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„Radikale Negation“

 |  19. Januar 2017 |   |  Drucken

zur "Satire"-Reihe[nachgefragt]: Leo Fischer im Interview über den Auftrag von Satire heute

Julian Schenke: Herr Fischer, auf Ihrer Facebook-Seite haben Sie kürzlich die mit Selbstporträts garnierten Statements des bekenntnisfreudigen Kapitän Schwandt karikiert. Womit hat er das verdient?

Leo Fischer: Wir von TITANIC versuchen, unseren Verkaufserfolg zu optimieren, indem wir erfolgreiche Konzepte konsequent nachahmen – nur etwas billiger, etwas schamloser. Kapitän Schwandt ist ein erfolgreiches Marketingprodukt, das sich bei einem bestimmten Typus urbaner Einfaltspinsel hervorragend verkauft. Diese Schicht wollen wir jetzt ebenfalls abmelken.

JS: Das klingt ganz danach, als sei diese Art der Kritik von links nicht ernst zu nehmen. Wie sollte denn linke Satire angesichts der jüngsten AfD-Wahlerfolge heute aussehen? (Geht es um ein unermüdliches Auseinandernehmen rechter Umtriebe oder sollte sich die Spitze eher gegen die Ratlosigkeit der anderen Parteien richten?)

LF: Ich bin dagegen, Satire in den Dienst einer Sache zu stellen, gleich welcher; das bekommt weder der Satire noch der Sache. Zumal die Wirkung von Satire allgemein auch überschätzt wird: Tucholsky hat vorzügliche Witze über die Nazis gerissen; gebracht hat es wenig. Allerdings finde ich das völkische Gerede einer Frauke Petry um Längen witzloser als einen Sigmar Gabriel, der der AfD mit der einen Hand den Stinkefinger zeigt, während er mit der anderen die Asylgesetze unterschreibt, die die AfD ihm vorgelegt hat.

JS: Inwiefern kann Satire – jenseits der Überschätzung – denn dann eine Wirkung erzielen? Soll sie demgemäß durch Überzeichnung die Mechanismen des politischen Tagesgeschäfts offenlegen (hier der plumpen, von Ihnen als peinlich empfundenen AfD-Kritik, dort der Doppelzüngigkeit des SPD-Ministers)? Und: Wäre ihre Aufgabe dann, aufzuklären – oder ist sie doch eher eine Art höheres Konsumgut für gebildete Schichten mit subtilem Geschmack?

LF: Ich finde es ja amüsant, daß Satire, als literarische Kunstform, immer so auf Wirkung festgelegt wird. Das ist eine Erwartung, die sonst ganz selten an Texte, an Kunst gerichtet wird. Kaum ein ernster Schriftsteller wird gefragt, welche Wirkung er sich denn von einem Buch verspricht; kaum ein Maler, welche Aufgabe sein aktuelles Bild habe. Im Übrigen haben wir diese Erwartung auch an journalistische Texte nicht mehr – da allerdings zu Unrecht. Der erste Anspruch an Satire wäre heute, die gesellschaftliche Totalität radikal zu negieren, und nicht, in ihr irgendwelche Funktionen oder Aufgaben zu erfüllen.

JS: Was halten Sie denn vor dem Hintergrund dieses negativen Anspruchs von Satire, die ein gutes, kosmopolitisches Deutschland gegen ein ostdeutsches „Dunkeldeutschland“ ausspielt – wie es etwa Jan Böhmermann in „Be Deutsch“ getan hat?

LF: Wir beobachten Böhmermann schon länger mit einem gewissen Wohlwollen; er ist ja auch erkennbar von TITANIC beeinflusst und damit gewissermaßen Dauerpraktikant bei uns. Gerade in der Ausbildung passieren natürlich aber auch Fehler. Über Deutschland freuen sich schon Didi Hallervorden und Dieter Nuhr; davon brauchen wir wirklich nicht noch mehr.

JS: Dann einmal gegengefragt: Würden Sie mir ein Beispiel nennen für gelungene Satire, die dem von Ihnen formulierten Anspruch der radikalen Negation genügt?

LF: Ich muss jetzt natürlich TITANIC sagen, will es aber auch. Die besten Beiträge im Heft greifen nicht nur Staat, Kapital und Gesellschaft an, sondern deren geistig-kulturelle Voraussetzungen. Alles an TITANIC soll hässlich, böse und unerträglich sein; es soll einem peinlich sein, mit dem Heft gesehen zu werden; jede Hand, die uns gereicht wird, soll ausgeschlagen werden. Das gelingt nicht immer, aber der Anspruch ist da.

