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„Der Schmerz selber gibt ihnen ihre größten Augenblicke…“

Felix Butzlaff |  14. Januar 2014 |   |  Drucken

[präsentiert]: Felix Butzlaff über „Klettern für Freiheit“ von Bernadette McDonald.

Die Felder, auf denen sich gesellschaftliche Wandlungsprozesse, sich langsam verschiebende Mentalitäten und neue Sichtweisen von Zukunft und dem eigenen Leben beobachten lassen, sind vielfältig. Auch anhand der Geschichte des Bergsteigens etwa lassen sich gesellschaftliche Vorstellungen und Individualisierungsschübe nachvollziehen: von den großen, zu Ruhm und Ehre des erobernden Nationalstaates militärisch organisierten Expeditionen der 1930er bis 1960er Jahre hin zu immer kleineren Teams oder gar Einzelunternehmungen, die nur noch durch die ganz individuelle Idee der Teilnehmer motiviert und zusammengehalten wurden. Dass osteuropäische Bergsteiger und Kletterer dabei oftmals in einer etwas anderen Liga spielen, scheint fast eine Binsenweisheit zu sein. Viele der härtesten und vor allem riskantesten Wände, Berge und Winterbesteigungen wurden jedenfalls von Alpinisten aus dem ehemaligen Ostblock durchgeführt.

Bernadette McDonald, kanadische Kulturwissenschaftlerin und Schriftstellerin, ist in einer Art Kollektivbiographie polnischer Bergsteiger der Frage nachgegangen, warum diese eigentlich zu bestimmten Zeiten so viel ausdauernder, härter, Risiko-affiner zu sein schienen als sämtliche West-Himalaya-Besucher. Denn die 1980er Jahre waren bergsteigerisch geprägt von einer Reihe polnischer Unternehmungen, die vieles Vorherige in den Schatten stellten und zum Teil zum Schwierigsten und Riskantesten gehörten, was bis dato (und zum Teil bis heute) an den asiatischen Bergen geklettert worden war. Im Zentrum von McDonalds Erkenntnisinteresse stehen dabei Werdegang, Hintergrund, Prägung und Erfahrung der Bergsteiger. Und  Jurek Kukuczka, Voytek Kurtyka, Wanda Rutkiewicz, Krysztof Wielicki und Artur Hajzer bilden mit ihren Lebensgeschichten das Rückgrat dieses Buches. Drei von ihnen leben heute nicht mehr – das bildet eine Art zweiten roten Faden: dass ständig Partner und Seilgefährten nicht mehr zurückkommen; dass augenscheinlich die Herangehensweise der Polen eine „Ausfallquote“ zeitigte, die ebenfalls ihresgleichen sucht.

Zwei Arten von Einblicken der Geschichten machen das Buch dabei wertvoll: Zum Einen ist es eine Sammlung von Berichten über Erstbesteigungen und gewaltigen Bergtouren, die es in deutscher Sprache bis dato nicht gab – dass Kukuczka der zweite Mensch auf allen vierzehn Achttausendern war, wissen vielleicht einige, aber die etwas detaillierteren Erzählungen seiner Bergtouren waren oftmals kaum bekannt. Allein die Seiten über seine Doppel-Winter-Erstbesteigung von Dhaulagiri und Cho Oyu innerhalb von drei Wochen im Jahre 1985 lassen nur ganz vorsichtig erahnen, wie viel stoische Leidensfähigkeit, Ausdauer und Schmerztoleranz die Grundvoraussetzungen seiner bergsteigerischen Karriere bildeten.

Viel spannender sind darüber hinaus aber die Kapitel, in denen es McDonald um die dahinter liegende Kraft geht. Woraus zogen und ziehen polnische Bergsteiger, die unter ungeheuer komplizierten Umständen, mit schlechter Ausrüstung und großen Entbehrungen ab den 1970er Jahren und verstärkt in den 1980ern in die großen Gebirge der Welt reisen konnten, ihre Kraft und ihren Durchhaltewillen? Das Aufwachsen unter realsozialistischen Mangelbedingungen in den südpolnischen Kohlerevieren war etwa bei allen betrachteten Alpinisten eine Gemeinsamkeit, die das Klettern und Bergsteigen zu einer greifbaren Ausbruchsmöglichkeit werden ließ. Dass man nie so richtig Zukunfts- oder Karrierepläne schmiedete, mit denen dann lange Bergtouren in Konflikt kommen konnten, kam dazu: „Wir machten das nicht zu Zeiten des Kommunismus. Wir lebten einfach.“ McDonald fragt aber auch nach den polnischen Mythen und den kollektiven Selbstbildern eines Landes, das in ständigem Kampf zwischen übergroßen Nachbarn niemals aufgeben wollte und durfte.

