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Nun sag, wie hast du’s mit dem Feminismus?

Klaudia Hanisch |  26. September 2011 |   |  Drucken

Halbzeit für Schwarz-Gelb (3)

[analysiert]: Klaudia Hanisch über Frauen und Zeitgeist in der ersten Halbzeit der schwarz-gelben Regierung.

Stellt man den heutigen 20- bis 35-jährigen Frauen die Frage: „Nun sag, wie hast du’s mit dem Feminismus?“, fällt die Antwort ambivalent aus. Sie gelten längst als die Töchter der feministischen Bewegung der siebziger Jahre, die die Emanzipation genießen und sich gleichzeitig von ihren forciert emanzipierten Müttern stark distanzieren. Wenn die 33-Jährige Charlotte Roche in einem Spiegel-Interview erklärt, die Ansichten von Alice Schwarzer entsprächen nicht mehr dem Zeitgeist, spricht sie für eine Generation von Frauen, die für sich beanspruchen, einem anderen Lebensgefühl zu huldigen. Danach gehört zum Selbstverständnis einer erfolgreichen Frau, verschiedene gesellschaftliche Rollen und eine Vielzahl an Facetten weiblicher Identität integrieren zu wollen. Was genau macht aber diese weibliche Identität heute aus und welche Implikationen hat dies zur Folge?

Genau wie die „Emanzen“ der vergangenen Stunde erscheinen jungen Frauen ihre unmittelbaren Vorgängerinnen – die Karrieristinnen der achtziger und neunziger Jahre – wie Schreckgespenster.[1] Es hat sich herumgesprochen, dass das Streben nach einer steilen Karriere, wie sie lange als Ideal dargestellt wurde, mit zu hohen Kosten verbunden ist. „Sie bedeutet den Verzicht auf Kinder und möglicherweise auch auf Partnerschaften“, so der Soziologe Heinz Bude. Die Studie der Berliner Sozialforscherin Jutta Allmendinger zeigt, dass junge Frauen weiterhin einen starken Emanzipationswillen haben und keineswegs weniger als ihre älteren Schwestern und Mütter wollen. Allerdings haben für die meisten der Befragten zwischen 20 und 30 Jahren Beziehung, Job und Kinder einen gleich hohen Stellenwert. Sie wollen alles.[2]

Der Zeitgeist propagiert also ein Frauenbild, in dem die Frau stolz darauf sein kann, dass ihr Talent als Managerin über ein männliches Maß hinausreicht. „Sie verbinden die Kälte des Berufs mit der Wärme des Lebens“, schreibt die Germanistin Hannelore Schlaffer über die neuen weiblichen Vorbilder wie Carla Bruni und Claudia Schiffer. So kann ein Kind für die wenigen Frauen in Führungspositionen auch zu einem Statussymbol wachsen. Ein gutes Beispiel liefert die 34-jährige Familienministerin Kristina Schröder, wenn sie sagt: „Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden“.

Die Schattenseite dieser Entwicklung – dass Familie und Beruf heutzutage auch überfordern können – zeigt eindrucksvoll eine tiefenpsychologische Studie, in deren Rahmen 1000 Mütter, Schwangere und junge Frauen mit und ohne Kinderwunsch zwischen 20 und 40 Jahren befragt wurden.[3] Die Ansprüche moderner Mütter wachsen. Die Kinder müssen besonders gut geraten, sie selbst müssen stets alles unter Kontrolle behalten und dabei immer noch attraktiv und ganz locker bleiben. Dabei sind viele Frauen von ihrem Ideal der gelassenen Mutter weit entfernt. Nur zwei von fünf seien tatsächlich entspannt. Das Burnout-Syndrom soll mittlerweile sogar jede fünfte Mutter betreffen.

Die heftigen Reaktionen, die Bascha Mika mit ihrem Pamphlet „Die Feigheit der Frauen“[4] provoziert hat, illustriert ganz deutlich, dass viele Frauen sich gerade diesem Druck entziehen wollen. Es bleibt unbestreitbar, dass sich patriarchale Strukturen erstaunlich zäh halten, besonders im Bereich des Haushalt und der Kinderbetreuung. Simone de Beauvoir beschrieb einst eine Arbeitswelt, in der Frauen zu Hause alles versorgten, während Männer sich verwirklichten. Auch heute noch wirkt die Trennung nach Geschlechtern nach, die aus der Zeit stammt, als es in der bürgerlichen Familie ein Statussymbol war, sich eine nicht arbeitende Frau leisten zu können. Unstrittig ist aber auch, dass die Familie einen langen Wandel hinter sich hat. Sie ist immer weniger eine selbstverständliche, klar geregelte gesellschaftliche Konvention.[5]

