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Protest: Der Erfolg hängt vom Rahmen ab

Felix Julian Koch |  12. April 2016 |   |  Drucken

[Gastbeitrag]: Felix Julian Koch über die Analyse von politischem Protest mit Hilfe des Framing-Ansatzes

Pegida ist in den letzten 14 Monaten zu einem der politischen Gesprächsthemen geworden. Diese Aufmerksamkeit strahlt auch auf die Politikwissenschaft ab: Die Leitmedien haben ausführlich über die Analysen von Protestforschern aus Berlin,[1] Dresden,[2][3] und Göttingen[4] berichtet. Wie aber arbeitet Protestforschung eigentlich genau? Durch welche „Brillen“ schaut die Politikwissenschaft auf  Phänomene wie Pegida? Die Soziologen David Snow und Robert Benford haben ein differenziertes Modell zur Erklärung von Protestphänomenen entwickelt: den sogenannten Framing-Ansatz, der hier beispielhaft erklärt werden soll.[5]

Der Grundgedanke des Framing-Modells lautet, dass politische Akteure wie Politiker, Journalisten und eben auch Protestaktivisten bestimmten Dingen eine bestimmte Bedeutung zuweisen. Abstrakt formuliert handelt es sich bei diesem Prozess um eine Rahmung (framing) der Wirklichkeit. Ein Beispiel: In einem Land herrscht eine Wirtschaftskrise – dieses Problem kann man unterschiedlich rahmen: Die Krise könnte etwa als das Versagen von inkompetenten Beamten und Politikern geframed werden, das die normale Bevölkerung jetzt ausbaden muss. Eine andere Interpretation: Die Krise ist nicht auf einzelne Politiker und Funktionäre zurückzuführen, sondern liegt begründet in der gesellschaftlichen Mentalität im Land, wenig und fehlerhaft zu arbeiten. Oder aber: Politiker und Bevölkerung haben keine wirtschaftliche Entscheidungsgewalt. Wirtschaftskrisen sind vielmehr ein regelmäßiges Symptom einer systematischen, von internationalen Unternehmen und Organisationen gesteuerten Wirtschaftsagenda.

Jede Art des Framings  lässt also eine konstruierte Wirklichkeit entstehen, an der sich die Bürger auch in ihrem Handeln orientieren. Wie aber funktioniert Framing?

Zum Modell gehören drei aufeinander aufbauende Kernelemente. Erstens werden – mittels diagnostic framing – ein Problem und seine Ursachen definiert, welche eine zentrale Grundlage für die Mobilisierung von Protest darstellen.  Im Fall von Pegida ist dementsprechend zu fragen: Wurde „das Problem“ zuerst als eine schlechte Migrationspolitik geframed? Oder waren umfassendere Frames, die eine angeblich unzutreffende Medienberichterstattung und eine nicht auf „das Volk“ hörende Politikerklasse thematisierten, bereits von Beginn an vorhanden? Und welchen Effekt hatte das auf den Mobilisierungserfolg von Pegida?

Allerdings genügt es für eine erfolgreiche Protestmobilisierung nicht aus, einfach nur das Problem zu benennen. Vielmehr müssen auch Lösungsansätze angeboten werden, was mit dem Schlagwort der prognostic frames bezeichnet wird. Damit kann man beispielsweise besonders gut erklären, warum die deutsche Netzbewegung wesentlich mehr Demonstranten gegen das multilaterale Abkommen ACTA mobilisieren konnte als gegen die internationalen Überwachungspraktiken nach den Snowden-Enthüllungen: Denn die Anti-ACTA-Proteste konnten eine Nicht-Ratifizierung des Abkommens durch EU-Parlament und Regierungen als konkretes prognostic frame verwenden. Im Falle der Snowden-Affäre war die Reaktion der Netzbewegung bei weitem nicht so eindeutig: „Die Bandbreite der Forderungen reicht von fundamentaler Geheimdienstkritik […] bis hin zur Forderung nach deren stärkerer demokratischer Kontrolle und der Erneuerung alter Forderungen wie jener nach der Abschaffung der Vorratsdatenspeicherung.“[6]

Neben Problemdefinition und Lösungsvorschlägen müssen den potenziellen Protestteilnehmern auch persönliche Anreize geliefert werden, um auf die Straße zu gehen. Nehmen wir eine Aktion der globalisierungskritischen Bewegung als ein Beispiel für diese motivational framings. Bei der Grünen Woche 2005 verbreitete sie im Zuge ihrer Proteste gegen die Agrarpolitik der WTO über Banner und Pappteller das Motto „WTO macht Hunger“ und appellierte so an die moralische Tugend des Einzelnen.  Das Ergebnis: „Durch die Verknüpfung von ,WTO‘ und ,Hunger‘ wird das inhaltliche Anliegen mit Gefühlen assoziiert, die vermutlich jeder kennt und keiner wünscht.“.[7]

Zusätzlich zu diagnostic, prognostic und motivational framing ergänzen manche Wissenschaftler zur Erklärung von Protestbewegungen das memory framing. Hierbei geht es um das kollektive Gedächtnis der Bewegungen, das ihnen ermöglicht, Werte zu überliefern und die Gegenwart anhand der Vergangenheit zu interpretieren. Teile der globalisierungskritischen Bewegung stellen zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen der Überschuldung afrikanischer Staaten und dem westlichen Kolonialismus her.[8]

Die Framing-Theorie beschreibt allerdings nicht nur verschiedene Framing-Strategien, sondern sagt auch etwas darüber aus, wovon die Resonanz der Frames abhängt. Warum treffen manche Protestbewegungen mit ihren Frames einen Nerv? Und warum andere wiederum nicht? Warum kann eine Bewegung mithilfe von Framing-Strategien mitunter in kurzer Zeit große Mengen an Demonstranten mobilisieren, nur um nach ebenso kurzer Zeit nicht länger beachtet zu werden?

