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Pegida als Symptom kollektiver Narbenbildung

Florian Finkbeiner, Hannes Keune, Julian Schenke |  19. März 2015 |   |  Drucken

Analysen der Pegida-Bewegung

[analysiert]: Hannes Keune, Florian Finkbeiner und Julian Schenke mit einer sozialpsychologischen Annäherung an Pegida

Die Pegida-Proteste sind fraglos vor allem ein sächsisches Phänomen.[1] Dennoch sind regionalkulturelle Erklärungen der Proteste keineswegs erschöpfend. Das unerbittliche und aggressiv vorgetragene Misstrauen sowie die Absurdität vieler Forderungen verweisen auf allgemeinere Triebfedern des Protests. Diese lassen sich mithilfe eines sozialpsychologischen Ansatzes einfangen, der den Wandel der Stellung von Individuen in modernen Gesellschaften betrachtet. Aus einer derartigen Perspektive ergeben sich interessante Erklärungen der Pegida-Proteste, welche als deutliches Symptom kapitalistischer Krisenentwicklungen gedeutet werden können. Sozialpsychologische Kategorien erweitern den Blick auf die Dynamik von Massen und die Funktionsweisen kollektiver Enthemmung. Das wachsende Behagen der Demonstrationsteilnehmer, ihr Aufgehen in den ritualisierten Zusammenrottungen, was sich teilweise bis zur Parole „Pegida macht glücklich“[2] steigert, lassen sich so ins „rechte“ Licht rücken.

Sozialtheorien verschiedenster Prägung gehen davon aus, dass Menschen zur Integration in kapitalistische Gesellschaften enorme, tief in die Psyche reichende Anpassungsprozesse durchlaufen müssen. Die damit verbundene Verinnerlichung von Herrschaft und die Gewaltausübung gegen die eigene Sinnlichkeit stehen „an der Wiege des modernen Wirtschaftsmenschen“[3] – sowohl in historischer Hinsicht als auch in Bezug auf die Sozialisation jedes heutigen Individuums. Die Geschichte des Kapitalismus ist dementsprechend eine Geschichte der Versagung, die sich im psychischen Apparat der Individuen niederschlagen muss. Moderne Subjektivität ist stets das prekäre Ergebnis eines – so lehren psychoanalytisch inspirierte Theorien – nie ganz gelingenden Sozialisationsprozesses, und insbesondere in Zeiten erschütterter lebensweltlicher Kontinuität droht der gewalttätige Ausbruch der unterdrückten inneren Natur. Dies ist der gesellschaftliche Nährboden, dem Ressentimentbewegungen wie Pegida entwachsen können.[4]

Wie aber lässt sich das historisch zeigen?

Für den Historiker Eric Hobsbawm hat die Welt zum Ausgang des „kurzen 20. Jahrhunderts“ um 1989 ihre Orientierung verloren. Die Umwälzungsprozesse seit dem Ende der relativ stabilen Nachkriegskonstellation werden deshalb in Kategorien des Zerfalls von Wohlfahrtsstaatlichkeit, der ökonomischen Desintegration und des subjektiven wie kollektiven Orientierungsverlusts gefasst.[5] Mit dem Ende der prosperierenden Nachkriegsperiode gehen die modernen Industrienationen ihres zentralen Integrationsmechanismus verlustig: Der Arbeitsmarkt schließt sich zunehmend und kann das Versprechen des sozialen Aufstiegs immer weniger einlösen. Ab den 1970er Jahren kehren die Zyklen ökonomischer Krisen sowie deren Begleiteffekte wie Massenarbeitslosigkeit wieder; mithin die materielle Unsicherheit und die zunehmende Erfahrung individueller Überflüssigkeit.[6]

Die gesellschaftlichen Veränderungen werden durch die Individuen hindurch vollzogen, wachsende Konkurrenz und gesellschaftliche Desintegration schlagen sich in der psychischen Konstitution der Einzelnen nieder. Das Netz, „das Menschen virtuell davor bewahren kann, aus dieser Welt zu fallen“[7], wird grobmaschiger, die von Normalarbeitsverhältnis und jährlicher Italien-Reise getragene lebensweltliche Kontinuität des Nachkriegskapitalismus immer weniger die Regel.