JS: Dies könnte nicht nur ein Werbeblock für Ihr erfolgreiches Magazin, sondern auch einer für linke Politgruppen wie das „…umsGanze!“-Bündnis sein; zumindest ist mir von dort die Parole bekannt, gegen „Staat, Nation und Kapital“ agitieren zu wollen. Kollidiert derlei – wenn auch vielleicht ungewollte – Parteinahme nicht mit diesem Anspruch? Oder ist es gerade Ihr satirisches Ziel, solche Gruppen als ungewollte Satire zu enttarnen?

LF: Ich glaube, diese drei Institutionen wurden schon lange vor besagtem Bündnis angegriffen; daher kann ich hier keine besondere Parteinahme erkennen – zumal mir besagte Gruppe nur dem Namen nach bekannt ist. Aber natürlich ging es bei TITANIC auch immer darum, eine verkürzte und verblendete Gesellschaftskritik von links bloßzustellen. Sollte sich die benannte Gruppe in dieser Weise oder überhaupt in irgendeiner Weise geäußert haben, bin ich natürlich auch vollständig dagegen.

JS: In der Causa Erdoğan versus Böhmermann hatte man den Eindruck, dass ein großer Teil der Medienlandschaft, sprich: Satire-Produzenten und -Konsumenten, aber auch „Kulturschaffende“, Feuilleton-Kommentatoren und Politiker für einen Moment am selben Strang zogen, als sie Böhmermann verteidigten. Gefährdet ein solches Einverstandensein Ihrer Meinung nach den kritischen Gehalt der Böhmermann-Satire?

LF: Moment! Indem ich mich mit einem Kollegen solidarisch zeige, weil er in seiner Arbeitsweise und in seinen Grundrechten angegriffen wird, bewerte ich ja noch in keiner Weise den Inhalt seiner Arbeit. Diese Solidarität in Absehung von jeder konkreten Position haben wir von TITANIC übrigens schmerzhaft vermisst, als Papst Benedikt XVI. eine komplette Ausgabe hat verbieten lassen. Nach dem Tenor von Medien wie der Welt, die sich heute so satirebegeistert zeigt, war dieses Verbot gerechtfertigt, weil der Titel ja geschmacklos war. Man ist da anscheinend sehr sorgfältig in der Wahl seiner Autokraten.

JS: Mit Blick auf die kommenden Bundestagswahlen: Gibt es noch einen satirischen Auftrag für DIE PARTEI? Oder etwas böse: Ist sie nicht ein explizit antidemokratisches Projekt, wenn sie Sonneborns Diktum „Inhalte überwinden“ folgt – und dabei im Grunde dem populistischen Impuls Recht gibt, Parlamente seien nur zum Palavern da?

LF: Historisch ist die PARTEI ja angetreten, die rechtspopulistische Lücke, die es in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bis in die 2010er Jahre hinein gab, als erste zu besetzen. Mittlerweile gibt es leider Nachahmerprodukte wie die AfD, die unsere alten Forderungen – Mauern, Teilung, Elitenherrschaft – so phantasie- wie reizlos umsetzen. Ich sehe hier nur zwei Chancen: Einerseits müssen wir zeigen, dass wir die besseren Populisten sind, dass wir den Bürger wieder da abholen, wo er einen stehen hat. „Make Populismus great again“, muss hier der Wahlspruch sein! Andererseits müssen wir aber vielleicht auch damit aufhören, mit der AfD um die Dümmsten der Dummen zu konkurrieren, und uns hier vielleicht auch von unserem historischen Populismus lösen, auch von unserer historischen Inhaltslosigkeit. Wir müssen vielmehr neue Leerstellen im politischen Gefüge der Republik ausmachen und abmelken, bevor es andere tun. Chancen sehe ich hier zum Beispiel im Umbau der PARTEI in eine brutale postmoderne Gender-Diktatur mit verminderten Bürgerrechten für Cis-Personen – hier treten die Grünen ja schon längst wieder auf die Bremse. Auch eine radikal islamistische PARTEI könnte eventuell neue Wählerschichten erschließen. Wir müssen vermeiden, dass Islamismus immer nur von Extremisten gemacht wird. Was die uns Ihrerseits unterstellte Demokratiefeindlichkeit angeht: Ich kann Ihnen versichern, dass wir den Parlamentarismus mindestens so hoch achten wie seinerzeit die SED.

Das Gespräch führte Julian Schenke (28). Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er forscht u. a. zu den Pegida-Protesten und zum politischen Bewusstsein von Studenten und Jugendlichen.

Leo Fischer (35) ist Satiriker und ehemaliger Chefredakteur der Titanic. Er schreibt regelmäßig satirische Beiträge für Jungle World, taz, Neues Deutschland und konkret.

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