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Sammelband: Linke Militanz – Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis

Birgit Redlich; Anne-Kathrin Meinhardt |  13. März 2020 |   |  Drucken

[präsentiert] Birgit Redlich und Anne-Kathrin Meinhardt stellen den Sammelband „Linke Militanz – Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis“ vor

Der Sammelband ist im Rahmen der pädagogischen Arbeit der Bundesfachstelle Linke Militanz kürzlich im Wochenschau Verlag erschienen. Er bietet einen Überblick über unterschiedliche Ansätze, Projekte und Vorgehensweisen in diesem Feld.[1]

Politische Bildungsarbeit im Bereich Linker Militanz

Die politische Bildungsarbeit im Bereich links kann insgesamt als überschaubar beschrieben werden. Bisher existieren nur wenige Angebote bzw. Projekte, die sich mit linken Thematiken – in welcher Form auch immer – auseinandersetzen. Neben Angeboten zur Prävention von Rechtsextremismus und -populismus dürfe, so heißt es seit einigen Jahren wieder vermehrt, die Präventionsarbeit auf der linken Flanke des politischen Spektrums nicht vernachlässigt werden. Jedenfalls werden dergleichen Forderungen von einem Teil der Gesellschaft zunehmend lauter kommuniziert. Es müssten, so wird gefordert, Konzepte entwickelt werden, um die Radikalisierung linker Jugendlicher zu stoppen und ihnen Ausstiegshilfen aus der linken Szene anzubieten. Dafür sei Prävention nötig – von der Primär-, über die Sekundär- bis hin zur Tertiärprävention.[2] Doch wie soll diese konkret aussehen? Was gilt es zu „verhindern“? Wie soll das Gewünschte umgesetzt werden? Und wie sollen „diese“ Jugendlichen ausgerechnet mit staatlichen Bildungs-/Präventionsangeboten erreicht werden, wenn sie doch gerade im Staatsapparat ihren weltanschaulichen Gegner sehen, den es zu bekämpfen gilt? Den an dieser Stelle lediglich kursorisch skizzierten Herausforderungen möchte sich der Sammelband stellen.

 

Linke Militanz. Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis

Die drei Perspektiven des Sammelbandes

Im Zuge unserer pädagogischen Arbeit haben wir im September 2018 unter dem Titel „Präventionsarbeit und Deeskalationsstrategien zu linker Militanz? Kontroverse Ansätze in Theorie und Praxis“[3] eine Tagung in Göttingen veranstaltet. In Vorträgen wurden unterschiedliche – sowohl wissenschaftliche als auch pädagogische – Positionen aufgezeigt, in Diskussionsrunden debattiert und in Workshops dargestellt. Diese Vielfalt an Ansätzen und Strategien wird mithilfe des Sammelbandes abgebildet. Dabei soll neben den bestehenden Forschungstätigkeiten und praktischen Erfahrungen auch über selbige hinausgegangen werden, indem bisherige Schattenbereiche des Untersuchungsfeldes mit dem Ziel ausgeleuchtet werden, Anregungen für die künftige pädagogische Praxis zu geben. Dafür werden die Beiträge des Sammelbandes aus einer wissenschaftlichen, einer pädagogischen und einer theaterpädagogischen Perspektive heraus abgebildet:[4]

Zur (1) wissenschaftlichen Bestimmung einer möglichen Zielgruppe von pädagogischen Angeboten stellen Wolfgang Kühnel und Helmut Willems (1) die Ergebnisse ihrer qualitativen Studie zu „linksaffinen Jugendlichen“ vor, für die sie mit 36 Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 28 Jahren gesprochen haben. Dass der Diskurs vor einem Begriffs-, Bestimmungs- und Maßnahmenproblem steht und was dies für die pädagogische Arbeit bedeutet, erläutert Gereon Flümann (2) in seinem Beitrag. Mit Jugendlichen der neunten Klasse hat sich das Team des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen – Lena Lehmann, Laura-Romina Goede und Carl Philipp Schröder (3) – in einer quantitativen Mehrebenenbefragung auseinandergesetzt, indem es diese zu ihrer Sichtweise auf die Gesellschaft – u. a. auf Politik – befragt hat. In „Legitime Gesellschaftskritik oder Extremismus? Fallstricke, Herausforderungen und Perspektiven der Diskurse über Linksextremismus und linke Militanz“ gibt Albert Scherr (4) einen Einblick in sein Verständnis von politischer Bildungsarbeit im Kontext der radikalen Linken. Saskia Lützinger (5) wiederum beschäftigt sich in ihrem Text „Ich hab nicht gesagt: ‚Ihr seid mir zu radikal, ich höre jetzt auf‘, ich bin einfach nicht mehr zu den Demos gegangen“ mit den Gemeinsamkeiten unterschiedlich orientierter Extremisten sowie den Spezifika linksmotivierter Umfelder. Mit der Rolle schließlich, welche die Sicherheitsbehörden und Polizeistrategien bei der (situativen) Eskalation von Gewalt im Rahmen von beispielsweise Demonstrationen spielten und spielen, befasst sich Udo Behrendes (6), der die Entwicklung der Polizei in Deutschland im Kontext linker Aktivitäten nachzeichnet. Die beiden darauffolgenden Beiträge markieren bereits deutlich den Übergang von wissenschaftlichen Erkenntnissen in praktische Bildungsarbeit: David Meiering und Naika Foroutan (7) stellen die Ergebnisse ihrer Projektgruppe innerhalb des Projektes „Gesellschaft extrem“ vor, auf deren Grundlage sie in der pädagogischen Arbeit mit verschiedenen Formen des Extremismus für Brückennarrative als phänomenübergreifenden Ansatz plädieren. Daniel Grunow (8) rundet das Kapitel über die wissenschaftliche Perspektive mit seiner Einschätzung der bisherigen Präventionslandschaft im Bereich Linke Militanz ab, wie sie sich aus den vom BMFSFJ geförderten Projekten ergibt.

