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Riot oder Revolution?

Madeline Kaupert |  16. Januar 2015 |   |  Drucken

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[Gastbeitrag]: Madeline Kaupert über die Bewertung der Aufstände in Großbritannien und Ägypten im Jahr 2011

Es gibt Momente, in denen die Welt den Atem anhält.Einer davon war im Frühjahr 2011, als sich die Protestwelle des Arabischen Frühlings von Tunesien aus zu verbreiten begann und zu einer Rebellion gegen die Unterdrückungsregime der Region heranwuchs. Wer aber hielt den Atem an, als die Jugendlichen der Vorstädte Londons im selben Jahr Steine warfen, Mülltonnen anzündeten und Geschäfte plünderten? Obwohl die Proteste auf den ersten Blick sehr verschieden aussehen, vereint sie doch ein zentrales Merkmal: Beide waren Schauplätze massiver Gewaltanwendung seitens der Protestierenden und der staatlichen Sicherheitsapparate. Zugleich aber wurden diese Gewaltanwendungen jedoch unterschiedlich bewertet: Während die Gewalt auf dem Tahrir-Platz als Ausdruck emanzipatorischen Protests eingeordnet wurde, galt sie in London eher als Anzeichen für Verfall und Zerstörung – oder einer amoralischen „broken society“.[1] Woher aber kommen diese unterschiedlichen Bewertungen? Und vor allem: Sind Riots und Revolution wirklich zwei Kategorien, die einander nicht berühren?

Eine besondere Analyse der Riots stammt vom Psychologen Kay Nooney: Er beschrieb sie als „Gefängnisaufstand“ und hob damit vor allem auf das chaotische Vorgehen und die Zwecklosigkeit des Aufstands ab.[2] Dieses Bild kann aber auch zur Darstellung der Lebensbedingungen der Rioters bemüht werden: Heruntergekommene, wirtschaftlich schwache Stadtteile wie Tottenham[3] sind so segregiert, dass es ihren Bewohnern schwer fällt, aus Ihnen zu entkommen; Menschen aus anderen Stadtteilen fällt es hingegen leicht, sie – wie Gefängnisse – kaum wahrzunehmen. Es handelt sich also gewissermaßen um soziale Gefängnisse. Wer hier geboren wurde, dem bleibt das Stigma des Ortes, der sozialen Randständigkeit, meist für immer.

Im Gegensatz zum Aufstand der Kriminellen, wie ihn vor allem die konservative Regierung rund um David Cameron interpretierte, zeigt ein Blick in die Presse, dass der Protest in Ägypten als wertebasiert erlebt und in teils schillernden Worten beschrieben wurde: „Inspiration, Sturz des Bösen, Feuer der Freiheit, neue Ära, Hartnäckigkeit, Opferbereitschaft…“[4]

Diese erheblich unterschiedlichen Bewertungen können mit Bezug auf Walter Benjamins „Kritik der Gewalt“ erklärt und in einen größeren Analyserahmen eingeordnet werden. Wenn laut Slavoj Žižek nur ein Gläubiger das „Göttliche“ in der Gewalt sieht,[5] bedeutet dies für die Bewertungen der Proteste zunächst einmal, dass sie äußerst subjektiv sind und dass ihre schicksalhafte Sinnhaftigkeit an das Auge des Betrachters gebunden bleibt. Darüber hinaus jedoch hilft Benjamin bei der Erklärung der unterschiedlichen Bewertungen mit seiner Unterscheidung von Zwecken und Mitteln der Gewalt.[6]

Im Naturrecht wird Gewalt nach den Zwecken, denen sie dient, beurteilt. Der Maßstab ist hier die Gerechtigkeit: Ein gerechter Zweck darf mit gewaltsamen Mitteln erstritten werden. Und tatsächlich ist der Bewertungsmaßstab für unsere Proteste (meist) ein naturrechtlicher. So schreibt beispielsweise ein Twitter-Nutzer: „Die Jugend im Nahen Osten erhebt sich für ihre Grundrechte. Die Jugend in London erhebt sich für einen 42-Zoll-Plasma-Fernsehbildschirm“[7]. Demnach sind es die Zwecke und nicht (wie man vielleicht vermuten könnte) der Maßstab der positiven Rechtsordnung – die Rechtmäßigkeit eines Mittels –, nach dem die Proteste bewertet werden.

Hinzu kommt die Vorstellung davon, wer protestiert. Zwar waren auch die Protestierenden in Ägypten zumeist jugendliche Arbeitslose, die – das ist entscheidend – einen wesentlichen Teil der Bevölkerung repräsentieren, also das, was gemeinhin als „das Volk“ beschrieben wird.[8] In London hingegen gingen die Randständigen, die Underdogs, die Überflüssigen auf die Straße. So erscheint ihr Protest aus der Zeit gefallen, ist gewissermaßen vorpolitisch und erinnert an den Mob, ein städtisches Phänomen aus der Frühphase der industriellen Revolution.[9] Passenderweise bezeichnete Loic Wacquant den Riot und die mit ihm zusammenhängenden sozialen Ursachen auch als „Die Wiederkehr des Verdrängten“.[10] Die Rückkehr des wütenden Mobs auf die Straßen Europas muss als Rückschritt interpretiert werden, die Revolution der Mittelschicht als Fortschritt. So sehr wir also den Umsturz in der Autokratie herbeisehnen, so sehr wünschen wir uns, den Mob ignorieren zu können, muss er doch als Zeichen unseres Scheiterns, des zu kurz Greifens moderner Inklusionsversprechen, angesehen werden.

