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Peter Glotz – Das Dilemma des Intellektuellen

Matthias Micus |  4. März 2014 | 
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[analysiert]: Matthias Micus über Stärken und Probleme politischer Vordenker.

„Er wird fehlen“. So lautete eine vielgebrauchte Pathosformel in den Nachrufen von Parteifreunden, Politikerkollegen, Journalisten und Wissenschaftsvertretern auf den Ende August 2005 mit 66 Jahren verstorbenen ehemaligen Bundesgeschäftsführer der SPD, Peter Glotz. 1939 in der heutigen Tschechischen Republik geboren, war der promovierte Zeitungswissenschaftler sowie kurzzeitige Konrektor der Universität München und Geschäftsführer eines Forschungsinstituts in der Sozialdemokratie ein Solitär, ein Tausendsassa und Grenzgänger zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik; jahrelang galt er als der Parteivordenker vom Dienst schlechthin. Am Donnerstag, dem 6. März, hätte er seinen 75. Geburtstag gefeiert.

Die Diagnose, dass er fehle, scheint unverändert zuzutreffen, vielleicht gültiger denn je zu sein. Schließlich schreitet die Politikverdrossenheit immer neuen Höchstwerten entgegen, ihre Ingredienzien sind eine nachgesagte Inkompetenz der politischen Eliten, ihr vermeintlicher Mangel an Unabhängigkeit von doktrinären Parteigremien und ein öffentlich empfundenes Erfahrungsdefizit, da sie von der Wiege oder zumindest Schulbank bis zur Bahre, ohne je zur Wissenschaft und Wirtschaft über den Tellerrand geschaut zu haben, bloß noch Politik und nichts als Politik betreiben. Erst recht ist die Deutung, dass heute die originellen Pioniere und kreativen Bahnbrecher fehlen würden, in den Parteien allgemein und in der SPD im Speziellen, eine Standardklage in den Kommentarspalten des Politischen. Keine Visionen, nirgends, statt langfristiger Ziele und handlungsorientierender Leitplanken würden Demografiegläubigkeit und taktisches Kurzfristdenken herrschen.

Und stimmt es vielleicht nicht sogar, dass Talente und Köpfe, die in den 1970er und 1980er Jahren noch in die Politik strömten, den Parteien heute fernbleiben? Nehmen wir das Beispiel der Generalsekretäre oder Bundesgeschäftsführer. Heute residieren im Willy-Brandt-, Konrad-Adenauer- und Thomas-Dehler-Haus, den Organisationszentren von SPD, CDU und FDP, mit Yasmin Fahimi, Peter Tauber und Nicola Beer weitgehend Unbekannte. In den 1970er und 1980er Jahren dagegen leiteten die Parteizentrale der CDU Männer vom Kaliber Kurt Biedenkopfs und Heiner Geißlers, die als scharfzüngige Debattenredner geschickt Begriffe prägten und denen jedes Amt bis hin zu dem des Bundeskanzlers zugetraut wurde. Die liberale Bundesgeschäftsstelle führte von 1971 bis 1973 Karl-Hermann Flach und jene der SPD von 1976 bis 1981 Egon Bahr. Auf letzteren folgte von 1981 bis 1987 eben jener Peter Glotz, seinerseits ein Musterbeispiel in dieser Reihe intellektueller Koryphäen.

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079278-0012 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA / Quelle: wikimedia

Doch hatte Glotz seinen politischen Zenit bereits überschritten, als er in dieses höchste politische Amt seiner Karriere gewählt wurde. Seine erfolgreichste Zeit waren die 1970er Jahre, das Jahrzehnt, in dem die Bildungspolitik eine zentrale Stellung auf der politischen Agenda einnahm, das Bildungssystem als Hebel gesellschaftlicher Integration galt, die größten parlamentarischen Nachwuchsbegabungen in die Bildungsausschüsse drängten – und insbesondere hier eine Vielzahl von Akademikern wirkungsvolle Betätigungsmöglichkeiten und attraktive Karrierechancen vorfand. Auch der Aufstieg von Glotz verlief rasant: 1970 wurde er in den Bayerischen Landtag gewählt, bereits 1972 in den Bundestag; zwei Jahre später war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, 1977 erfolgte der Wechsel als Wissenschaftssenator nach Berlin; parallel dazu amtierte er von 1972 bis 1976 außerdem als stellvertretender Landesvorsitzender der Bayern-SPD.

