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Planspiele als Methode

Nina Hölscher und Yvonne Wypchol |  24. April 2013 |   |  Drucken

[präsentiert]: Nina Hölscher und Yvonne Wypchol berichten vom 3. Tutzinger Didaktikforum.

 Welche Rolle können und sollten Planspiele im Schulalltag spielen? Diesen Fragen widmete sich das diesjährige 3. Didaktikforum in Tutzingen, auf dem politische Bildner, Lehrkräfte und Wissenschaftler die Anwendung der Methode insbesondere im schulischen Kontext diskutierten. Besonders ein Dilemma wurde dabei deutlich: Obwohl große Einigkeit über die positiven Lerneffekte der Methode herrscht, scheint sie für den Schulalltag kaum praktikabel zu sein. Der zeitliche Rahmen von Planspielen ist einer der wichtigsten Faktoren bei der Entscheidung von Lehrkräften, ob und inwieweit sie diese Methode einsetzen können bzw. wollen.

Bei der Planspielmethode handelt es sich um eine so genannte Großmethode, welche zunächst vor allem in der außerschulischen politischen Bildung entwickelt wurde und hier auch traditionell eher eingesetzt wird. Seit geraumer Zeit findet diese Lernform jedoch auch in Schulen stärkeren Anklang. Allerdings erfordert ein Planspiel als Großmethode tendenziell einen deutlich höheren Zeitaufwand als es die „normale“ Schulstunde zumeist erlaubt. Durch die inhaltliche und organisatorische Komplexität, die die Methode je nach Konzeption des einzusetzenden Planspiels mit sich bringt, ergeben sich zahlreiche Herausforderungen für den Einsatz im Schulalltag, wovon bei den Lehrkräften insbesondere das zeitliche Moment die größten Sorgen hervorzurufen scheint. Dennoch bekräftigten Lehrkräfte während der Tagung, dass sie die Methode im Unterricht gerne einsetzen wollen. Gerade hier zeigt sich schließlich das oben genannte Dilemma der Methode für den Einsatz im Schulalltag – und es offenbart sich eine Fortbildungslücke: Unterrichtsorientierte Methoden, die schnell anwendbar sind (in 1-3 Unterrichtsstunden), den Aspekt der Handlungsorientierung beinhalten und die zugleich ein konkretes Lernziel formulieren, werden von Lehrkräften gewünscht und gesucht, allerdings kaum gefunden. Um dieser Problematik entgegenzuwirken, scheint es sinnvoll, dass außerschulische politische Bildung in die Schulen hineingetragen wird – wie es im Forschungsprojekt Göttinger Kinderdemokratie der Fall ist. Auf diese Weise werden die Vor- und Nachbereitung wie auch die Durchführung „extern“ geregelt und Lehrkräfte entlastet.

Aufgrund der Spielmechanik von Planspielen und der damit einhergehenden Komplexität wird beispielsweise von der Bundeszentrale für politische Bildung die Empfehlung herausgegeben, mindestens acht Stunden, davon fünf Spielstunden und drei Stunden für die Vor- und Nachbereitung, einzuplanen. Diese Empfehlung und ein Großteil der selbst durchzuführenden Planspielmodelle decken sich somit zunächst kaum mit den Wünschen der Lehrkräfte und wirft für die praktische Durchführung in der Schule durchaus Schwierigkeiten auf.

Insbesondere Prof. Dr. Stefan Rappenglück (Hochschule für angewandte Wissenschaft, München) und Prof. Dr. Thomas Eberle (Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen, Lehrstuhl für Schulpädagogik) übernahmen auf der Tagung die wissenschaftliche Einbettung der Planspielmethode: Sie präsentierten die Merkmale und Vorteile der Lernmethode Planspiel  wie auch die Aspekte einer (gelungenen) Reflexion von durchgeführten Planspielen und hoben dabei hervor, dass der Kern der Planspielmethode vor allem aus der Entscheidungsfindung und dem Umgang mit Interessensgegensätzen besteht. Idealerweise sind diese Elemente grundsätzlich in einem Planspiel angelegt, wobei die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die Spielmechanik aufgefordert werden, zu handeln. Die damit zusammenhängende Handlungsorientierung entspricht dabei einem erweiterten Lernbegriff. Im Mittelpunkt der Lernzielformulierung steht dann die Annahme, dass politische Prozesse simuliert und so besser verinnerlicht werden sollen, als dies durch rein kognitive Wissensaneignung möglich ist. Diese eigene Handlungsweise  erfolgt mittels der Übernahme einer bestimmten Position zu einem politischen oder gesellschaftlichen Problem während des Planspiels – wobei das Ergebnis offen ist und im Gestaltungsspielraum der Teilnehmerinnen und Teilnehmer liegt. Die positiven Effekte der Planspielmethode – sei es aus Sicht der Wissenschaft oder der Lehrkräfte – sind also durchaus klar, nur die Realisierung führt (weiterhin) zu zeitlichen Problemen. Auch ist es schwierig, nach der Planspieldurchführung nachzuweisen, welche Kompetenzen Planspielteilnehmerinnen und Planspielteilnehmer tatsächlich erlernt haben – hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

Darüber hinaus zeigt sich, dass diese Methode vor allem an Gymnasien durchgeführt wird und die meisten Planspiele an diese Zielgruppe gerichtet sind. Wenn es nach den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung geht, sollte aber der Bereich der sogenannten „Bildungs- und Politikfernen“ als Adressaten stärker in Betracht gezogen werden. Dasselbe gilt für den Grundschulbereich, in welchem die Göttinger Kinderdemokratie bereits konkret ansetzt.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Planspielmethode insbesondere durch die Handlungsorientierung und intensive Beschäftigung mit einem spezifischen Thema (z.B. Straßenbau in der Kommunalpolitik, Europarat) für den Lernzuwachs bei Schülerinnen und Schülern vergleichsweise gewinnbringend sein kann. Durch das eigenständige Erleben eröffnet sich für den Schulalltag die Möglichkeit, aus klassischen Lernformen, beispielsweise frontaler Wissensvermittlung, auszubrechen, Handlungsweisen konkret einzuüben und durch das tatsächliche Erfahren der Aushandlungsprozesse und Entscheidungsfindung die emotionale Lernerfahrung zu stärken. Dadurch bietet sich die Planspielmethode insbesondere in der politischen Bildung – beispielsweise im Kontext der gerade in jüngster Zeit wiedererstarkten Diskussion und Forderung nach Partizipation [1] – an, um zum einen politische Prozesse verständlich zu machen und zum anderen politisches Handeln einzuüben: Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen aktiv werden, miteinander reden und diskutieren, um „im Spiel vorwärts“ zu kommen und spezifische Probleme zu bewältigen. Gleichzeitig erfordert dieser inhaltliche Anspruch jedoch zumeist einen, im Vergleich zu „kleineren“ Methoden, komplexeren Ablauf und damit auch größeren zeitlichen Aufwand für die Durchführung – eine Weiterentwicklung hierbei steht noch aus.

Nina Hölscher und Yvonne Wypchol arbeiten am Göttinger Institut für Demokratieforschug. Sie beschäftigen sich dort insbesondere mit der „Kinderdemokratie„.



[1] Vgl. hierzu die Ausgabe „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 12.11.2012, insbesondere der Text von Klatt, Johanna: Partizipation: Ein erstrebenswertes Ziel politischer Bildung?, S. 3-9.


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