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„Remember all their faces“

Jöran Klatt |  10. August 2017 |   |  Drucken

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[analysiert]: Jöran Klatt über die Netflix-Serie „Orange Is The New Black“

Von dem französischen Philosophen Michel Foucault haben wir gelernt, dass uns der Blick auf Gefängnisse viel über unsere Gesellschaft als Ganzes verrät. In seinem Buch „Überwachen und Strafen – Über die Geburt des Gefängnisses“ arbeitet sich der Meister der soziologischen Entlarvung an diesem Ort ab und erzählt uns einiges über die Dinge, die wir über uns zu wissen glauben.[1] Ihm geht es v.a. darum, dass uns das Gefängnis – ein Ort, den wir im Alltag gerne ausblenden und mit dem wir in unserem Leben idealerweise nie etwas zu tun haben (wollen) – sehr wohl etwas angehe.

Denn das Gefängnis zeige uns, wie Macht in unserer Gesellschaft generell funktioniere: Scheinbare Selbstverständlichkeiten dieses Ortes, wie der Zugriff auf den Körper, die Zeit und den Raum des Individuums, sagten uns, so der Philosoph, sehr viel über die Frage, wer auch wir eigentlich sind, oder, im Foucault-Sprech: wie sich Subjekte in der Moderne konstituieren.

In der jüngeren populären Kultur gibt es nun ein paradox erscheinendes Phänomen: Ebenjene Orte, die wir in der Realität so gerne aus unserem Alltag ausblenden (für Foucault gehörten dazu neben dem Gefängnis v.a. Psychiatrien und Krankenhäuser) – er nannte sie Heterotopien –, sind beliebte Schauplätze von Film und Fernsehen. Mit „Orange Is The New Black“ (OITNB) hat sich eine Serie hinzugesellt, die zwar nicht als erste das Gefängnis als Haupthandlungsort auserkoren hat, aber dennoch dabei heraussticht.

Die gefeierte Serie basiert auf der realen Geschichte von Piper Kerman.[2] Ihre Erlebnisse im Gefängnis von Danbury bilden die Grundlage der Geschichte, die OITNB erzählt. Die New Yorker Bildungsbürgerin Piper (in der Serie heißt sie Chapman und wird gespielt von Taylor Schilling) wird von einer Sünde ihrer Vergangenheit eingeholt: Einst hatte sie sich im Dienste eines Drogenbosses der Geldwäsche schuldig gemacht. Nun muss sich Piper an das Leben im fiktiven privat betriebenen Frauengefängnis Litchfield gewöhnen. Zu Beginn dreht sich die Serie v.a. um die Umstellungen und Entbehrungen, die das Gefängnisdasein für sie bedeutet. In Litchfield wird Piper schnell Zielscheibe einiger dort etablierter Frauen, die zunächst hauptsächlich als Antagonistinnen dargestellt werden. Piper ist alleine, hat keine Verbündete und gewinnt solche auch nur langsam hinzu.

So leiden wir insbesondere anfangs mit ihr, die in die Kälte dieser Anderswelt geworfen worden ist, die wir wiederum im wahrsten Sinne des Wortes nur von außen kennen. Ein äußerst gelungener Clou der Serie besteht darin, uns vorerst ein ähnliches Zeitempfinden wie Piper zu vermitteln: Dies hier sei alles nur für eine gewisse Dauer, es werde vorübergehen und Piper zurückkehren in den Schoß der richtigen Gesellschaft. Und so deutet zunächst nur die kongeniale Musikbegleitung des Intros von Regina Spektor an, was auch mit uns als Zuschauer_innen geschehen und Piper nach und nach transformieren wird:

Think of all the roads,

think of all their crossings,

taking steps is easy,

standing still is hard.

Im Gefängnis mutiert Piper vom bürgerlichen Subjekt zum Inmate, wie die Insassinnen von den Wärterinnen repetitiv genannt werden. Der Philosophin Judith Butler zufolge enthalte Sprache sogenannte performative Akte, sie sei also durchaus mit Handlungen gleichzusetzen.[3] OITNB scheint diese These immer wieder zu bestätigen: Die Anrufung der Insassinnen geschieht in zweierlei Form; erstens im Reden über sie (etwa durch die Wärter_innen, das Gefängnispersonal oder die Freunde und Familie draußen) und zweitens im Imperativ an sie gerichtet. Jedes Mal, wenn Piper „Inmate“ gerufen wird, muss sie (wie ihre Mithäftlinge) zusammenzucken. Damit wird signalisiert, dass sie eine Grenze überschritten hat; die klare Hierarchie zwischen Wärter_innen und Insassinnen wird sprachlich bestätigt und festgeschrieben. Butler, die in der Tradition Foucaults verortet ist, müsste ihre helle Freude an der Serie haben.

Und nicht nur durch Sprache, auch durch physische Gewalt und Routine soll Piper und ihren Schicksalsgenossinnen im Gefängnis der gefühlte Übergangscharakter ihres Aufenthaltes genommen und durch die Permanenz ihres dortigen Daseins ersetzt werden. Ziel der Wärter_innen und der Gefängnisleitung scheint zu sein, das Leben in langen Zeiträumen – ausgerichtet auf die Zukunft, nach Lebenszielen, wahrgenommen in Wochen, Monaten und Jahren (ein Wesensmerkmal der bürgerlichen Existenz) – zu ersetzen durch eine zyklische, auf Tage und Routinen ausgerichtete Zeit. Läuft für Piper die Zeit zunächst gefühlt noch herunter und zählt sie die Tage, so verinnerlicht sie später immer stärker dieses neue Zeit-Ich, das nur noch in den Tag hineinlebt – hineinleben darf.