Die zunehmende Diffusion sozialintegrativer Mechanismen lässt eine starke Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Orientierung entstehen. Zudem fordert das Verschwimmen von Grenzziehungen, die im globalen Kapitalismus zunehmend funktionslos werden, tradierte Ordnungsgefüge und Identitätsvorstellungen heraus. Soziale Konflikte werden nunmehr in Kategorien homogener kollektiver „Identität“ verhandelt, die an diese verstümmelten Sehnsüchte anschließen und deren destruktives Potenzial gegen ein imaginiertes Fremdes politisch organisiert werden kann.[8]

Insbesondere die massenhafte (Arbeits-)Migration und die Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft bringen – wie so oft in Zeiten brüchiger bürgerlicher Ordnung – Fragen nach Herkunft und Zugehörigkeit auf: Heute lassen sich diese nicht mehr so einfach beantworten, ist doch das Nationenprinzip im globalisierten Kapitalismus selbst schon unterminiert.[9] Die darauf antwortende Aggressivität nationalistischer Impulse bringt Erscheinungen wie den reaktionären Ethnonationalismus hervor.

In Deutschland verschränkt sich diese für alle fortschrittlichen kapitalistischen Gesellschaften mehr oder weniger geltende Entwicklung mit der besonderen Suche nach „deutscher Identität“. Die alte Bonner Bundesrepublik war – nicht zuletzt in Folge der kulturellen und politischen Modernisierung nach 1968 – schon im letzten Jahrzehnt vor der „Wiedervereinigung“ Schauplatz großer öffentlicher Debatten um das Verhältnis der Deutschen zur eigenen Vergangenheit.[10]

Mit den „Wendejahren“ verkomplizierte sich die Gemengelage abermals: Die Massendemonstrationen gegen das SED-Regime im Herbst 1989, die durchaus von einem emanzipatorischen Impuls angeleitet waren und in der sich Momente einer Selbstkonstitution der Ostdeutschen als politischer Souverän einer Staatsbürgernation ausdrückten, kippten binnen weniger Wochen in einen ethnonationalen Freudentaumel, der den Weg zur „Wiedervereinigung“ ebnete. Aus der Parole „Wir sind das Volk“, die für einen kurzen Moment die staatsbürgerliche Idee trug, wird „Wir sind ein Volk“, mit dem die DDR-Bevölkerung „ihren Anspruch auf Teilhabe an einer westlichen Erfolgsgesellschaft ‚ethnisch‘ artikulierten“.[11]

Die deutsche Einheit wurde um den Preis der Integration eines wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell rückständigen Ostdeutschlands vollzogen. Die genuin kleinbürgerliche Gesellschaft der DDR, die ihren Bürgern eine relative soziale Sicherheit und stabile Lebenszusammenhänge garantieren konnte, wurde schlagartig modernisiert. Das von Helmut Kohl gegebene Versprechen „blühender Landschaften“ ist das der Integration in die alte Bundesrepublik, sprich in die piefigen, aber materiell erträglichen Jahrzehnte wirtschaftlicher Prosperität.

Freilich konnte und kann dieses Versprechen nicht gehalten werden: Statt blühender Landschaften brachten die 1990er Jahre eine neoliberale Schockkur und eine nachholende kulturelle Modernisierung. „Während im Westen Deutschlands nach dem großen weltpolitischen Bruch von 1989 zunächst das Leben im Großen und Ganzen wie zuvor weiterzugehen schien, rutschte den Bürgern der früheren DDR der Boden in ‚diesen Trümmerjahren ihrer Identität‘[12] nahezu vollständig unter den Füßen weg. Ganze Regionen verarmten, boten schlagartig kaum noch realistische Hoffnungen für die Zukunft. Die erlernte Semantik der Jahrzehnte bis 1989 war wertlos, ja schädlich; man hatte sie schleunigst zu verlernen.“[13]

