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Polemik als Entlarvungsstrategie

Amelie May |  18. April 2019 |   |  Drucken

[gastbeitrag]: Amelie May über rhetorische Spezifika der Gattung Kolumne und ihre Funktion innerhalb gesellschaftlicher Diskurse am Beispiel von Margarete Stokowski.  

Was Journalismus alles leisten könne und solle, darüber gibt es viele Debatten, die teilweise mit der Forderung nach einer objektiven Berichterstattung verbunden sind. Viele sehnen sich nach wie vor nach einer wahrheitsschaffenden Instanz, an deren Fakten man sich orientieren könnte, und manche Medienschaffende scheinen in Abgrenzung zu den sogenannten Massenmedien genau diesen Wunsch nach klarer Orientierung zu erfüllen. Auf der anderen Seite stehen aber Journalist*innen, die die Möglichkeit dieses scheinbaren Versprechens nach Objektivität in ihrem Absolutheitsanspruch völlig negieren. Anhand des Fälschungsskandals um den Journalisten Claas Relotius lassen sich diese beiden Pole bestens nachvollziehen, denn er provozierte natürlich die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Journalismus und damit verbunden auch die Debatte um Objektivität. Fordert Jörg Kürschner in der Jungen Freiheit ein Rückbesinnen „auf die bewährten Grundsätze des objektiven Journalismus“[1], setzt sich Stephan Hebel kritisch mit ebendiesen Forderungen auseinander. Der Fall Relotius verstoße zwar eindeutig gegen das journalistische Sorgfaltsgebot, die Debatte um einen objektiven Journalismus jedoch sei hinfällig, da kein*e Journalist*in absoluten Wahrheiten produzieren könne.[2]

Was Hebel über mehrere, parallel zueinander existierende Wahrheiten schreibt, ist Teil einer größeren Frage, die hier nur kurz in Hinblick auf die besondere Rolle der Kolumne thematisiert werden soll. Objektivität und Subjektivität haben keineswegs eine dichotome Beziehung zueinander, wie es der scheinbare Gegensatz zunächst suggeriert. Vielmehr können sie ohneeinander nicht existieren, da sie sich in Abgrenzung zueinander erst definieren.[3]

Diese Feststellung hängt mit einem weitreichenden Diskurs über den Wahrheitsbegriff zusammen, der zwar nicht erst von postmodernen Theoretiker*innen dekonstruiert wurde, aber seitdem auch zunehmend in medialen Diskussionen eine große Rolle einnimmt. Die Annahme, dass in sozialen und gesellschaftlichen Diskursen die eine Wahrheit existiere, sei aufgrund der generellen Konstruktion von Realität, die je nach Kontext variieren könne, nicht nur falsch, sondern darüber hinaus auch gefährlich.[4]

Eine Textgattung, die sich schon per Genrebeschreibung jeglichem Objektivitätsanspruch entzieht, ist die Kolumne. Sie definiert sich als ein knapp gehaltener Meinungsbeitrag,[5] der regelmäßig in einer Zeitung oder Zeitschrift erscheint. Es liegt also in ihrer Natur, dass sie polarisiert. Die Verfasser*innen solcher Kolumnen haben oftmals Spezialgebiete, über die sie schreiben, und nehmen innerhalb gesellschaftlicher Diskurse eine tragende meinungsbildende Rolle ein. Eine Kolumnistin, die diese stark meinungsspaltende Funktion wie kaum ein*e andere*r im deutschsprachigen Raum verkörpert, ist Margarete Stokowski, die vor allem für ihre feministischen Texte bekannt ist. 2018 wurde Die letzten Tage des Patriarchats im Rowohlt-Verlag veröffentlicht, eine kommentierte Auswahl ihrer Kolumnen. Im Buch geht sie sowohl auf den Entstehungskontext als auch auf die Reaktionen von Leser*innen ein.

Ihr Selbstverständnis als Kolumnistin offenbart sie schon im Klappentext: „Im Großen und Ganzen versuche ich, da Staub aufzuwirbeln, wo es eh schon dreckig ist. Also ungefähr das Gegenteil von dem, was von einer Polin in Deutschland erwartet wird, Zwinkersmiley.“[6] Neben ihrem Anspruch, den Finger in die Wunden der Gesellschaft legen zu wollen, fällt hier auch das Kokettieren mit einem von vielen Nationalstereotypen auf. Das bewusst platzierte Wort „Zwinkersmiley“ zum Schluss des Satzes und seine semantisch tradierte Zuschreibung einer ironischen, nicht ernst gemeinten Kommentierung erfüllen eine polarisierende Wirkung. Je nachdem, wie die Leser*innen politisch zu solchen Aussagen stehen, werden sowohl amüsierte als auch verständnislose Reaktionen hervorgerufen.

