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Plädoyer für eine friedliche Welt

Karin Schweinebraten |  26. April 2013 |   |  Drucken

[präsentiert]: Karin Schweinebraten stellt ein Buch zur women-and-peace-thesis vor.

„Mädchen großzuziehen ist wie den Garten des Nachbarn zu gießen.“[1] So oder ähnlich lauten viele alte indische Sprichwörter. Sie sind weitverbreitet und spiegeln daher deutlich die minderwertige Position indischer Frauen wider. Die Geburt eines Jungen bedeutet, dass die Altersvorsorge der Eltern gesichert ist. Denn ein Junge bzw. vor allem aber seine spätere Ehefrau kümmert sich im Alter um die Eltern. Eine Tochter hingegen wird später die Familie verlassen und sich nicht um ihre eigenen, sondern um ihre Schwiegereltern kümmern. Obendrein ist für die Hochzeit einer Tochter später eine teure Mitgift aufzubringen. Eine Frau, die ein Mädchen zur Welt bringt, versagt folglich bei ihrer Aufgabe, Kinder (besser gesagt: Jungen) zu bekommen, und wird dafür ihr Leben lang verantwortlich gemacht.Obwohl beides illegal ist, sind aus diesen Gründen Abtreibung aufgrund des Geschlechts und Mord an neugeborenen weiblichen Babys in Indien weit verbreitet und führen zu einem Männerüberschuss. In Zahlen ausgedrückt: Auf 1000 Männer kommen im Landesdurchschnitt 940 Frauen, in Neu-Delhi sind es sogar nur 866 Frauen.[2] Dieser kulturell akzeptierte Männerüberschuss ist das Resultat jahrhundertelanger Diskriminierung von Frauen, nicht nur in Indien.

In ihrem Buch mit dem provokanten Titel „Sex and World Peace“ beschäftigen sich die Autoren Valerie Hudson, Bonnie Ballif-Spanvill, Mary Caprioli und Chad Emmett mit der Diskriminierung von Frauen auf der ganzen Welt. Im Zentrum des Werkes steht die sogenannte women-and-peace-thesis[3], die besagt, dass Geschlechtergleichheit in einem Zusammenhang steht mit der Friedfertigkeit eines Staates. Die Recherche der Autoren soll beweisen, dass die Gleichheit von Mann und Frau die Außenpolitik eines Staates und demzufolge die Welt insgesamt friedlicher werden lässt. Diese These mag provokant erscheinen; dessen sind sich die Autoren bewusst. Deshalb fragen sie auch ganz offen: Wie kann es überhaupt möglich sein, dass die Behandlung von Frauen mit Angelegenheiten hoher Politik wie Krieg und nationaler Sicherheit zusammenhängt?[4]Um die Notwendigkeit von Geschlechtergleichheit zu verstehen, ist es jedoch nötig, zuerst die Probleme zu erkennen. Als Einstieg in die Thematik beschreiben die Autoren von „Sex and World Peace“ deshalb drei „Wunden“, die den Frauen in vielen Ländern zugefügt werden.

Bei der ersten „Wunde“ geht es um die fehlende physische Unversehrtheit von Frauen. Konkret bedeutet dies, dass viele Frauen Angst haben müssen vor häuslicher Gewalt, Vergewaltigung, Sexhandel, Zwangsprostitution, Beschneidung (die eine natürliche Geburt verkompliziert[5]) und Ehrenmord. Ein Beispiel hierfür ist die fehlende Kontrolle vieler Frauen über Zeitpunkt und Häufigkeit von Sex, denn das entscheidet allein der Mann. Ob der Ehemann also die körperliche Unversehrtheit seiner Ehefrau respektiert, interessieren viele Gerichte dieser Welt nicht. Aus diesem Grund ist Vergewaltigung in der Ehe gang und gäbe und wurde erschreckend lange auch in westlichen Ländern nicht als Verbrechen betrachtet.[6] Hinzu kommt, dass viele Ehemänner untreu sind und Prostituierte aufsuchen. Sofern diese AIDS haben, infizieren die Männer sich und ihre ahnungslosen Ehefrauen häufig – zudem jede weitere Prostituierte, mit der sie Geschlechtsverkehr haben.