Die Welt von Litchfield wird Pipers neue Heimat und zugleich auch die der Zuschauer_innen – beide verinnerlichen schnell die (auch) sprachliche Seite der dortigen Ordnung. Gewiss wäre die Serie, sollte Piper tatsächlich einmal herauskommen, abrupt zu Ende; und so hat der Gag, dass sie es bis heute nicht ist, wohl auch den sehr trivialen Grund, dass es keinen Sinn ergäbe, die Hauptdarstellerin einer sehr erfolgreichen und inzwischen mehrmals verlängerten Serie vom Haupthandlungsort zu entfernen. Und dennoch: Pipers tragikomische Mutation von der Bildungsbürgerin zum Inmate bleibt eine der großen Stärken dieser Serie.

OITNB erzählt neben den Geschehnissen in der Gegenwart in jeder Folge über Rückblicke auch die Geschichten der Insassinnen – wie diese sozialisiert wurden, wie sie ins Gefängnis gekommen sind und welche Menschen sie gewesen waren, bevor auch sie, wie Piper, diese Transformation durchmachten. Dass Piper eben trotz ihres hohen Bildungsgrades und ihrer bürgerlichen Existenz gar keine so besondere Geschichte zu erzählen hat, dass sie eben nicht der Sonderfall ist, als der sie sich am Anfang fühlt, ist eine der großen egalitären Botschaften der Serie.

Foucault schrieb sein Buch auch im Kontext eines Engagements für französische Gefängnisinsassen, für die der Philosoph einforderte, verstärkt ihre Geschichten erzählen zu können, um einen prominenteren Platz im öffentlichen Diskurs einzunehmen. Die Serie kommt für ihre fiktiven Charaktere genau dieser Forderung nach. Und so wird im Verlauf die Geschichte jeder einzelnen Figur (im Übrigen auch der Wärter_innen und der Gefängnisleitung) erzählt – think of all the roads, think of all their crossings. Nicht selten verstehen wir dann v.a. diejenigen Charaktere, die uns zunächst als besonders abzulehnende Antagost_innen vorgestellt worden sind, auf einmal besonders gut. Die größten Effekte erzielt die Serie in diesen aufklärenden Momenten, in denen uns das neue Wissen über die Hintergründe eines Menschen (einer Figur) der jeweiligen Person näherbringt – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, deren tieferen Sinn die Serie uns dabei immer wieder radikal vor Augen führt.

Interessant ist dabei v.a. das Verhältnis von Piper zu Alex Vause (gespielt von Laura Prepon) – Pipers (zunächst) früherer lesbischer Partnerin. Diese Beziehung wird anfangs chronologisch parallel und eng verbunden mit Pipers Verfehlung erzählt. Die Zuschauer_innen werden verführt, Parallelen zu ziehen. Könnte man Pipers Entscheidung zugunsten des Schriftstellers Larry nach der Arbeit für den Drogenboss und ihrer Beziehung zu Alex als doppelte Katharsis interpretieren? „Nicht mehr kriminell und nicht mehr lesbisch?“, lautete die provokante Frage, die sich daraus ergäbe. Höchstens die tragische Figur des psychotischen und homophoben Gefängniswärters Healy, der im Lesbischen die ultimative Gefahr für seine Schützlinge sieht, zeugt – zunächst – davon, dass die Serie das so nicht sagen will.

Denn in OITNB wird die homosexuelle Liebe zwischen Frauen nicht als Sonderfall von weiblichen Inhaftierten erzählt, nicht als Teil des Problems dargestellt und auch nicht einzig mit der Abwesenheit von Männern erklärt (eine unterschwellige Homophobie, die im Reden über Frauengefängnisse wohl oft mitschwingt). Fast alle Homosexuellen, so wird im Verlauf der Serie deutlich, hatten ihre gleichgeschlechtlichen Kontakte bereits vor ihrem Schritt ins Gefängnis geknüpft. Die Serie wirkt so auch als eine subtile Unterwanderung des hetero-gaze, also des Blicks auf das Heterosexuelle als Normal- und die Homosexualität als Sonderfall.

OITNB beschreibt, wie Macht in unserer Gesellschaft funktioniert und wie Foucault sie erklärt hat. Macht kennt – genau wie die Schicksale, denen Macht in der Serie widerfährt – viele Gesichter. Manchmal kann man sie selber ausüben, aber in der Regel wirkt sie auf einen ein – auf die Inmates ebenso wie auf die vermeintlich Mächtigen: die Wärter_innen und das Gefängnispersonal. In dem Privatgefängnis Litchfield arbeiten keine Profis, schon aus Kostengründen. Wenn die Geschichten der Angestellten erzählt werden, wird deutlich, dass auch sie allesamt auf sehr krummen Lebenswegen dorthin gekommen sind – fast immer mehr getrieben als gewollt.

OITNB prangert damit nicht alleine die auch in der Realität oftmals schlimmen Verhältnisse in amerikanischen Gefängnissen (und wohl nicht nur dort) an, sondern überdies das Untergehen individueller Schicksale in der spätmodernen Welt, die Entfremdung von Klassen, Milieus, das Verblassen der Gesichter der Menschen in einer Welt, in der wir irgendwie alle Inmates sind: „Remember all their faces“, heißt es an anderer Stelle in dem Lied von Regina Spektor.

Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung und promoviert an der Uni Hildesheim. Für INDES war er (gemeinsam mit Julia Kiegeland) verantwortlich für die Ausgabe „Politikserien“. Zusammen mit Katharina Rahlf organisiert er die Blogreihe über Politikserien.

[1] Vgl. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a.M. 2014.

[2] Siehe Kerman, Piper: Orange Is The New Black: Mein Jahr im Frauenknast, Reinbek 2015.

[3] Vgl. Butler, Judith: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin 1998.


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