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Schulden. Eine Bilanz.

Nils C. Kumkar |  29. Februar 2012 |   |  Drucken

[präsentiert]: Nils C. Kumkar liest „Debt – The First 5000 Years“ von David Graeber.

Da stürzen gewählte Regierungen, da wird Recht gebeugt, bis es knirscht und da übernehmen Staaten Schulden von anderen Staaten, die diese wiederum bei Banken haben, die kurze Zeit vorher noch vor sich selbst gerettet werden mussten. Und während all das in die Sprache der absolut klaren Notwendigkeit gefasst wird, zeichnen sich überraschend divergente, von starken Konflikten und mitunter Aggressionen durchzogene Muster davon ab, wer jeweils als Täter, Opfer, Schuldiger oder Zahlmeister gedeutet wird.


Im Phänomen der Schulden überkreuzen sich Recht, Moral, Politik, Gewalt und Ökonomie auf vielleicht einzigartige Weise. Dass eine neue Perspektive darauf notwendig ist, leuchtet schon mit einem kurzen Blick auf die aktuellen Ereignisse ein. Die (neo-)klassischen ökonomischen Modelle, die Schulden auf das Verhältnis von Soll und Haben reduzieren und dieses aus dem freien Spiel von Präferenz und Risiko in der Zeit begreifen, können jedenfalls nur das Wenigste von dem erklären, was in den letzten Jahren an politischem und sozialem Sprengstoff in den verschiedenen finanziellen und fiskalischen Krisen sichtbar wurde. Mitten in dieser „Schuldenkrise“ legt David Graeber mit „Debt – The First 5000 Years“ eine Weltgeschichte der Schulden vor und liefert damit genau diese neue Perspektive: unverzichtbares intellektuelles Rüstzeug für all diejenigen, die um eine Deutung dieser Krise ringen.

Nun klingt das Vorhaben ohnehin schon sehr ehrgeizig, aber schon sein erster Blick auf die scheinbar so einfache Kategorie der Schulden macht deutlich, dass eine Geschichte der Schulden auch eine Menschheitsgeschichte bedeutet – und ebendiese zeigt, dass die aktuellen Krisenerscheinungen alles andere als ungewöhnlich sind. Vielmehr zeigt ein Blick auf die Vergangenheit, dass sich seit dem Altertum fast jeder Umsturz an dem Punkt entzündete, an dem eine Gesellschaft ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnte. So fasst Graeber in den Worten des Althistorikers Moses Finley den Forderungskatalog beinahe aller Revolutionäre des Altertums in nur einer Losung zusammen: Schuldenamnesie und Landreform! Die Geschichte ist eine Geschichte von Schuldenkrisen, könnte man das mit Marx ironisch paraphrasieren. Wie prägend für unsere Gesellschaften die Frage nach den Schulden war und ist, das zeigt sich bis in die Sprache – in der unheimlichen etymologischen Nähe zwischen Begriffen wie Schulden und Schuld, oder zwischen dem englischen „guilt“ und dem deutschen Geld, oder auch darin, wie selbst die Weltreligionen einen Großteil ihrer Botschaft in die Sprache von Finanztransaktionen kleiden („und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“). Selbst die erste bekannte Erwähnung des Begriffs der Freiheit in einem politischen Text steht in unmittelbarem Zusammenhang zur Schuldenproblematik: Eine sumerische Schuldenamnesie von ca. 2400 v. Chr. gibt all denjenigen, die sich selbst verpfänden mussten oder auf der Flucht vor ihren Gläubigern waren, die Freiheit, nach Hause zu ihren Familien zurückzukehren.

