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Protest einer Ausgeschlossenen

Klaudia Hanisch und Tobias Neef |  26. Februar 2015 |   |  Drucken

Banner_Proteste[kommentiert:] Klaudia Hanisch und Tobias Neef über die Flüchtlingsproteste seit 2012.

Es ist nunmehr fast drei Jahre her, dass die deutsche Gesellschaft Proteste erlebte, die in ihrer Struktur, ihren Voraussetzungen und ihrem Impact einzigartig erschienen. Es waren Flüchtlinge, die am 19. März 2012 in Würzburg ihre Unterkunft verließen und in der Innenstadt ein Protestzelt errichteten. Die Bewegung, die hier ihren Anfang nahm, sollte sich schnell über mehrere deutsche Städte erstrecken und in ihren Aktionsweisen immer wieder die Grenzen der deutschen Mehrheitsgesellschaft in Frage stellen. Mit einem Marsch nach Berlin und dem Verstoß der Residenzpflicht, den Mobilisierungstouren durch deutsche Gemeinschaftsunterkünfte, den Hungerstreiks am Brandenburger Tor und den Großdemonstrationen in Berlin und anderen Städten haben Flüchtlinge es erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik geschafft, ihre Themen in Medien und Politik so zu platzieren, dass eine realistische Aussicht darauf besteht, zumindest mit einigen Forderungen Gehör zu finden. Sie fordern die Abschaffung des Systems der Gemeinschaftsunterkünfte und Lagerunterbringung, Aufhebung der Residenzpflicht, Abschaffung der Asylbewerberlager und die Erlaubnis, den eigenen Lebensunterhalt durch Lohnarbeit zu sichern.

Dabei wird der Protest von einer Gruppe ausgeübt, die wohl am härtesten von Exklusionseffekten und Politiken der Exklusion betroffen ist. Die Ausgrenzung von Flüchtlingen findet nicht nur auf den Ebenen sprachlicher Barrieren und Alltagsdiskriminierung statt, sondern umfasst ein ganzes Arsenal politischer Praktiken und gesetzlicher Regelungen, die darauf abzielen, die gesellschaftliche, politische und ökonomische Integration von Flüchtlingen in die Mehrheitsgesellschaft zu verhindern.

Die Situation von Flüchtlingen ist die einer ständigen Fragilität, einer dauerhaften Wartehaltung. Die Möglichkeiten schwanken zwischen der Gefahr der Abschiebung, der im Zuge von Duldungsverlängerungen temporär Aufschub gewährleistet wird, und der Aussicht auf die Anerkennung im Asylverfahren, die zumindest einige Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe eröffnen würde. Diese Fragilität und die Unsicherheit über den Ausgang des persönlichen Schicksals haben einen passivierenden Effekt. Das Gefühl der Ohnmacht, das dieser Situation entwächst, verhindert im Regelfall das Aufbäumen gegen das eigene Schicksal. Aber auch interne Hürden erschweren die Konstitution einer Bewegung der Flüchtlinge: Sprachliche und kulturelle Heterogenität sowie oftmals traumatische Erlebnisse in der persönlichen Vergangenheit erschweren die Etablierung dauerhafter Strukturen, die im Rahmen von Protesten Signale in die Öffentlichkeit senden und Solidaritäten produzieren können.

Umso bemerkenswerter erscheint der Protest, der sich mittlerweile über einen langen Zeitraum erstreckt und es in der Tat geschafft hat, Öffentlichkeit und Solidarität für die Situation von Flüchtlingen zu erzeugen. Noch bemerkenswerter wird er, wenn man sich die Strukturen der Gruppe genauer anschaut, die sich in Berlin zusammengefunden hat: Die weit überwiegende Mehrheit der Protestierenden sind Männer, im Zentrum der Gruppe steht jedoch eine Frau – Napuli Langa, die in ihrer Funktion für die Bewegung nicht mehr wegzudenken wäre.

Die Tochter eines sudanesischen Ministers, der sich von dem Regime distanzierte, wurde schon früh durch ihren Vater politisiert. Die ersten Fluchterfahrungen machte sie bereits als kleines Kind. Im Jahr 2004 schloss sie sich der Sudanese Organisation for Nonvoilence and Development (SONAD) an, musste als deren Schatzmeisterin aus dem Sudan mit einer längeren Zwischenstation in Uganda fliehen. In Deutschland angekommen dauerte es nicht länger als ein paar Wochen, bis sie sich der Flüchtlingsbewegung anschloss. Der aktivierende Moment war der Besuch der Refugee Bus Tour im Braunschweiger Asylbewerberheim im September 2012, der sie sich daraufhin anschloss. Anfangs noch von ihren männlichen Mitstreitenden unterschätzt, entwickelte sie sich zu einer der aktivsten Repräsentantinnen der Bewegung. Sie beteiligte sich als einzige Frau an der Refugee Bus Tour, Verhandelte mit PolitikerInnen und reiste in mehrere europäische Länder, wo sie neben der Vernetzungsarbeit, die sie leistete, unter anderem auch eine Rede vor den Vereinten Nationen hielt.[1]

