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Sarrazin – ein deutscher Wilders?

Lars Geiges |  17. September 2010 |   |  Drucken

Themenschwerpunkt „Populismus“

[debattiert]: Lars Geiges untersucht in unserem Blog Parallelen und Unterschiede zwischen Thilo Sarrazin und dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders.

Eines vorweg: Thilo Sarrazin ist kein deutscher Geert Wilders, und er wird es wohl auch nie werden.

Zu verschieden sind die beiden, zu unterschiedlich die politischen Konstellationen um sie herum und zu speziell die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zum Zeitpunkt ihres Auftritts auf den Bühnen in Den Haag und Berlin.

Das Phänomen „Wilders“ erschien nach und nach. Er hatte acht Jahre lang Reden für die Parlamentsfraktion der Volkspartij voor Vrijheid en Demokratie (VVD) geschrieben, bevor ihm 1998 der Einzug in die „Tweede Kamer“ gelang. 2004 verließ er die Partei, bildete als Ein-Mann-Fraktion die „Groep Wilders“ und gründete dann im Jahr 2006 die Partij voor de Vrijheid (PVV). Seither kritisiert er den Islam heftig. Er sagt, er hasse ihn. Ob Probleme bei Kriminalität, Bildung oder Staatshaushalt – schuld ist die Einwanderung, schuld ist der Islam. Und die etablierten Parteien sähen untätig zu. Seine Thesen kommen offenbar an – die „Freiheitspartei“ ist heute drittstärkste Kraft in den Niederlanden.

Anders Thilo Sarrazin, der Volkswirt. Er war jahrelang in Behörden und Ministerialbüros tätig, später bei der Bahn, ehe er als Berliner Finanzsenator Schlagzeilen machte mit abfälligen Aussagen über Hartz-IV-Bezieher und Migranten. Ende August dieses Jahres hat Sarrazin sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorgestellt. Darin vermengt er Statistiken aus Demographie, Bildung und Zuwanderung, um daraus seine zentrale Erkenntnis abzuleiten: Deutschland werde immer dümmer. Für Kritik sorgten seine biologistischen Begründungen („Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“). Das Buch hat jedoch eine Diskussion über Integration und Zuwanderung ausgelöst, wie wohl noch kein politisches Buch zuvor.

Beide Fälle sind also zunächst einmal ganz unterschiedlich gelagert. Eines haben Wilders und Sarrazin jedoch gemeinsam: Sie sind beide Populisten.

Das lässt sich an mindestens zwei Stellen sehr gut zeigen:

Erstens: Wilders und Sarrazin lieben den Skandal. Der Niederländer vergleicht schon mal den Koran mit Hitlers „Mein Kampf“, möchte eine „Feudelsteuer“ für jedes getragene Kopftuch kassieren und kokettiert damit, Polizisten im Namen der öffentlichen Sicherheit den gezielten Knieschuss zu gestatten. Sarrazin übertritt ebenfalls Grenzen, indem er „bestimmten Volksgruppen“ genetische Dispositionen zuschreibt, über die Produktion „kleiner Kopftuchmädchen“ schwadroniert und sagt, Hartz-IV-Empfänger hätten „es gerne warm“ und würden die Raumtemperatur mit dem Fenster regulieren.

Das Bewirtschaften von Ängsten, die Emotionalisierung und die Personalisierung. Jeder Skandal wird von den unter dem Druck des Auflagemachens stehenden Medien aufgenommen und weitergedreht, manchmal sogar selbstinszeniert, wie die exklusiven Vorabdrucke des Sarrazin-Buches in Bild und Spiegel zeigen.

In den Niederlanden mit seinen auflagenstarken Gratis-Zeitungen war der Erfolg dieser Symbiose zwischen dem Populisten Wilders und den Umsonstblättern durchschlagend. „Die rechte Rampensau ist Quotengold“, schrieb die Süddeutsche Zeitung  dazu. Wilders ist jeden Tag eine Schlagzeile wert. Ein anscheinend lohnendes Geschäft für beide Seiten: Wilders freut sich über die gelungene PR und die Zeitungen über gute Verkaufszahlen.

