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Schluss mit der „sozialen Magersucht“

Teresa Nentwig |  17. April 2014 |   |  Drucken

[kommentiert:] Teresa Nentwig über Frauenförderung in Unternehmen und den Kongress „WoMenPower 2014“

Welche Halle man auf der diesjährigen Hannover Messe auch besuchte, überall das gleiche Bild: Unter den Besuchern waren beinahe nur Männer, die riesige Maschinen oder von 3-D-Druckern ausgespuckte Objekte bestaunten. Eine Ausnahme in dieser männerdominierten Welt stellte am letzten Messetag der zum elften Mal durchgeführte Fachkongress „WoMenPower“ dar. Dessen Ziel ist es, „hoch engagierten Frauen und Männern“ praxisnah Informationen zur individuellen Karrieregestaltung sowie Kontakte für ihren beruflichen Aufstieg zu vermitteln. Die meisten Angebote sind speziell auf Frauen zugeschnitten, weshalb auch dieses Jahr von den rund 1.400 Teilnehmern fast alle weiblich waren.

Wie notwendig Veranstaltungen wie „WoMenPower“ sind, zeigen Untersuchungen. So ist der Frauenanteil in Führungspositionen immer noch gering. „Die Vorstände der 200 größten Unternehmen in Deutschland bleiben eine männliche Monokultur. Lediglich gut vier Prozent der 906 Vorstandsposten waren 2013 mit Frauen besetzt“, hieß es beispielsweise kürzlich im „Managerinnen-Barometer 2014“ des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Obwohl es in den letzten Jahren zahlreiche Selbstverpflichtungen von Unternehmen gab, den Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten zu erhöhen, hat sich kaum etwas verändert: Auch im Jahr 2014 sind Frauen in den höchsten Management- und Kontrollgremien eine Rarität.

Auch in den beiden Führungsebenen darunter sieht es in vielen Unternehmen ähnlich aus. Schaut man sich die unterschiedlichen Branchen an, bestehen vor allem in den MINT-Berufen[1] große Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. Laut einer Studie des DGB aus dem Jahr 2013 beträgt der Frauenanteil dort weniger als ein Fünftel. „Die meisten MINT-Berufe […] dürften trotz vieler Programme weiterhin Männerdomänen bleiben“, ist in der Untersuchung mit Blick auf die Zukunft zu lesen.

Mehrere große Unternehmen, bei denen die Frauenförderung ein wichtiger Bestandteil der Unternehmenspolitik ist, stellten sich dieses Jahr auf dem „WoMenPower“-Kongress vor, darunter die Deutsche Telekom AG, die sich als erstes Dax-30-Unternehmen am 15. März 2010 auf eine Frauenquote im Führungskräftebereich verpflichtet hat. Bis Ende 2015 sollen weltweit dreißig Prozent der oberen und mittleren Führungspositionen mit Frauen besetzt werden. Dr. Thomas Kremer, Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom AG, berichtete in seiner Keynote zur Eröffnung des Kongresses darüber hinaus, dass es für Stellenbesetzungen unter anderem interne Pools mit talentierten Frauen gebe, damit diese „besser sichtbar“ seien.

Ein weiteres großes Unternehmen, in dem Frauen gezielt gefördert werden, sind die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Anders als etwa die Deutsche Telekom AG, deren Vorstand von einem Mann angeführt wird, hat die BVG mit Dr. Sigrid Evelyn Nikutta eine Vorstandsvorsitzende. Nikutta, die rund 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führt, berichtete von den vielen Hindernissen im Laufe ihrer Karriere. Ob Sitzungstermine, die systematisch auf den späten Abend verschoben worden seien, oder subtile Äußerungen wie „Jetzt kümmern Sie sich mal um Ihre Kinder“ – Nikutta stieß immer wieder auf Widerstand. Heute fördert sie Frauen in ihrem Unternehmen auf vielfältige Weise. Beispielsweise ist es durch die Einführung einer Frauenquote gelungen, den Frauenanteil bei der BVG kontinuierlich zu erhöhen – er erreichte im Jahr 2013 mit 18,0 Prozent den höchsten Stand, sieht man einmal von der Kriegs- bzw. Nachkriegszeit ab, als er bei rund vierzig Prozent lag.