Im Kapitel zur (2) pädagogischen Perspektive stellen sich sechs unterschiedliche Träger vor, die im Bereich der Linken Militanz bereits Projekte durchgeführt haben und in ihren Beiträgen von ihren Erfahrungen berichten. Eingestiegen wird mit dem bereits abgeschlossenen Projekt „Extrem demokratisch“ der Europäischen Jugendbildungsstätte in Weimar, das sich sehr differenziert und kritisch mit dem Begriff des Linksextremismus auseinandergesetzt hat; Christian-Friedrich Lohes (9) Beitrag zeigt eindrücklich, welche Auswirkungen das Projekt auch noch auf die heutige Arbeit der Bildungsstätte hat. Die Beratungs- und Bildungsstelle (BBS) „Annedore“ (10) gibt in ihrem Artikel einen Einblick in ihre Workshops und Beratungspraxis für pädagogische Fachkräfte zur Prävention politisch motivierter Militanz. Einen geschichtlichen Ansatz wählt das Projekt der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen; Gerold Hildebrand und Andrea Prause (11) erläutern, wie das Projekt „Linke Militanz in Geschichte und Gegenwart“ aufgebaut ist und von Jugendlichen wahrgenommen wird. Dass Antisemitismus eine Thematik ist, die ebenfalls in linken Spektren verbreitet ist und mit der sich Letztere durchaus auseinandersetzen, wird in dem Beitrag von Tom David Uhlig (12), Mitarbeiter der Anne-Frank-Stiftung in Frankfurt, thematisiert. Das Kieler Projekt „Beratungsmaßnahme und Distanzierungsunterstützung im Kontext Linker Militanz“ arbeitet mit auffälligen und/oder straffällig gewordenen Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen; hierbei kann der Trägerverein auf seine langjährige Erfahrung im Justizkontext zurückgreifen. Die Projektarbeit wird vorgestellt von Laura Adrian, David Garbers und Udo Gerigk (13).

Ergänzend zur Tagung haben wir mit einem eigenen Schwerpunkt die (3) theaterpädagogische Perspektive mit dem Theater als Methode der politischen Bildung in diesen Sammelband aufgenommen. Viele Vorteile der Theaterpädagogik lassen sich u. E. im Bereich links sinnvoll nutzen. Daher gibt der Grundlagentext von Anne-Kathrin Meinhardt (14) „Politisches Theater im Allgemeinen“ einen Einblick in diese Methode, beleuchtet Vorteile und skizziert Herausforderungen. Für die Perspektive des Theaters führte zudem Birgit Redlich (15) mit dem Regisseur Peter Schanz zu seinem in Göttingen gespielten Stück GÖ 68 ff. Ein Heimatabend zum 50. Geburtstag von 1968ein Interview, in welchem deutlich wird, wie politisch Theater zu sein vermag. Abschließend und daran anknüpfend präsentieren die Herausgeberinnen dieses Sammelbandes (16) den von der Bundesfachstelle Linke Militanz entwickelten und durchgeführten Workshop „Politischer Protest am Beispiel der 68er-Bewegung als Workshop-Thema mit Schüler*innen des 11. Jahrgangs“ für Schüler*innen, welcher zum Thema Protest von den „68ern“ ausgeht und theaterpädagogische Elemente beinhaltet.

