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Muse: Revolutionäre Verzweiflung

Jöran Klatt |  9. September 2016 |   |  Drucken

[analysiert]: Jöran Klatt über die politischen Befindlichkeiten in der Musik der britischen Band Muse

Muse – das ist zunächst eine britische Band und eine der erfolgreichsten Musikgruppen unserer Zeit. Doch Muse ist auch ein künstlerisches Gesamtkonzept der Musiker Matthew Bellamy, Dominic Howard und Christopher Wolstenholme. Natürlich kann man die Songs von Muse einfach nur hören – aber die Band kreiert in Videos und Bühnenshows ein multimediales Erlebnis, das die Musik künstlerisch gekonnt bereichert und dabei – nicht zuletzt – äußerst politisch ist.Mit „Drones“ hat die Band 2015 ein Konzeptalbum vorgelegt, das zentrale Befindlichkeiten des gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskures aufgreift und den Zeitgeist widerspiegelt. „Drones“ dreht sich um Dronen im doppelten Sinn: Einerseits meint das Album die Automation des Krieges, andererseits die Automation des Menschen. Es geht um das Abstumpfen gegenüber Gleichgültigkeit, Tod und Zerstörung, auch um eine Krise der Männlichkeit.

Muse berühren in Texten, ihren Bühnenshows und Videos oft politische Themen. Meist ist die Rede von Aufbegehren, Protest, Revolution und Verschwörungstheorien.[1] Zugleich durchdringt die Themen immer wieder ein Moment der Verzweiflung, des Scheiterns und der Melancholie. Die Tonlage von Muse ist eine Wehklagen über das „Zeitalter der Simulation“[2] – also darüber, dass es immer schwieriger wird, zwischen dem „Geborenen“ und dem „Gemachten“ zu unterscheiden[3] –, sie  zelebriert dieses aber auch zugleich. Dass die Lebenswelt in der Ära des Digitalen und Virtuellen eine künstlerische Künstlichkeit beinhaltet, ist bei Muse somit weder alleine etwas Schönes, noch ist es klar abzulehnen. Die Muse-Diegese ist sowohl ein nüchternes Abbild einer kalt-rationalistischen Welt als auch mysteriös zauberhaft. Sänger Matthew Bellamy etwa deutet auch außerhalb des künstlerischen Bandkontexts immer wieder Sympathien für Verschwörungstheorien und allerlei Mystisches an, wobei er nicht mit politischen Statements spart.

Neben der Musik setzt die Band auf imposante Bühnenshows, nutzt Lasereffekte, Licht-, Bild-, Textprojektionen sowie Videowände und lässt zu „Drones“ etwa leuchtende Dronen durch die Hallen fliegen. Muse bauen in das Album und die Show die Secret-Societies-Rede John F. Kennedys vom 27. April 1961 ein, in welcher dieser u.a. die Unterwanderung der Welt und der freien Gesellschaft durch Verschwörungen anprangerte. Sowohl die Musik als auch die Band sind ein intermediales sowie intertextuelles Ereignis. Sicherlich hat Muse eine solche Art der Inszenierung nicht erfunden. Bereits in den 1970ern nutzte einer der Urväter der elektronischen Musik – Jean Michell Jarre – derartige Effekte. Ein Konzeptalbum, das dem Publikum statt unverbunden aneinandergereihter Songs ein Gesamtkunstwerk präsentierte, legten die Beatles schon 1967 mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor. Und Bands wie Pink Floyd perfektionierten die Form des mehrschichtigen Arrangements von Musik als multimedialer Performance. Die Parallelen von „Drones“ zum Konzeptalbum „The Wall“ sind deutlich.