Ein Dokumentarfilm widmet sich eben der Rolle Napuli Langas, einer der wenigen Frauen im Zentrum einer eigentlich männlichen Protestbewegung. Die Filmemacherin Asli Özarslan entschied sich schnell dafür, die junge Sudanesin Anfang Zwanzig zu der Hauptprotagonistin ihres Films Insel 36 zu machen. Özarslan begleitete sie im Zeitraum von Dezember 2012 bis Juni 2013 in Berlin und während der Refugee Bus Tour zu mehreren Asylbewerberheimen. Napuli Langa half ihr ihrerseits, das Vertrauen der Menschen im Protestcamp auf dem Oranienplatz zu gewinnen, an dem Journalisten in den Worten Özarslan zuvor „verbrannte Erde“ hinterlassen hatten. Der Dokumentarfilm schildert sehr eindrücklich, wie Napuli Langa in ihrer Rolle als Aktivistin wächst, als charismatische Rednerin aufgeht und letztendlich nach innen zur wichtigsten Integrationsfigur der Protestbewegung auf dem Oranienplatz wird.

Während des Protests hatten die Flüchtlinge, das wurde in Interviews, die wir auch im Zuge unserer eigenen Erhebungen durchführten deutlich, ein hohes Risiko in Kauf genommen: Die prekäre Situation der Abhängigkeit von behördlichen Entscheidungen hatte sich durch Verstöße gegen die Residenzpflicht und polizeilichen Maßnahmen im Zuge von Protesten in vielen Fällen verschärft. In einem Umfeld, das diesem enormen Druck standhalten muss, war ein spezifischer Typus des Aktivisten von großer Bedeutung, da entstehende Konflikte entschärft werden mussten, um ein Auseinanderbrechen der Bewegung zu verhindern. Napuli Langa entspricht diesem Typus des Aktivisten – dem emotionalen Charismatiker – in einer nahezu prototypischen Weise. Für die Einheit der heterogenen Bewegung und für die Außenwirkung als humanistische Bewegung ist er essentiell, denn er trug in hohem Maße dazu bei, ein kosmopolitisches, emanzipatives Kollektivverständnis entstehen zu lassen. In starken narrativen Bildern beschwor Napuli im Zuge unseres Interviews immer wieder die Bedeutung dieses Selbstbildes für die Bewegung:

So now we have to be the change, we want to see in our life. So we went there, we were, you know like, I was just one, you know, among the boys and there were like asking, now you are just one, are you really going to make it? I said, if I am not going to make it, who is going to make it then? You know, we are one. So don’t care about the gender, or if I am just one, where will I sleep, I don’t care. We sleep together, we eat together, you know, the same thing.”

Das Bild, das Napuli hier skizziert, entspricht dem, das sie auch immer wieder in Konfliktsituationen, sei es innerhalb von Plena oder im Rahmen von persönlichen Konflikten der CampmitbewohnerInnen hervorhob. Es ist das Bild einer Gemeinschaft, die sich ihrer Gemeinsamkeit als Flüchtlinge bewusst wird. Und diese Gemeinsamkeit besteht für sie in der Rolle als Verfechter der Werte und (Menschen-)Rechte, deren Abwesenheit der Flucht jedes einzelnen Mitglieds vorausgegangen war.

Im April 2014 wurde das Protestcamp von der Polizei geräumt. Napuli Langa war die letzte, die nach einer fast fünftägigen Protestaktion auf einem Baum das Camp verlassen hat. Erst dann wurde die Aktivistin einem großem Teil der deutschen Öffentlichkeit als „Baumbesetzerin vom Oranienplatz“[2] bekannt. Inzwischen hat sie eine eigene Menschenrechtsorganisation Blacks and Whites together for Human Rights gegründet.[3]

Der Dokumentarfilm Insel 36 wird in Rahmen des Thementages zu Flüchtlingsprotesten im Mai im Göttinger Kino Lumière ausgestrahlt. Im Anschluss an die Vorführung wird die Filmemacherin Asli Özarslan zum Gespräch zur Verfügung stehen.

[1]    URL: https://www.youtube.com/watch?v=vN4MDK2t8hQ [eingesehen am 01.02.2015]

[2]    N.N., Baumbesetzerin am Berliner Oranienplatz gibt auf, in Bild, 13.04.2014, URL: http://www.bild.de/bildlive/2014/06-baumbesetzerin-text-35488848.bild.html [eingesehen am 01.02.2015]; N.N. Napuli verlässt Platane; in: taz.de, 13.04.2014, URL: http://www.taz.de/!136709/ [eingesehen am 01.02.2015].

[3]    Ewald, Kerstin: Hochzeit auf dem Oranienplatz, in Neues Deutschland, 02.02.2015, URl: http://www.neues-deutschland.de/artikel/960385.hochzeit-auf-dem-oranienplatz.html [eingesehen am 02.02.2015].


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