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US-Wahl2016: „With the exception of the 2016 election“

Dr. Torben Lütjen |  26. Juli 2016 |   |  Drucken

Banner 04-2016 USA-Reihe[kommentiert]: Torben Lütjen über die Nominierung Donald Trumps und politikwissenschaftliche Prognosen zur US-Wahl 2016

Sie haben es getan. Sie haben es wirklich getan. Und egal, wie sehr man sich auch zwickt, man wacht trotzdem nicht auf: Die Republikanische Partei hat auf ihrem Parteitag in Cleveland Donald Trump zu ihrem Kandidaten gekürt. Es gibt viele Verlierer, aber der größte ist vielleicht die Kaste der Politik-Analysten. Kein einziger der Stars des politischen Journalismus hat Trumps Aufstieg vorausgesehen. Alle lachten nur, als er damals die Rolltreppe im Trump-Tower herunter(!)fuhr  und im Foyer seine Kandidatur ankündigte. Das Lachen ist manchem buchstäblich im Hals stecken geblieben:Dana Milbank, Kolumnist der Washington Post, verspeiste jüngst, tapfer, aber doch angewidert eine Portion kleingehäckselte Zeitung – und das war nur folgerichtig, schließlich hatte er vor nicht einmal einem Jahr geschrieben: „The day Trump clinches the nomination I will eat the page on which this column is printed”.

Das alles sollte übrigens kein Anlass für Erhabenheitsgefühle im universitären Elfenbeinturm sein, denn auf Seiten der Politikwissenschaft war das Versagen nicht minder kollektiv. Auch dort hielten viele Trumps Kandidatur für eine skurrile Episode (und das schließt den Autor dieser Zeilen ein, den aber, Gott sei Dank, damals niemand um seine Meinung gebeten hat). Schließlich bricht Trumps Aufstieg mit vielem, was dort als ehernes Gesetz schien: dass die amerikanischen Parteien mittlerweile über genügend Ressourcen verfügten, um Außenseiter von der Nominierung fernzuhalten; auch, dass die beiden Parteien (noch mehr aber die Republikaner) ideologisch zunehmend puristischer und dogmatischer würden und eine nach  Prinzipientreue geifernde konservative Parteibasis niemals einen so ungenierten und unverblümten Anbeter des politischen Nihilismus (und ansonsten seiner selbst) auf ihr Schild hieven würde.

Aber wie gesagt: Wir alle lagen falsch. Und vielleicht ist das nicht tragisch, weil 2016 einfach ein Jahr lauter Verrücktheiten ist. „With the exception of the 2016 election“, witzelte vor einiger Zeit bereits der Wahlforscher Nate Silve, sei wohl in Zukunft eine gängige Formulierung in politikwissenschaftlichen Dissertationen.

Vielleicht aber ist Trump auch nur ein Vorbeben für Erschütterungen, die da noch kommen mögen – auf beiden Seiten des Atlantiks. Und so sollte man zu verstehen versuchen, warum niemand voraussah, was passiert ist. Dazu muss man den Blick weiten: historisch, soziologisch, auch mit jenen sprechen, die Amerikas Wahlkämpfe professionell seit Jahrzehnten begleiten. Das jedenfalls war das Leitprinzip der Vortragsreihe: „The Battle for the White House“, für die das Göttinger Institut für Demokratieforschung im Sommersemester 2016 fünf Gastredner aus den USA einlud.

Den Anfang machte Ronald Brownstein vom Atlantic, einer der fraglos profiliertesten Interpreten der amerikanischen Politik. Er hielt einen perspektivisch breiten Vortrag über die Ursachen der seit Jahren schwelenden Krise demokratischer Legitimation, die in beiden Parteien den Wunsch nach Anti-Establishment-Kandidaten und Außenseitern habe wachsen lassen.

Stärker auf den Konservativismus fokussierte der Vortrag des Historikers von der University of Kansas, David Farber. Für ihn stellte Trump mehr Kontinuität denn Bruch in der Geschichte der Republikanischen Partei dar. Rassismus und weiße Identitätspolitik, so Farber, hätten von Beginn eine große Rolle gespielt und seien zumindest für den Wahlerfolg wichtiger als libertäre oder religiöse Programmatiken gewesen. Und so befand Farber im Kurzinterview, die wir mit allen Referentinnen und Referenten geführt haben: „Trump is a new kind of conservative. But he is a conservative.”

Freilich: Dass die scharfe Polarisierung der amerikanischen Politik nur einer Seite „anzulasten“ sei, mit diesem Mythos räumte im dritten Vortrag Lilliana Mason auf, Politologin an der University of Maryland. Sie sprach über soziale Identität und Parteienwahl und zeigte, dass sich beide Parteien nicht nur in Bezug auf klassische soziodemographische Charakteristiken homogenisiert hätten, sondern auch sehr unterschiedlichen Lebensstilpräferenzen folgen würden.

Der vierte Vortrag wechselte von der Innen- zur Außenpolitik: Jackson Janes vom American Institute for Contemporary German Studies referierte über die Auswirkungen der Wahl auf das deutsch-amerikanische Verhältnis, das zukünftig einige Belastungsproben zu bestehen habe – mitunter auch unabhängig vom Wahlausgang. Um es kurz zu sagen: Einfacher wird es nicht werden.

Den Abschluss bildete bei wirklich sengender Hitze in der historischen Aula am Göttinger Wilhelmsplatz der Auftritt des Managers und Direct-Mail Strategists der Wahlkampagne „Bernie 2015“, Chris Cooper. Er beschrieb in seinem Vortrag aus politstrategischer Warte den gesellschaftlichen Wandel hinter dem derzeitigen „Populist Moment“, der den überraschenden Aufstieg politischer Außenseiter wie Bernie Sanders und Donald Trump ermöglicht hat.

PD Dr. Torben Lütjen ist vertretender Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Er forscht über amerikanische Politik und Gesellschaft und hat im Sommersemester 2016 die Reihe „The Battle for the White House“ organisiert. Interviews mit allen Vortragenden finden sich hier.


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