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Rachel Dolezal – Eine weiße Frau mit schwarzer Identität

Pauline Höhlich |  12. Juni 2018 |   |  Drucken

[analysiert]: Pauline Höhlich über die Grenzen und Möglichkeiten individueller Identitätskonstruktion

Es war einmal eine weiße Frau, die so sehr schwarz sein wollte, dass sie es der amerikanischen Welt glauben machen konnte und sich dabei bis an die Spitze der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) in Spokane im US-Bundestaat Washington arbeitete. Man kannte und respektierte sie für ihre Arbeit als Bürgerrechtsaktivistin. Nebenbei lehrte die Frau an der Eastern Washington University an der Fakultät für Afrikanische Studien, unter anderem zu Themen wie „The Black Woman’s Struggle“[1]. Eines Tages führte sie ein Interview mit einem Lokalreporter in der Annahme, über mutmaßlich gegen sie gerichtete Hassverbrechen zu sprechen. Dann fragte der Reporter unvermittelt, ob sie afroamerikanisch sei. Ihre Mimik erstarrte. „Your parents, are they white?“, bohrte der Reporter unerbittlich weiter.[2] Die Frau brach das Interview ab und flüchtete. Kurze Zeit später gingen ihre Eltern an die Öffentlichkeit. Sie enthüllten via Familienfotos, dass die damalige Lokalvorsitzende des NAACP einst ein hellhäutiges, blondes Mädchen mit Sommersprossen gewesen war, in Montana aufwuchs und eine pathologische Lügnerin sei.

Die Rede ist von Rachel Dolezal, deren über Jahre aufgebautes Leben als vorgeblich afroamerikanische Frau binnen weniger Tage wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Sie sah sich gezwungen, von ihrer Präsidentenposition zurückzutreten und verlor unter anderem ihre Stelle an der Universität. Dolezal wird seitdem öffentlich verspottet, erhält hasserfüllte Nachrichten sowie Morddrohungen, verliert ihr soziales Umfeld. Sie lebt nun in ärmlichen Verhältnissen und von Lebensmittelmarken, denn niemand möchte noch mit ihr arbeiten. Einzig bei Pornofilmen oder Reality Shows mitzuwirken, werde ihr angeboten. Ihre im Nachgang des Skandals veröffentlichten autobiographischen Memoiren finden zudem kaum Käufer.[3]

Am 27. April 2018 erschien eine Dokumentation mit dem Titel „The Rachel Divide“ auf Netflix und sorgt seitdem für Diskussion. Der Vorwurf: In dem Film werde Dolezal vornehmlich als Opfer der Geschehnisse dargestellt. Damit priorisiere die weiße Regisseurin Laura Brownson die Gefühle einer weißen Frau gegenüber dem Schaden, den sie in Bezug auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung anrichte. So werfen frühere Angestellte Dolezals beim NAACP ihr unter anderem vor, die Arbeit und Erfolge der Bürgerrechtsinstitution erheblich zurückgesetzt zu haben.[4]

Rachel Dolezal beschreibt sich selbst mittlerweile als transracial und stößt damit in sozialen Netzwerken eine grundsätzliche Diskussion an, ob entsprechend zu transgender nicht auch die Hautfarbe und damit einhergehenden Identität einer grundsätzlichen Wandlung unterzogen werden könnte. Schließlich seien auch die Konzepte „Rasse“ (race) sowie Ethnizität sozial konstruiert. Bis heute versteht sie die heftige Gegenreaktion auf ihr Verhalten und Handeln nicht und ist sich keiner Schuld bewusst.[5] Nun könnte man ihr beipflichten, dass Personen, die einen Wechsel der eigenen Geschlechtsidentität durchmachen, nicht der Lüge bezichtigt werden. Man würde es diesen Personen nicht unbedingt übelnehmen oder als Zeichen für fehlende Glaubwürdigkeit werten, wenn sie Probleme hätten, zu ihrer einstigen Identität zu stehen. Überhaupt setzt sich mehr und mehr eine kritische Hinterfragung bipolarer Geschlechterkonzepte durch. Jedoch muss an dieser Stelle betont werden, dass schon der weitere sprachliche Gebrauch des Konzepts der race bzw. „Rasse“ in der amerikanischen Bürokratie, internationalen Menschenrechtsabkommen wie auch im Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes[6] kritisch zu sehen ist. Neben der vielfältigen historischen Vorbelastung, die eine Neutralität des Begriffs schlicht unmöglich macht, wird von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen darauf beharrt, dass eine derartige Einteilung von Menschen nicht haltbar ist.[7]

Wendet man sich in dieser Diskussion vom Begriff der race ab und hin zur ebenfalls gesellschaftlich konstruierten ethnischen Identität, offenbart sich auch hier ein Problem, nämlich in Bezug auf dessen Wahlfreiheit. Dieses Dilemma auf den Punkt gebracht, entgegnete eine farbige Moderatorin in ihrer Talkshow aufgebracht gegenüber Dolezal: „No, let me tell you something. I’m black. I can’t be you. I can’t reverse myself[8].

