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Philipp Scheidemann – der kaiserliche Sozialdemokrat

Franz Walter |  23. Juli 2015 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter über Philipp Scheidemann, der 1918 die Republik ausrief – und dafür zeitlebens gehasst wurde.

Vor 150 Jahren, am 26. Juli 1865, kam der erste demokratisch gewählte Regierungschef in Deutschland zur Welt: Philipp Scheidemann. Eine solche politische Karriere hätte man am Tag seiner Geburt gewiss nicht für möglich gehalten. Denn Scheidemann kam nicht aus aristokratischen Verhältnissen, entstammte auch nicht dem wohlhabenden Bürgertum, sondern einer Familie mit einer langen Handwerkertradition.

Infolgedessen absolvierte auch der junge Philipp nach der Volksschule eine Schriftsetzerlehre. Mit 18 Jahren trat er dann der Sozialdemokratie bei, verbreitete heimlich Flugschriften. Seine Schreib- und Vortragsbegabung fiel in der Partei rasch auf, sodass er bald einige Redaktionsposten sozialdemokratischer Tageszeitungen angeboten bekam, schließlich gar als Kandidat für den Reichstag nominiert wurde. Sozialdemokraten der Kaiserreichsjahre mussten, durchaus im Unterschied zur Gegenwart, mobile und flexible Figuren sein. Aufgrund von Scheidemanns Parteitätigkeit wechselte dessen Familie binnen weniger Jahre mehrere Male den Wohnort, zog von Kassel nach Gießen, von dort nach Nürnberg, um über Offenbach wieder in Kassel zu landen. Scheidemanns Wahlkreis seit 1903 lag im Westen des Reichs, in Solingen. Und 1911 ging es schließlich nach Berlin, wo Scheidemann zum hauptamtlichen Sekretär des zentralen Parteivorstandes avancierte.

Hier allerdings war er fehlbesetzt. Denn Scheidemann war nicht dafür geschaffen, Tag für Tag am Schreibtisch zu hocken, um akkurat die Akten zu studieren. Bürotätigkeiten dieser Art betrachtete er abschätzig als „Kleinkram, der mich nicht interessierte“. Ordnung in die zu administrierenden Angelegenheiten zu bringen, gelang ihm nicht. Während in Scheidemanns Büro pures Chaos herrschte, hatte (der spätere Reichspräsident) Friedrich Ebert – zu dem sich mehr und mehr eine Rivalität aufbaute – die Apparatstrukturen souverän unter Kontrolle. Das verschaffte Ebert zeitlebens den machtpolitischen Vorsprung in den entscheidenden Momenten der sozialdemokratischen Geschichte.

Dabei war Scheidemann außerhalb der Partei der ungleich bekanntere Politiker. Seine parlamentarische Karriere begann im Jahr 1903 und endete unfreiwillig Anfang 1933. Das Parlament bot ihm die Bühne für seine herausragende Fähigkeit: die Rede. Als „sozialdemokratischer Cicero“ charakterisierte ihn Jahrzehnte später ein kundiger Historiker. Scheidemann konnte zu fast jedem Thema extemporierend Stellung beziehen, reagierte schlagfertig auf Zwischenrufe, blamierte seine Kontrahenten durch flotte ironische Repliken. Unentwegt schoss er Pointen ab.

Scheidemann glänzte im Parlament, dann auf Parteitagen, auf Kundgebungen. In theoretischen Fragen allerdings war er gleichgültig, auch ein wenig opportunistisch. Rosa Luxemburg war ihm unsympathisch, wegen ihrer Radikalität; doch fürchtete der Autodidakt ebenfalls ihre Intellektualität, die ihn verlegen und unsicher machte.

