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Postmaterielles Sowohl-als-auch-vielleicht

Katharina Rahlf |  25. August 2010 |   |  Drucken

[analysiert]: Katharina Rahlf analysiert für den Blog das wichtigste Charakteristikum der Postmaterialisten.

Irgendwie ist es ein bisschen paradox: Die Angehörigen des postmaterialistischen Milieus sind am prägnantesten zu charakterisieren durch ihre Unbestimmtheit. Wenn sie in etwas entschieden sind – dann in ihrer Unentschiedenheit. Höchst selten tun die Postmaterialisten – im Sinus-Modell das individualistisch-liberale, umweltbewusste Milieu und die Kernanhängerschaft der Grünen – ein klares „Dafür“ oder „Dagegen“ kund. Und das nicht etwa aus Desinteresse oder Gleichgültigkeit, sondern als Resultat tiefen Haderns mit den Möglichkeiten. Denn stets gibt es ja Gründe, die doch in eine andere Richtung weisen, fällt ihnen doch noch ein widersprüchliches Argument ein; schließlich wissen sie, dass es immer mehrere Perspektiven gibt und kaum je etwas „vollkommen klar“ ist. Und genau dieses Wissen – eigentlich das größte Gut dieser hochgebildeten, meist akademischen Gruppierung – ist gleichzeitig die größte Hürde, die sich ihnen stellt.

Schließlich kann umfangreiches Wissen höchst unbequem sein, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Denn die Kenntnis über Vor- und Nachteile jeder dann nicht-gewählten Alternative löst kognitive Dissonanz aus – ein höchst unangenehmer Zustand. Gemeinhin, so erklärt es die Sozialpsychologie, wird man deshalb im Nachhinein versuchen, sich die getroffene Wahl schönzureden. Da die Postmateriellen aber – als die eifrigsten Leser, auch die aktivsten Internet-Nutzer – nicht nur mit Informationen geradezu überversorgt sind, sondern auch noch meist über genau diese trickreichen psychologischen Strategien Bescheid wissen, funktioniert auch dieser Selbstbetrug bei ihnen nicht. Um Komplexität zu reduzieren, wie es so schön heißt, müssten sie dann ja im wahrsten Sinne des Wortes wider besseres Wissen handeln – und das widerstrebt ihnen zutiefst.

Diesen Postmateriellen scheint fast nichts mehr sicher – und das unterscheidet sie von den trendsetterischen, weniger grüblerischen „LoHaS“ (kurz für „Lifestyle of Health and Systainability“), in gewisser Weise auch von den stil- und selbstsicheren „BoBos“ (den „bourgeoisen Bohemians“), erst recht von den „Klassischen Ökos“ mit ihrer klaren „Gut-vs.-Böse“-Weltsicht. Alte Wahrheiten lösen sich allmählich in neue Unsicherheiten aus. „Atomkraft“, dagegen ist man nach wir vor noch ziemlich entschieden; „Krieg“, hier sieht die Sache schon anders aus, militärische Einsätze können durchaus gerechtfertigt sein; „Bio“, gerade hier, wo man doch eigentlich die Bastion der Postmateriellen vermutet, ist man mittlerweile völlig verunsichert, der „konventionelle“ Apfel vom Hof nebenan ist vielleicht, oh Schreck, seinem Bio-Pendant aus Südamerika vorzuziehen, wenn man Transportwege, CO2-Bilanz etc. berücksichtigt.