Dem Framing-Ansatz zufolge liegt die Antwort sowohl in der Glaubwürdigkeit als auch in der Auffälligkeit eines Frames. Die Glaubwürdigkeit hängt dabei von drei Faktoren ab: Widersprechen sich bestimmte angepriesene Wertvorstellungen oder kollidiert das Framing mit taktischen Aktionen der Protestorganisatoren? Lassen sich die Behauptungen der Protestorganisatoren mit empirischen Belegen stützen? Sind die Organisatoren überhaupt selbst glaubwürdig? Die Auffälligkeit von Frames basiert ebenfalls auf drei Variablen: Wie wichtig sind die Ideen und Werte der Frames einer Bewegung für die entsprechende Zielgruppe? Inwieweit haben sie etwas mit deren Alltagswelt zu tun? Und: kann man mit den Frames an bestimmte kulturelle Vorstellungen anknüpfen?

Abschließend lässt sich festhalten, dass Framing keine Einbahnstraße ist. Den Framing-Aktivitäten einer sozialen Bewegung können nicht nur Politiker, Massenmedien und Interessenvertreter entgegentreten. Auch Gegendemonstrationen können das sogenannte Counterframing betreiben, d.h. versuchen,  die von der initiativen Protestbewegung propagierten Wirklichkeitsdarstellungen zu untergraben. Infolgedessen kann ein regelrechter Wettbewerb um die Deutungshoheit über die politische Realität entstehen. Und auch hier ist Pegida wieder ein gutes Beispiel, wurden deren Proteste doch ab einem gewissen Zeitpunkt von entsprechenden Gegenprotesten flankiert.[9]

Was nehmen wir also mit? Erstens ist der Framing-Ansatz ein wertvolles Modell der Bewegungsforschung, da es die Entwicklungen einiger Protestbewegungen gut erklären kann – als Beispiel seien hier die Netzbewegung oder, als jüngstes Phänomen, Pegida genannt. Zweitens ist das Modell auch für unsere allgemeine Politikwahrnehmung interessant: Framing stellt letzlich auch eine Gegenposition zum verbreiteten Meinungsbild dar, dass Politik nichts mit Werten zu tun habe, sondern nur ein Kosmos kalter Interessen sei.[10]

Felix Julian Koch studiert Politikwissenschaft in Göttingen und hat im Wintersemester am Seminar „Politischer Protest und Soziale Bewegungen in der BRD“ teilgenommen.

[1] Geyer, Steven: Vom rechten Rand der Gesellschaft, in: Frankfurter Rundschau, 19.01.2015, online einsehbar unter: http://www.fr-online.de/pegida/pegida-vom-rechten-rand-der-gesellschaft,29337826,29611864.html [eingesehen am 08.04.2016]

[2] Rietzschel, Antonie: Männlich, gebildet, parteilos, in: Süddeutsche Zeitung, 15.01.2015, online einsehbar unter:  http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-zu-pegida-demonstranten-maennlich-gut-gebildet-parteilos-1.2303475 [eingesehen am 08.04.2016].

[3] o.A.: Studie sieht Fremdenfeinde bei Pegida in der Minderheit, in: ZEIT ONLINE, 03.02.2015, online einsehbar unter: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-02/pegida-dresden-studie/komplettansicht [eingesehen am 08.04.2016].

[4] Walter, Franz et al.: Studie über Pegida-Anhänger. Männlich, über 50, verheiratet, konfessionslos, in: SPIEGEL ONLINE, 30.01.2016, online einsehbar unter: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pegida-wer-geht-zu-den-demos-und-warum-gehen-sie-auf-die-strasse-a-1074028.html [eingesehen am 08.04.2016].

[5] Benford, Robert D./ Snow, David A.: Framing Processes and Social Movements. An Overview and Assessment, in: Annual Review of Sociology, Jg. 26 (2000), S. 611-639.

[6] Dobusch, Leonhard: Digitale Zivilgesellschaft in Deutschland. Stand und Perspektiven 2014, in: Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der FU Berlin: Diskussionsbeiträge Management (2014), 7, hier: S. 10-13.

[7] Kern, Thomas: Soziale Bewegungen. Ursachen, Wirkungen, Mechanismen, Wiesbaden 2008, S. 140-153.

[8] Ebd., S. 145f.

[9] Walter, Franz: Studie zu NoPegida, in: Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, 26.01.2015, online einsehbar unter: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/studie-zu-nopegida [eingesehen am 08.04.2016].

[10] Dieses Politikverständnis kommt zum Beispiel bei Egon Bahr – wenn auch nur für die internationale Politik – zum Ausdruck: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“; siehe: Riemer, Sebastian: Egon Bahr schockt die Schüler. „Es kann Krieg geben“, in: Rhein-Neckar-Zeitung, 04.12.2013, online einsehbar unter: http://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-Egon-Bahr-schockt-die-Schueler-Es-kann-Krieg-geben-_arid,18921.html [eingesehen am 08.04.2016].


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