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Plebiszitärer Populist und Mirabeau der Sozialdemokratie

Franz Walter |  30. August 2014 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter über den vor 150 Jahren verstorbenen Vater der Sozialdemokratie.

Porträt von Ferdinand Lassalle (Thomas Goller)Vor 150 Jahren, am 31. August 1864, starb, 39-jährig, der in der Parteigeschichte als Gründungspatron der Sozialdemokratie in Deutschland gefeierte und besungene Ferdinand Lassalle. Er stammte aus Breslau, wo er im April 1825 geboren wurde, als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers. Der Name der Familie schrieb sich damals „Lassal“, was Sohn Ferdinand als junger Erwachsener mit 26 Jahren für sich veränderte und in Lassalle modifizierte – wohl auch, um weniger Assoziationen zur jüdischen Herkunft, die ihm unangenehm, zeitweise verhasst war, zu wecken. Ferdinand Lassalle wollte hoch hinaus, schon als Kind. Und sein Vater, der den Sohn früh bereits hätschelte, ja bewunderte, bestärkte ihn in seinem Ehrgeiz. Auch andere Ältere waren fasziniert, oft gar eingeschüchtert vom Temperament, vom Scharfsinn, von der unglaublich raschen Auffassungsgabe und oratorischen Virtuosität Lassalles. Alexander von Humboldt, die Geistesgröße in Berlin zur Mitte des 19. Jahrhunderts, sang adorierende Hymnen auf den jungen Genius. Heinrich Heine huldigte ihm – und fürchtete sich zugleich vor der hemmungslosen Egozentrik, dem skrupellosen Tatendrang Lassalles. Als „neuen Mirabeau“ feierte ihn der Dichter im Pariser Exil, als einen Geistestitanen und eine Kraftnatur, wie sie ihm noch nie zuvor begegnet sei. Aber in den frühen 1850er Jahren verdammte er ihn dann, wies ihn ab, da er Lassalles von Gesetz und Moral nicht gebremsten Methoden verabscheute. Aber das griff Lassalle nicht lange an. An Freundschaften hielt er nur solange fest, wie sie ihm nutzten, wie sich diejenigen, die sich eine Zeitlang als Freunde fühlten und fühlen durften, ihm unterwarfen.

Lassalle war stolz darauf, ein Mann der Tat zu sein. Aber ihm gefiel ebenso, als Mann des Wortes angesehen zu werden, ja als kreativer Schöpfer von Ideen und Theorien. Selbst als Dramatiker versuchte er sich. Als Politiker der Tat agierter er 1848 in der Düsseldorfer Volksbewegung. Ende 1857 erschien von Lassalle das dicke Buch „Die Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesus“. Die Berliner Fachwelt war erstaunt, dass gewissermaßen einem Außenseiter eine derart konzise Publikation über die fragmentarischen Äußerungen des Griechen gelungen war. Von einer Sensation war damals weithin die Rede; man nahm den Verfasser in die ehrwürdige Berliner Philosophische Gesellschaft auf. Natürlich meldeten sich auch kritische Stimmen zu Wort, die Lassalle einen orthodoxen Alt-Hegelianismus vorwarfen, ihn der Deduktion von Kernbegrifflichkeiten des großen Meisters, kurz: des Eklektizismus ziehen. Doch überwog die Bewunderung für Lassalles Schaffenskraft.