Stattdessen verlangte die neue Berliner Republik die Integration in eine marktwirtschaftlich organisierte, politisch und kulturell fortgeschrittene Gesellschaft, welche ihrerseits ab Ende der 1990er Jahre einen weiteren umfassenden Modernisierungsschritt vollziehen sollte. Das von linksgrünen Eliten getragene Programm eines „toleranten, weltoffenen und anständigen“ neuen Deutschlands findet insbesondere in jenen Regionen und Milieus Ablehnung, in denen die neoliberal zugespitzte kapitalistische Krisenbewältigung entsprechende Gratifikationen versagt. Gesellschaftliche Konflikte können hier leichter in den Kategorien eines klassischen Rassismus, Antifeminismus etc. verhandelt werden. Im Falle von Pegida sind das weniger ökonomisch und sozial Abgehängte, sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Querschnitt von Frustrierten, die sich am modifizierten westdeutschen politisch-kulturellen Setting reiben. „Staatlich verordneter“ Multikulturalismus, „Ökofaschismus“und „Genderwahn“ werden dementsprechend als Provokation empfunden. Dies mag vor allem, aber nicht nur für Ostdeutschland gelten.

Im Phänomen Pegida, dieser neuesten deutschen Ressentimentbewegung, lässt sich damit einerseits das Potenzial gesellschaftlich produzierter Destruktivität erahnen. Die Aktivisten sind konformistische Rebellen, denen es nicht um gesellschaftliche Veränderung, sondern um eine autoritäre Krisenlösung in ihrem, in „des Volkes“ Sinne geht. Die pseudo-radikalen und irrationalen Forderungen und Anschuldigungen („Lügenpresse“, „Multikulti tötet“, „Ami go home“ und „Raus aus der NATO“) transportieren dabei keine Kritik, sondern allein das Versprechen auf Gewalt. Hinter dem Ruf nach „Recht und Ordnung“[14] steht nicht die behauptete Verteidigung liberal-rechtsstaatlicher Vermittlung gegen islamistischen Terrorismus („Keine Religionskriege auf deutschem Boden!“), sondern schlicht der ethnisch getönte Wunsch nach einer Zwangsgewalt, die Uneindeutigkeiten, Widerspruch und jede Form politischer Aushandlung erstickt.Soziale Konflikte erscheinen so lösbar durch das Recht des Stärkeren, und der Stärkere ist a priori das eigene Kollektiv. Das macht die zahlenstarke Zusammenrottung von Pegida als Akt kollektiver Enthemmung für die Einzelnen psychologisch so funktional: „Die einen grölen ‚Lügenpresse‘, die anderen hauen auf Fernsehmikros, und wo vorher Wut war, ist aggressives Gelächter.“[15]

Bei alledem bleibt andererseits festzuhalten: Die Träger der konformistischen Rebellion sind vereinzelte und entfremdete Individuen, tatsächlich von der Gesellschaft Geschlagene. Ihre Unzufriedenheit ist Ausdruck verstümmelter Sehnsüchte sowie einer tief empfundenen Entsolidarisierung und hat damit einen berechtigten Kern, der sich allerdings – regressiv gewendet – gegen alles Fremde und Nonkonforme richtet.

In diesem doppelten Sinne ist Pegida ernst zu nehmen, nicht aber als Vertretung legitimer politischer Forderungen. Eine tiefenpsychologisch fundierte Gesellschaftstheorie, die sich Pegida in diesem Sinne annehmen könnte, hat der akademische Betrieb leider in „interdisziplinäre Forschungscluster“ aufgelöst. Das ist bitter, sind Ressentimentbewegungen doch schwerlich ohne die sozialpsychologischen Kategorien zu fassen, an die wir zu erinnern versucht haben.