Dieses bewusste Bedienen verschiedener Auffassungen kann als polemischer Kniff verstanden werden. Auch wenn der Begriff der Polemik im Detail nicht eindeutig zu definieren ist, bietet sich folgende basale Definition an: „Polemik […], direkte, aggressive Form der Auseinandersetzung in publizistischen oder mündlichen Kontroversen. Als ‚P.‘ bezeichnet man sowohl 1. einen ganzen Text als auch 2. genauer eine Argumentationsweise, die durch Steigerung von Gegensätzen, Personalisierung (anstelle unpersönlicher ‚Sachlichkeit‘) und rhet. Demontage des Gegners gekennzeichnet ist.“[7] Eine polemische Argumentation bezieht sich also immer auf etwas Voriges, sei es etwas Personenbezogenes oder eine gesamte Debatte. Dabei werden rhetorische Stilmittel genutzt, um letztere zu dekonstruieren. Betont sei, dass bereits die Herangehensweise subjektiv ist.

Wie Margarete Stokowski sich dieser Technik bedient, soll an zwei Beispielen erörtert werden. In der Kolumne Fragile Rollenbilder. Männlichkeit am Limit (vom 22.01.2019) symptomatisiert sie die Debatte um das Tempolimit auf Autobahnen, um den Einfluss von Genderrollen im Diskurs erkennbar zu machen. Hierbei gibt Stokowski prominente Stimmen innerhalb der öffentlichen Wahrnehmung wieder, die anschließend von ihr lakonisch kommentiert werden. In diesem Zusammenhang zitiert die Autorin Verkehrsminister Andreas Scheuer, der zu dem Thema Tempolimit äußerte: „‘Forderungen, die Zorn, Verärgerung, Belastungen auslösen oder unseren Wohlstand gefährden, werden nicht Realität und lehne ich ab.‘“, worauf Stokowski entgegnet: „Okay, Unfalltote lösen auch Zorn, Verärgerung und Belastung aus, aber who cares?“.

Jenseits jeglicher Bewertung der Aussagen ist festzuhalten, dass ihr Einwurf anlässlich der verallgemeinernden Aussage Scheuers auf einer personalisierten Ebene stattfindet. Auf Grund dieser Finesse können die Leser*innen einen Perspektivwechsel einnehmen und verfolgen, dass beide die Tempolimit-Debatte völlig unterschiedlich problematisieren: Wo Scheuer für das unkonkrete Kollektiv aller Autofahrer*innen spricht, nimmt Stokowski die potentiellen Verkehrsopfer und deren Angehörige in den Blick. Durch die gleiche Wortwahl und den zynischen Kommentar „who cares“ emotionalisiert sie die Debatte und stellt die objektivierende Sicht des Verkehrsministers an den Pranger. Mithilfe dieser Polemik animiert sie die Leser*innen, über die Schwerpunktsetzung innerhalb der Diskussion nachzudenken.

Dass ein ganzer Text als entlarvende Polemik ausgestaltet sein kann, zeigt sich in der Kolumne Gleichstellung von Männern. Mittelalter! Weißer! Mann![8] (vom 22.11.2016). Es geht Stokowski nicht darum, das Label „weißer mittelalter heterosexueller Mann“ ins Lächerliche zu ziehen, sondern im Gegenteil darum, aufzuzeigen, wie diskriminierend eine Reduktion auf Hautfarbe und Herkunft sein kann. Das tut sie auf der inhaltlichen Ebene, indem sie zunächst schildert, warum die Beschreibung eines Mannes mit diesen Adjektiven rein deskriptiv neutral und völlig ohne Wertung sei, um dann zu der Hauptfrage des Textes zu kommen: „Warum also fühlen sich manche beleidigt, sobald man sie als weiße mittelalte heterosexuelle Männer bezeichnet? Ganz einfach: weil es nervt. Weil es selten Spaß macht, als etwas bezeichnet zu werden, das wie eine Minderheit klingt, außer man hat etwas Besonderes dafür getan, wie Marathon laufen, promovieren oder es bis Pokémon-Go-Level 40 schaffen (oder man hat einfach ausreichend Stolz in sich, ohne was geleistet zu haben, dann ist es vielleicht Patriotismus).“ Nach der Schilderung der generellen Problematik, wird an die Leser*innen appelliert, zu reflektieren, dass dieses Label zwar nervig, aber nicht Anlass struktureller Diskriminierung sei. Evoziert wird diese „check your privilege“-Aufforderung durch den stilistischen Aufbau der Argumentation. Mit ironischen Beispielen gespickt gewinnt die inhaltliche Dimension des Aufhängers, dass es nicht schlimm sei, zu der titelgebenden Gruppe zu gehören, eine gesellschaftskritische Ebene: „Heterosexuell sein ist nicht schlimm, man hat damit die komplette katholische Kirche und alle Disney-Filme im Rücken.“ Damit trivialisiert sie auf provozierende Art und Weise die Beschwerden derer, die sich durch das Label diskriminiert fühlen, das strukturell von Diskriminierung frei ist, um anschließend auf Gruppen aufmerksam zu machen, die diese Rückendeckung in verschiedenen Lebens- und Arbeitsbereichen nicht genießen. Dieser rhetorischen Vorgehensweise, die die Entlarvung der eigenen Denkmuster bezweckt, folgt abschließend der Appell, das eigene Schubladendenken einzuschränken, „[…] bis sichtbar wird, was jedes Mal dahintersteht und was wir alle sind: ein Mensch.“