Wie „The Wall“ dreht sich auch „Drones“ um einen Mann an der Schwelle zwischen Wahnsinn und Vernunft – aber es geht auch um den Wahnsinn der Vernunft. „Dead Inside“ fühlt sich der Protagonist im gleichnamigen Song zu Beginn. Er verliert seine Hoffnung – doch worauf? Eine naheliegende Deutung vermutet, dass es ums schwindende Vertrauen in ein korrumpiertes, falsches (politisches) System geht. Der Titel markiert einen Moment des Unschuldsverlustes. Gleichermaßen erzählt er aber auch eine Trennungsgeschichte (dass sich Sänger Matthew Bellamy und Kate Hudson nach dem letzten Muse-Album getrennt haben, befeuert diese Interpretation vor allem bei den Fans): „You’re free to touch the sky, Whilst I am crushed and pulverized. Because you need control. Now I’m the one who’s letting go.”

Auf „Dead Inside“ folgt „Psycho“.[4] Auch hier geht es um Trennung im doppelten Sinne, einerseits um ein Beziehungsende, andererseits um den Verlust der Hoffnung auf eine bessere und unschuldige Welt. Die Stimme eines Drill Sergeants bietet dem Protagonisten an, mitzumachen und seine widerspenstige Identität aufzugeben: „Love it will get you nowhere. You were on your own, lost in the wild. So come to me now. I could use someone like you. Someone who could kill on my command.“ Zunächst stößt diese Alternative, ein „fucking psycho“ zu werden, noch auf Skepsis. Doch der Widerstand ist rasch gebrochen. Wir hören einen Dialog, der an Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“ erinnert: (Drill Sergeant): „Are you a psycho Killer?“ (Stimme): „I’m a psycho killer!”

Mit dem Widerstand ist auch der Protagonist ist gebrochen – und ihn erfasst die Verzweiflung darüber, nun ein Teil des Systems zu sein. In „Mercy“ hadert er mit sich selbst und bittet, wie der Titel sagt, um Gnade – ob vor Gott, sich selbst oder den verlassenen, edlen, noch Widerständigen gegen die kalte rationalistische Welt, bleibt offen. „Help me, I’ve fallen on the inside. I tried to change the game, I tried to infiltrate, but now I’m loosing.”

„Drones“ bietet sich also zur Identifikation für all jene an, die sich von irgendetwas verlassen fühlen. Damit wird das Album zur Projektionsfläche für Themen der Privatheit sowie des öffentlichen Lebens zugleich. Politische Kritik, Verschwörungstheorien und individuelle Schicksale werden vermischt; durch das gesamte Werk zieht sich eine revolutionäre persönliche wie kollektive Verzweiflung.

Bellamy, der sich selbst als „leicht-linken Liberalen“ bezeichnet,[5] hat darauf hingewiesen, dass es in „Drones“ um einen möglichen dritten (von Dronen geführten) Weltkrieg, um mangelnde Empathie und um Tiefenökologie (Muse beschäftigt sich oft mit dem Bewahren, mit sustainability) gehe.[6] Es gibt also ein diffuses Gutes – einen Gegenpol zur rücksichtslosen Ordnung der Moderne. Dieses „Gute“ besteht aus einer Einheit von Natur und Mensch, einem Bewahren des Echten und einem Sich-Widersetzen gegen die Ideologie der alternativlosen Rationalität. Derartige Bedrohungsszenarien tauchen als Motiv bei Muse immer wieder auf. Im Video zum Instrumentalstück „Isolated System“, dem letzten Stück des Vorgängeralbums „The 2nd Law“, breitet sich im Rythmus der Basslinie eine matrizenartige Anomalie aus. Diese Matrix verfolgt eine Gruppe junger Leute und versucht – wie die Zombies im Film „World War Z“, dem das Lied als Soundtrack diente –, die Menschen zu fressen. Schließlich muss auch die bis zuletzt übriggebliebene junge Frau aufgeben; mehr noch: Sie läuft dem Sog der Matrix sogar entgegen – und fügt sich somit aktiv ihrem Schicksal.

