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Plädoyer für das Vergessen?

Bonnie Pülm |  28. November 2013 |   |  Drucken

[kommentiert]: Bonnie Pülm über den Göttinger Streit um Straßennamen

Straßennamen, die an historische Persönlichkeiten erinnern, sind deutschlandweit wiederkehrend Gegenstand von Diskussionen. Dabei geraten sie zumeist erst dann in den Fokus des Interesses, wenn öffentlich Bedenken über ihre Angemessenheit geäußert und über eine mögliche Umbenennung debattiert wird. Jüngst hat die Stadt Hannover beschlossen, die Namenspatrone von 400 Straßen auf etwaige nationalsozialistische Verstrickungen durch Historiker überprüfen zu lassen. Auch in Göttingen wurde diese Diskussion im Zusammenhang mit der Heinrich-Sohnrey-Straße wieder angestoßen,[1] nachdem seitens der Universität durch eine Forschergruppe die Ehrwürdigkeit Sohnreys in Frage gestellt wurde. Hinter diesen Diskussionen steht jedoch viel mehr als nur eine Entscheidung über Würdigkeit und Unwürdigkeit einzelner Personen, nämlich die Frage, ob wir Straßennamen als Teil unserer Geschichtskultur begreifen wollen und wenn ja, wie wir damit angemessen umgehen.

Dass überhaupt Personennamen für die Benennung von Straßen herangezogen werden, ist Ergebnis einer Politisierung des öffentlichen Raums, die Anfang des 19. Jahrhunderts parallel zu einem kontinuierlichen Ausbau des modernen Verwaltungsstaates einsetzte, als der staatlichen Obrigkeit das Potenzial von Straßennamen bewusst wurde:[2] Neben einer räumlichen Orientierung können Straßennamen ebenso eine kulturelle Orientierung bieten. Sie können an bestimmte Persönlichkeiten oder Ereignisse erinnern, die als identitäts- und sinnstiftend für eine Gesellschaft betrachtet werden und somit Bestandteil ihres „kulturellen Gedächtnisses“[3]sind.

Straßenschilder werden dementsprechend zum Medium der Erinnerung, da sich die Namen darauf durch den unbewussten Gebrauch im alltäglichen Personen- und Postverkehr einen Weg in das kollektive Gedächtnis einer Nation bahnen. Sie sind ein symbolischer Akt der Ehrung einer Person für ihre Taten beziehungsweise für ihre geistige Haltung, denn damit nehmen wir bestimmte Namen offiziell in unser kulturelles Gedächtnis auf; das Straßenschild wird von einer reinen Orientierungshilfe zum Symbol der Wertschätzung. Es gibt keinen Bezug mehr zu der jeweiligen Straße und ihren spezifischen Gegebenheiten, wie zum Beispiel bei „Seeuferstraße“ der Fall, sondern in erster Linie einen ideellen Bezug zu einer Kultur.[4] Um darüber hinaus städtische Identitäten zu stiften und ein Stadtgedächtnis aufzubauen, werden häufig auch lokale Protagonisten in der Benennungspraxis berücksichtig. Die Universitätsstadt Göttingen, die sich selbst als „Stadt, die Wissen schafft“ betitelt, definiert sich beispielsweise stark über die Universität und ihre Wissenschaftler, was sich in der Tatsache niederschlägt, dass viele Straßen in Anlehnung an Universitätsangehörige benannt wurden.[5]

Welche Aspekte respektive Personen der Vergangenheit schließlich als erinnerungswürdig gehalten werden, charakterisiert eine Kultur, denn im Umgang mit und durch die Interpretation von historischen Bezugspunkten aus der Perspektive der gegenwärtigen Gesellschaft vergewissern wir uns, ob sie für unsere Identität weiterhin Gültigkeit besitzen und aufrecht erhalten oder verändert, gar verworfen werden sollten. Dies ist ein Aushandlungsprozess, der Resultat einer sich weiter entwickelnden Gesellschaft ist und immer wieder neu in Gang gesetzt werden muss, denn durch die Diskussion über unsere Vergangenheit offenbaren wir, wer wir sein wollen.

Aus diesem Grund haben sich politische Zäsuren in der Vergangenheit auch direkt auf die Straßenschilder niedergeschlagen: So haben die Nationalsozialisten unmittelbar nach der Machtübernahme im Jahr 1933 damit begonnen, ihre Heroen der Vergangenheit und Gegenwart mit Platz- und Straßenumbenennungen zu ehren; nach der Gründung der DDR setzte eine weitere Umbenennungswelle in Anlehnung an sozialistisches Gedankengut ein, um hier nur zwei Beispiele zu nennen. Demzufolge spiegelt das kulturelle Gedächtnis vor allem die politischen Vorstellungen der Machthabenden wider, sodass Umbenennungen die gesellschaftliche Neuausrichtung auf eine jeweilige Weltanschauung symbolisieren. Die Bürger werden somit auf dem Weg zu einer erwünschten Gedächtnisbildung von ideologisch aufgeladenen Straßenschildern flankiert. Insofern ist eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Straßennamen zu begrüßen, wenn die demokratisch gesinnten Bürger die offizielle Wertschätzung einer bestimmten Person in Frage stellen.

