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Tagungsbericht: „Revolutionen, Zäsuren und gesellschaftliche Umwälzungen in Nordwestdeutschland im 19. und 20. Jahrhundert“

Teresa Nentwig |  5. Juni 2018 |   |  Drucken

[präsentiert:] Teresa Nentwig über die Jahrestagung 2018 der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen

Bereits seit 1910 veranstaltet die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen einmal im Jahr eine Tagung. Lediglich 1917/1918, 1920, 1924 und zwischen 1940 und 1946 war dies aufgrund äußerer Faktoren, wie etwa des Zweiten Weltkriegs, nicht möglich.[1] Bei der Jahrestagung 2018, die am 1. und 2. Juni im Schloss Wolfenbüttel stattfand, ging es unter dem Motto „Revolutionen, Zäsuren und gesellschaftliche Umwälzungen in Nordwestdeutschland im 19. und 20. Jahrhundert“ genau um solche Wendepunkte in der Geschichte Niedersachsens und Bremens.

Martin Sabrow, Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, hielt den Einführungsvortrag, den der Vorsitzende der Historischen Kommission, Henning Steinführer, zu Recht als „fulminant“ bezeichnete. Vor die schwierige Aufgabe gestellt, allgemein über „Revolutionen und gesellschaftliche Umbrüche in der Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert“ zu sprechen, konzentrierte sich Sabrow auf die Novemberrevolution 1918/1919, die dieses Jahr – wie „68“ und der Dreißigjährige Krieg – angesichts des runden Jahrestages ein viel beachtetes geschichtliches Ereignis darstellt. Mehrere Veröffentlichungen, etwa Wolfgang Niess’ Monografie „Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie“, zeugen davon. Sabrow betrachtete die lange „vergessene Revolution“ – wahrscheinlich treffe diese Charakterisierung nach dem Jubiläumsjahr wieder zu, so seine Überzeugung – systematisch auf der ereignisgeschichtlichen, der rezeptionsgeschichtlichen und der metareflexiven Ebene.

Dem 19. Jahrhundert widmete sich anschließend die erste Sektion der Tagung, die Jörg H. Lampe (Göttingen) mit seinem Vortrag „Revolution als Ausnahme. Wendepunkte der politischen Geschichte in Nordwestdeutschland zwischen 1830 und 1848/49“ eröffnete. Überblicksartig, dabei aber stets sehr kenntnisreich schilderte er wichtige Ereignisse in diesen Jahren, beschrieb die Initiatoren und Akteure und arbeitete am Ende Gemeinsamkeiten zwischen den nordwestdeutschen Ländern heraus. Eine vergleichende Perspektive nahm anschließend auch Hans-Ulrich Ludewig ein, der in seinem Vortrag die Novemberrevolution in Nordwestdeutschland behandelte. Da die braunschweigische Regionalgeschichte einer seiner Forschungsschwerpunkte ist, konzentrierte er sich aber auf die Ereignisse 1918/1919 in Braunschweig. Auf die sowohl von Lampe als auch von Ludewig thematisierte Rolle der Arbeiterschaft sollte Meik Woyke vom Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn ausführlicher eingehen; sein Vortrag fiel allerdings leider aus.

Der Tradition folgend, dass die Jahrestagungen der Historischen Kommission thematisch in die gastgebende Stadt und die Region eingebettet werden, befasste sich Brage Bei der Wieden, Leiter des Niedersächsischen Landesarchivs – Standort Wolfenbüttel –, im öffentlichen Abendvortrag mit dem Thema „Wolfenbüttel vor der Revolution. Kohäsionskräfte einer Stadtgesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts“. Das 20. Jahrhundert stand dann auch am zweiten Tag der Konferenz im Mittelpunkt. Die zweite Sektion hatte die NS-Zeit zum Gegenstand und begann mit einem Vortrag von Detlef Schmiechen-Ackermann, Direktor des Instituts für Didaktik der Demokratie an der Universität Hannover. Er ging zum einen der Frage nach, ob der Aufstieg und die Machtdurchsetzung der NSDAP in Niedersachsen durch einen „Extremismus der Mitte“ hervorgerufen worden sei.