Florian Finkbeiner, Hannes Keune und Julian Schenke arbeiten am Göttinger Institut für Demokratieforschung.Weitere Analysen zu Pegida finden sich hier.

[1] Vgl. Lühmann, Michael: Der sächsische Biblebelt, in: Blog des Göttinger Institut für Demokratieforschung, URL: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/saechsische-biblebelt [eingesehen am 18.03.2015].

[2] Vgl. Rafael, Simone/Piotrowski, Laura: Legida in Leipzig: In den Straßen hallt der Hass, URL: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/legida-leipzig-den-stra%C3%9Fen-hallt-der-hass-9973 [eingesehen am 18.03.2015].

[3]Vgl. Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1920, S. 195.

[4]Vgl. Brückner, Peter: Psychologie und Geschichte. Vorlesungen im Club Voltaire 1980/81, Berlin 1982, S. 84-88.

[5]Vgl. Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 2012, S. 504-537.

[6] Marx schrieb, dass der Kapitalismus in Krisenzeiten ein Gros an überflüssigen Arbeitskräften produziere, die in Zeiten prosperierender Ökonomie wieder absorbiert würden, vgl. Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 23, S. 670 ff. Der Nachkriegskapitalismus weckte noch einmal den Anschein, dass er damit Recht haben könnte. Die globalisierte Weltwirtschaft nach der Dritten Industriellen Revolution (also der Digitalisierung) zeigt jedoch, dass Vollbeschäftigung nurmehr Illusion ist. Die Überflüssigkeit des Einzelnen ist real, dem fordistischen Schein der „guten Arbeit für die große Mehrzahl“ wird jede materielle Grundlage entzogen. Die retrospektive Romantisierung des Golden Age verklärt einen äußerst kurzen Zeitraum gesellschaftlichen Wohlstandes und relativer sozialer Sicherheit zur „eigentlichen“ kapitalistischen Normalität.

[7] Vgl. Brückner 1982, S. 145.

[8] Vgl. Werz, Michael: Verkehrte Welt des shortcentury. Zur Einleitung, in: Claussen, Detlev u.a.: Kritik des Ethnonationalismus. Hannoversche Schriften 2, Frankfurt a. M. 2000, S. 6-15, hier S. 8 ff.

[9] Vgl. Hobsbawm, Eric: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, Frankfurt a. M. 2005, S. 219.

[10]„Bitburg“ und „Historikerstreit“ sind diesbezüglich die Stichworte der westdeutschen 1980er Jahre, die schon den Weg in das „neue“ Deutschland weisen.

[11]Vgl. Claussen, Detlev: Das Verschwinden des Sozialismus. Zur ethnonationalistischen Auflösung des Sowjetsystems, in: Ders. u.a.: Kritik des Ethnonationalismus, S. 16-41, hier S. 19.

[12] Vgl. Schwarz, Patrik: Stolz und Vorurteil, in: Die Zeit, 11.12.2014.

[13] Geiges, Lars u.a.: Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft?, Bielefeld 2015, S. 187. Vgl. auch, zur „Abwicklung“ der Ostdeutschen Leicht, Robert: Aufrechter Gang. Nicht alles darf „abgewickelt“ werden, in: Die Zeit, 12.04.1991.

[14] Vgl. Walter, Franz: „Studie zu Pegida“, URL: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/studie-zu-pegida [eingesehen am 18.03.2015]. Hier wird das starke Vertrauen der Pegidisten in das Justizsystem, insbesondere das Bundesverfassungsgericht, sowie in das Exekutivorgan Polizei deutlich, während die demokratischen Institutionen der Parteien, der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten die größte Ablehnung erfahren. Zudem ist der offene Bezug auf „Recht und Ordnung“ ein auffälliges Merkmal der Demonstrationen.

[15] von Randow, Gero: Pegida ist erotisch. Kleiner Versuch über das Lachen einer jungen Frau, in: Zeit Online, 23.12.2014, URL. http://www.zeit.de/2014/53/fluechtlinge-pegida-interview [eingesehen am 18.03.2015].


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