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Politik als Unterhaltung

Katharina Rahlf |  10. Mai 2016 |   |  Drucken

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[analysiert]: Katharina Rahlf über die Eigenschaften von und den Umgang mit Politikserien

Wissenschaftler schauen Politikserien. Das mag zunächst nach einer arg unverblümten Rechtfertigung dafür klingen, die eigene Freizeitbeschäftigung aufzuwerten bzw. die Arbeitszeit möglichst angenehm zu verbringen. Schließlich handelt es sich dabei, der verbreiteten Ansicht nach, doch um kommerzielle Unterhaltungsprodukte, die zum „passiven Konsum“ gedacht sind. Nach wie vor wird dieser Unterschied zwischen Hoch- und Pop(ulär)kultur hochgehalten: „Meisterwerke der Renaissancemaler“, Symphoniekonzerte, epische „große“ Romane oder wenigstens „Filmklassiker“, mindestens sechzig Jahre alt, in schlechter Ton- und Bildqualität und mit „ernstem“ Inhalt – sie mögen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung taugen; TV-Serien hingegen: Ist das nicht allzu leichte Kost?

Nun ist gegenwärtig allerdings ein Trend zu beobachten, der genau hier ansetzt: „Mad Men“, „Breaking Bad“ oder „Homeland“: Das Phänomen aufwendig produzierter sog. Qualitätsserien hat in den letzten Jahren sichtlich zugenommen. Das Feuilleton feiert diese Formate euphorisch, kürt sie zum „großen Gesellschaftsroman“ unserer Zeit[1] – und erhebt sie damit in den Rang „seriöser“ Kulturgüter. Welche Merkmale diese „Qualitätsserien“ genau auszeichnen und wodurch sie sich von ihren verpönten Vorgängern unterscheiden, bleibt jedoch diffus. Natürlich ist immer wieder die Rede von komplexen Handlungssträngen, ambivalenten Protagonisten[2] und detailreicher Erzählweise. Und sicherlich: Die meisten der „neuen Serien“ zeichnen sich in der Tat durch diese Charakteristika aus. Zum Beispiel „Mad Men“: eine höchst verquickte Geschichte, ein zerrissener Don Draper, eine penibel durchdachte 1960er-Jahre-Szenerie.

Nur: Ist das wirklich so neu? Schon „Dallas“, die Seifenoper um eine texanische Ölbaron-Dynastie, hatte mit J.R. Ewing einen hochgradig ambivalenten Protagonisten – der zwar oft zum prototypischen Bösewicht stilisiert wurde, den geduldigen Zuschauern aber zahlreiche Brüche offenbarte. Insgesamt 14 Staffeln bringen zudem automatisch eine komplexe Handlung voller Irrungen und Wirrungen mit sich – dass „Dallas“ trotzdem heutzutage kaum als „Qualitätsserie“ tituliert wird, mag nicht zuletzt daran liegen, dass vermutlich kaum ein Kritiker die Geduld (oder Zeit) aufbringen dürfte, alle 350 Folgen zu schauen.

Das Beispiel zeigt aber: Was als „Qualitätsserie“ gilt und was nicht, hängt in hohem Maße von subjektiven Urteilen vermeintlicher Autoritäten ab. Zudem wird ein weiteres Merkmal oft nur etwas verschämt genannt – schließlich will man ja nicht in dem Ruf stehen, allzu großen Wert auf schnöde Fakten zu legen: Bei den gegenwärtigen Serien handelt es sich um schlichtweg teure Produktionen mit hochpreisiger Ausstattung und kostspieligen Schauspielergagen. Dass dabei mitunter schlichtweg „gute“, weil fesselnde, amüsante, interessante Unterhaltung herauskommt, dass es auch eine ganz simple Geschmacksfrage sein kann, ob einem eine spezifische ge- oder missfällt: Das alles scheint höchst zweitrangig. Erst die Zertifizierung als „Qualitätsserie“ in „Qualitätsmedien“ scheint den Konsum, nein: die Beschäftigung zu legitimieren.

Dieses spezifische Distinktionsgebaren ist nicht untypisch für den Kulturdiskurs. Nur Hochkultur (bzw. von anerkannten Autoritäten zu diesen ernannte Kulturformate) „verdient“ intellektuelle bzw. akademische Auseinandersetzung. Alles andere schaut man lieber verschämt zu Hause – und redet tunlichst nicht darüber. Dass die Wissenschaft damit aber ihre Perspektive möglicherweise ohne Not einengt, interessante Forschungsobjekte außer Acht lässt und zudem eine individuellen, damit willkürliche Auswahl übernimmt, ist eine diskutable Facette des „Qualitätsserienbooms“.