Die zweite „Wunde“ ist die Ungleichheit vor dem Gesetz. So ist Ehebruch für Frauen vielerorts ein weit schlimmeres Vergehen als für Männer. Männer können sich leicht scheiden lassen, Frauen wird die Scheidung hingegen erschwert oder sogar untersagt. Eine weitere gesetzliche Ungerechtigkeit besteht darin, dass in zahlreichen Ländern die Aussage einer Frau als weniger gewichtig eingestuft wird. Besonders problematisch ist dies bei Vergewaltigungen, denn oft zählt hierbei nur die Aussage eines Mannes. Aus diesem Grund kommt es selten zur Anzeige von Vergewaltigungen, noch seltener werden die Täter tatsächlich bestraft. Häufig wird den Frauen sogar die Schuld an der Vergewaltigung gegeben, durch die sie dann die Ehre der ganzen Familie beschmutzt hätten, da die Einwilligung des Vaters nicht eingeholt wurde.

Die letzte und dritte „Wunde“, die Frauen auf der ganzen Welt erleiden, ist die fehlende Gleichheit in Gremien, die Entscheidungen treffen. Es gibt nur wenige Frauen, die einflussreiche Positionen innehaben; ein Beispiel ist Angela Merkel, aber auch sie musste sich die Anerkennung ihrer männlichen Kollegen hart erkämpfen. Obwohl in den letzten Jahren mehr Frauen in Politik und Wirtschaft vertreten sind,[7] kann man nicht ansatzweise von einer Gleichheit der Geschlechter in Machtpositionen sprechen. Aber nicht nur in Spitzenämtern müssen Frauen um ihren Arbeitsplatz fürchten, weil sie Mutter sind oder werden wollen. Vor allem in den USA haben es Frauen nicht leicht, denn der größte Risikofaktor für Armut ist dort der Umstand, jemals Mutter geworden zu sein.[8]

Diese drei Wunden, unter denen die weibliche Bevölkerung in vielen Teilen der Welt leidet, haben weitreichende Folgen, wie bereits anfangs am Beispiel von Indien ausgeführt: Nach Schätzungen der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen fehlen weltweit 163 Millionen Mädchen und Frauen, die bei einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis auf unserer Welt leben sollten.[9]Falls es also einen Zusammenhang zwischen der Behandlung von Frauen und der Friedfertigkeit von Staaten gibt, so sind die Diskriminierung der Frauen und der daraus resultierende Männerüberschuss ein großes Problem für unsere Welt. Diese women-and-peace-thesis versucht „Sex and World Peace“ im Kapitel „Das Herz der Angelegenheit“ auf ihre Validität zu testen.

Die Ergebnisse verschiedener Studien stützen die These der Autoren deutlich. Beispielsweise haben die fehlenden weiblichen Stimmen bei Entscheidungsprozessen Statistiken zufolge einen Einfluss auf Korruption. Außerdem wurde herausgefunden, dass in Ländern, in denen viele Frauen an der Macht sind, Korruption ein vergleichsweise kleineres Problem darstellt und damit auch eine steigende Investitionsrate einhergeht.[10] Demnach hat Geschlechtergleichheit also einen positiven Effekt auf die Ökonomie, z.B. auf das Bruttoinlandsprodukt, die globale Wettbewerbsfähigkeit und letztendlich auch auf das Wirtschaftswachstum.[11] Überdies zeigt sich, dass durch eine paritätische Präsenz von Frauen und Männern in der Politik die wohlfahrtsstaatlichen Leistungen, der Rechtsschutz, die Regierungs- und Geschäftstransparenz und das Vertrauen in die Regierung innerhalb eines Staates steigen. Ferner gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen niedriger Kindersterblichkeit und weniger Unterernährung mit Geschlechtergleichheit. Demnach ist eine Gesellschaft gesünder und wohlhabender, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt sind.[12]

