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PEGIDA: Aktuelle Forschungsergebnisse

Analysen der Pegida-Bewegung

[analysiert]: Florian Finkbeiner, Julian Schenke, Katharina Trittel, Christopher Schmitz und Stine Marg über die jüngsten Entwicklungen der Protestbewegung

Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ beschäftigen seit Monaten die Republik. Im ersten Halbjahr 2015 zogen mehrere Forscherteams, darunter das Göttinger Institut für Demokratieforschung[1], nach Dresden, um die damals noch junge Protestbewegung zu untersuchen. Zwischenzeitlich schien PEGIDA über Personalwechsel, Skandale und sinkende Teilnehmerzahlen zu stürzen, kaum mehr wurde die Masse an Demonstrierenden erreicht, die vor etwa einem Jahr Medien, Politik und Protestforscher aufhorchen ließ. Dennoch: Die montäglichen Demonstrationen erfreuen sich einer unverminderten Kontinuität mit zum Teil fünfstelligen Teilnehmerzahlen Ende 2015.

Woher kommt diese anhaltende Protestenergie? Was motiviert die seit Oktober 2014 unermüdlich aufmarschierenden PEGIDA-Demonstranten zu ihren wöchentlichen „Abendspaziergängen“? Welche Rolle spielen hier tagesaktuelle Themen? Gibt es Verschiebungen, etwa Radikalisierungsphänomene, schält sich gar ein „harter Kern“ heraus? Um diese Fragen zu beantworten, initiierte das Göttinger Institut für Demokratieforschung im Rahmen einer Querschnittstudie eine weitere Umfrage am 30. November 2015 in Dresden, an der rund 3.500-5.000 Demonstranten teilnahmen. Im Vergleich zu unseren Erhebungen aus dem Januar 2015 waren die PEGIDA-Anhänger, die diesmal Print-Fragebögen mit frankiertem Rückumschlag statt einer Einladung zur Onlineumfrage erhielten, deutlich auskunftsfreudiger. Von den rund 1.800 verteilten Bögen erhielten wir 610 zurück. Mit PEGIDA konnten wir sprechen – und zwar sehr ausführlich. Damit erhöhte sich unsere Rücklaufquote im Vergleich zur Onlineerhebung um das Dreifache und zeigt, dass Protestforschung auch in diesem Umfeld möglich sein kann.

Nach wie vor gilt: Die Studie ist nicht im strengen Sinne repräsentativ. Unsere Ergebnisse sagen nur etwas über die tatsächlich Befragten aus. Daher sind die Erkenntnisse dieser quantitativen Erhebung nur ein Baustein unseres Projektes, indem noch weitere Methoden wie teilnehmende Beobachtung der Demonstrationen oder die Analyse der PEGIDA-Facebookgruppe eingesetzt werden, um das Phänomen PEGIDA zu erforschen.

Die Mehrheit der PEGIDA-Teilnehmer marschiert seit mindestens einem Jahr regelmäßig mit. Über die Hälfte der Befragten gibt an, seit mehr als einem Jahr (23 Prozent) bzw. ungefähr einem Jahr (36 Prozent) dabei zu sein. Neben diesem „Fundament“ existiert jedoch auch ein gutes Drittel, das erst nach dem Zenit von PEGIDA, also in den letzten sechs Monaten, zur Bewegung dazu stieß.

Im Verlauf des Jahres 2015 befand sich die „Basis“ der PEGIDA-Veranstaltungen also offenbar in Bewegung. Dennoch: Zusammenhänge mit der ab dem Spätsommer anhebenden Debatte um die steigende Zahl von nach Deutschland gelangenden Flüchtlingen, bzw. der Liberalität der Asylpolitik lassen sich trotz zahlreicher Vermutungen nicht bestätigen. Mit ca. 60 Prozent bilden diejenigen, die seit mindestens einem Jahr teilnehmen – d. h. seit der Anfangsphase von PEGIDA –, weiterhin die Mehrheit.

