Postdemokratisches Schweigen

David Bebnowski |  3. April 2012 |  2 Leserbriefe |  Senden  |  Drucken

[analysiert]: Die politische Apathie der Endzwanziger in Deutschland.

Während die junge Generation in anderen Staaten Europas während der vergangenen zwei Jahre zornig gegen die etablierte Politik auf die Straße zog, übt sich ihr deutsches Pendant bis heute in bedächtiger Zurückhaltung. Hierzulande, so scheint es, führt man anstelle selbst etwas zu unternehmen erwartungsvolle Debatten über einen Bundespräsidenten, der die drängenden Probleme der Prekarität kaum adäquat behandeln wird. Insbesondere die in den 1980er Jahren Geborenen, zu denen auch der Autor gehört, bleiben merkwürdig still. Dabei gehört diese Generation schon aufgrund ihres Alters notgedrungen zu den Mitgestaltern des 21. Jahrhunderts. Grund genug für einen Erklärungsversuch.

Vorweg: In einer Generationsbeschreibung werden nie alle Stimmungen, Meinungen und Handlungsweisen einer Alterskohorte berücksichtigt werden können. Unter dem Label der Generation beschreibt man meistens meinungsstarke Kleingruppen, weshalb Generationen fast immer (bildungs)bürgerlich wirken: Da Menschen aus unteren sozialen Klassen kaum mit emphatischen Plädoyers und geschwungenen Pamphleten an die Öffentlichkeit treten, bleiben sie dieser Vorauswahl zufolge unsichtbar und werden weder als politisch Handelnde noch als Generation wahrgenommen. Darüber hinaus ist es als Teil der Folklore um die 68er inzwischen zum Allgemeinplatz geworden, dass Generationen früher politischer aufgetreten seien und gehandelt hätten.

In Spanien sind es nun auch gerade die gut qualifizierten Prekarisierten, die es in der Bewegung des 15. Mai auf die Straße zieht, gleiches gilt für die in den vergangenen 13 Jahren eher apathischen USA bei Occupy Wall Street. Dass sich in Deutschland nur wenig zu regen scheint, erklärt sich zu einem guten Teil daraus, dass die Arbeitsbedingungen gerade unter Hochgebildeten keinesfalls so düster sind wie etwa in Spanien, das von einer 40-prozentigen Jugendarbeitslosigkeit gebeutelt wird. Aber auch hierzulande sind Gleichaltrige von Prekarisierung betroffen und das Mantra der politischen Alternativlosigkeit durchwirkt die deutsche Politik nicht weniger als die anderer EU-Staaten. Nur: Dort wirkte dies protestauslösend.

Einige mögliche Antworten auf das Schweigen ihrer Generation verspricht die 29-jährige Autorin Nina Pauer in ihrem Generationenbuch „Wir haben keine Angst!“.[1] Sie verortet die Generation irgendwo zwischen der perfektionistischen Karrierefrau Anna und dem sympathischen Slacker Bastian. Ihre Psychotherapie-Sitzungen, in denen sie von ihren durch Politik, Liebe und Beruf ausgelösten Ängsten berichten, bilden das Grundmotiv des Buchs.

Gleichaltrige werden sich in den einfühlsam geschriebenen Porträts wiederfinden können, zum Beispiel wenn der Zwang zur Selbstverwirklichung zur Qual gerät: Wo man sich fortwährend entscheiden muss, ist man immer auch von falschen Entscheidungen bedroht. Pauer erblickt so, wie auch Autorinnen anderer Generatiographien[2] vor ihr,[3] in der Erwerbskarriere eine Überforderung, weil diese von den eigenen, eben nicht zwingend richtigen Entscheidungen abhängt. Hieraus resultieren sowohl übertriebener Perfektionismus (Anna) als auch totale Antriebslosigkeit (Bastian). Zu psychosomatischen Krankheiten tritt schließlich Schlaflosigkeit hinzu. Linderung verschafft den Figuren dann die Flucht in die so augenfällige ironische Grundhaltung dieser Generation oder der Rückzug in die Geborgenheit der Kindheit: Beim Einschlafen helfen nur noch Bibi-Blocksberg-Kassetten.

Pauer lässt die Protagonisten schließlich ihren Therapeuten fragen, ob er nicht an ihrer Generation verzweifelt. Allerdings erfährt der Leser nicht, ob dieser wirklich einen Ausweg aus ihrer Quarterlife-Crisis kennt. Gerade dieses Motiv ist schlau gewählt: Die psychologische Selbstführung gilt laut der Historikerin Sabine Maasen als ein „ko-konstitutives Element[4] des Strukturwandels der 70er Jahre. Durch Selbsttechniken wie die Psychotherapie und andere Rückzugsmöglichkeiten in die Innerlichkeit wurden Möglichkeiten geschaffen, sich in den unsicheren Zeiten einzurichten. Durch Nina Pauers Buch zieht sich jedoch die Ahnung, dass diese Option der Problembewältigung für ihre Generation unwirksam geworden sein könnte.