Die Autorin Mary Waters[9] diskutiert das weiße Privileg bezüglich optionaler Ethnizitäten in ihrem Aufsatz „Optional Ethnicities: For Whites Only?“. Wesentlich sei in diesem Zusammenhang die Differenzierung zwischen symbolischer ethnischer Identität und sozial erzwungener und auferlegter rassischer Ethnizität.[10] Erstere beeinflusse das Leben und das gesellschaftliche Umfeld der (weißen) Individuen nicht, es sei denn, sie wollten es. Demgegenüber hätten schwarze AmerikanerInnen wie auch solche mit hispanischen, asiatischen und indianischen Wurzeln in den USA nicht die Wahlmöglichkeit einer symbolischen ethnischen Identität. Dieses Konzept gaukele vor, dass alle Gruppen gleichberechtigt seien; jeder einen ethnischen Hintergrund habe und damit das Recht, diesen zu zelebrieren und an die Kinder weiterzugeben. Während die Identitätsformierung bei Weißen vor allem an positive Erlebnisse, wie etwa Festtagsbräuche anknüpfe, sei dieser Entwicklungsprozess für Schwarze schwieriger, da bei ihnen als zusätzliches Element Erfahrungen rassistischer Diskriminierung einfließen. Letztere sähen sich also der sozial erzwungenen und auferlegten rassischen Ethnizität ausgesetzt und müssten für ihre Ethnizität die Kosten in Form von rassistischer Diskriminierung zahlen. Gleichzeitig hätten sie nicht die Freiheit, diese abzulegen bzw. das eigene Leben nicht von ihnen beeinflussen zu lassen.[11]

Dass Dolezal als einst blondes sommersprossiges Mädchen – wie die von ihren leiblichen Eltern veröffentlichten Fotos beweisen – sich überhaupt erfolgreich als Frau mit afroamerikanischen Wurzeln verkaufen konnte, hängt wohl mit dem so genannten racial passing zusammen. Über Generationen wurden die Grenzen der afroamerikanischen race von der Regel bestimmt, welche informell als one-drop-rule bekannt ist und die besagt, dass „one drop of Black blood makes a person Black“[12]. Aufgrund dieses einflussreichen rassistischen Kategorisierungsschemas sahen sich Personen mit gemischten Wurzeln, aber verhältnismäßig weißer Erscheinung dazu gezwungen, eine weiße Identität zu adaptieren. Hierzu brachen sie notgedrungen jede Verbindung zu schwarzen Familienmitgliedern und Freunden ab, um das privilegierte Leben einer weißen Person führen zu können. Die amerikanische Historikerin Allyson Hobbs berichtet in dem 2014 veröffentlichten Buch „A Chosen Exile – A History of Racial Passing in American Life“ über derartige Fälle während des achtzehnten bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts . Die Zuordnung der race ist historisch also nicht zwingend an die Hautfarbe gebunden, ebenso kann sie an die Performance geknüpft sein.

Irritierend an Dolezals Geschichte ist neben den dubiosen Details und Hintergründen als Ausnahmefall ethnischer Identitätswandlung die Richtung ihres freiwilligen passings, von weiß zu schwarz. Hiermit einher geht wohl das Unverständnis dafür, dass jemand in Zeiten anhaltender Diskriminierung aufgrund der race freiwillig schwarz sein möchte. Auch wenn ihre persönlichen Beweggründe für diesen Wandel in der Netflix-Dokumentation für die oder den eine/n mehr oder weniger nachvollziehbar werden, bleibt doch die Tatsache bestehen, dass die Täuschung bzw. die schwarze Performance Dolezal zum eigenen Vorteil gereichte. Dolezal hätte sich ebenso als (ehemals) weiße Person für die NAACP einsetzen können. Präsidentin der Bürgerrechtsinstitution wäre sie damit allerdings höchstwahrscheinlich nicht geworden. Stattdessen behauptete sie fälschlicherweise, als Schwarze geboren und aufgewachsen zu sein und damit zu wissen, wie es ist, als solche in dieser Welt zu leben. Dies sei, so ihr schwarzer Adoptivbruder, für AfroamerikanerInnen „ein Schlag ins Gesicht“[13]. Ehemalige Kolleginnen werfen Dolezal in der genannten Netflix-Dokumentation vor, sie habe Schwarzen ihre rechtmäßigen Plätze weggenommen und sei dabei sogar noch erfolgreicher gewesen als viele Schwarze es je hätten sein können. In Anlehnung an Waters lässt sich sagen, dass Dolezal sich allein die positiven Seiten des Schwarzseins herauspickte; jenes sogar für ihren persönlichen Nutzen instrumentalisierte, ohne den dazugehörigen Preis alltäglicher Diskriminierungserfahrungen zu zahlen.[14] Zynisch merkte ein lokaler Journalist in der Netflix-Dokumentation denn auch an, dass sich dieser Umstand seit Dolezals Offenbarung gewandelt habe und sie nun endlich einen authentischen Geschmack der afroamerikanischen Erfahrung bekomme.[15]