Impressionen von der WoMenPower2014, Fotos: Teresa Nentwig.

Doch was können Frauen selbst für ihre Karriere tun? Antworten darauf gaben während des „WoMenPower“-Kongresses 36 praxisorientierte Workshops zu den Themenblöcken „Berufseinstieg/Wiedereinstieg“, „Führung und Kommunikation“, „Beruf/Karriere/Aufstieg“ und „Vielfalt der Talente“. Jasmin Döhling-Wölm etwa, Inhaberin des Consulting-Instituts „karrierekunst“, bot den Workshop „,Überleben an der Spitzeʻ – Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik“ an. Sie zeigte insbesondere auf, warum Netzwerkkompetenz zu den Schlüsselkompetenzen für erfolgreiche Karrieren gehöre und wie Frauen von einem Netzwerk profitieren könnten.

Dem Ende ihres Workshops verlieh Döhling-Wölm eine humorvolle Seite: Sie gab den anwesenden Frauen mehrere Tipps, mit denen sie ihr berufliches Fortkommen mit Sicherheit verhindern könnten, darunter die „soziale Magersucht“: „Machen Sie sich fachlich und körperlich selbst leise. Reden Sie besonders leise. Am besten gar nicht. Seien Sie schlicht dankbar dafür, dass Sie geduldet werden.“ Bei der Präsentation dieser Karrierekiller kamen die Workshopteilnehmerinnen nicht mehr aus dem Lachen heraus, handelt es sich doch eigentlich um eine Selbstverständlichkeit, sich selbst und seine Erfolge sichtbar zu machen.

In der Praxis jedoch scheint das Mauerblümchen-Dasein noch immer weit verbreitet zu sein, wie Sabine Asgodom, Bestsellerautorin und eine der führenden deutschen Coaches für Frauen im Berufsleben, während ihres Workshops mehrfach deutlich machte. Sie hat jüngst die sogenannte SUCCESS-Formel entwickelt, die auf Männerritualen aufbaut und bei der der Anfangsbuchstabe S für „Sichtbarkeit“ steht.

Für typisch maskulin hält Asgodom zum Beispiel das „Raumnehmen-Ritual“: Männer nähmen sich die Zeit, die sie brauchten, um beispielsweise im Gespräch mit Kollegen ihre Sichtweise darzulegen. Frauen hingegen dächten ständig daran, dass sie den anderen lästig werden und ihnen Raum wegnehmen könnten. Doch damit, so Asgodom, würden sie sich selbst beschränken. Sie riet den Besucherinnen ihres Workshops daher, dem „eigenen Zeitkritiker“ Einhalt zu gebieten und sich zu sagen: „Die werden mich schon stoppen, wenn ich zu viel rede.“ Auch darüber hinaus rät die Management-Trainerin Frauen, sich an Männern ein Beispiel zu nehmen, um sichtbarer zu werden. Zum Beispiel sollten sie ihrem Chef nicht nur über Probleme berichten, sondern diesen insbesondere auch auf die eigenen Erfolge aufmerksam machen.

Charakteristisch für Männer hält Sabine Asgodom zudem das „Einer-für-alle-Ritual“: Männer würden nicht alles selbst machen, sondern sich Unterstützung holen und Aufgaben delegieren, Frauen seien diesbezüglich wesentlich zurückhaltender. Sie rief die Teilnehmerinnen ihres Workshops deshalb dazu auf, sich Hilfe zu holen, sei es in der Berufswelt von einem Mentor, der einem Tipps gibt und Fallstricke zeigt, sei es privat vom Partner, der einem im Haushalt Arbeit abnimmt. Der Buchstabe U in dem Wort SUCCESS steht daher für „Unterstützung“. Von dieser profitiert übrigens auch Sigrid Evelyn Nikutta: Sie habe sich, so erzählte sie in ihrer Keynote, einen starken Mann an ihrer Seite gesucht und auf diese Weise ihren Aufstieg an die Unternehmensspitze geschafft. Nikuttas Ehemann, der Job und Karriere zugunsten der vier Kinder hinten angestellt hat, wurde sogar als „Spitzenvater des Jahres 2013“ ausgezeichnet.

Dr. Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Zu den MINT-Berufen gehören Berufe mit einem hohen Qualifikationsniveau aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.


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