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Paradiesvogel in der konservativen Kanzlerdemokratie

Franz Walter |  27. Mai 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter über eines der schwierigsten Ämter im deutschen Politikbetrieb: den Schleudersitz Regierungssprecher.

Dieter Vogel, Peter Hausmann, Otto Hauser, Uwe-Karsten Heye, Bela Anda, Ulrich Wilhelm, Steffen Seibert. So lauten die Namen der deutschen Regierungssprecher seit 1990. Viel Glanz ging von ihnen nicht aus; tiefe Spuren hat niemand aus dieser Gruppe hinterlassen. Doch zugegeben: Der Job des Regierungssprechers ist alles andere als einfach. Man kann hier furchtbar schnell zwischen alle Stühle geraten. Denn: Der Regierungssprecher muss die Mächtigen der Politik zufriedenstellen, darf aber auch die publizistischen Kontrolleure und Kritiker der Macht nicht frustrieren. Das allerdings bedeutet oft genug die Quadratur des Kreises.

Und so war es eben kein Zufall, dass etliche Regierungssprecher in der bundesdeutschen Geschichte nicht allzu lange durchhielten, dass auch kluge Leute in diesem Job oft unsanft auf die Nase fielen und rasch demissionierten. Das Dilemma ist evident und phänotypisch leicht in Szene zu setzen: Regierungssprecher müssen, wollen sie von der Klasse professioneller Öffentlichkeitsarbeiter ernst genommen werden, nah am Kanzler sein, müssen mithin wirklich viele Interna kennen. Doch wenn sie in der unmittelbaren Nähe des Regierungschefs angesiedelt sind, dann erwartet dieser strenge Diskretion. Ein verschwiegener Sprecher aber ist ein Paradoxon und wird von der informationshungrigen Journalistenschar am Regierungssitz verständlicherweise nicht goutiert. Über einen verschlossenen Regierungssprecher wird rasch gemurrt. Einen unzufriedenen Mediencorps wiederum schätzen Kanzler nicht, da sie ja eine gute Presse für sich und ihre Regierung wünschen. So pflegen sie also bald mit ihrem Regierungssprecher zu hadern, ihn allmählich aus den engsten Kreis ausschließen. Dann aber ist er erst recht nicht mehr interessant für die schreibende und kommentierende Zunft. Es ist von nun an lediglich eine Frage der Zeit, wann der Posten des Chefs im Bundespresse- und Informationsamt neu zu besetzen ist.

Das alles fing schon früh mit dem ersten deutschen Bundeskanzler an. Konrad Adenauer hatte gar mehr als wohl jeder andere Regierungschef nach ihm ständig an der Amtsführung seiner Pressesprecher zu kritteln. Pressechef unter Adenauer – das galt in den ersten drei Jahren der neuen Republik als höchst undankbarer Schleudersitz. Niemand konnte es Adenauer recht machen; vier Regierungssprecher verschliss er allein bis 1952. Adenauer hatte einen wachen Sinn für Öffentlichkeit. Aber gerade deshalb war er über die öffentliche Resonanz seiner Politik chronisch verdrossen, ja nachgerade nörgelig. Stets und immer sah er die Leistung seines Kabinetts von den Presseleuten seiner Regierung nicht hinreichend gut „verkauft“. Und so zermürbte er einen Regierungssprecher nach dem anderen.

Ausgerechnet ein Paradiesvogel hielt es dann besser mit dem schwierigen „Alten“ im Palais Schaumburg aus, brachte dann für zehn Jahre Konstanz und Kontinuität ins Amt: Felix von Eckardt, bis heute eine Legende mindestens unter den Kundigen der Parlamentskorrespondenten. Von Eckardt wirkte im eher kleinbürgerlich-spießigen Bonn der 1950er Jahre wie ein Dandy. Berühmt war sein peinlich gepflegter Schnurrbart, charakteristisch seine stets modisch geschnittenen, oft gewagt farbigen Westen, von denen er nahezu dreißig Exemplare in seinem Kleiderschrank hängen haben sollte, was seinerzeit als durchaus exzentrisch galt. Und große Aufmerksamkeit hatte von Eckardt dadurch erregt, dass er preisträchtige Pferderennen in Sulky fuhr. Für einen leibhaftigen Staatssekretär der Bundesregierung war das schon recht ungewöhnlich.

Überhaupt war seine Lebensgeschichte ein wenig schillernd, da er in den nationalsozialistischen Jahren etliche Drehbücher für durchaus erfolgreiche Kinofilme geschrieben hatte. Kassenschlager wie „Peter Voss, der Millionendieb“ oder „Der Stern von Rio“ stammten aus seiner Feder. Im ehrpusseligen Bonn der frühen Republikjahre rümpften daher anfangs nicht wenige Beobachter die Nase, als der Lebenskünstler von Eckardt – auch in Pferdezucht hatte sich der gelernte Journalist zwischenzeitlich versucht – im Februar 1952 zum Bundespressechef der Regierung avancierte. Und bemerkenswert, ja verwunderlich war schon, dass ausgerechnet der doch eher förmliche, etwas altbürgerlich-steife Adenauer an diesem bohèmehaften Komödianten, einem lokal berüchtigten Partylöwen, einen Narren gefressen hatte.