Eine weitere aufschlussreiche Studie kommt von der Co-Autorin von „Sex and World Peace“, Mary Caprioli. Sie erforscht die statistischen Zusammenhänge von verschiedenen Variablen für Geschlechtergleichheit wie ökonomische Gleichheit (Anteil der Frauen in der Arbeiterschaft), soziale Gleichheit (Fruchtbarkeitsrate) und politische Gleichheit (Anteil der Frauen im Parlament) mit Variablen auf der Staatsebene wie Konflikte und Sicherheit. Caprioli kommt zu dem Ergebnis, dass Länder, die eine hohe Geschlechtergleichheit aufweisen, seltener in den Krieg ziehen. Auch mischen sich diese Länder weniger mit Gewalt in Konflikte ein – seien es Bürgerproteste oder internationale Krisen. Somit gäbe es weniger militärische Konflikte auf unserer Welt, wenn es mehr Länder mit größerer Geschlechtergleichheit gibt.[13]

Der Zusammenhang zwischen der Behandlung von Frauen und der Staatssicherheit ist demnach nicht zu leugnen. Es sind nicht vor allem Faktoren wie Demokratie, Reichtum oder Art der Religion, die einen Staat friedfertig oder gewalttätig machen, sondern das Level der Gewalt gegen Frauen. Die Bestätigung der women-and-peace-thesis bedeutet allerdings nicht, dass Geschlechterungleichheit die einzige Ursache für gesellschaftliche Probleme ist; zudem kann man nicht davon ausgehen, dass Geschlechtergleichheit unmittelbar zu Weltfrieden führt. Des Weiteren sei angemerkt, dass nicht nur die Situation von Frauen in einem Land den dortigen Frieden, sondern umgekehrt Frieden durchaus auch die Situation der Frauen in einem Land beeinflusst. Demnach steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen gut behandelt werden, wenn der Staat, in dem sie leben, selbst friedfertig ist. Diese Wechselseitigkeit sollte keinesfalls außer Acht gelassen werden. Es ist vielmehr die Erkenntnis, dass man nicht länger von dem Ziel nationaler und internationaler Sicherheit sprechen kann, ohne im selben Atemzug die Sicherheit von Frauen zu erwähnen.[14] Da unsere Welt trotz aller Bemühungen um Frieden von Gewalt in allen Formen heimgesucht wird, ist es an der Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen, nämlich einen Weg, der beide Hälften der Weltbevölkerung gleichermaßen miteinbezieht. Denn die Untersuchungen von „Sex and World Peace“ haben gezeigt, dass dieser Weg die Welt zu mehr Wohlsein, Reichtum, Sicherheit und Frieden im ganzen internationalen System zu führen vermag.[15]

Karin Schweinebraten arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.
Bild 4. Abs.: Sabine Kardel / pixelio.de

 


[1] „Aufstand der Mädchenmörderinnen“; Ehlers, Fiona, Spiegel Special, Ausgabe 1, S. 79; 2008.

[2] „Eine von uns”; Desai, Kishwar, Der Spiegel, H. 2/2013, S. 79; „Vergewaltigungsfall in Indien – Ende der Ignoranz“; Spiegel Online [zuletzt geprüft am 03.01.2013].

[3] „Sex and World Peace”; Hudson, Valerie/Ballif-Spanvill, Bonnie/Caprioli, Mary/Emmett, Chad (im Folgenden Hudson et al.); S. 106, Columbia University Press, New York, 2012.

[4] Ebd., S. 95 („How could the treatment of women possibly be linked to matters of high politics, such as war and national security?“).

[5] Zum Beispiel wird in Somaliland eine radikale Form von weiblicher Beschneidung durchgeführt, die dazu führt, dass eine normale Geburt nicht möglich ist und verstärkt durch mangelnde hygienische Bedingungen eine von zwölf Frauen bei der Geburt stirbt; ebd., S. 26 f.

[6] In den USA wurde Vergewaltigung in der Ehe erst 1976 als Straftat anerkannt; ebd., S. 24.

[7] In vielen Ländern wird dies von gesetzlichen Maßnahmen wie der Einführung von Frauenquoten unterstützt.

[8] Hudson et al.; S. 48.

[9] Ebd., S. 97.

[10] Ebd., S. 43.

[11] Ebd., S. 98.

[12] Ebd., S. 98f.

[13] Ebd., S. 101.

[14] Ebd., S. 208 („ […] we can no longer speak of achieving national and international security without speaking, in the same breath, about the security of women”).

[15] Ebd., S. 209 ( „ […] a path that […] will lead to greater well-being, prosperity, security, and peace for the entire international system […]”).


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