 

 Phänomenübergreifende Ansätze abseits von Prävention

In bisherigen Projekten im Bereich Linke Militanz hat sich herausgestellt, dass der Zugang zu linksradikalen Menschen extrem schwer herzustellen ist.[5] Ein direkter, unmittelbarer Zugang zu Aktivist*innen ist daher unwahrscheinlich. Insgesamt scheinen uns Ansätze, die phänomenübergreifend und nicht stigmatisierend sind, sondern eher demokratiefördernd denn „gegen“ etwas arbeiten, den größten Erfolg zu versprechen. Das bedeutet, nicht direkt mit normativen Setzungen oder gar einer Übernahme des Extremismus-Konzeptes zu arbeiten, ohne zuvor die kritische Aufnahme in der Fachwelt bedacht zu haben. Dabei erachten wir die Bildungsarbeit in diesem Bereich für sinnvoll, da kaum Räume existieren, in denen eine offene und zugleich differenzierte oder angeleitete Diskussion über Phänomene wie Protest, Gewalt oder Formen von Jugendbewegungen möglich ist. Solche Räume zu eröffnen, scheint ein sinnvoller Ansatz zu sein – sowohl für Jugendliche in ihrer Selbstfindungsphase als auch für Multiplikator*innen und die interessierte Öffentlichkeit.

Ziel ist es, mit diesem Sammelband dazu beizutragen, die Forschungslücken in der pädagogischen Arbeit im Bereich der Linken Militanz etwas zu schließen und sowohl die theoretische Rahmung, die bei politikdidaktischen Ansätzen oft vernachlässigt wird, darzustellen als auch unterschiedliche pädagogische Ansätze aufzuzeigen. Es soll deutlich werden, dass es durchaus eine pädagogische Arbeit in diesem Rahmen braucht – wenngleich nicht notwendigerweise eine präventive – und dass es bereits sinnvolle Ansätze gibt. Die unterschiedlichen Beiträge entsprechen dabei keineswegs immer den Ansichten der Herausgeberinnen oder der Kolleg*innen aus der Bundesfachstelle Linke Militanz. Im Einklang mit der Funktion der Bundesfachstelle als eine bundeszentrale Trägerin sehen wir unsere Aufgabe aber nicht zuletzt in der Mittlerrolle – also darin, ganz unterschiedliche Sichtweisen darzustellen und vermittels der Nebeneinanderstellung in einen Austausch miteinander zu bringen. An dieser Stelle möchten wir allen Autor*innen, die mit ihren Beiträgen zum Gelingen dieses Sammelbandes beigetragen haben, herzlich danken.

 

Der Sammelband auf der Website des Wochenschau-Verlags.

[1] An dieser Stelle danken wir ausdrücklich dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) für die finanzielle Unterstützung des Sammelbandes.

[2] In Anlehnung an den Psychiater Gerald Kaplan werden drei Ebenen der Prävention unterschieden: 1. Primäre oder auch universelle Prävention; 2. sekundäre oder auch selektive Prävention; 3. tertiäre oder auch indizierte Prävention. Vgl. dazu: Caplan, Gerald: Principles of Preventive Psychiatry, 5. Aufl., New York 1964.

[3] Insbesondere für die Arbeit des pädagogischen Bereichs gilt es zu betonen, dass es uns nach genauerer Betrachtung des Forschungsgegenstandes inzwischen unangemessen, ja verfehlt, erscheint, „Prävention“ durchzuführen. Vielmehr arbeiten wir nunmehr pädagogisch ohne den Charakter des Verhinderns – welcher sui generis mit dem Begriff Prävention einhergeht.

[4] Eine Kapitelübersicht findet sich unter http://www.linke-militanz.de/aktuelles/sammelband-linke-militanz-paedagogische-arbeit-in-theorie-und-praxis/.

[5] Siehe bspw. Leistner, Alexander et al.: Gesamtbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bundesprogramms „INITIATIVE DEMOKRATIE STÄRKEN“, Berichtszeitraum 01.01.2011 – 31.12.2014, Halle 2014, S. 130, 142, URL,  [eingesehen am 21.10.2019]; Möbius, Thomas/Wendland, Anja: Jugendhilfeangebote für linksautonome Jugendszenen? Ergebnisse einer Bestandsaufnahme in Hamburg, in: unsere jugend, Jg. 64 (2012), S. 133 – 139, hier S. 136; Glaser, Michaela: ‚Linke‘ Militanz im Jugendalter – ein umstrittenes Phänomen, in: Schultens, René/dies. (Hg.): ‚Linke‘ Militanz im Jugendalter – Befunde zu einem umstrittenen Phänomen, Halle 2013, S. 4 – 21, hier S. 17.

 


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