Doch auch das Bonner Mediencorps verstand sich bestens mit dem Bundespressesprecher. Eben das war das Kunststück, worauf es ankam, und was von Eckardt vorzüglich gelang: Vertrauter beider Interessen im Kräfteparallelogramm von Politik und Medien zu sein. Indes war der Gewinner dabei unzweifelhaft Konrad Adenauer. Denn oft genug wusste sein Regierungssprecher keineswegs, was der Kanzler im Einzelnen im Schilde führte. Überhaupt war von Eckardt kein Freund des ihm oft langweiligen politischen Details. Aber er war ein Virtuose darin, seine Wissenslücken durch brillante Formulierungen zu camouflieren. Auch wenn von Eckardt über wenige Informationen verfügte, so versorgte er die lauschende Journalistenschar auf den Pressekonferenzen doch mit launigen Apercus, farbigen Pointen, druckfähigen Schlagzeilen. Und immer sprühte er vor Charme, Witz und Schlagfertigkeit. Er hatte ein überaus gewinnendes Wesen. Nur wenige Journalisten störten sich an seinem oft leeren rhetorischen Feuerwerk. Das Gros der Bonner Journalisten liebte seinen Eckardt, ließ sich von ihm und seinem moussierenden Esprit offenkundig nur zu gerne betören. Deshalb schätzte Adenauer den Chef des Bundespresseamtes. Der hielt ihm die lästigen Journalisten vom Leibe, verbreitete unter diesen sonst so quengelnden Menschen gute Laune. Was konnte es Besseres geben für die Regierung?

Doch sah Adenauer in von Eckardt nicht nur den nützlichen Entertainer für die Pressemenschen. Der Kanzler schätzte seinen Regierungssprecher auch als einfallsreichen Berater. Von Eckardt hatte ein unabhängiges Urteil, er war kein Schmeichler, aber auch kein ruppiger, grantiger Querulant. So, in dieser Mischung, hatte es Adenauer gern. Überdies verfügte von Eckardt über einen sicheren politischen Instinkt. Im Bundestagswahlkampf 1957 war er es, der dem zu Beginn des Jahres noch wankenden Kanzler die hart demagogische Parole soufflierte, ein Sieg der SPD bedeute den „Untergang Deutschlands“. Seine kühle Maxime für den Umgang mit dem politischen Gegner lautete: Man muss immer eine Behauptung aufstellen, deren Gegenteil nicht beweisbar ist. Die sozialdemokratische Opposition der 1950er Jahre jedenfalls fand gegen solcherlei Chuzpe nie ein wirksames Gegenrezept.

Felix von Eckardt war ideenreich, originell, dachte und argumentierte in Optionen und Alternativen. Er galt als kreativ-beweglicher Kopf im Kanzleramt, gerade was die Außenpolitik anbetraf. Auch das, in Maßen betrieben, war nach Adenauers Geschmack. Im Übrigen hatte von Eckardt gute Nerven. In Krisensituationen geriet er nicht so schnell aus der Fassung, reagierte nicht hektisch oder überstürzt. Das fand ebenfalls das Wohlwollen des Kanzlers. Und wahrscheinlich war es mit Adenauer so wie mit vielen Mächtigen der Politik: Ein bisschen Farbe wünschen sie sich schon bei Hof. Und für Couleur sorgte von Eckardt. Zwar schimpfte Adenauer hin und wieder über den bohèmehaften Lebensstil seines Sprechers, schimpfte mürrisch über die vielen Feste, auf denen von Eckardt munter tanzte. Aber wahrscheinlich war auch Adenauer stolz darauf, wenigstens einen in seinem sonst eher farblosen Umfeld zu haben, der nicht ganz so beamtenhaft, penibel und pedantisch wie der Rest der Kanzlerentourage in Erscheinung trat.

Wohl erst Klaus Bölling hatte unter dem Bundeskanzler Helmut Schmidt wieder einen ähnlichen Rang. Auch ihm gelang das Kunststück, wundervolle rhetorische Girlanden zu winden, ständiger Berater des Kanzlers zu sein, über intime Kontakte zu entscheidenden Ministern im Kabinett zu verfügen und dabei gleichwohl auch das Vertrauen der „anderen Seite“, bei seinen ehemaligen Journalistenkollegen also, nicht zu verlieren. Leicht war und ist dieser akrobatische Spagat nicht. Die meisten Regierungssprecher scheiterten daran. Und so blieben Felix von Eckardt und Klaus Bölling – man mag noch Conrad Ahlers und Peter Boenisch dazu zählen – gleichsam historische Unikate.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.


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