In unserer Umfrage tauchen deutlich mehr ältere Menschen auf. So ist zwar weiterhin die Alterskohorte der 46-55 Jährigen die größte Gruppe mit rund 26 Prozent, auch wenn der Anteil im Januar 2015 noch bei rund 31 Prozent lag. Aber: Während der junge Teil der 16-25 und 26-35 Jährigen von vormals rund einem Drittel auf knapp 10 Prozent zusammengesunken ist, bilden die 56-65-Jährigen bzw. die ab-65-Jährigen zusammengenommen rund die Hälfte der Teilnehmer. Diese Differenzen sind mit großer Wahrscheinlichkeit den unterschiedlichen Erhebungsmethoden geschuldet, denn gerade die Älteren, die bei den bisherigen Onlineerhebungen kaum adäquat eingefangen werden konnten, gaben an, das Internet bzw. das soziale Netzwerk „Facebook“ überhaupt nicht zu nutzen. Ob PEGIDA damit wirklich älter geworden ist, oder ob wir erstmals an gewisse Sedimente gelangt sind, die zuvor nicht erreicht werden konnten, ist unklar. Jedenfalls: PEGIDA ist laut aktuellen Ergebnissen eine im Vergleich etwa zu Stuttgart 21 oder Stopp-TTIP soziodemografisch gesehen deutlich ältere Protestbewegung.

Diese Verschiebungen bilden sich auch im Hinblick auf Bildungsniveau und Erwerbs- bzw. Lebenssituation ab. Rund ein Viertel der Pegidisten verfügt über einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss; im Januar war es noch ein Drittel. Dafür stieg der Anteil derjenigen, die über einen Berufsschulabschluss verfügen: von einem Fünftel auf knapp ein Drittel (32 Prozent). Entweder arbeiten die PEGIDA-Teilnehmer Vollzeit, was mit ca. 52 Prozent über die Hälfte tut (dieser Anteil lag im Januar noch bei rund drei Vierteln), oder beziehen Rente – gerade deren Anteil ist von rund 9 auf rund 34 Prozent angestiegen. Außerdem: Die knappe Hälfte der Befragten (48 statt vormals 37 Prozent) hat eine Angestelltenposition inne, während statt 7 Prozent nunmehr 28 Prozent angeben, Arbeiter (gewesen) zu sein. Von den sozial ausgegrenzten, „prekarisierten“ Schichten findet sich nach wie vor zwar kaum eine Spur (45 Prozent schätzen ihre persönliche Lage gut bis sehr gut ein, nur etwa 12 Prozent schlecht bis sehr schlecht).

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Unzufrieden hingegen sind die Befragten mit der Situation und Verfasstheit der Bundesrepublik. Rund 65 Prozent sehen diese düster, nur 6 Prozent beurteilen die heutige Lage positiv. Dies übersetzt sich auch ins Wahlverhalten: Die große Gewinnerin der PEGIDA-Proteste ist die AfD. Bei der letzten Bundestagswahl haben die Pegidisten zu rund einem Drittel diese Partei gewählt. Die Union kam danach aber immerhin auf rund 27 Prozent, alle anderen Parteien – auch die NPD – erreichten je ungefähr 8 bis 9 Prozent (dicht gefolgt von den Unentschlossenen mit knapp 7 Prozent). Heute hingegen würden rund 80 Prozent der PEGIDA-Teilnehmer die AfD wählen. Die anderen Parteien (auch die Union) bekämen demnach nur Werte im Promillebereich. Auch das Nichtwählerlager ist unverändert klein: rund 2 Prozent der Befragten würden gar nicht mehr zu Wahl gehen.

Das Vertrauen in Personen, Organisationen und Institutionen hat bei PEGIDA-Demonstranten erheblich abgenommen. Am meisten wird weiterhin noch der Polizei vertraut (aber auch lediglich zu 58 Prozent). Danach folgen interessanterweise Wissenschaft und Forschung (42 Prozent) und die mittelständischen Unternehmen (41 Prozent). Am wenigsten Vertrauen genießen weiterhin die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, die öffentlich-rechtlichen Medien und die EU. Allerdings: Die Dimensionen dieses Misstrauens haben sich deutlich erhöht, bzw. die Werte sind weiter gestiegen um bis zu 16 Prozentpunkte. Diesen Institutionen wird gegenwärtig jeweils zu über 90 Prozent misstraut.