Das erste Drittel des Buches widmet sich dann auch der offensichtlich schwierigen Frage, welche Bereiche des menschlichen Lebens in eine umfassende anthropologische Betrachtung von Schulden eingehen müssen. Dabei stellt Graeber unter Zuhilfenahme zahlreicher ethnologischer und historischer Beispiele zunächst fest, dass sich fast keines der gängigen ökonomischen Modelle über die Genese von Kredit und Tausch aufrechterhalten lässt. So scheint der Kredit historisch der Erfindung des Geldes oder zumindest des Münzwesens überall vorausgegangen zu sein. Was vielleicht aber noch verwirrender ist: Die Erfindung des Münzgeldes geht zudem dem einfachen Warentausch voraus. Aus der genealogischen Perspektive scheint unsere vertraute Welt kopfzustehen: Schulden scheinen zunächst eine religiöse und juristische Frage der gegenseitigen Schuldigkeit zu sein, während Märkte sich vor allem im Wechselspiel von staatlichen Redistributionssystemen und der Entstehung des Militärs herausbilden, also vor allem rund um den Sold und den Tribut.
Schon in diesen ersten Kapiteln werden sowohl die stilistische Gewandtheit wie auch die Fachkompetenz deutlich, für die Graeber in den Fachzeitschriften  und von der Business-Week  bis ins Feuilleton der FAZ  gelobt wurde. Während er auf Augenhöhe mit den Fachikonen verhandelt – seien es Ökonomen wie Smith, Keynes und Hayek, Soziologen wie Mauss und Simmel oder eben Anthropologen wie Levi Strauss – verschiebt er Nuance für Nuance, vom Leser zunächst fast unbemerkt, die Koordinaten unserer Wirklichkeit. Wirken die ersten Beispiele für Austauschsysteme jenseits der uns bekannten Tauschökonomien noch exotisch und fremd, gelingt es ihm – durch die vorsichtige Rekonstruktion der ihnen zugrundeliegenden Handlungslogiken einerseits sowie der Freilegung von Antinomien in unserer Wahrnehmung des eigenen Austauschsystems andererseits –, diese gewohnte Blickrichtung umzukehren. Am Ende ist es unsere eigene Welt, die wir mit den Augen eines Ethnologen sehen – nicht völlig undurchschaubar, aber eben doch seltsam fremd und zu guten Teilen auch bedrohlich.

Bedrohlich wohl auch deshalb, weil in dem kurzen mittleren Teil, der sich den Ökonomien widmet, in denen die angesprochenen Sphären des Tauschs und der Schuldigkeit sich punktuell berühren, eine destruktive – eben: unheimliche – Logik aufblitzt. Denn der historische Berührungspunkt, an dem die Logik der Ökonomie der persönlichen Beziehungen und die der beziehungslosen Tauschakte aufeinandertreffen, ist die (Aus-)Tauschbarkeit der Person, kurz: die Institution der Sklaverei. Am Horizont der exakt quantifizierten und durch Gewalt garantierten Schuldverhältnisse, also der Schulden in unserem heutigen Sinne, liegt die Pfändung der Person als ultimative Garantie.

Anders als man es von diesem Punkt aus erwarten könnte, entwirft Graeber im letzten Teil des Buches, der nun wirklich chronologisch die letzten 5000 Jahre Schulden rekapituliert, kein düster-graues Szenario der Wiederkehr des Ewiggleichen. Ganz im Gegenteil. Was Graeber zeigt, ist, wie unterschiedlich die Gesellschaften mit der Herausforderung einer Spirale aus Machtkonzentration, Abhängigkeiten und Enteignungen umgegangen sind. So praktizierten die Gesellschaften des Mittleren Ostens jahrtausendelang eine Politik der periodischen Schuldenamnestie, die immer wieder einigermaßen gleiche Ausgangsbedingungen für einen Großteil der Gesellschaft hergestellt habe.