Das „Inside“, von dem im Song „Mercy“ gesprochen wird, ist zudem eine abzulehnende Angepasstheit an eine zerstörerische Umwelt, die Gewalttätigkeit gegenüber den Menschen zur Normalität werden lässt – sowohl im physischen als auch im psychischen Sinne. Dronen stehen hier einerseits sehr konkret für Kriegsautomaten, andererseits auch für jene Menschen, die sich bereitwillig zu diesen Kriegsmaschinen machen lassen. Fast könnte man meinen, Hannah Arendts These der „Banalität des Bösen“ diente dem Album als philosophischer Überbau.[7] Doch der Pakt mit dem Teufel geht nicht auf. Der Protagonist erkennt, dass ihm das System die Belohnung für die Angepasstheit versagt, es schlichtweg immer noch besser Angepasste im Survival of the fittest gibt.

Dies zeigt sich etwa in „Reapers“, genauer: in dessen Inszenierung als Video. Der Protagonist fängt wieder an, sich gegen seine Vereinnahmung und Assimilation zu wehren. Wir sehen einen jungen Mann (sowie die Band) aus der Sicht eines taktischen Interface, das wir als Dronenansicht erkennen. Wie gewohnt uns diese Sichtweise ist, wie schnell wir sie identifizieren können, unterstützt indes die harte These des Albums von einer voranschreitenden Normalisierung und Internalisierung zerstörerischer Kräfte. Die Drone im „Reapers“-Video wird von einer Frau gesteuert. Die Vocals erheben Anklage: „You’ve got reapers and hawks… now i’m radicalized. You kill by remote control… and the world is on your side.”

Der Protagonist verliert nicht nur an Widerstandskraft, sondern angesichts verlorener Unschuld und Beziehung auch an Autonomie und Souveränität. Das Motiv des Trennungsschmerzes von einer Frau verbunden mit einer politischen Systemkritik erinnert einmal mehr stark an Pink Floyds „The Wall“, dessen Protagonist Pink ebenfalls von diesem Kulminationspunkt auf seine Odysee in den Wahnsinn entsandt wird. In beiden Fällen findet  sich ein Mann in der Opferrolle – zumindest glaubt er sich dort. Von Welt und Frauen verlassen, klagt seine Stimme bereits zu Beginn in „Dead Inside“: „Open up to me, stop hiding from me. I need you to see who I am.“

Ist „Drones“ also ein reiner Ausdruck von Krise und Verzweiflung – ein rundum pessimistisches Album? Nein, denn Muse setzen den Momenten der Melancholie und der Passivität mit den Songs „Defector“ und „Revolt“ eine entschlossene Antwort entgegen. In ersterem erlangt der Protagonist nach und nach seine Widerstandsfähigkeit wieder. Das zweite Stück spricht für sich selbst: „You can revolt!“

Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung u.a. in der INDES-Redaktion und promoviert an der Universität Hildesheim.

 

[1] Odell, Michael: Resistance is futile, in: Q – The UK’s Bigges Music Magazine, 21.08.2009, S. 48- 56; URL: http://www.cmumusicnetwork.co.uk/htmldaily/061013.html [eingesehen am 26.08.2016].

[2] Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin 2011.

[3] Vgl. Kelly, Kevin: Out of control. The new biology of machines, social systems, and the economic world, Massachusetts 1995, S. 1.

[4] URL: https://www.youtube.com/watch?v=UqLRqzTp6Rk&list=PLZ7vWQArY3hLN2vCNQBz7F8LMEqg720iI&index=4 [eingesehen am 25.08.2016].

[5] URL: http://erato1.wordpress.com/2009/11/26/2010-matt-bellamy-muse-interview-in-q-magazine-artists-of-the-century-edition/ [eingesehen am 25.08.2016].

[6] Khomani, Nadia: Muse confirm new album title ‚Drones‘ on Instagram, in: NME, 05.02.2015, URL: http://www.nme.com/news/muse/82688 [eingesehen am 25.08.2016]..

[7] Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen, München 42013.


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