Die Großautoritäten des theoretischen Sozialismus jener Jahre hingegen, Karl Marx und Friedrich Engels, mochten Lassalle nicht sonderlich. Insbesondere Engels hatte für ihn beinahe nur Spott, bösartige Mokanzen übrig. Er konnte ihn regelrecht nicht ausstehen, körperlich kaum ertragen. Engels war ein denkbar uneitler Charakter, der nie darunter litt, ein wenig im Schatten des anderen Genius, von Karl Marx also, zu stehen. Lassalle wiederum war an Eitelkeit schwer zu überbieten. Und so verhöhnte Engels ihn als „Gecken“ mit der „überschnappenden Stimme“, als „Schuft“, als „Richelieu des Proletariats“. Marx hatte einige Zeit insofern einen etwas offeneren, faireren Blick, als er die starken Seiten von Lassalle sah. Wie dieser so hatte auch er eine besondere Schwäche für Frauen adeliger Herkunft. Aber Marx übertraf in seinen Invektiven gegenüber Lassalle seinen Freund Engels dann doch um einiges. Er, selbst jüdischer Herkunft, bezeichnete Lassalle als „Jüdel“, den „Dunklen“, einen „jüdischen Nigger“. Lassalles „Heraklit“ wertete er als schlecht geschrieben, überladen durch Redundanzen und ganz im Banne der hegelianischen Orthodoxie.

Aber nach dem frühen und überraschenden Tod von Lassalle infolge eines Duells sandten nun selbst Marx und Engels, die verlässlichen Spötter, respektvolle Kondolenzbriefe nach Deutschland, in denen sie Lassalle als den „einzigen Kerl in Deutschland“ bezeichneten, der schon deshalb ihr Freund gewesen sei, weil er als Feind der Bourgeoisie agiert habe. Mitte April 1862 hatte Lassalle vor Berliner Arbeitern eine Rede gehalten, die dann als „Arbeiterprogramm“ publiziert wurde, auch in Sachsen Aufmerksamkeit erzielte. Arbeiter in Leipzig zeigten sich so beeindruckt, dass sie Ende des Jahres Lassalle die Anführerschaft einer neuen Arbeitervereinigung antrugen. Lassalle bestand auf eine formell korrekte offizielle Aufforderung, die dann im Februar 1863 eintraf. Daraufhin sandte Ferdinand Lassalle am 1. März 1863 ein „offenes Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig“ ab, das gleichsam zur Programmschrift der frühen deutschen Sozialdemokratie wurde. Ende Mai 1863 gründete sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und bestimmte Ferdinand Lassalle für die Dauer von fünf Jahren zu seinem Präsidenten. Gemäß des „Antwortschreibens“ seines neuen Präsidenten zielte der ADAV zuvörderst auf die Einführung eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts, schließlich auf die Bildung von Produktivgenossenschaften mit Hilfe staatlicher Förderung. Der Staat spielte im Denksystem des Hegelianers Lassalle eine ausschlaggebende Rolle; mittels seiner sollte sich die sittliche Idee des Sozialismus vollziehen und erfüllen.

Den Liberalismus dagegen verachtete der Präsident des ADAV in den letzten Jahren seines Lebens geradezu. Die „Fortschrittspartei“ der liberalen Bürger war ihm gar der Hauptfeind schlechthin – nicht die Konservativen, nicht die Junker, nicht der Adel. Mit Bismarck konnte der Chef der Sozialisten stundenlang angeregt parlieren. Dieser, der preußische Ministerpräsident, sei wenigstens ein wirklicher „Mann“. Hingegen die Liberalen: „Alte Weiber“, wie Lassalle gerne in seinen Ansprachen sarkastisch ausspie. Das Bündnis der Arbeiter mit der liberalen Bourgeoisie, hämmerte Lassalle seinen Zuhörern ein, sei auf immer vorbei.

Aber dann traf er bei seiner Kur in Kaltbad auf dem Rigi in der Schweiz auf Helene v. Dönniges, die schöne 18-jährige, allerdings ziemlich verwöhnte Tochter des Historikers und Bayerischen Diplomaten Wilhelm v. Dönniges. Ihretwegen starb er am 31. August 1864 im Duell, 125 Monate nachdem er die Präsidentschaft im ADAV übernommen hatte.

Mit seinem Tod setzte ein regelrechter Lassalle-Kult in der Arbeiterbewegung ein, der bis zum Ende der Weimarer Republik die Festivitäten in der Sozialdemokratie füllte. Stets sang man dort die Arbeiter-Marseillaise, die zur Totenfeier von Lassalle einen neuen Refrain erhalten hatte:

„Nicht zählen wir den Feind,

nicht die Gefahren all!