Zum anderen fragte Schmiechen-Ackermann aber auch, inwieweit gegenwärtig, angesichts weitverbreiteter rechtspopulistischer Strömungen, von einem „Extremismus der Mitte“ gesprochen werden könne. Sein Fazit war, dass die Zuschreibung sowohl für die damalige als auch für die heutige Zeit nicht funktioniere, dass der Begriff der „Mitte“ keine sinnvolle Analysekategorie sei und dass man mit einfachen Erklärungen vorsichtig sein müsse. Insgesamt zeigte Schmiechen-Ackermanns Vortrag, wie gewinnbringend, ja wie zentral eine Verbindung von geschichts- und politikwissenschaftlichen Ansätzen ist. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung praktiziert diese Symbiose von Anfang an.

Anschließend setzte sich Christine Schoenmakers (Hannover) unter verschiedenen Blickwinkeln mit der „Volksgemeinschaft“ als einem von den Nationalsozialisten vertretenen Konzept auseinander, ehe sich die dritte und letzte Sektion der Tagung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg widmete. Der erste Vortrag sollte eigentlich die 68er-Bewegung in Nordwestdeutschland behandeln, fiel jedoch leider aus. Zunächst ging somit Sabine Mecking (Duisburg) auf die Anti-Atomkraftproteste ein, die in den 1970er Jahren im südhessischen Biblis, im schleswig-holsteinischen Brokdorf und im nordrhein-westfälischen Kalkar stattfanden. Sie nahm dabei eine vergleichende Perspektive ein und zeigte anhand verschiedener Parameter die Unterschiede zwischen den drei Protestbewegungen auf, wobei Mecking dabei auch die Reaktionen des Staates, verkörpert durch die Polizei, im Fokus hatte.

Der zweite Vortrag der Sektion fiel etwas aus dem Rahmen, denn Matthias Steinbach (Braunschweig) trat mit dem Anspruch an, er wolle die Zuhörenden „noch ein bisschen unterhalten zum Schluss“ – was ihm auch recht gut gelang. Unter der Überschrift „Die Wende und der Westen – regionale und nationale Perspektiven“ erzählte er einerseits persönliche Erfahrungen – „bayerischer Brezelgeschmack“ sei für ihn „ein Stück deutscher Einheit“ – und andererseits Anekdoten, die er im Rahmen des Projekts „Geteilte Erinnerungen – Grenzerfahrungen zwischen Harz und Heide“ gesammelt hat. Denn das Projekt, in dem Steinbachs Lehrstuhl für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der TU Braunschweig und das Niedersächsische Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel – kooperieren, befasst sich mit der deutschen Einheit „im Kleinen und Alltäglichen[2], was Steinbach in seinem Vortrag sehr lebendig zum Ausdruck brachte.

Die Abschlussdiskussion musste ausfallen, da die Zeit schon fortgeschritten war und kurzfristig für die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer eine Führung durch die Ausstellung „Es lebe die Republik! Die frühen Weimarer Jahre in Wolfenbüttel“ im Schlossmuseum angeboten wurde. Gewiss: Nach zahlreichen sehr anregenden Vorträgen und sich jeweils anschließenden Diskussionen waren die Energien etwas verbraucht; einige Zuhörerinnen und Zuhörer waren zudem bereits abgereist. Nichtsdestotrotz wäre zumindest eine kurze Schlussdebatte wünschenswert gewesen, in der beispielsweise nach Kontinuitäten, nach Brüchen und auch nach Forschungslücken gefragt worden wäre. Auch die von Hans-Ulrich Ludewig aufgeworfenen Fragen, an welchen Kriterien sich eigentlich radikales oder gemäßigtes Verhalten festmachen lasse und in Bezug auf was überhaupt von „radikal“ gesprochen werden könne, hätten hier thematisiert werden können. Insgesamt war es dennoch wieder eine sehr fruchtbare Konferenz in einem sehr schönen Ambiente.

[1] Vgl. Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen: Die Orte der Jahrestagungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen (1910–2018), URL: https://www.historische-kommission.niedersachsen.de/download/77822 [eingesehen am 05.06.2018].

[2] Institut für Geschichtswissenschaft der TU Braunschweig: „Geteilte Erinnerung – Grenzerfahrungen zwischen Harz und Heide“, URL: https://www.ifg-braunschweig.de/prof-dr-matthias-steinbach/geteilte-erinnerungen/ [eingesehen am 05.06.2018].

 

 


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