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Otto von Bismarck – zum 200. Geburtstag

Otto-Eberhard Zander |  23. April 2015 |   |  Drucken

[gastbeitrag]: Otto-Eberhard Zander über Otto von Bismarck, der seine Studienzeit in Göttingen verbrachte.

 „Ich kann Ew. Majestät melden, dass Windthorst aus dem Bau gekommen ist und mich aufgesucht hat.“ Der Kaiser rief darauf aus: „Nun, Sie haben ihn doch natürlich zur Thür hinauswerfen lassen?“.[1] Mit diesen Worten begann Otto von Bismarck am 15. März 1890 um 9.30 Uhr im Auswärtigen Amt seinen Immediatvortrag bei Kaiser Wilhelm II., nachdem er erst um 9 Uhr geweckt worden war. Bismarck erwiderte, dass er Windthorst natürlich empfangen habe; wollte der Kaiser ihm das untersagen, so wäre das genauso, als würde der Kaiser seinem Generalstabschef im Krieg verbieten, Informationen über den Feind zu gewinnen.[2] „Der Kaiser verlangte das aber peremptorisch mit der Frage: „Auch nicht, wenn Ihr Souverän es befiehlt?“ Ich beharrte in Ablehnung“.[3] Dieser Auftritt des unreifen, vom Gottesgnadentum bereits durchdrungenen Kaisers gegenüber dem 44 Jahre älteren Kanzler Bismarck, der vom „Souverän“ wegen des Empfangs von Windthorst wie ein Schuljunge abgekanzelt worden war, war der äußere Anlass dafür, dass Bismarck sein Entlassungsgesuch am 18. März 1890 einreichte, das zwei Tage später vom Kaiser genehmigt wurde.

Der personifizierte Anlass des von Wilhelm II. provozierten Zerwürfnisses – Ludwig Windthorst – trat jedoch nicht erst 1890 in Bismarcks Leben. Vielmehr war er bereits in den Jahren 1832/1833 während der Studienzeit in Göttingen Bismarcks Kommilitone gewesen. Otto von Bismarck wohnte in der Roten Straße 27, Ludwig Windthorst in der Kurzen Straße, im traditionsreichen Restaurant „Zum Schwarzen Bären“. Sollten sich die beiden einmal in der Stadt begegnet sein, was man mit Sicherheit annehmen kann, so hätte dieses ungleiche Paar Anlass zur Heiterkeit geboten, denn Bismarck übertraf die Körpergröße Windthorsts um nahezu einen halben Meter.

Über die Studentenzeit Otto von Bismarcks an der Georgia Augusta gibt es wenig Rühmliches zu berichten, er genoss mehr das Studentenleben in Form von Fechten und Trinkgelagen, als dass er sich dem Studium der Jurisprudenz widmete, zu dem er sich im Mai 1832 eingeschrieben hatte. Im Jahre 1833 musste der junge Bismarck die Wohnung in der Roten Straße verlassen und ein ehemaliges Wächterhaus direkt am Wall gelegen beziehen. Grund für diese Umquartierung waren die erwähnten Fecht- und Trinkgelage und ein unbotmäßiges Verhalten gegenüber der Obrigkeit. Dieses Wächterhaus (heute „Bismarck-Häuschen“ genannt) ist, wie auch der Bismarckturm auf dem Göttinger Hainberg, der in den Jahren 1892 bis 1896 gebaut wurde, heute noch zu besichtigen.[4] Am 18. Juni 1896 schrieb der ehemalige Reichskanzler Otto von Bismarck, zu jenem Zeitpunkt nun Ehrenbürger der Stadt Göttingen, dem Baukomitee mit den Worten: „Ich danke für die Ehre, welche mir durch die Benennung erzeigt wird“.[5]

Der Christdemokrat Ludwig Windthorst galt über Jahrzehnte als der eigentliche parlamentarische Gegenspieler Otto von Bismarcks. Ihre Gegnerschaft resultierte auch aus ihrer unterschiedlichen Herkunft und Konfession. Windthorst stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und wurde in seinem Elternhaus vom Katholizismus geprägt. Er sah zum einen das von Otto von Bismarck durch die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 geschaffene Deutsche Reich durch Kriege wieder untergehen und war zum anderen der profilierteste Gegenspieler Bismarcks im Kulturkampf, den letzterer inszenierte, um das Verhältnis von Staat und katholischer Kirche im Deutschen Reich von Grund auf zu ändern.

