Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

„Ran an die Quellen“ – Die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Teresa Nentwig |  3. April 2019 |   |  Drucken

[präsentiert]: Teresa Nentwig über die Tagung „Archive und Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ am 27. März 2019 in Darmstadt.

Im Fall der Missbrauchsserie auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde sind kürzlich zwei Fälle von Aktenmanipulation bekannt geworden. So hatte u. a. der Leiter des Hamelner Jugendamtes eine Akte über das Pflegemädchen des Täters nachträglich „geglättet“ und war deswegen freigestellt worden.[1] Von einer Aktenmanipulation anderer Art berichtete Max Mehrick auf der Tagung „Archive und Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, die am 27. März 2019 im Darmstädter Haus der Geschichte stattfand und vom Hessischen Landesarchiv in Kooperation mit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs organisiert wurde. Mehrick, Opfer sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach (kurz OSO), erzählte in einer sehr persönlichen und berührenden Weise von dem Inhalt seiner Schülerakte, die von einem Täter angefertigt worden war. Die Akte zeige eine „gefälschte Biografie“ von ihm, eine „verzerrte Ausdeutung“ seiner Kindheit und Jugend, sie sei ein „Teil der Missbrauchsbeziehung zwischen Opfer und Täter“.

Mehrick plädierte deshalb dafür, bei der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zunächst die Betroffenen anzuhören und erst danach die Akten auszuwerten. Außerdem sprach er sich für ein „Recht auf Vergessen“ aus: Die Betroffenen müssten entscheiden können, was mit ihren Akten geschehe, in denen das „Entwürdigende“ andernfalls auch über ihren Tod hinaus archiviert werde. Mehrick warnte in diesem Zusammenhang davor, dass die gesellschaftliche Stimmung auch wieder umschlagen könne und dann Forschungsprojekte genehmigt würden, die die Täterperspektive guthießen und damit sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern legitimierten.

Diesem Plädoyer für Persönlichkeitsschutz und individuelles Recht, so wurde auf der Tagung immer wieder deutlich, steht das Interesse der Öffentlichkeit und der Forschung entgegen. Man brauche einen Zugang zu den Akten, um organisationale Verfahren und Strukturen aufzudecken. Sie bildeten zudem einen Teil des kollektiven Gedächtnisses, so die Argumentation. Archiven kommt hier die Aufgabe zu, abzuwägen und einen Ausgleich zu schaffen. Dies gilt auch und gerade für den umfangreichen Aktenbestand der OSO, der Anlass der Tagung war. Er ist eine Schenkung des Insolvenzverwalters der OSO an das Hessische Staatsarchiv Darmstadt und umfasst rund 450 laufende Meter Archivgut. Darunter befinden sich z. B. mehr als 5.500 Schüler*innenakten und etwa 45.000 bis 50.000 einzelne Fotoaufnahmen.[2]

Die Zahl der Schüler*innen, die an der OSO sexuellen Missbrauch erlitten, ist größer als bisher angenommen. So haben zwei neue, im Februar 2019 vorgestellte Studien[3] ergeben, dass die Zahl der Opfer im mittleren, möglicherweise gar im hohen dreistelligen Bereich liegt.[4] Heiner Keupp, Mitverfasser einer der beiden Studien über die OSO, stellte auf der Tagung die Ergebnisse seines Forscher*innenteams vor. So berichtete er u. a. von den Netzwerken, die dazu beigetragen haben, dass dieser „Ort der pädagogischen Verwahrlosung und des sexuellen Missbrauchs“ Jahrzehnte bestehen konnte.

Einen Teil ihrer Schüler*innen rekrutierte die OSO über Jugendämter, die den Internatsplatz bezahlten. 1982 machte diese Gruppe ca. zehn Prozent der gesamten Schüler*innenschaft aus.[5] In vielen Schüler*innenakten finde sich Material zur Zusammenarbeit der OSO mit Jugendämtern und anderen Behörden, so der Leiter des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt, Johannes Kistenich-Zerfaß, in seinem Vortrag zum Thema „Der Bestand Odenwaldschule im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt – Erfahrungen mit Nutzung und Forschungsperspektiven“. Er sprach sich dafür aus, diese Strukturen zu untersuchen: „Die Quellen sind da. Ran an die Quellen“, lautete seine Aufforderung.

