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Nur 20 Centavos?

Léo Graeff |  21. November 2013 |   |  Drucken

[Gastbeitrag]: Léo Graeff kommentiert die politischen Proteste in Brasilien in diesem Jahr

Eines vorweg: Für mich, der die Protestwelle in Brasilien aus der Nähe begleitet hat, ist es schwierig, einen neutralen Überblick über die politische Situation im vergangenen Sommer zu geben. Die Massenproteste in Brasilien stellen, soviel ist allerdings sicher, ein historisches Ereignis dar. In ihnen äußert sich eine schier unermessliche Empörung über die politische Situation im Lande: Wut über die allgegenwärtige Korruption und Zorn über den allzu langen „politischen Schlaf“ des Volkes. Dennoch bergen die jüngsten Entwicklungen eine Menge Hoffnung darauf, dass die Brasilianer nie wieder in den schädlichen Schlaf der Ignoranz und des politischen Desinteresses fallen werden.

Das brasilianische Volk war in den verschiedensten historischen Epochen immer schon sehr anfällig für verschiedenartige Politiken von „Brot und Spiele“. Panem et circenses (ludos) ist die Akkusativform des lateinischen Ausdrucks panis et circenses (ludi), dessen Bedeutung „Brot und (Spiele im) Zirkus“ im Brasilianischen volkstümlich mit „Brot und Zirkus“ (im Deutschen bekannt als „Brot und Spiele“) übersetzt wird. Diese Politik ist bereits seit dem antiken Rom bekannt. Auf die aus der steigenden Urbanisierung hervorgehenden sozialen Problemen reagierte der römische Imperator aus Angst, dass sich die Bevölkerung aufgrund der fehlenden Arbeit gegen ihn auflehnen und bessere Lebensbedingungen fordern würde, mit der Politik von „Brot und Spielen“.

Diese Methode war sehr einfach: Regelmäßig fanden in den Stadien, das berühmteste ist das Kolosseum in Rom, Gladiatorenkämpfe statt. Während dieser Ereignisse wurden Nahrungsmittel wie Weizen und Brot verteilt, um die Ruhe im Volk zu wahren. Denn, so das Kalkül: Solange die Bevölkerung aß und sich amüsierte, vergaß sie die gesellschaftlichen Probleme und dachte nicht daran, zu rebellieren. Um die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten, wurden so viele Feste veranstaltet, dass der römische Kalender schließlich 175 Feiertage im Jahr zählte.

Die Politik von Brot und Spielen war also eine Strategie der politischen Zerstreuung. Aber kann es sein, dass diese Politik auch in der heutigen Welt noch angewendet wird?

Auch im Brasilien der Gegenwart brachte und bringt das städtische Wachstum immer neue soziale Probleme hervor. Hier fehlt es aktuell, neben anderen Mängeln, an Mitteln für das Gesundheitssystem, für Bildung, Infrastruktur, Abwassersysteme etc. Und auch hier versucht die Regierung, „Brot und Spiele“ einzusetzen. Um die Bevölkerung dauerhaft ruhig zu halten und zu verhindern, dass sich die Massen auflehnen, erschuf unsere Regierung die „Bolsa Familia“. Hierbei handelt es sich um ein Programm zur Armutsbekämpfung, das bedürftigen Familien finanzielle und gesundheitliche Versorgung bietet. Als Gegenleistung müssen diese ihre Kinder in die Schule schicken.

Die Empfänger dieser und anderer staatlicher Fördermittel, die wirtschaftlich Benachteiligen zu Gute kommen, zeigen sich hierüber meist sehr glücklich und dankbar. Das Motiv der Politiker, die dem Volk Gelder zukommen lassen, ist dasselbe wie bei den Imperatoren, die an die Römer Brot verteilten. Während die Politiker selbst Geld unterschlagen und sich öffentliche Mittel aneignen – die berühmte Korruption – stellen sie die Bevölkerung mit monatlichen Gratiszahlungen politisch ruhig.

Wenn man in der Geschichte Brasiliens zurückblickt, zeigt sich, dass es nie zuvor Massenproteste von solchem Ausmaß und solch massiver Beteiligung der Bürger gegeben hat wie in den letzten Monaten. Zu Beginn richtete sich die Empörung in den brasilianischen Großstädten gegen die Erhöhung der Preise für die öffentlichen Verkehrsmittel um 20 Centavos. Später synchronisierten sich die Proteste und breiteten sich über das ganze Land aus. Nun forderten die Brasilianerinnen und Brasilianer mehr Bildung, bessere Abwassersysteme und mehr Krankenhäuser. Und das sogar noch, nachdem der Ex-Fußball-Nationalspieler Ronaldo erklärt hatte, dass die Fußballweltmeisterschaft nicht durch den Bau von Krankenhäusern ausgerichtet werden könne. Die Liste der Forderungen wurde nur noch länger.

Zunächst litten die Proteste unter den starken polizeilichen Interventionen. Wider Erwartung lösten sie sich aber nicht auf, sondern vergrößerten und verstärkten sich noch so sehr, dass die Protestierenden sogar in den Nationalkongress eindrangen und die Abgeordneten direkt mit ihren Anliegen konfrontierten. Der Regierung blieb nichts anderes übrig, als der großen Masse, die Verbesserungen fordert, Gehör zu schenken und nun einen Volkentscheid für politische Reformen vorzuschlagen.

Das Volk ist demnach zweifellos erfolgreich aus diesen Protesten hervorgegangen und hat bewiesen, seine politische Ignoranz hinter sich gelassen zu haben. Was aber folgt nun? Wird die Empörung des Volkes für lange Zeit anhalten? Oder wird sie sich mit dem nächsten Sonnenaufgang auflösen? Werden wir wieder die Zügel in die Hand nehmen und unser Ziel als Brasilianer verfolgen? Wird sich das Bewusstsein durchsetzen, dass eine wahrhaftige Demokratie nur mit der steten Beteiligung aller existieren kann – dass also Wahlen alle vier Jahre nicht genügen?

So bleibt uns Protestierenden nur, zu hoffen: Hoffen, dass die gepflanzten Samen mit diesem „Erwachen der Massen“ gute Früchte tragen und dass wir nie mehr in diesen Schlaf des „politischen Analphabetismus“ zurückkehren. Denn letztendlich geschah all dies nicht nur wegen 20 Centavos., Es geschah für die Würde eines Volkes, für die Identität einer Nation.

Léo Graeff lebt in Brasilien und studiert derzeit Theologie. Als Teilnehmer der Proteste berichtet er in diesem Text über den Verlauf der Proteste im Sommer 2013. Miriam Zimmer übersetzte den Text aus dem Brasilianischen.   


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