Zudem – und hier wird es speziell politologisch interessant – werden zu jenen „Qualitätsserien“ nicht selten gerade solche Produktionen gezählt, die sich durch eine dezidiert politische Komponente auszeichnen. In Zeiten vermeintlicher Politik(er)verdrossenheit scheinen der Erfolg und die Begeisterung für Formate wie „West Wing“ oder, besonders aktuell, „House of Cards“ doch durchaus erstaunliche, jedenfalls begründungswürdige Phänomene zu sein.[3] Besondere Faszination löst dabei stets die Frage nach der „Realitätsnähe“ einer Serie aus. Wie „echt“ wirkt das, was uns da als Zuschauern gezeigt wird, wie „realistisch“ ist die Darstellung des Politikbetriebes – und wo haben die Produzenten nicht genügend Aufmerksamkeit walten lassen, wo ist etwas nicht ganz akkurat wirklichkeitsgetreu wiedergegeben? Wenn dann ein Qualitätsmedium dem Hauptdarsteller einer Serie, hier Kevin Spacey alias „House of Cards“ ’ Frank Underwood, attestiert, er wirke nicht nur „glaubhaft“, sondern gar „echter als Trump“[4]; wenn also eine Serie der realen Politik in Sachen Wirklichkeitsnähe den Rang abläuft, dann ist das zweifellos das größte Lob.

Natürlich liegt nahe, zu überlegen, wie realistisch oder unrealistisch eine Serie ist. Dabei ist diese Frage gar nicht mal die interessanteste. Im besten Fall schärft sie den Blick für die Unterschiede zwischen Fiktion und Realität; im schlechtesten Fall hat man am Ende eine pedantische Aufzählung akribisch vermerkter „Fehler“. Viel interessanter – oder zumindest aus politologischer Perspektive ergiebiger – sind da schon die anknüpfenden Fragen: Auf welchen Vorstellungen von politischer Alltagskultur basieren „Politikserien“ eigentlich? An welchen Maßstäben messen wir also, ob wir etwas für (un)realistisch befinden? Wenn die Grenzen zwischen fiktionaler Darstellung und realer Politik in unserer Wahrnehmung immer weiter verwischen – was bedeutet das für unser politisches Urteilsvermögen? Und welchen Effekt haben diese Serien auf die politische Wirklichkeit – und umgekehrt?[5]

In der Tat finden sich in zahlreichen Politikserien mehr oder weniger explizite Anleihen an realen Geschehnissen, Entwicklungen, Konstellationen und Personen – doch tiefgründigere Einsichten als die schlichte Überprüfung, ob das alles so „korrekt“ ist, verspricht erst eine etwas weiter gefasste Perspektive. In welchem „großen“ realpolitischen Kontext ist die jeweilige Serie entstanden, in welchem gesellschaftlichen und (zeit)historischen Klima findet sie besondere Resonanz? Kann bspw. das satirische „The Thick of It“ nur in Großbritannien, der Heimat von Monty Python, geschätzt und „verstanden“ werden? Lassen sich also von der (politischen) Kultur eines Landes auch Rückschlüsse auf die Erfolgsaussichten spezifischer Genres ziehen?

Des Weiteren existiert keine Serie für sich, in einem von der Umwelt abgeschotteten Raum. Nicht nur beziehen sich die Serien auf die Wirklichkeit, sondern zudem aufeinander. Taucht man ein wenig tiefer ein, findet man sogar ein ganzes Geflecht gegenseitiger Bezüge: Das heute so gefeierte „House of Cards“ ist keineswegs ein Novum, sondern basiert auf der gleichnamigen BBC-Serie aus den 1990er Jahren. Die große Szene in „The West Wing“, in der Präsident Bartlet in einer Kathedrale dem Altar eine lateinische Zornestirade entgegenschmettert und eine Zigarette auf dem geweihten Boden ausdrückt, wird von Frank Underwood wenige Jahre später gekontert: Die Zutaten sind die gleichen: Kathedrale, Zigarette, nur angezündet.[6]

Zudem ist bemerkenswert, dass es häufig um eben jene kleinteiligen, routinehaften, kompromissdurchwirkten Prozesse geht, die im Realen gerne für die grassierende Politikverdrossenheit verantwortlich gemacht werden. Wenn in „The West Wing“ über eine gesamte Folge hinweg das Klein-Klein des Gesetzgebungsprozesses mit allen mühsamen Mehrheitsbeschaffungen und juristischen Feinheiten durchgekaut wird und die Zuschauer trotzdem geduldig vor dem Bildschirm bleiben, spricht das natürlich zum einen für eine gekonnte Regie, zum anderen aber wird hier – quasi nebenbei – ein wenig politische Didaktik betrieben.[7] In den Serien wird die klassische „Hinterzimmerpolitik“ zwar auch als Hort von Intrigen präsentiert – aber obendrein als notwendiges Element des „Politikmachens“.