Unter der Voraussetzung, dass race eine soziale Konstruktion ist, bleibt die Frage, ob Rachel Dolezals passing nicht grundsätzlich vertretbar gewesen sei, wäre sie offen damit umgegangen. Letzten Endes ist die Geschichte von Rachel Dolezal jedoch ein bitteres Exempel für Waters abschließende Feststellung: Das Vermächtnis und die alltägliche Präsenz von Diskriminierung auf Basis der Ethnie oder race muss überwunden werden. Erst dann kann das Ideal einer pluralistischen Gesellschaft gelebt werden, in der alle ethnischen Hintergründe gleich behandelt werden, und darüber hinaus allen Individuen ebenso zur freien Wahl offenstehen wie die Möglichkeit, unabhängig von ihnen zu leben.[16]

 

 

Pauline Höhlich arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Aitkenhead, Decca: Rachel Dolezal: ,I’m not going to stoop and apologise and grovel‘, in: The Guardian Online, 25.02.2017, URL: https://www.theguardian.com/us-news/2017/feb/25/rachel-dolezal-not-going-stoop-apologise-grovel [eingesehen am 13.05.2018].

[2] KXLY News: „Raw interview with Rachel Dolezahl“, in: YouTube.com, 11.06.2015, URL: https://www.youtube.com/watch?v=oKRj_h7vmMM [eingesehen am: 13.05.2018].

[3] St. Félix, Doreen. 2018. “The Rachel Divide” Review: A Disturbing Portrait of Dolezal’s Racial Fraudulence, in: THE NEW YORKER Online, 26. April 2018, online verfügbar unter: https://www.newyorker.com/culture/culture-desk/the-rachel-divide-review-a-disturbing-portrait-of-dolezals-racial-fraudulence [eingesehen am 13.05.2018].

[4] Vgl. Mahdawi, Arwa: The Rachel Divide review – Netflix’s Dolezal documentary is a troubling watch, in: The Gurdian Online, 24. April 2018, URL: https://www.theguardian.com/film/2018/apr/23/the-rachel-divide-review-netflixs-dolezal-documentary-is-a-troubling-watch [eingesehen am 13.05.2018].

[5] Vgl. Aitkenhead: Rachel Dolezal: ,I’m not going to stoop and apologise and grovel‘.

[6] In Satz 3 heißt es dort: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“, URL: https://www.bundestag.de/parlament/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01/245122 eingesehen am 05.05.2018].

[7] Vgl. Markwardt, Nils: Die Farbenfrage, in: Zeit Online, 17.06.2015, URL: https://www.zeit.de/kultur/2015-06/rachel-dolezal-hautfarbe-debatte [eingesehen am 08.06.2018].

[8] The Real Daytime: Race vs. State of Mind: Rachel Dolezal’s Thoughts on Whiteness, in: YouTube, 02. November 2015, URL: https://www.youtube.com/watch?v=54QrcxCKo1o&t=24s [eingesehen am 13.05.2018].

[9] Waters, Mary C.: Optional Ethnicities: For Whites Only? Origins and Destinies: Immigration, Race and Ethnicity in America, edited by Sylvia Pedraza and Ruben Rumbaut, S. 444-454, Belmont 1996, S. 444-454.

[10] Vgl. ebd. S. 444 f.

[11] Vgl. ebd. S. 445 ff.

[12] Hickman, Christine B.: The Devil and the One Drop Rule: Racial Categories, African Americans, and the U.S.Census, in: Michigan Law Review, Jg. 95, H. 5, S. 1161-1265, hier: S. 1163.

[13] Markwardt: Die Farbenfrage.

[14] Vgl. Aitkenhead: Rachel Dolezal: ,I’m not going to stoop and apologise and grovel‘.

[15] Vgl. Mahdawi: The Rachel Divide review – Netflix’s Dolezal documentary is a troubling watch.

[16] Waters, Mary C. 1996. “Optional Ethnicities: For Whites Only?.” Origins and Destinies: Immigration, Race and Ethnicity in America, edited by Sylvia Pedraza and Ruben Rumbaut, 444-454. Belmont, CA: Wadsworth Press, hier S. 447.

 

 

 


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