Wie auch bei der Kolumne über das Tempolimit verfolgt die Polemik hier ebenfalls den Zweck, den Leser*innen eine alternative Sichtweise auf eine Debatte anzubieten, die aufgrund gesellschaftlich brisanter Themen und dem Einsatz spitzer rhetorischer Mittel die verschiedensten Echos widerhallen lässt. Dieser polarisierende Effekt lässt sich insbesondere in den Onlinekommentaren der Kolumnen Margarete Stokowskis erkennen. Scrollt man sich unter der Kolumne „Gleichstellung von Männern“ durch die Kommentare, stößt man auf sehr verschiedene Beiträge: Viele loben Stokowski für ihre differenzierte Betrachtung des Themas, andere äußern, dass sie die Kolumne nicht verstünden, da sie sich als weißer cis-Mann niemals diskriminiert gefühlt hätten und dann gibt es noch diejenigen Männer, die anführen, dass sie wegen der Quotenregelung zu Gunsten von Frauen benachteiligt würden. Diese verschiedenen Reaktionen bezeugen, dass das Genre der meinungsbasierten Kolumne, die sich in ihrer subjektiven Positionierung offenlegt, einen großen Beitrag zu einem pluralistischen Journalismus leistet – zumindest soweit Unverständnis und Kritik in einer konstruktiven Art und Weise artikuliert werden. Durch Stokowskis bewusst platzierte Polemik wird die Resonanz auf die Texte noch bestärkt, da sie emotionale Reaktionen hervorruft und die Leser*innen durch Sprachwitz und Personalisierungen eher dazu anregt, über das Thema zu reflektieren, Positionen in die Öffentlichkeit zu tragen und sich gegebenenfalls auch als ein Bestandteil derer zu entlarven, wegen denen solche Texte heutzutage enorm wichtig sind.

 

 

Amelie May studiert Komparatistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte im Master und ist studentische Hilfskraft an der Sammlung Symbole des Weiblichen und der Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist Redaktionsmitglied bei litlog.

 

 

[1] Kürschner, Jörg: „Spiegel“-Skandal um Claas Relotius. Geliefert wie gewünscht, in: Junge Freiheit, 20.12.2018, URL: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2018/geliefert-wie-gewuenscht/ [zuletzt eingesehen am 26.03.2019].

[2] Vgl. Hebel, Stephan: Der Fall Claas Relotius. Absolute Objektivität gibt es nicht, in: Frankfurter Rundschau, 02.01.2019, URL: https://www.fr.de/meinung/absolute-oejektivitaet-gibt-nicht-11413493.html [zuletzt eingesehen am 26.03.2019].

[3] Vgl. Lakoff, George/Johnson, Mark: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, Heidelberg 2011, S. 216.

[4] Vgl. Lakoff/Johnson: Leben in Metaphern, S. 183.

[5] Vgl.: N/A.: Kolumne, in: Noelle-Neumann, Elisabeth et al. (Hrsg.): Publizistik. Massenkommunikation, Frankfurt a.M. 1997, S. 110 f.

[6] Stokowski, Margarete: Die letzten Tage des Patriarchats, Reinbek 2018.

[7] Deupmann, Christoph: Polemik, in: Burdorf, Dieter et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, Stuttgart 2007, S. 596 f., hier: S. 596 f.

[8] Vgl. auch Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats, S. 113-115.


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