Otto von Bismarck dagegen entstammte einem alten Adelsgeschlecht in der Altmark. Er wurde am 1. April 1815 – also vor 200 Jahren – in Schönhausen an der Elbe geboren. Der Vater, ein liebenswürdiger, älterer Gutsbesitzer; die Mutter – eine geborene Mencken, ihre Vorfahren waren Rechts- und Geschichtsprofessoren – war sehr ehrgeizig und mit einem ausnehmend kühlen und berechnenden Verstand ausgestattet. Diesen Verstand hatte Otto von Bismarck geerbt, woraus sich auch ein ausgeprägtes Machtbewusstsein entwickelte, das bei keinem seiner Vorfahren vorhanden war. Dieses Machtbewusstsein sollte er – neben seiner politischen Begabung – vor allem nach der Berufung zum preußischen Ministerpräsidenten im Jahre 1862 für die Umwelt erkenn- und spürbar gezielt einsetzen, so dass die Worte Kaiser Wilhelms I.: „Es ist nicht immer leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“ glaubwürdig erscheinen. Glaubwürdig insofern, als Bismarck in der über fünfundzwanzig Jahre währenden Tätigkeit als „treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms I.“[6] mit virtuoser Staatskunst und durch die Kriege 1864, 1866 und 1870/71 das „Bismarck-Reich“ schuf. Im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 bewies er exzellentes politisches Gespür und Weitblick, was ihm die Generalität nicht verzieh und im deutsch-französischen Krieg 1870/71 heimzahlte.[7] Der Krieg von 1870/71 wurde auch von den süddeutschen Ländern mitgetragen, u.a. von Hannover und Hessen, die von Preußen unter Bismarcks Führerschaft im 1866 annektiert worden waren. Als König Wilhelm von Preußen auf der Rückfahrt von Bad Ems nach Berlin durch Kassel fuhr, „… wo der Magistrat hochgestimmt seinen Bückling machte oder in Göttingen, wo ‚die ganze Universitätsjugend‘ am Bahnhof stand….“,[8] mochte Bismarck zustimmend den Bewusstseinswandel der 1866 besiegten Länder zur Kenntnis genommen haben.

Zwar wurde Bismarck oft als Inkarnation des preußisch-deutschen Militarismus angesehen, aber dieses Urteil lässt sich nicht aufrechterhalten. Im Jahre 1887 gelang es Bismarck unter größten Mühen, den kaiserlichen Generalstabschef Graf Waldersee von der Planung eines Präventivkrieges abzuhalten.[9] Otto von Bismarck betrachtete das von ihm geschaffene Reich als saturiert und wollte es nicht in einem erneuten Waffengang noch einmal gefährdet sehen.

Derartige Erfolge konnte er in der Innenpolitik allerdings nicht nur aufweisen. Es mag im Kontext dieser Ausführungen genügen, darauf hinzuweisen, dass es Bismarck nicht gelang, durch eine repressive Politik den Aufstieg der sozialdemokratischen Bewegung zu verhindern. Liberale Bestrebungen bekämpfte er nachhaltig. Dieses brachte ihn auch in einen Gegensatz zu Kronprinz Friedrich Wilhelm, dem nachmaligen Kaiser Friedrich III., der nur 99 Tage regierte. Wegen dieser kurzen Regierungszeit konnten Kaiser Friedrich III. und dessen Ehefrau, die Tochter der britischen Königin Victoria, ihre Vorstellungen nicht verwirklichen, wie es die Kaiserin in einem Brief nach dem Tod des Kaisers Friedrich III. an ihre Mutter ausdrückte: „…Wir liebten Deutschland – und wünschten es stark und groß zu sehen, nicht nur durch das Schwert, sondern in allem, in dem Gerechtigkeit, Kultur, Fortschritt und Freiheit zu finden sind…“.[10]

Nach seinem Rücktritt muss Bismarck geahnt haben, dass er innenpolitisch Fehler gemacht hatte; er selbst hatte im Jahre 1892 auf einer Reise durch die süddeutschen Länder des von ihm geschaffenen Reiches in Jena bemerkt: „Ich habe gestrebt, die Krone gegenüber dem Parlament zu stärken. Vielleicht habe ich dabei zu viel getan. Wir brauchen ein Gegengewicht.“[11] Dieses Bekenntnis war wohl auch einer der Gründe dafür, dass zwei Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ihre Auffassung des Wirkens Otto von Bismarcks unmissverständlich artikulierten. Bundeskanzler Konrad Adenauer sagte im Jahre 1953: „Ich gehöre nicht zu den Bewunderern Bismarcks, denn er ist der Hauptverantwortliche dafür, dass die Demokratie sich im deutschen Kaiserreich nicht entfalten konnte“.[12] Willy Brandt, Bundeskanzler von 1969 bis 1974, wird nachstehende Aussage zugeschrieben: „Für die demokratische Entwicklung Deutschlands war Bismarck jedenfalls ein Unglück“.[13]

Im Herbst seines Lebens hat Otto von Bismarck erkannt, dass er dem Reichstag und den Parteien zu wenig Einfluss eingeräumt hatte. Hätte er sich bei der Immatrikulation im Mai 1832 an der Georgia Augusta von den zeitgleich auf dem Hambacher Schloss stattfindenden Aktivitäten inspirieren lassen, hätte die politische Entwicklung in Deutschland unter seiner Führung vielleicht „mehr Demokratie wagen“[14] können.