Insofern ist es keineswegs so eindimensional wie von Bascha Mika dargestellt, wenn sie schreibt, dass Frauen ihr Schicksal selbst herausfordern würden, weil sie allzu gern in alte bequeme Rollenmuster zurückfielen. Frauen lavieren heute mehr denn je zwischen unterschiedlichen Rollen, die nur schwer vereinbar sind. Gerade die Gruppe der Hochschulabsolventinnen steht vor dem Dilemma, eine Wahl zwischen Familie und Beruf zu treffen oder beides möglichst gut zu vereinen. Eine Entscheidung für Familie erscheint heute jedoch genauso riskant und mutig wie einst für eine berufliche Kariere. Das spiegeln die Ergebnisse der Marktforscher wider. Denn nur zu oft fühlen sich Frauen hin- und hergerissen zwischen fürsorglicher Supermutter und selbstbestimmter Erfolgsfrau. Dass in den letzten Jahren Begriffe wie Latte-Macchiato-Mutter, Kampftmutter und Rabenmutter geprägt oder aus der Mottenkiste hervorgeholt wurden, verdeutlicht nur, dass die weiblichen Rollenbilder weiterhin umstritten bleiben.

Doch auch das gesellschaftliche Prestige der als typisch weiblich geltenden Tätigkeiten ändert sich langsam. Exemplarisch dafür steht eine in Deutschland nur angerissene, aber in Österreich stark entfachte Debatte über den gesellschaftlichen Wert unbezahlter Arbeit.[6] Gemeint ist damit der Haushalt, die Pflege von Familienangehörigen, aber auch die Organisation des Alltags – diese Tätigkeit wird nach wie vor größtenteils von Frauen erledigt, wie eine Studie der OECD gezeigt hat. In Deutschland beträgt die zeitliche Differenz zwischen Männern und Frauen bei der Verrichtung dieser Art von Arbeit etwa 100 Minuten pro Tag. Auch wenn die Frauen tatsächlich helfende Partner haben, fühlen sich 61 Prozent der Befragten alleinverantwortlich für das Kind. Das Bewusstsein, dass ohne diese Leistungen die Gesellschaft, der Staat und das derzeitige Wirtschaftssystem gar nicht funktionieren könnten, wächst. Insofern kommt es allmählich zu einer Aufwertung der Rolle der Managerin des Alltags.

Die Frage, die Élisabeth Badinter nun stellt, ist gleichermaßen provozierend wie auch im Moment noch schwierig zu beantworten: Ist die Aufwertung von Familienglück und Mutterliebe etwa doch nur ein Mittel, mit dem die Frauen aus dem öffentlichen Leben wieder verdrängt werden sollen? Mehr noch – steht paradoxerweise gerade die Burnout-Mutter symbolisch für das Ende der feministischen Bewegung?[7]

Klaudia Hanisch ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Gemeinsam mit David Bebnowski hat sie in der Halbzeitbilanz den Aufsatz „Zeitgeist und Kultur: Zwischen Sehnsucht und Orientierung“ geschrieben.


[1] Vgl. Schmidt, Sarah: Wir brauchen eure Quote nicht, in: Jungle World, 03.03.2011.

[2] Allmendinger, Jutta: Frauen auf dem Sprung. Wie junge Frauen heute leben wollen. Die BRIGITTE-Studie, München 2009.

[3] Rheingold-Institut (Hrsg.): Eine schwere Geburt. Kinderkriegen in Deutschland, 2010.

[4] Mika, Bascha: Die Feigheit der Frauen: Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug, 2010.

[5] Vgl. Ministerium für Familie, Kinder,  Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Wandel der Familie [einsehbar unter:http://www.familie-in-nrw.de/wandel.html].

[6] Bundesministerin für Frauen und Öffentlichen Dienst im Bundeskanzleramt Österreich (Hrsg.): Frauenbericht 2010, Wien 2010; vgl. Kaufmann, Stephan: Unbezahlt und unersetzlich, in: FR, 13.04.2011.

[7] Badinter, Élisabeth: Der Konflikt. Die Frau und die Mutter, München 2010.


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