Zweitens: Sarrazins und Wilders‘ Argumentationsstrukturen ähneln sich. Sie sind typisch populistisch. Viele ihrer Sätze beginnen mit: „Es muss doch noch erlaubt sein zu sagen …“ oder mit „Man wird doch noch …“. Wilders beruft sich auffallend häufig auf die freie Meinungsäußerung – so wie auch Sarrazin und dessen Fans.

Im Gespräch antwortet Wilders außerdem oft mit Gegenfragen, wodurch es ihm häufig gelingt, den Fragensteller zur Argumentation zu zwingen. In solchen Momenten findet gewissermaßen ein Rollentausch statt: Wilders wirkt souverän, sein Interviewpartner muss sich erklären. Das Prinzip der Gegenfrage ist anscheinend eines seiner rhetorischen Mittel. Dieses Muster, wenn auch etwas weniger stark ausgeprägt, ließ sich auch bei Thilo Sarrazin beobachten, als er in den vergangenen Wochen in den verschiedenen politischen TV-Gesprächsrunden saß.

Hinzu kommt der Vergleich. Wilders setzt den Islam mit dem Kommunismus oder dem Faschismus gleich. Während Christen und Juden beteten, praktizierten Moslems Ehrenmorde und Genitalverstümmelung. In Frankreich würde ständig die Marseillaise gesungen, in den Niederlanden würde man für das Intonieren der Nationalhymne verprügelt. Semantisch verwendet er auch durchaus einmal den Nazijargon. So möchte er beispielsweise „Problemmuslime“ gerne „deportieren“. Sarrazin liebt Zahlen, Statistiken, die seine Thesen untermauern. Er zählt auf, was in anderen Ländern passieren würde, wenn man als Immigrant kriminell wird – Bestrafung, Abschiebung, Gefängnis.

Auf solche provokanten Aussagen folgt bei Wilders wie Sarrazin stets das Zeichnen bedrohlicher, unmittelbarer Konsequenzen – zum Beispiel der Verfall der eigenen Kultur, Kriminalisierung, Zusammenbruch des Sozialstaates und Verlust des Arbeitsplatzes. Sarrazin widmet in seinem Buch das ganze letzte Kapitel seiner Zukunftsvision für Deutschland, für den Autor „ein Alptraum“. Danach erhält beispielsweise bei der Kommunalwahl in Duisburg im Jahr 2021 die kommunale Vereinigung der islamischen Gläubigen 35 Prozent der Stimmen. Die Partei sei jedoch bereit, der SPD den Posten des Kämmerers zu überlassen, schreibt Sarrazin. Auf den nächsten Seiten folgen die Abschaffung des Gymnasiums, die Verdrängung der deutschen Sprache aus Ämtern und Behörden sowie die „Entmischung von Wohngebieten“. Im Jahr 2100 würden „muslimische Feuerköpfe“ eine neue Nationalflagge mit schwarzem Hintergrund und rotem Halbmond fordern.

Wilders zeichnet ähnliche Furcht-Szenarien. Dann nennt er in seinen Reden sehr häufig das Beispiel vom typisch holländischen Paar „Henk und Ingrid“, das hart arbeite und am Ende der Entwicklung um den verdienten Lohn ihrer Mühe gebracht werde. Bei Sarrazin sind es „der einfache Arbeiter“ oder „der normale Angestellte“.

Wilders und Sarrazin sehen sich in Desperado-Rollen. Sie sind diejenigen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen, während die etablierten Parteien beim „Problem der Einwanderung“ bloß zusähen. Und beide machen zudem geltend, für eine schweigende Mehrheit der Gesellschaft zu reden.

Insgesamt betrachtet argumentiert Wilders völkisch und pseudo-abendländisch, er betont eine europäische Leitkultur und ist von der Tonlage her sicherlich schärfer als Sarrazin. Doch an einer Stelle würde sich der Rechtspopulist Wilders gewiss vom Deutschen distanzieren: Eugenik spielt in seiner politischen Weltschau keine Rolle. So gesehen hat Sarrazin etwas geschafft, was nicht vielen europäischen Populisten bisher gelungen ist: Er hat Geert Wilders überholt –  und zwar rechtsaußen.

Lars Geiges ist Politologe und Journalist. Er kommentiert das politische Geschehen regelmäßig auf seinem Blog.


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