Um an all diesen Zweifeln nicht zu verzweifeln, haben sie aus der Not eine Tugend gemacht, haben das sorgsame Abwägen, das ständige Hinterfragen kultiviert, ja perfektioniert. Immer noch ein weiteres Argument, das alles in Frage stellt, ein neuer Aspekt, der einen neuen Blickwinkel eröffnet – darin sind die Postmateriellen wahre Meister. Stundenlang diskutieren, alles auseinanderpflücken, Gedankengänge hin-und-her-und-wieder-zurückwinden – das können sie nicht nur gut, das tun sie offensichtlich, bei aller Selbstqual, die es ihnen manchmal bereitet, auch noch ganz gerne. Am liebsten mit „Gleichgesinnten“. Mit Gesprächspartnern, die diesen Drang nach sprachlicher Auseinandersetzung verstehen und teilen, ein Problem von allen nur denkbaren Seiten auseinanderzuklamüsern, bereitet ihnen Vergnügen, befriedigt ihr Reflexionsbedürfnis. Und so ist der ausführliche verbale Diskurs, einfacher: dieses „Sowohl-als-auch-vielleicht“, zu einer, vielleicht zu der milieuspezifischen Verhaltensnorm avanciert.

Das hat natürlich sein Gutes: Diese unermüdlichen Kopfzerbrecher sind einigermaßen sicher gefeit vor vorschnellen Urteilen und gedanklichen Schnellschüssen. Sie lassen sich nur schwer von halbgaren Ideen beeindrucken und noch viel weniger zu übereifrigem Aktionismus hinreißen; solche Skeptiker sind bis zu einem gewissen Grad ebenfalls gewappnet vor unliebsamen Überraschungen; auch ist kritisches Denken sicher nicht der schlechteste Schutz vor etwaigen Totalitarismen – vermeintliche Autoritäten müssen sich enorm anstrengen und überzeugende Argumente einfallen lassen, um bei den Postmateriellen Gehör zu finden.

Andererseits – um dieses „Sowohl-als-auch“ gleich einmal anzuwenden – ist diese Grübelei nicht unproblematisch. Die „ewigen Bedenkenträger“ tun sich schwer, überhaupt je einmal zur einer Entscheidung zu finden, Probleme werden eher vertagt als gelöst. Vor allem, wenn das Debattieren sich verselbstständigt, keinem Zweck und Ziel mehr folgt, kann das bei drängenden Fragen verheerende Folgen haben. Schwammigkeit, auch eine gewisse Beliebigkeit sind weitere Folgen des „Vielleicht-vielleicht-auch-nicht“. Vor allem aber – und das ist aus gesellschaftspolitischer Sicht vertrackt – mag auch diese milieuinterne Norm nach innen zwar höchst integrativ sein, nach außen aber wirkt sie äußerst exklusiv. Nicht nur, dass weniger Sinnierfreudige angesichts ausufernder Diskussionen irgendwann genervt die Flucht ergreifen. Weniger Informierte, niedriger Gebildete, sprich: die „unteren“ sozialen Schichten sind oftmals schlicht nicht in der Lage, diesen häufig schwierigen Erörterungen zu folgen, gar daran teilzunehmen; geschwiege denn, dass sie die ungeschriebenen milieuspezifischen Diskursregeln beherrschen oder auch nur dasselbe Vokabular verwenden. Zu schierem Unverständnis kann sich dann – da man mit diesen besser Wissenden offensichtlich nicht mithalten kann – rasch ein Gefühl der Unterlegenheit und Bevormundung gesellen, das wiederum in Reaktanz, in offene Ablehnung mündet.

Insofern verwundert es nicht, dass die Grünen, die politische Repräsentanz dieser Postmateriellen – die gerade in den unteren parteilichen Ebenen eben diesen Kommunikationsstil pflegen –, sich so schwertun, in anderen, vor allem den soziodemographisch niedrigeren Milieus, Fuß zu fassen. Genuin politische Ansichten erklären vermutlich nur einen kleinen Teil dieser grünen Milieukonzentration; mindestens genauso wirksam sind sicherlich Kommunikationskonventionen und Sprachbarrieren. Mit anderen Worten: Die Postmateriellen verfügen mit ihrer Grübel-Ethik einerseits über eine unbestreitbare Tugend und ein einigendes Band, andererseits werden sie dadurch handlungsunfähig und schotten sich von ihrer Umwelt ab.

Sowohl-als-auch eben.

Katharina Rahlf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Diesseits von Versäulung, Lagern und sozialmoralischen Milieus“.


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