Dr. phil. Otto-Eberhard Zander, Politikwissenschaftler und Historiker, ist seit 2012 Lehrbeauftragter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Bismarck, Otto von: Gedanken und Erinnerungen, Berlin 1919, S. 82.

[2] Vgl. ebd.

[3] Ebd. Das am 18.03.1890 von Bismarck eingereichte Entlassungsgesuch ist ein stilistisches Meisterwerk; der Schlusssatz, ebd., S.101.: „Ich würde die Bitte um Entlassung… schon vor Jahr und Tag Euerer Majestät unterbreitet haben, wenn ich nicht den Eindruck gehabt hätte, daß es Euerer Majestät erwünscht wäre, die Erfahrungen und Fähigkeiten eines treuen Dieners Ihrer Vorfahren zu benutzen. Nachdem ich sicher bin, dass Euere Majestät derselben nicht bedürfen, darf ich aus dem öffentlichen Leben zurücktreten, ohne zu befürchten, dass mein Entschluß von der öffentlichen Meinung als unzeitig verurtheilt werde“. Vgl. auch Whitman, Sidney: Fürst von Bismarck, Stuttgart 1902, S. 180. Aus einer Ansprache zu Bismarcks 80. Geburtstag: „Als einem Meister der deutschen Sprache in Wort und Schrift gebührt Ihnen ein Ehrenplatz auch in unserer literarischen Geschichte“.

[4] Neben dem Bismarck-Häuschen, dem Bismarckturm, und der dorthin führenden Bismarckstraße gibt es in Göttingen am Ende der Herzberger Landstraße den „Bismarck-Stein“, einen wuchtigen Bau mit dem Plateau einer Feuerstelle, wo man sich nach durchfeierter Nacht oft traf. Wegen des Volumens der Baumasse des Bismarck-Steines wurde und wird dieses Bauwerk im studentischen Jargon „Elefanten-Klo“ genannt.

[5] Nachzulesen unter URL: http://www.bismarcktuerme.de/ebene4/nieders/goett1.html [eingesehen am 31.03.2015].

[6] Das ist die Grabsteininschrift, die Bismarck testamentarisch verfügte. Sie ist in der Gruft gegenüber dem Schloss Friedrichsruh bei Hamburg heute noch zu sehen.

[7] Damals gelang es Bismarck, König Wilhelm von einem schnellen Friedensschluss zu überzeugen, indem er österreichische Gebietsabtretungen verhinderte und den siegreichen Generälen und deren Truppen den Einzug in Wien verwehrte. Hierzu Afflerbach: Holger u.a.. (Hrsg.): Otto von Bismarck, Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe, Paderborn 2012, S. 244 f.: „…Österreich schwer zu verwunden, müssten wir vermeiden, …den österreichischen Staat als einen guten Stein im europäischen Schachbrett und die Erneuerung guter Beziehungen… als einen für uns offen zu haltenden Schachzug ansehen… Wir hätten nicht eines Richteramtes zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben; … Unsre Aufgabe sei Herstellung oder Anbahnung deutsch-nationaler Einheit unter Leitung des Königs von Preußen.“

[8] Ludwig, Emil: Kaiser Wilhelm I., Köln 1980, S. 384

[9] Siehe hierzu auch Imgrim, S. 149: „Solange ich Minister bin, werde ich meine Zustimmung zu einem prophylaktischen Angriff auf Russland nicht geben“. Worte Otto von Bismarcks im Jahre 1887. Vgl. hierzu auch Maus, Stephan: Was ist an Bismarck aktuell? Interview mit Christoph Nonn, in: Stern, 19.03.2015. Der Historiker Christoph Nonn sagt hier (S. 75), dass Bismarck kein Militarist gewesen sei. Allerdings sei er für die Ausbildung einer Verantwortungslosigkeit unter Parteien und Wählern verantwortlich gewesen und habe die Parteien nur im Vorhof der Macht zugelassen.

[10] Ponsonby, Sir Frederick (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Friedrich, Berlin 1929, S. 340.

[11] Imgrim, S. 197.

[12] Henkels, Walter: „gar nicht so pingelig, meine Damen und Herren…“ Neue Adenauer-Anekdoten, Düsseldorf 1965, S. 41.

[13] Schmidt, Wolfgang: Otto von Bismarck im Urteil Willy Brandts, in: Lappenküper, Ulrich (Hrsg.): Otto von Bismarck im Urteil deutscher Bundeskanzler, Friedrichsruh 2009, S. 31-58, hier S. 47.

[14] Aussage von Willy Brandt in dessen Regierungserklärung am 28. Oktober 1969.


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