Allerdings bleibt das Buch einen Ausweg aus dem Dilemma, der eben auch ein politischer Handlungsaufruf sein könnte, schuldig. Dies wird von Pauer auf die Angst vor dem politischen Statement zurückgeführt. Politische Äußerungen stehen unter Peinlichkeitsverdacht – anstatt sich mit etwas zu identifizieren, könnten politische Überzeugungen sich deshalb nur in der Ablehnung von Standpunkten äußern (S. 175 f.).

Tatsächlich dürfte es aber weniger die Peinlichkeit als die Zaghaftigkeit sein, die Grund für die politische Stille dieser Generation ist. Sie ist das Symptom der Endzwanziger. Sie resultiert sicher zum einen aus der privaten und beruflichen Unsicherheit, zum anderen ist sie jedoch ebenso Ergebnis einer besonderen politischen Prägung. Die Endzwanziger sind die erste Generation, die in den 90er und 2000er Jahren, in einem Klima politischer Utopielosigkeit aufwuchs. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR gilt der Markt auch in der Politik mehr und mehr als alternativloser Mechanismus, um das Zusammenleben der Menschen zu organisieren. Tatsächlich ist das politische Handeln seitdem stärker als jemals zuvor ein ökonomisches geworden.

In Deutschland zeigt sich dies beispielsweise deutlich im Rückgang der sozialen – verstanden als nicht an ökonomischen Erwartungen ausgerichtete – Elemente im politischen Handeln der Parteien. Beide einst dem linken Lager verpflichtete Parteien, die SPD und die Grünen, veränderten ihren Charakter. Die SPD vollzog einen Rechtsschwenk, welcher  der FDP wiederum heutzutage dazu dient, der CDU eine Sozialdemokratisierung zu attestieren. Die Grünen träumen nun ganz offen von einer Koalition mit der CDU. Inhaltlich verdeutlichen besonders die gemeinsamen Sozialreformen, dass sich das Verhältnis von Bürgern und Sozialstaat ökonomisiert hat. Anders als zuvor, als der Staat seine Bürger gegen den Schadensfall absicherte, müssen nun die Menschen durch vorausschauendes ökonomisches Handeln (Riester-Rente, Hartz-Gesetze) Sorge für sich selbst tragen, um Schaden vom Gemeinwesen abzuwenden.[5]

Auch im politischen Handeln außerhalb der Parteien, auf Seiten der Bürger, setzte sich die Ökonomisierung durch. Dies kann vor allem am Beispiel der jungen Generation beobachtet werden: Politischer Aktivismus erfordert erstens keine Mitgliedschaft oder Organisation mehr. Heute wird man punktuell und kurzfristig aktiv. Zweitens (und viel weiter verbreitet) beteiligt man sich aus moralisch (und ökonomisch) erhöhter Position an bewusstem und verantwortungsvollem Konsum. Man kauft Fair-Trade-Kaffee, veranstaltet buy-cotts oder ihr Gegenteil, carrot-mobs, um zu zeigen, dass ein Produkt besonders unterstützenswert ist. Politische Statements werden hierdurch an den Markt übertragen. Unabhängig davon, ob dies tatsächlich Veränderungen oder ein spezifisches Problembewusstsein schafft, ist ein solches Vorgehen in erster Linie aber nicht politisch, sondern eben ethisch-ökonomisch.

Entsprechend kann die politische Apathie der heute ungefähr 30-Jährigen als Resultat dieser Veränderungen betrachtet werden, wodurch die Kinder der 80er Jahre geradezu zum Sinnbild der Postdemokratie werden: Eines Zustandes, in dem sich die politische Entscheidungsfindung von den Bürgern abgekoppelt und in ein Konglomerat aus wirtschaftlichen und politischen Eliten verlagert hat. Die demokratischen Mechanismen sind intakt, ihnen fehlt jedoch der Unterbau, da sich die Bürger verdrossen aus dem politischen Leben und seinen Organisationen zurückziehen.[6] Die marktkonforme Demokratie Angela Merkels ist keine ferne U- sondern eine ziemlich gegenwärtige Dystopie.

Unsere Endzwanziger verharren währenddessen zaudernd auf der Schwelle zwischen Studium und Beruf, zwischen Jugend und Erwachsenenleben. Dabei werden der abgezockte, naseweise Rückzug in die Ironie und das Beharren auf dem Ablehnungsprinzip in einer Verschärfung der eigenen politischen Problemlagen münden. Niemand außer ihnen selbst wird die politischen Aufgaben für die Endzwanziger übernehmen. Aber: Um politisch einflussreich und handlungsfähig zu werden, müssten sie gleichzeitig ihre Angst überwinden und dabei zusätzlich das Denken politischer Alternativen ebenso neu erlernen wie das Vermögen zu schlagkräftiger Opposition. Jedes für sich ist bereits eine schwere Aufgabe. Alle drei Herausforderungen zusammengenommen, ist es umso unwahrscheinlicher, dass die Kinder der 80er noch als stürmisch-drängende politische Generation in Erscheinung treten. Die Hoffnung ruht eher auf den jüngeren Jahrgängen, denjenigen, für die der Arabische Frühling und Acta-Proteste wichtiger sind als der 11. September und Hartz IV.

