache nicht mehr von der übrigen Gesellschaftselite und konnten bisweilen sogar mit profitorientierten Unternehmern verwechselt werden. Sie trugen Anzüge, bewohnten luxuriöse Appartements, fuhren breitachsige Limousinen und akzeptierten enttäuschende Lohnzuwächse, Arbeitsplatzabbau und verhinderten auch nicht Sozialkürzungen oder das Wachstum prekärer Beschäftigung. Die gewerkschaftlichen Großorganisationen muteten mit der Zeit wie Verlierer an, die hilflos ihrem eigenen Untergang zusehen mussten. Sie kündigten innere Reformen an, die auch nach jahrelangem Warten zu keinem Ergebnis führten, durch die sie sich erneuern wollten und es doch nie schafften. Sehr leicht konnten sie von Beobachtern in einer sich rasant wandelnden Welt als erstarrte, lernunfähige Apparate empfunden werden; statt charismatische Figuren hervorzubringen, präsentierten sie sich als schwerfällige und inspirationslose Bürokratien. Seit den 1980er Jahren plagt sie eine unaufhörliche Serie von negativen Presseberichten, die sie als veränderungsresistente Organisationen in der Dauerkrise beschreiben.

Zwei Lektionen ergeben sich aus der Analyse der deutschen und österreichischen Gewerkschaften: Die aus hohen Mitgliederzahlen und Organisationsgraden sowie einer gefüllten Kasse und fester institutioneller Einbindung gewonnene Stärke verlieh ihnen ein übertriebenes Selbstvertrauen, ließ sie ihre Möglichkeiten überschätzen, machte sie bewegungsunfähig, minderte ihre Anpassungsfähigkeit – bedingte also Schwäche. Dies ist die erste Lektion. Obwohl sich ihre Rekrutierungsinstrumente für die neuen Wachstumsgruppen auf dem Arbeitsmarkt – Frauen, atypisch und in kleinen bis mittelgroßen Dienstleistungsunternehmen Beschäftigte – als wenig geeignet erwiesen, behielten sie diese unbeirrt bei. Bereits in den 1970er Jahren setzte ihr Niedergang ein. Auf die Mitglieder- folgte die finanzielle Krise. Statt sich aus einer Position der Stärke zu erneuern, verleitete diese sie dazu, Reformen der Organisation und der Programmatik hinauszuzögern. Erst als auch durch den Verlust politischer Macht eine fundamentale Krise eingetreten war, sich die Gewerkschaften in nahezu sämtlichen Bereichen in einem problematischen Zustand befanden – so lautet die zweite Lektion –, besannen sie sich des notwendigen Wandels. Statt zu lernen, wurden sie geläutert. Wie gesagt, bedurfte es dazu aber erst des Erlebnisses fundamentalen Verlusts.

Erst eine zweifelsfrei brenzlige Situation trotzte den behäbigen Apparaten die nötigen Energien für eine überfällige Metamorphose ab. Doch inzwischen kann man den Eindruck gewinnen, im DGB und ÖGB habe man sich endlich zu einer Abkehr von überkommenen Verhaltensmustern und Positionen durchgerungen, sind Wandel und Anpassung spürbar. Beispielsweise gilt flexible Beschäftigung programmatisch nicht mehr als ein exorzistisch auszutreibender Dämon, sondern als Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen. Atypische Erwerbsverhältnisse werden nicht mehr rigoros abgelehnt oder ignoriert, sondern sind Ziel gewerkschaftlicher Rekrutierungsanstrengungen. Konkrete Interessen wie Statusstolz hochqualifizierter Arbeitskräfte, Lohnzuwächse und Jobsicherung stehen wieder verstärkt mit betont kämpferischer Haltung im tarifpolitischen Vordergrund. Gewerkschaften bietet sich eine Chance auf Renaissance. Mittlerweile zeigen sich dadurch neben dem klassischen Fließbandarbeiter auch niedrigqualifizierte Kassiererinnen gleichfalls wie hochqualifizierte Ingenieure – ehemals gewerkschaftsfremde Gruppen also – aufgeschlossen für eine Gewerkschaftsmitgliedschaft. Denn Arbeitsbedingungen – Gehälter, Arbeitszeit, vor allem aber die Beständigkeit des Arbeitsplatzes – haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren für eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsmarkt- bzw. Berufsgruppen verschlechtert. Außerdem respektieren sie ein gewandeltes Partizipationsverhalten, das mehr Gestaltungsautonomie verlangt, experimentieren mit neuen Rekrutierungsansätzen und kommunizieren zeitgemäß über gängige Internetdienste mit ihren Mitgliedern.

Kurzum: Die Gewerkschaften werden zwar vermutlich ihre einstige Stärke nicht mehr zurückerlangen. Dafür sind die Strukturen und Charakteristika des gegenwärtigen Arbeitsmarkts viel zu gewerkschaftsfeindlich. Und als intermediäre Organisationen haben sie auch an gesellschaftlicher Integrationskraft eingebüßt: Viele problematische Sozialgruppen wie die „Ausgeschlossenen“ werden von ihnen nicht erreicht und gesellschaftlich eingebunden. Doch nach einem langwierigen, schmerzhaften Anpassungsprozess können sie sich wieder festigen und neue Kraft schöpfen, die ihnen auch in einer erheblich gewandelten Arbeitswelt den Status bedeutsamer Großorganisationen sichert.

Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Diesseits von Versäulung, Lagern und sozialmoralischen Milieus“.


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