Diese Bewertungen verschleiern aber, dass es sich nicht um zwei völlig voneinander verschiedene Protestphänomene handelt. In Robert Gurrs „Why men rebel“ sind die Ausgangsbedingungen für Riots und Revolutionen dieselben: Der Unterschied zwischen beiden ist ein Unterschied „of degree, not kind“.[11] Letztlich sind beide nämlich Ausdruck einer Krise sozioökonomischer Umstände und staatlicher Legitimität. Beide Länder, Ägypten wie Großbritannien, erfuhren einen erheblichen Sozialstaatsabbau und eine „Prekarisierung als Folge neoliberaler Politik“[12].

Warum blieben die Riots dann aber forderungslos? Im Gegensatz zu einer Gesellschaft, in der Unterdrückung physisch stattfindet, macht es die offizielle Chancengleichheit den Rioters Europas schwer, Schuld zu projizieren und konkrete politische Forderungen aufzustellen. Vielmehr werten sie ihr Scheitern als Resultat eigener Fehler. Žižek beschreibt die Riots, die sich zumeist auf die eigenen Viertel beschränkten, deshalb als selbst-zerstörerisch. Die Rioters haben keine Lösungen, sondern nur das Eingeständnis ihrer Ohnmacht anzubieten. Da sie wie Strafgefangene gewissermaßen außerhalb der Gesellschaft stehen, können sie nicht mit den von ihr anerkannten Mitteln protestieren.[13] Im Gegensatz dazu gab es in Ägypten nicht nur ein physisches Unterdrückungssystem, sondern auch artikulierbare Alternativen.[14]

Damit sich kollektive Gewalt politisiert und in eine Revolution umschlägt, müssen auch bei Gurr eine Reihe von weiteren, günstigen Umständen hinzukommen. Zentral ist auch hier die Legitimität des Systems. Verliert ein System diese Legitimität, kommt es zur Auflehnung. Von daher ist es richtig, die Riots als – wenn auch räumlich, demographisch und vor allem ideell im Sinne einer fehlenden politischen Alternative begrenzten – Legitimitätsverlust des Systems zu deuten. Daraus muss natürlich noch nicht sein Verfall folgen. Trotzdem liegt in ihnen weit mehr als „criminality pure and simple“, wie Premier Cameron angesichts der Verwüstungen urteilte.

Überall, in Ägypten, London und anderswo, gehen die Menschen aus ähnlichen Beweggründen auf die Straße. „What I really noticed that day was that we had control. It felt great“, sagte ein Rioter in der Studie des britischen Guardian.[15] Es geht also um die Rückgewinnung der Kontrolle über das eigene Leben, das nicht als frei, sondern als fremdkontrolliert erlebt wird. Das gilt für die marginalisierte Unterschicht in London ebenso wie für die aufstrebende Mittelschicht in Ägypten.

Madeline Kaupert studiert Politikwissenschaften in Göttingen. Sie interessiert sich für politische Transformationsprozesse.

[1]   Cameron, David (2011) Speech on the fightback after the riots. Cabinet Office. URL: https://www.gov.uk/government/speeches/pms-speech-on-the-fightback-after-the-riots (Zugriff: 02.12.2014)

[2]   Williams, Zoe, Die Menschen hinter dem Zeug, in: Der Freitag, 10.08.2011. URL: https://freitag.de/autoren/the-guardian/die-menschen-hinter-dem-zeug (Zugriff: 25.08.2014)

[3]   z.B. Wacquant, Loic,Die Widerkehr des Verdrängten: Unruhen, „Rasse“ und soziale Spaltung in drei fortgeschrittenen Gesellschaften. In: Castel, Robert (Hrsg.) Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung: die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt am Main: Campus-Verl. 2009, S. 85-112.

[4]   O.V., „Die Opposition muss wachsam bleiben“, in: Zeit.de, 12.02.2011. URL: http://zeit.de/politik/ausland/2011-02/presseschau-aegypten-opposition (Zugriff: 22.08.2014)

[5]   Žižek, Slavoj, Gewalt: sechs abseitige Reflektionen, 2. überarb. Aufl. Hamburg: Laika-Verlag 2011, S. 173

[6]   Benjamin, Walter (1920), Zur Kritik der Gewalt. In: Tiedemann, R. (Hrsg.) Walter Benjamnin Gesammelte Schriften. Frankfurt: Suhrkamp 1999.

[7]   Pham, Khuê, Es brennt: Was unterscheidet Jugendproteste von Jugendkrawallen? Die Zeit, 10.08.11. URL: http://zeit.de/2011/313/01-England-Jugend-Proteste-Gewalt (Zugriff: 22.08.2014)

[8]   Brakel, Kristian, „Jung, ledig, sucht“ – Arabische Jugendliche kämpfen für soziale und kulturelle Veränderungen. In: Arabische Zeitenwende. Aufstand und Revolution in der Arabischen Welt. Bonn: BPB 2012. 140-147. S. 142

[9]   Hobsbawm, Eric, Sozialrebellen: archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. Gießen: Focus Verlag 1979.; Walter, Franz, Die Rückkehr des Mobs. Göttinger Institut für Demokratieforschung, 22.08.2011.

[10] Wacquant 2009

[11] Gurr, Robert, Why men rebel. Princeton: Princeton University Press 1970. S. 5

[12] Kraushaar Wolfgang, Der Aufruhr der Ausgebildeten: vom Arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung. Hamburger Ed.: Hamburg 2012. S. 182

[13] Žižek 2011: 72-74

[14] Harders, Cilja, Neue Proteste, alte Krisen: Ende des autoritären Sozialvertrags. 64-75. In: Öztürk, Asiye (Red.) Arabische Zeitenwende: Aufstand und Revolution in der arabischen Welt. Bonn: BPB 2012. S. 66.

[15] LSE und The Guardian (o.J.) Reading the Riots. (Online) S. 23


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