Die große Stunde des Philipp Scheidemann schlug im Krieg. Die Herrschenden in Preußen-Deutschland, die bis in den Sommer 1914 Sozialdemokraten kaum mit einem formalen Gruß oder anderen Zeichen schlichtester Höflichkeit begegnet waren, bemühten sich nun um die „vernünftigen Roten“. Denn sie brauchten die Industriearbeiter. Scheidemann verkehrte nun mit Reichskanzlern, tauschte sich mit Generälen aus, unterredete sich mit Zensoren, beriet Ernährungskommissare, kooperierte mit kaiserlichen Ministern und sprach sich mit Großindustriellen ab. Als kaiserlichen Sozialdemokraten nahmen ihn die Granden der Monarchie mit auf Spritztouren an die Front, wo er die Kampfmoral der Soldaten stützen und stärken sollte. Zum Ende des Wilhelminismus rückte er dann als erster Sozialdemokrat in das (letzte) kaiserliche Kabinett ein. Kurzum: Scheidemann schien dazuzugehören.

Immerhin, Scheidemann kamen im Laufe der Kriegsjahre erhebliche Zweifel am vorgegebenen Verteidigungscharakter der deutschen Kriegsführung. Er forderte daher bald einen Frieden ohne Annexionen, was fortan in der Öffentlichkeit „Scheidemann-Frieden“ hieß. Damit zog er, der bereits als Zielscheibe zunehmender Empörung innerhalb der neuen Linken fungierte, den Hass der politischen Rechten auf sich, die ihn – wie ein halbes Jahrhundert später dann im Zuge der neuen Ostpolitik auch Willy Brandt – als „Verzichtspolitiker“ schmähten. Darauf konterte Scheidemann Mitte Mai 1917 im Reichstag brillant, hier zeigte er seine rhetorische Wucht:

„Was soll das heißen und auf was verzichten wir überhaupt? Wir verzichten auf die Fortsetzung des Krieges; wir verzichten auf hunderttausende Tote und hunderttausende Krüppel; wir verzichten auf tägliche Lasten von hundert Millionen; wir verzichten auf die weitere Verwüstung Europas.“

Die Gabe der Rede besaß Scheidemann unzweifelhaft in hohem Maße. Daher war er es, und nicht Friedrich Ebert, der zur Mittagszeit des 9. November 1918 von seiner Wassersuppe abließ, um vom Balkon des Reichstages, ohne jegliche Vorbereitung und Absprache mit seinen Parteigenossen, die Republik auszurufen. Daraufhin wurde er von seinem Mitvorsitzenden in der Partei, eben Friedrich Ebert, wütend abgekanzelt. Doch noch mussten die beiden es miteinander aushalten. Eberts Ambition zielte auf das Reichspräsidialamt, Scheidemann erhielt die Ministerpräsidentenschaft, fungierte also als Chef des Kabinetts. Lange währte Scheidemanns Amtszeit jedoch nicht. Das waren vier unglückliche Monate für ihn. Als besonders unerträglich empfand Scheidemann die Unordentlichkeiten der Revolution, die Wut, die nun ausgerechnet Arbeiter gegen ihn, den Cicero des kleinen Mannes, richteten. Die täglichen Demonstrationen von links waren Scheidemann ein Gräuel. Vor seinem Amtszimmer in der Wilhelmstraße zogen regelmäßig Spartakisten vorbei, die ihn lauthals als „Arbeiterverräter“, „Lumpen“ und „Büttel der Bourgeoisie“ beschimpften.

Mit dem Furor seiner rednerischen Leidenschaft kam sich Scheidemann indes auf dem Feld der klugen machtpolitischen Schachzüge immer wieder selbst in die Quere. Als sich Mitte Mai 1919 der Reichstag zu einer Sondersitzung über den Vertrag von Versailles in der Aula der Berliner Universität versammelte, kündigte Scheidemann an, dass jede Hand verdorren müsse, die sich dem Diktat beugen würde. Daher sei eine Unterzeichnung des Vertrages „unannehmbar“. Der Applaus, der daraufhin entbrannte, war frenetisch. Zugleich war in diesem Moment Scheidemanns große Karriere final zu Ende. Ebert und andere Sozialdemokraten in der politischen Führung, die sich nicht durch solche kategorisch zugespitzten Deklarationen fixieren und auf diese Weise ihren Spielraum verengen ließen, schickten sich bald hinreichend wendig in die außen- und militärpolitischen Zwänge, gaben mithin den Widerstand gegen die Vertragsratifizierung auf. Scheidemann hatte sich diese Option selbst verbaut, trat am 20. Juni 1919 zurück. Erschöpft begab er sich für mehrere Wochen zur Erholung in die Schweizer Berge – gefüllt mit tiefem Groll auf Friedrich Ebert, dem er später vorwarf, die Partei „in der stärksten Weise terrorisiert“, ja letztlich „zugrunde gerichtet“ zu haben.