Dieses Misstrauen spiegelt sich auch in den Demokratie-Vorstellungen wider. So überrascht es zwar kaum, dass über 90 Prozent mit der Demokratie, wie sie in der BRD funktioniert, eher bzw. sehr unzufrieden sind. Aber es ist doch bemerkenswert, dass nun rund 20 Prozent der PEGIDA-Demonstranten prinzipiell mit der Demokratie („als Idee“) unzufrieden sind. Im Vergleich zu unserer Januar-Befragung hat sich dieser Anteil nahezu verdoppelt. Dies ist somit ein deutlicher Hinweis auf Radikalisierungstendenzen im Sinne antidemokratischer Einstellungsmuster. Überdies haben rund 60 Prozent der Befragten ein gewisses Verständnis für Gewalt in ihrem Umfeld – und das noch vor der Kölner Silvesternacht.

Der Mehrheit der Befragten ist vor allem eine Trias wichtig: Recht und Ordnung (56 Prozent), die politische Selbstbestimmung Deutschlands (55 Prozent) und eine „deutsche Leitkultur“ (49 Prozent). Demgegenüber können sie Minderheitenschutz, Gleichstellung und kultureller Vielfalt nichts abgewinnen. Die PEGIDA-Teilnehmer sehnen sich nach einer Direktdemokratie, welche letztlich einen starken Staat konsolidiert: Über 93 Prozent wünschen sich „mehr aufrechte Patrioten in hohen Staatsämtern“.

Dass sich die Mehrheit der PEGIDA-Demonstranten allein gelassen fühlt, äußert sich auch in den unverändert rechten bis extrem-rechten Positionen der Umfrageteilnehmer und dem Ruf nach autoritären Problemlösungen. Allerdings: Im Zusammenhang mit dem Islam tauchen in unserer Umfrage eindeutiger ethnozentrisch gefärbte Äußerungen auf als bisher.

Auch wenn PEGIDA für die Befragten immer noch in erster Linie für eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik und für das Aufbegehren „des Volkes“ gegen diese steht[2]: Die Teilnehmer unserer Umfrage scheinen „den Islam“ nicht mehr nur als Chiffre für einen amorphen kulturellen und gesellschaftlichen Verfall und die Bedrohung durch ein vermeintlich „Fremdes“ zu verstehen.[3] Ihnen geht es nun konkreter um die tatsächliche Religionsgemeinschaft, die praktizierenden Moslems, bzw. deren „nordafrikanisch-arabischen Kulturkreis“, wie zahlreiche handschriftliche Anmerkungen auf den zurückgesandten Fragebögen bezeugen. Gerade in der Positionierung zur Flüchtlingsdebatte wird dies deutlich: Grundsätzlich äußern viele Befragten eine gewisse Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen – ausgenommen denjenigen aus islamischen Regionen: Hier wird von 45 Prozent eine klare Differenzierung gefordert. Und immerhin 41 Prozent sprechen grundsätzlich allen Menschen ein Recht auf deutsches Asyl ab. Im Vergleich zum Januar hat sich der Ton hier deutlich verschärft. 94 Prozent der PEGIDA-Demonstranten plädieren angesichts der Flüchtlingsdebatte für autoritäre Krisenlösungen und 82 Prozent fordern die „Befestigung und Verteidigung“ der deutschen Nationalgrenzen.

Florian Finkbeiner, Julian Schenke, Katharina Trittel, Christopher Schmitz und Stine Marg arbeiten am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Vgl. Walter, Franz: Studie zu Pegida, in: Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, 19.01.2015, online: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/studie-zu-pegida [eingesehen am 18.01.2016].

[2] Vgl. Geiges, Lars/Marg, Stine/Walter, Franz: PEGIDA. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft? Transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 66.

[3] Vgl. Vorländer, Hans/Herold, Maik/Schäller, Steven: PEGIDA. Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung. Springer VS, Wiesbaden 2016, S. 117-127.

Weitere Demonstrationsbefragungen des Instituts: Stop-TTIP-Proteste in Deutschland – Wer sind, was wollen und was motiviert die Freihandelsgegner?

Update: 01.02.2016, 9h30: Kleine Änderungen im Text und Update der Grafik zu Wahlabsichten. Die Redaktion.

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