Freilich, mit anderen politisierenden Professoren, Intellektuellen und Vordenkern gemeinsam war Glotz ebenfalls, dass sie bei allen Vorschusslorbeeren und anfänglichen Positionssprüngen auf mittlere Sicht im politischen Feld doch scheiterten und nie bis ganz an die Spitze gelangten. Gerade die Eigenschaften, für die sie anfangs so belobigt wurden, die in anderen Wirkungsbereichen auch ihre Erfolge verbürgt haben mochten, bringen ihnen in der politischen Sphäre mehr Schaden als Nutzen. Erstens: Als Individualisten fehlt ihnen die Hausmacht, die sich schützend vor sie stellt, wenn die öffentliche Meinungsströmung einmal nicht als Rückenwind sondern als Luftloch daherkommt. Glotz ließ sich zeitlebens nirgendwo verlässlich zuordnen, er war kein Rechter und kein Linker. 1978 suchte er den Austausch mit der Alternativbewegung auf dem Tunix-Kongress, wofür er von den Parteirechten heftig kritisiert wurde, und war doch kein Verfechter rot-grüner Bündnisse. Als Mann Willy Brandts und Kritiker dessen politischer Enkel kritisierte er die Wiedervereinigung gegen den Alt-Kanzler und im Bündnis mit dem sozialdemokratischen Führungsnachwuchs. In der Hauptstadtdebatte plädierte der vormalige Berliner Wissenschaftssenator für Bonn. Und in der Auseinandersetzung zwischen Schröder und Lafontaine um die Kanzlerkandidatur 1998 stand der Wohlfahrtsstaatsmodernisierer Glotz auf der Seite des sozialpolitischen Traditionalisten Lafontaine.

Als Kopfmenschen mangelt es ihnen am Verständnis für den Einfluss des Bauchgefühls auf die Entscheidungsfindung in Parteien. Glotz verachtete es, wenn irrationale Ängste das Handeln anleiteten, dagegen setzte er auf Analyse und Vernunftgebrauch. Doch als politische Gemeinschaften beruhen Parteien auf unhinterfragten Gefühlswerten und gewachsenen Normen, ihr Zusammenhalt wird durch kollektive Identitäten gestiftet, die ihrerseits durch mythische Erzählungen und Rituale gefestigt werden. Dafür haben intellektuelle Vordenker in der Regel wenig Verständnis; auch Glotz blieb dies fremd, in seinem Buch „Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück“, erschienen zwei Jahre vor seinem Tod, wertete er Herkunfts- und Identitätsgefühle zu „anthropologischen Konstanten“ ab und betonte, dass man es „mit der Identität nicht übertreiben (dürfe). Man sollte auf die Menschen einwirken, mit ein bisschen weniger Identität auszukommen, und ihnen dafür in Aussicht stellen, dass ihre Säuglinge nicht mit dem Gewehrkolben erschlagen oder über eine Brücke ins Wasser geworfen werden.“