Marsch, Marsch, Marsch, Marsch

der kühnen Bahn nun folgen wir die uns geführt Lassalle!“

Im Grunde war der Kult, der in den 1860er und 1870er Jahren in höchster Blüte stand, nur schwer nachvollziehbar, wenn man die genauen Umstände von Lassalles Tod reflektiert. Hier hatte sich kein heldenhafter Sozialist im selbstlosen Kampf für die proletarische Sache geopfert. Hier war ein eitler Mann im anachronistischen Duell gefallen, weil ihn ein junges Mädchen, das er kaum näher kannte, nach einigen glühenden Liebesbekundungen unerwartet schnippisch die kalte Schulter gezeigt hatte. Nur: Dessen Anhänger wussten nichts Genaues darüber, was sich da in der fernen Schweiz wirklich ereignet hatte. Die Gerüchte, die herumschwirrten, gingen vorwiegend in die Richtung, dass die feudale Reaktion den tapferen Freiheitskämpfer Lassalle in die Falle gelockt und hinterhältig niedergestreckt habe. Lassalle sei als kühner und unbestechlicher Vorkämpfer für das Anliegen des Proletariats und dessen Befreiung gestorben. Daran glaubten Anhänger des ADAV noch nach vielen Jahren.

Damit waren Art und Weise vorgezeichnet, wie in der frühen deutschen Arbeiterbewegung Lassalles gedacht, wie mit der Erinnerung an ihn umgegangen wurde. Der 31. August, der Todestag des ADAV-Chefs, war für rund zwei Jahrzehnte der Feiertag dieses Teils der Arbeiterbewegung schlechthin. Die Katholiken pflegten ihre Prozessionen auf dem Fronleichnamstag; die protestantischen Bürger erbauten sich seelisch am Sedanstag, hissten ihre Fahnen mit den schwarz-weiß-roten Farben. Die neue sozialistische Bewegung gedachte, jeweils einen Tag vor dem Sedansfest, feierlich Ferdinand Lassalle nahezu im Stil einer religiösen Messe, liturgisch wie in den christlichen Kirchen. Lassalle verkörperte in der jährlichen Zeremonie den neuen, wiedergekehrten Nazarener, den Heiland und Messias des 19. Jahrhunderts.

Was bleibt, nach nun bald 150 Jahren, über seine Bedeutung für den ADAV, für die soziale Demokratie in Deutschland zu sagen? Unzweifelhaft zeichnete ihn politischer Instinkt aus, der Sinn für den historischen Moment, auch die entschlossene Handlungskraft, um die sich bietende Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Auch gehörten ihm Tat und Gedanken eng zusammen; Politik verstand er als die Praxis der Idee. Ein begründungs- und zielloser Pragmatismus kann sich nicht auf ihn berufen. Seine Vorliebe für einen genossenschaftlichen Sozialismus ist vielleicht zu Unrecht zu rasch in Vergessenheit geraten. Seine Insistenz auf die Organisation hat die Arbeiterbewegung in Deutschland lange geformt, hat ihr in schwierigen Zeiten Rückzugsräume, Personal, Fundament und Krisenresistenz verliehen. Mit seinem Einsatz für das allgemeine Wahlrecht, für Wahlagitation hat er die sozialistische Bewegung gewissermaßen zivilisiert, von geheimbündlerischen Träumen und Praktiken abgetrennt. Aber er war auch ein plebiszitärer Populist. An die parlamentarische Demokratie dachte er nicht, wenn er über die Wege der Revolution – die ihm immer näher stand als die langsame Reform – nachdachte. Daher war auch die ganze neue Partei auf ihn zugeschnitten, den präsidialen Charismatiker, der zentralistisch vorgab, wohin das arbeitende Volk zu gehen hatte. Auch das gehört zum Erbe, das Lassalle der Arbeiterbewegung in Deutschland hinterließ.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

Foto: Ferdinand Lassalle, Thomas Goller, CC BY-SA 2.5


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