Geradezu paradox erscheint, dass gegenwärtig eine der lautesten Forderung an die Politik der Ruf nach mehr Transparenz ist, in diesen Serien aber oftmals Intransparenz, Verschlossenheit und das wissenschaftlich vielfach diskutierte „Hinterzimmer“ aufgeladen und ästhetisiert werden – und dies beim Publikum auf Zustimmung, zumindest Akzeptanz stößt.[8] Dabei ist das Attribut „pädagogisch wertvoll“ natürlich immer davon abhängig, welches – normative – Bild von Politik die Serien jeweils vermitteln. Dass „The West Wing“ grundsätzlich ein optimistisches Politikbild gezeichnet hat, während „House of Cards“ aktuell genau das Gegenteil tut, nämlich ein Washington voller Machtgier, Betrug und Täuschungen zeigt, beide Serien aber für ihren „Realismus“ gelobt worden sind/werden, spricht dann wiederum sowohl Bände für das jeweilige zeitgenössische „Image“ der Politik als auch für unsere Bereitschaft, etwas als „realitätsnah“ gelten zu lassen.

Was aber hat es nun mit dem Phänomen „Politikserien“ auf sich? Während einerseits mangelndes Interesse an Politik beklagt wird, lässt man sie in Serienform gerne und ausgiebig ins Wohnzimmer. Netflix’ treibendes Motiv zur Produktion von „House of Cards“ war sicherlich kein pädagogischer Bildungsauftrag, kein selbstloser Dienst an der Allgemeinheit, sondern reine Gewinnkalkulation, basiert u.a. auf Markforschungsergebnissen über Präferenzen des Publikums. Heraus kam: eine Politikserie. Und das ist nun doch nach wie vor bemerkenswert. Deutet die Resonanz dieser Formate auf eine wieder gestiegene Rolle des Politischen hin – oder ist sie eher umgekehrt ein Ausdruck der Banalisierung des Politischen? Wie kommt es, dass trotz mehrfach behaupteter Politikverdrossenheit Politikserien Erfolge feiern – und welche (politische) Funktion übernehmen sie bzw. welche (gesellschaftliche) Rolle wird ihnen zugeschrieben? Und was besagt das alles über den Zustand der gegenwärtigen Politik, des demokratischen Systems?

Das sind die Fragen, denen sich in den folgenden Wochen Autorinnen und Autoren aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln nähern werden. Denn: Politikserien zu schauen, mag natürlich auch einfach „Spaß“ machen – das macht eine politikwissenschaftliche Analyse aber keineswegs überflüssig.[9]

Katharina Rahlf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Zusammen mit Jöran Klatt hat sie die Blogreihe zum Thema Politikserien organisiert.

[1] Vgl. z.B. Kämmerlings, Richard: ein Balzac für unsere Zeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2010, URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/the-wire-ein-balzac-fuer-unsere-zeit-1581949.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 [eingesehen am 05.05.2016].

[2] Vgl. Christ Stefanie: „Warum Serien süchtig machen“. Interview mit Il-Tschung Lim, in: Tagesanzeiger, 12.04.2014, URL: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/Warum-Serien-suechtig-machen/story/22984783 [eingesehen am 06.05.2016

[3] „INDES. Zeitschrift für Politik“ hat den Politikserien eine ganze Ausgabe gewidmet: http://indes-online.de/heft/4-2014-politikserien.

[4] Hofmann, Robert: „Er wirkt echter als Trump, in: Süddeutsche Zeitung, 04.03.2016, URL: http://www.sueddeutsche.de/medien/pr-kampagne-zu-house-of-cards-die-grosse-show-des-frank-underwood-1.2887819 [eingesehen am 06.05.2016].

[5] Vgl. Loser, Philipp: Unsere Sehnsucht nach Frank Underwood, in: TagesWoche, 13.02.2014, URL: http://www.tageswoche.ch/de/2014_07/kultur/639809/unsere-sehnsucht-nach-frank-underwood.htm [eingesehen am 05.05.2016].

[6] Loser, Philipp: Wie im Film, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4/2014, S. 35-41.

[7] Vgl. Rothöhler, Simon: The West Wing, Zürich 2012.

[8] Krastev, Ivan: The transparency delusion, in: Eurozine, 02.02.2013, URL: http://www.eurozine.com/articles/2013-02-01-krastev-en.html [eingesehen am 05.05.2016].

[9] Neben den kommenden Beiträgen dieser Blogreihe sei hier noch einmal auf Ausgabe 4/2014 der „INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft“ verwiesen, die sich ganz den Politikserien widmet: http://indes-online.de/heft/4-2014-politikserien.


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