Zusätzlich ist bei einigen der Charaktere die sehr starke Verwurzelung in einer Art Volkskatholizismus auffällig, die im Ergebnis die Präsenz einer göttlichen Beschützerfigur stark unterstrich, welche das Risiko vertretbar erscheinen ließ, das man einging. Und so kann man vielleicht nicht in letzter Konsequenz jeden individuellen Beweggrund zum Leiden und Riskieren nachvollziehen, aber McDonalds Buch unterstreicht doch eindrücklich, warum eben für einen polnischen Bergsteiger die Gelegenheiten, ins Ausland oder gar den Himalaya zu gelangen, mit einem ganz anderen Erfolgsdruck versehen waren, als das etwa bei einer Exkursion des österreichischen Alpenvereins oder anderer westlicher Bergsteiger der Fall war. Man drehte nicht einfach um, nur weil es schwierig oder gefährlich wurde.

Ein weiterer sehr interessanter Punkt ist der Wandel des Kletterstils auch bei den Polen. Während bis in die 1970er Jahre die großen Expeditionen dominierten, getragen vom nationalen Alpenverein zum Glanz des Regimes, bewegten sich die Akteure zunehmend selbstbewusster und in kleineren Gruppen durch die Bergwelt. Analog zum Bergsteigen im Westen, vor allem aber auch zu den westlichen Gesellschaften, setzten sich stärker individualistisch grundierte Ideen und Ideale durch. Am Ende kletterten Kurtyka, Wielecki, Kukuczka und Co. in immer kleineren Teams im Alpinstil[1], jetzt argwöhnisch beäugt von den polnischen Funktionären, denen diese Fokussierung auf den einzelnen Berghelden im Vergleich zum nationalen Kollektivbergsteigen langsam unheimlich wurde. Die Alpinisten fungierten so als Vorhut und Ausbruch aus dem sowjetischen Kollektiv, dem die polnische Gesellschaft bald mit Macht hinterherdrängen sollte.

Insgesamt ist das Buch mit dem deutschen Titel „Klettern für Freiheit“ (im englischen Original „Freedom Climbers“, übersetzt von Robert Steiner) eine überaus interessante und lesenswerte, mit vielen Bildern illustrierte Sammlung und Verwebung von Lebensläufen. Auch die Entwicklung von der den polnischen Diskurs anfangs beherrschenden Frage „Was können wir als Polen nun noch Beeindruckendes erstbegehen?“ , also der Betonung des nationalen Charakters der Unternehmungen, hin zu nur noch individuell begründeten Zielen und Hoffnungen, unterstreicht sehr plastisch den Wandel von Einstellungen. Natürlich liegen immer noch haufenweise individuelle Unterschiede zwischen den einzelnen Charakteren – wie etwa die Schilderungen der Seilschaft aus dem intellektuellen Träumer Kurtyka und dem als etwas schlicht beschriebenen Kukuczka den Leser schmunzeln lassen. Das Buch liefert also das Zeitporträt einer Generation, die Beeindruckendes geschaffen hat – wenngleich ihr Resümee auch aus alpinistischer Sicht gemischt bleiben muss: Nicht nur innerhalb der betrachteten Generation insgesamt ist die Zahl der Unfälle und Verstorbenen unerträglich hoch. Auch an der kleinen Gruppe der hier im Zentrum stehenden Fünf wird dies deutlich: Rutkiewicz, Kukuczka und Hajzer haben den feinen Grat zwischen hohem und zu hohem Risiko irgendwann nicht mehr unterscheiden können. Und dies bleibt denn doch am Ende der Maßstab eines erfolgreichen Bergsteigerlebens.

Felix Butzlaff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

Rezension zu:

Bernadette McDonald, Robert Steiner: Klettern für Freiheit. Zürich 2013.



[1] Mit „Alpinstil“ wird ein Kletterstil bezeichnet, bei dem – analog zum Bergsteigen in den Alpen – ohne fest installierte Lagerketten und ohne Absicherung durch große Mannschaften in einer nur kleinen Gruppe, mit Zelt und Proviant im Rucksack, geklettert wird, man dabei abends ein Biwak aufschlägt und am nächsten Morgen weitersteigt. Schwierigkeit und Ausgesetztheit sind dabei gesteigert, weil man alles Notwendige mittragen muss und in Auf- und Abstieg mit viel weniger Material und Absicherung auskommen muss, als wenn in einem permanenten Auf- und Absteigen zunächst eine Seilversicherung den ganzen Berg herauf angebracht wird, die dann auch einen sicheren Rückweg erleichtert.


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