Allerdings folgt die Zukunft glücklicherweise fast nie den Prognosen der Sozialwissenschaft. Auch die heute so viel beschworenen 68er galten zunächst als unpolitische Generation. Aber sie politisierten sich angesichts einer als autokratisch wahrgenommenen Politikerelite, die das demokratische Begehren dieser Generation unterlief. Als Symbol dieses Unmuts boten sich die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger und deren Forderung nach Notstandsgesetzen geradezu an. Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, scheint augenblicklich die Schuldenkrise Europas eine Konstellation herbeizuführen, die Tendenzen zum autokratischen Durchregieren provoziert. Kombiniert mit der realistischen Aussicht auf eine Große Koalition auf Bundesebene könnten die Dinge vielleicht doch eine überraschende Entwicklung nehmen – es würde dann auch auf die Endzwanziger ankommen – und es dürfte dabei durchaus mehr Marx und weniger Merkel im Spiel sein.

David Bebnowski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er hat das Buch “Generation und Geltung” veröffentlicht.



[1] Nina Pauer: Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation, Frankfurt a. M.: Fischer 2011.

[2] Björn Bohnenkamp: Doing Generation. Zur Inszenierung von generationeller Gemeinschaft in deutschen Schriftmedien, Bielefeld: transcript 2012.

[3] Elena Senft: Plötzlich ist später jetzt. Vom Erwachsenwerden und nicht wollen, München: Knaur 2009 und Florentine Fritzen: Plus Minus 30 …oder die Suche nach dem perfekten Leben, Düsseldorf: Artemis & Winkler 2009.

[4] Sabine Maasen: Das beratene Selbst: Zur Genealogie der Therapeutisierung in den ‚langen’ Siebzigern, im gleichnamigen Buch. Dies. et. al. (Hg.), Bielefeld: transcript 2012, S. 7-34, hier: S. 25.

[5] Stephan Lessenich: Die Neuerfindung des Sozialen, Bielefeld: transcript 2008.

[6] Colin Crouch: Postdemokratie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008.


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2 Leserbriefe

  • Apr 9th 201210:04
    by Nils C. Kumkar

    Ohne Frage richtig und unterstützenswert ist das Ansinnen, die übliche Frage zu verschieben: Weg von „warum gehen die Jugendlichen in Griechenland und den USA auf die Straße?“, hin zu: warum tun sie das eigentlich erst jetzt, und warum hier nicht? Sicherlich kommt bei der Beantwortung dieser Frage auch der Analyse eventueller Generationszusammenhänge eine wichtige Rolle zu, dabei leistet der Text sich aber zwei miteinander verschaltete Unschärfen, die einer Beantwortung der Frage eher hinderlich denn dienlich sind.
    Da wäre zunächst die Frage nach den einzelnen Generationseinheiten: denn die eingangs erwähnte Differenzierung zwischen der hörbaren, weil mit dem nötigen kulturellen Kapital ausgestatteten, bildungsbürgerlichen Fraktion und dem „Rest“ ist zwar nötig, aber immernoch eine für weitere Untersuchungen eher hinderliche Vereinfachung. Schließlich sind auch diese Gruppen eventuell von unterschiedlichen Interessenlagen und Deutungsmustern geprägt, die unter Umständen „quer“ verlaufende Allianzen erzeugen: So waren die großen Proteste gegen den CPE in Frankreich 2005 zwar wesentlich von Studenten getragen – die an den Grands Écoles eingeschriebenen fehlten aber fast vollständig – und den langen Atem trug auch der Schulterschluss mit den Gewerkschaften in die Bewegung. Für die USA und Griechenland heute ließen sich vermutlich ähnliche Koalitionen skizzieren.
    Die andere Frage ist die nach der Utopielosigkeit, deren Antwort umgekehrt werdem müsste. In gewisser Weise stimmt es ja: in keinem anderen Jahrzehnt als dem vergangenen hätte man Tausende mit dem Trueismus „eine andere Welt ist möglich“ auf die Straße locken können. Auf der anderen Seite ist es doch vielleicht genau diese unsere Generation, die in dem felsenfesten Glauben (und gerade nicht „Wissen“) an den langsamen geschichtlichen Fortschritt, die Kräfte des freien Marktes und den Selbstentwurf der Identitäten zu den wirklichen Utopisten zu zählen wäre? Das Versagen der Selbsttechnik des Psychoenhancement wäre dann ein erster Schritt der Desillusionierung, die ironische Brechung und das Zögern aber das Zeichen, dass die alte Utopie in verneinter Form weiter aufrechterhalten wird.
    Könnte man diesen eher ideologiekritischen Begriff der Utopie, getragen von einer Analyse der spezifischen Lagerungen und Antagonismen der sozialen Klassen wieder in die Untersuchung der Generationenflugbahnen rückübertragen, dann würde das aber einen (wenn nicht sogar den!) vielversprechenden Ansatz zur Erklärung der aktuellen Lage darstellen. Dass die „Postdemokratie“ dann auch eher eine Episode am Ende eines hegemonialen Projekts denn ein düsteres Verhängnis sein könnte, wäre ein angenehmer Nebeneffekt dieser Herangehensweise.

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