1920 kehrte Scheidemann dorthin zurück, wo für ihn alles angefangen hatte, nach Kassel, wo er fortan als Oberbürgermeister amtierte. Auch hier zog Scheidemann stärker als jeder andere Sozialdemokrat den schieren Hass der Rechten auf sich. Selbst die vier Jahre des Weltkriegs, als Scheidemann zum sozialdemokratischen Kooperationspartner des monarchischen Deutschland schlechthin geworden war, hatten ihn also nicht „rehabilitiert“. Sein Haus in Kassel wurde mit Schmähungen beschmiert, auf der Straße war zu jeder Zeit mit Beschimpfungen zu rechnen. An ihn adressierte Drohbriefe hätte er in Körben sammeln können.

Pfingsten 1922 machten dann zwei Männer der extremen Rechten Ernst. Sie lauerten ihm bei einem Waldspaziergang mit seiner Tochter auf und bespritzten ihn mit Blausäure. Scheidemann überlebte wohl nur, weil er die beiden Attentäter mit ungezielten Schüssen aus seiner Pistole, die er aus guten Gründen immer bei sich führte, in die Flucht schlug. Das allerdings war im Nachgang für die deutschnationale Presse ein willkommener Anlass, die Inhaftierung des Oberbürgermeisters wegen versuchten Totschlags anzumahnen.

Nur gut fünf Jahre hielt Scheidemann die Kommunalpolitik in seiner nordhessischen Heimat aus. Dann siedelte er wieder nach Berlin, wo er auch schon während seiner Zeit als Oberbürgermeister gewirkt hatte und nun noch bis 1933 als Reichstagsabgeordneter agierte – wenngleich seit Mitte der 1920er Jahre ohne Einfluss.

Im Grunde war Scheidemann fast schon vergessen, als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 binnen weniger Wochen die gesamte Macht okkupierten. Nur: Die Nazis hatten ihn keineswegs aus ihrem Gedächtnis getilgt. Der Neue Vorwärts fand noch 1939 verblüffend, mit welcher „tierischen Wut“ die deutsche Rechte Scheidemann vor und nach 1933 verfolgt hatte. Schon in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1933 musste Scheidemann Hals über Kopf aus Deutschland fliehen, wohnte kärglich erst in Prag, dann bis zu seinem Tod in Kopenhagen. Die Nazis bürgerten ihn aus, nahmen seine Verwandten in Geiselhaft, quälten die älteste Tochter und den Schwiegersohn so lange, bis beide Anfang Mai 1933 den Suizid dem Nazi-Terror vorzogen.

In den letzten Jahren seines Lebens hatte Philipp Scheidemann die „kummervolle Einsamkeit des Exils“ (Golo Mann) zu ertragen, bis er am 29. November 1939 starb. Doch auch dann ging das Drama des Philipp Scheidemann und der (gespaltenen) Arbeiterbewegung in Deutschland weiter. Als seine Urne Anfang der 1950er Jahre nach Deutschland überführt werden konnte, ließ sich sein zu Lebzeiten erklärter Wunsch, neben seiner 1926 verstorbenen Ehefrau bestattet zu werden, nicht erfüllen. Denn das Grab seiner Frau befand sich auf dem Friedhof in Stahnsdorf bei Berlin, also auf dem Terrain der DDR. Dort aber, im Herrschaftsbereich der SED, war nicht einmal die Asche des bei den Kommunisten verpönten „rechten Sozialdemokraten“ erwünscht.

Franz Walter ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.


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