Und schließlich eignen sich Theoretiker für gewöhnlich wenig für die Praxis: Sie zögern, wenn Tatkraft gefragt ist. Eingezwängt in das Korsett ihres schlüssigen, in sich geschlossenen theoretischen Systems, übersehen sie die politischen Handlungsräume, die der Augenblick bereithält; den Kompromiss lehnen sie als Inkonsequenz, Opportunismus, ja Verrat an dem als richtig Erkannten ab. Ihre Stärke sind eben die Gedanken, nicht deren Umsetzung. So war Glotz ein außergewöhnlich kluger Kommunikationsexperte, der grundsätzlich sehr genau wusste, wie Medien für die eigenen Anliegen zu interessieren, thematische Botschaften zu platzieren, Kandidaten zu inszenieren und Wählerstimmen zu erhalten waren. Doch der Wahlkampf von 1987, den er als Bundesgeschäftsführer zu verantworten hatte, ging in die Geschichte der Nachkriegssozialdemokratie als einer ihrer schwächsten ein – mit zwei konkurrierenden Wahlkampfzentralen, katastrophaler Außenkommunikation und einem letztlich weit hinter den anfänglichen Erwartungen zurückbleibenden Wahlergebnis. Und mit dem „Irseer Entwurf“ verabschiedete die SPD im Jahr 1986 eine programmatische Diskussionsgrundlage, mit welcher der für die Grundsatzprogrammatik zuständige Bundesgeschäftsführer ebenfalls nicht zufrieden sein konnte. Viel zu stark atmete sie für das Empfinden von Glotz den Geist sozial-ökologischer Fortschrittsskepsis. Seinen präzisen Vorstellungen zufolge war Dreierlei nötig: Das Programm durfte keine Kopfgeburt sein, sondern musste an laufende innerparteiliche Debatten anknüpfen; es musste von einer entschlossenen Führungsgruppe propagiert werden; und schließlich flächendeckend, systematisch und kampagnenartig in den Parteigliederungen verbreitet werden. Bloß: Nichts davon traf auf den Irseer Entwurf von 1986 oder schon gar das spätere Berliner Programm von 1989 zu, welches vielmehr, gerade erst beschlossen, ob des geopolitischen Wandels gleich wieder in den Schubladen verschwand.

Erschwerend kam nun speziell für Glotz noch hinzu, dass er es mit der bayerischen SPD mit einem Landesverband zu tun hatte, der einerseits eine radikale Transformation benötigt hätte, um aus seiner hoffnungslosen Minderheitenrolle hinausgelangen zu können, an die sich Glotz auch sogleich machte, dessen Aktivistenkern sich aber andererseits gerade wegen der machtpolitischen Randstellung der Partei mehrheitlich in linke Nostalgie, Verbalradikalismus und dogmatische Prinzipienreiterei geflüchtet hatte. Es kam, wie es kommen musste: Glotz’ Versuch, Spitzenkandidat für die Landtagswahl 1990 zu werden, scheiterte, die Bayern-SPD entschied sich für den Landesvorsitzenden Hiersemann, oder, wie ein kluger Kommentator mit Blick auf sein Buch über „Die Beweglichkeit des Tankers“ schrieb, für den Tanker und gegen die Beweglichkeit.

Kurzum: Die Erwartungen, die sich mit Intellektuellen in der Politik verbinden, waren und sind zumeist unrealistisch. Einen Königsweg hin zu einer besseren politischen Praxis, einer geringeren Politikverdrossenheit oder gar größeren Verlässlichkeit in der Politik stellen sie nicht dar. Dennoch mangelt es in Zeiten, in denen kein sozialdemokratischer Grundbegriff mehr auf der Höhe der Zeit zu sein scheint, an einem Begriffspräger wie Glotz, der an Brandts „Neue Mitte“-Papier beteiligt war und mit dem sich die „Zweidrittelgesellschaft“ ebenso wie der „digitale Kapitalismus“ verbinden. Auch hat Glotz viele richtige Fragen gestellt, wenn er auch nicht immer selbst schon die Antworten mitgeliefert hat. Etwa, dass sich nach dem Niedergang der großen industriegesellschaftlichen Kollektive und im Angesicht von Individualisierung und Molekularisierung auch die Gegenstrategien der (gewerkschaftlichen und parteipolitischen) Arbeitnehmervertretungen ändern müssten.

Insofern fehlen also Politiker wie Glotz tatsächlich. Wobei die Rückbesinnung auf ihren ehemaligen Bundesgeschäftsführer für seine Parteifreunde in Zeiten der sozialdemokratischen Suche nach alternativen Machtoptionen zur Großen Koalition auch deshalb empfehlenswert wäre, als dieser ein engagierter Brückenbauer zwischen SPD und FDP war und in mehreren Beiträgen vorhandene, doch verschüttete Gemeinsamkeiten zwischen beiden Parteien herauszuarbeiten versuchte.

Dr. Matthias Micus ist akademischer Rat am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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