2016/2017 hat die Verfasserin dieses Beitrags die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie auf die Wichtigkeit aufmerksam gemacht, die Verbindungen Berliner Jugendämter zur OSO aufzuarbeiten, zunächst in ihrer Studie „Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung. Am Beispiel eines ‚Experiments‘ von Helmut Kentler und der ‚Adressenliste zur schwulen, lesbischen & pädophilen Emanzipation‘“,[6] dann in einem der Senatsverwaltung vorgelegten Forschungsantrag. Bereits damals war der Fall des OSO-Schülers Atze bekannt, dessen Leben ein tragisches Ende nahm:

 

„[…] so wurde ein Junge genannt, der ebenfalls vom Berliner Jugendamt an die Odenwaldschule vermittelt worden war. Er war im Schuljahr 1976/1977 kurzfristig in die Familie von Gerold Becker gekommen, nachdem er zuvor bei der Lehrerin Jutta Strippel gewohnt hat und dort vermutlich als untragbar eingestuft worden ist. […] Er besuchte die achte Klasse und blieb nur das eine Jahr. Atze, der vermutlich noch keine vierzehn Jahre alt war, wurde von Becker wegen Alkohol- und Drogenmissbrauch von der Schule verwiesen. Daraufhin gab es gegen Becker eine Art Revolte, die aber nichts bewirkte. Die Lehrerkonferenz hiess Beckers einsamen Beschluss gut, der Junge musste die Schule trotz Fürsprache seiner Kameraden verlassen und starb Jahre später an Leberzirrhose. Geholfen hat ihm niemand.“[7]

 

Becker, langjähriger Leiter der OSO, war der Haupttäter beim sexuellen Missbrauch am Internat. Die Bedeutung der Aufarbeitung wurde von der Senatsverwaltung jedoch nicht anerkannt; das Thema Odenwaldschule findet in einem neuen, von der Universität Hildesheim im Auftrag der Senatsverwaltung durchgeführten Forschungsprojekt dementsprechend keine Berücksichtigung.[8]

Es ist der Verdienst der Tagung, nicht nur Forschungsperspektiven aufgezeigt, sondern auch auf die weiterhin bestehende Notwendigkeit hingewiesen zu haben, den Opfern zuzuhören, die Entschädigungsmöglichkeiten zu verbessern, Beratungsangebote auszubauen und die Prävention voranzutreiben.

Der Tagungsort, Das Haus der Geschichte in Darmstadt. Hier sind u. a. das Hessische Staatsarchiv Darmstadt und das Archiv der Technischen Universität Darmstadt untergebracht.

Heiner Keupp bei seinem Vortrag zum Thema „Ergebnisse der Studie zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Odenwaldschule“.

Die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Sabine Andresen, stellte deren Arbeit vor und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang auch mit dem Begriff „Aufarbeitung“.

Susanne Rappe-Weber, Leiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein, sprach über das dort aufbewahrte Gustav-Wyneken-Archiv.

 

[Dr. Teresa Nentwig] ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Sie forscht u.a. zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Frankreich, zu politischen Skandalen, zur niedersächsischen Landesgeschichte und zu dem umstrittenen Sexualpädagogen Helmut Kentler. Über diesen verfasst sie derzeit ihre Habilitationsschrift.

 

[1] Vgl. Bingener, Reinhard: Sumpf des Behördenversagens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2019.

[2] Vgl. Adler, Lars: Das Archiv der Odenwaldschule. Zur Überlieferung der ambivalenten Geschichte einer über 100-jährigen Reformschule im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt, in: Archivnachrichten aus Hessen, H. 17/2 (2017), S. 37–41, https://landesarchiv.hessen.de/sites/landesarchiv.hessen.de/files/Archivnachrichten%2017_2-2017.pdf [eingesehen am 30.03.2019].

[3] Vgl. Brachmann, Jens: Tatort Odenwaldschule: Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt, Bad Heilbrunn 2019 (im Erscheinen); Keupp, Heiner et al.: Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive, Wiesbaden 2019.

[4] Vgl. Cuntz, Christoph: Alles war noch viel schlimmer, in: Darmstädter Echo, 23.02.2019.

[5] Vgl. Oelkers, Jürgen: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker, Weinheim/Basel 2016, S. 130.

[6] Vgl. Nentwig, Teresa: Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung. Am Beispiel eines „Experiments“ von Helmut Kentler und der „Adressenliste zur schwulen, lesbischen & pädophilen Emanzipation“, Göttingen 2016, S. 148–150, URL: http://www.demokratie-goettingen.de/content/uploads/2016/12/Projektbericht_Kentler_Adressenliste_Online_G%C3%B6ttinger-Demokratieforschung2016-11.pdf [eingesehen am 30.03.2019].

[7] Oelkers: Pädagogik, S. 134.

[8] Vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie: Aufarbeitung – Berliner Jugendhilfe – Kentler. Senatsverwaltung fördert weitere Forschung, Pressemitteilung vom 14.03.2019, URL: https://www.berlin.de/sen/bjf/service/presse/pressearchiv-2019/pressemitteilung.792221.php [eingesehen am 30.03.2019]; Universität Hildesheim: Vorhabenbeschreibung „Aufarbeitung – Jugendhilfe – Kentler“, URL: https://www.uni-hildesheim.de/media/fb1/sozialpaedagogik/Forschung/Aufarbeitung_-Jugendhilfe_Berlin-_Kentler/Vorhabenbeschreibung_Aufarbeitung_Jugendhilfe_Berlin_Kentler.pdf [eingesehen am 30.03.2019].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ältere Einträge |  Neuere Einträge