Es gehört zu unserer durch die Geschichte sensibilisierten Gesellschaft, dass wir erinnern, auch wenn es sich um eine unbequeme Vergangenheit handelt. Dennoch sind Straßenschilder ein problematisches Erinnerungsmedium, da sie kollektive Erinnerung lediglich in einem Namen subsumieren, aber nicht erklären.[6] Sie geben weder Auskunft über die Vergangenheit noch über mögliche Kritik an der jeweiligen Person. Ersichtlich ist nur noch der Beweis der Wertschätzung, sodass jeder Betrachter den Eindruck erhält, dass diese Person wichtig und ehrwürdig war und ist.

Einige Städte und Gemeinden versuchen dem Anspruch des Erinnerns bei gleichzeitiger kritischer Reflexion der jeweiligen Personen gerecht zu werden, indem sie Hinweisschilder zu den Straßennamen aufstellen. Ein interessierter Bürger mag – wenn er die Zeit dafür gerade haben sollte – kurz inne halten, um sich ein Informationsschild durchzulesen. Doch Straßennamen erreichen alle Bürger, nicht nur den interessierten, sondern gleichermaßen den anwohnenden, briefschreibenden, besuchenden oder sich orientierenden als auch jenen, der aufgrund der örtlichen Distanz ein Hinweisschild per se nicht wahrnehmen kann. Insofern ist es notwendig, Namen von Personen, deren Handeln nicht mehr mit unserem demokratischen Verständnis zu vereinbaren ist, diesem mitunter sogar konträr gegenübersteht, von den Straßenschildern zu entfernen.

Diese Forderung soll nun mitnichten ein Plädoyer für das Vergessen sein, sondern vielmehr auf die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion mit dem Erinnerungsmedium Straßenschild hinweisen. Schließlich  wird die entsprechende Person durch die Präsenz im öffentlichen Raum offiziell zu einem gesellschaftlichen Vorbild erklärt. Es wäre daher doch sinnvoller – wenn wir unsere Geschichte eben nicht restlos aus dem Straßenbild entfernen wollen – Informationstafeln zu den Umständen der Umbenennung aufzustellen und darüber den interessierten Bürger aufzuklären. Zugegeben bedeuten Straßenumbenennungen einen hohen Verwaltungsakt und stoßen auch bei Anwohnern selten auf Begeisterung.

Indes: Wenn wir schon Namen von historischen Persönlichkeiten für die Benennung unserer Straßenschilder heranziehen und diese damit als Bestandteil unserer Geschichtskultur begreifen, dann ist es ebenso unsere Pflicht, diese Entscheidungen zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu hinterfragen, auf ihre Gültigkeit für eine demokratische Gesellschaft erneut zu prüfen und dann eben auch Änderungen vorzunehmen. Würden wir dies nicht tun, führten wir jeglichen geschichtsdidaktischen Anspruch von Beginn an ad absurdum und sollten uns besser auf neutrale Namen à la „Rosmarinweg“ oder „Bahnhofsallee“ beschränken.

Bonnie Pülm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.  


[1] Heinrich Sohnrey (1859-1948) war Lehrer und Schriftsteller, dessen Schriften bereits vor 1933 antisemitische und rassistische Tendenzen aufwiesen.

[2] Rainer Pöppinghege: Wege des Erinnerns. Was Straßennamen über das deutsche Geschichtsbewusstsein aussagen, Münster 2007,  S. 21.

[3] Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann u. Tonio Hölscher (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988, S. 9-19, hier S. 12.

[4] Johanna Sänger: Heldenkult und Heimatliebe. Straßen- und Ehrennamen im offiziellen Gedächtnis der DDR, Berlin 2006, S. 11.

[5] Tamke, Gerd, Rainer Driever: Göttinger Straßennamen, Göttingen 2012, http://www.stadtarchiv.goettingen.de/strassennamen/tamke-driever%20goettinger%20strassennamen_01.pdf (2.11.2013).

[6] Matthias Marthens: Straßennamen – Lesezeichen im kulturellen Gedächtnis, in: Sabine Horn u. Michael Sauer (Hrsg.): Geschichte und Öffentlichkeit. Orte – Medien – Institutionen, Göttingen 2009, S. 61-69, hier S. 61.


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