Im Jahrtausend um Christi Geburt wich diese Politik in den meisten Gesellschaften der Welt einer anderen Strategie, die Graeber als Münzwesen/Sklaverei/Militär-Komplex bezeichnet. Die Armen wurden mit Geld subventioniert, um sie aus der Schuldenfalle zu befreien. Dieses Geld wurde aus Edelmetallen geprägt, das Soldaten erobert hatten, auf Raubzügen, von denen sie auch die Sklaven mitbrachten, welche die materielle Reproduktion der Gesellschaften sicherstellten und so stehende Armeen ermöglichten. Ein geniales System, das erstmals Kulturleistungen wie die Philosophie und die großen Weltreligionen hervorbrachte – das aber in China, Indien und Europa kollabierte, sobald die Expansion erlahmte. Sofort setzten die Schuldenkrisen wieder ein, die den Landbesitz immer weiter konzentrierten, der Armee die Soldaten entzog und so die Implosion der Reiche einleiteten.

Das Mittelalter fand seine ganz eigenen Strategien, um mit dem geerbten Dilemma zu verfahren – in Europa mit dem Wucherverbot, in China durch die strenge Kontrolle des Handels und in Indien vor allem durch die Entstehung des agrarischen Kastensystems. All das änderte sich mit dem Aufstieg der kapitalistischen Weltreiche erneut, mit denen, entgegen ihrer Erzählungen von der vorkapitalistischen Barbarei, auch die Sklaverei im Weltmaßstab zurückkehrte. Daneben erlaubte die Schwemme von Edelmetallen aus Amerika die Wiederbelebung des Münzwesens. Obwohl es also scheint als kehre der Münzwesen/Sklaverei/Militär-Komplex einfach wieder, werden die verschiedenen Elemente dieses Mal völlig anders kombiniert als zuvor.

Die letzten Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods, also die Jahre des Postfordismus, deutet Graeber als eine weitere grundlegende Wandlung, die aber noch keinen bestimmten Ausgang habe. Und vielleicht lässt sich an diesem Punkt das analytische Potential des Werkes am klarsten fassen. So wurde vor einigen Jahren das Mikrokreditsystem der Entwicklungshilfe, das auf der Grundidee beruhte, durch die Monetarisierung von Sozialkapital wirtschaftliche Entwicklung zu befördern, noch beinahe einhellig gelobt. Spätestens nach zahlreichen Suiziden von überschuldeten Kleinbauern geriet es allerdings jüngst in die Kritik. Aus der Perspektive des Buches wirkt dieses Umschlagen wie die fast schon unheimliche Wiederholung der Auswirkungen der liberalen Politik im England des 18. Jahrhunderts: Die sozialen Verhältnisse der gegenseitigen Abhängigkeit in die neue, liberale Freiheit jenseits aller Abhängigkeit aufzuheben, indem man sie in Geld umzuwandeln versuchte. Und dieser Versuch scheiterte auch damals. Denn anders als in der utopischen Fabel vom einfachen Warentausch ist der Austausch durch komplexe Zusammenhänge der Schuld und Schuldigkeit geprägt, die man zerstört, wenn man sie über Geld in Schulden umrechnet.
Eine besondere Stärke dieses letzten Teiles liegt darin, dass es dem Autor gelingt, die Fallen zu vermeiden, die in seiner eigenen Fragestellung verborgen liegen – weder die Wiederkehr des Ewiggleichen, noch die sattsam bekannte Figur der Geschichte der Schuldknechtschaft als Verschwörung der wenigen gegen die vielen, wie sie für die populistischen Erzählungen von Geld als Wurzel allen Übels so prägend ist, lassen sich in dieses Buch nicht hineinlesen. Auch deshalb kann das Buch als ein äußerst vielversprechender Versuch gesehen werden, das narrative Vakuum, von dem auch Franz Walter unlängst schrieb,  auf innovative Art zu füllen. Und das wurde nach Jahren der postmodernen Selbstbeschränkung auch Zeit.

„For a very long time, the intellectual consensus has been that we can no longer ask Great Questions. Increasingly, it’s looking like we have no other choice.“ (19)

Nils C. Kumkar ist wissenschaftliche Hilfkraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

Rezension zu:

David Graeber: Debt – The First 5000 Years, Melville House 2011.

Die deutsche Übersetzung erscheint unter dem Titel „Schulden – die ersten 5000 Jahre“ im Mai im Klett-Cotta Verlag.


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