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Niedersachsen und die langen 1960er Jahre

Teresa Nentwig |  7. November 2017 |   |  Drucken

[präsentiert]: Teresa Nentwig über die Tagung „Die ‚langen‘ 1960er Jahre in Niedersachsen und Bremen“.

Laut ihrer Satzung hat die im Jahr 1910 gegründete Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen die Aufgabe, die Geschichte Nordwestdeutschlands interdisziplinär zu erforschen und für die historische Landesforschung einzutreten.[1] Sie verfügt derzeit über fünf Arbeitskreise, die in der Regel jeweils zweimal im Jahr eine öffentliche Tagung zu einem bestimmten Thema organisieren, um neue Forschungsergebnisse zu diskutieren und bekannt zu machen.[2] Der Arbeitskreis für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts kam am 4. November 2017 im Historischen Museum Hannover zusammen, um sich mit dem Themenkomplex „Die ‚langen‘ 1960er Jahre in Niedersachsen und Bremen“ zu beschäftigen.[3]

Um die tiefgreifenden Umbrüche in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur zu benennen, die für die Bundesrepublik Deutschland der 1960er Jahre kennzeichnend waren, wird häufig von den langen 1960er Jahren gesprochen. Auf diese Weise soll deutlich gemacht werden, dass es nicht allein die Ereignisse um das Jahr 1968 herum waren, die zu einschneidenden Veränderungen geführt haben, sondern dass sich diese über einen längeren Zeitraum anbahnten und vollzogen. Der Historiker Detlef Siegfried meint deshalb den Zeitraum zwischen etwa 1958 und 1973, wenn er von den langen 1960er Jahren spricht.[4]

Ganz in diesem Sinne waren auch die Vorträge ausgerichtet, die bei der Tagung des Arbeitskreises für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts gehalten wurden – wobei auch der Tatsache Rechnung getragen wurde, dass Schlüsselereignisse durchaus 1968 stattfanden. Dies wurde gleich beim ersten Vortrag deutlich, für den Alexander Kraus eingeladen worden war. Kraus, der am Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation der Stadt Wolfsburg arbeitet, sprach zum Thema „Jugendprotest in der Wirtschaftswunderstadt oder die 68er Wolfsburgs. Eine visuelle Spurensuche“. Dokumentiert mit Schwarz-Weiß-Abbildungen des bekannten Fotojournalisten Robert Lebeck, zeigte Kraus, wie junge Leute das dreißigjährige Stadtjubiläum, welches die „Stadt aus der Retorte“ 1968 feierte, nutzten, um zu protestieren: Die Rekruten-Vereidigung, die gleichzeitig mit den Feierlichkeiten begangen wurde, nutzten die Schüler und Abiturienten, um sich für Frieden und gegen Militarisierung starkzumachen, etwa indem Plakate mit der Überschrift „Bundeswehr – Stadtfest: Welcher Zusammenhang?“ hochgehalten wurden.

Dass die zentralen 68er-Akteure in einigen deutschen Städten keine Studierenden waren, sondern Schüler, zeigte auch der nächste Vortrag, in dem Ewgeniy Kasakow über „Bremer Schülerorganisation zwischen Interessenvertretung und Erwachsenenpolitik in den 1960er und 1970er Jahren“ sprach. Kasakow, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre for Comparative History and Political Studies der Universität Perm arbeitet, stellte die Vielfalt der Bremer Schülergruppen dar, die damals politisierter als jemals zuvor waren.

Da es – ähnlich wie in Wolfsburg und Bremen – auch in Osnabrück noch keine Universität gab, waren in der Stadt des Westfälischen Friedens ebenfalls Schüler die Hauptträger der 68er-Bewegung. Mit einem Teil von ihnen befasste sich der Historiker und Dokumentarfilmer Reiner Wolf: Er ging der Frage nach, wie sich damals die Osnabrücker Junge Union (JU) entwickelte; denn deren Mitglieder verband, trotz ihrer eigentlich konservativen Orientierung, auch der Wille zur Veränderung. Diese „anderen ‚68er‘“, wie Wolf sie nannte, gründeten Ende 1967 die Demokratische Aktion der Schülerschaft (DAdS) und 1969 den Verband Kritischer Schüler (VKS); 1972 entstand dann die noch heute existierende Schüler Union (SU). War es zunächst uncool, der JU anzugehören, stiegen deren Mitgliederzahlen zu Beginn der 1970er Jahre rasant an: Immer mehr junge Leute wollten sich mit einem JU-Beitritt von den als links geltenden Jugendlichen abgrenzen.

Biografisch wurde es im vierten Vortrag der Tagung: Philipp Kufferath, geschäftsführender Herausgeber des Archivs für Sozialgeschichte bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln, präsentierte Forschungsergebnisse aus seiner jüngst veröffentlichten Doktorarbeit „Peter von Oertzen (1924–2008). Eine politische und intellektuelle Biografie“.[5] Nach einer kurzen Einführung in dessen Leben ging Kufferath näher auf v. Oertzens Zeit als niedersächsischer Kultusminister (1970–74) ein und zeigte an mehreren Beispielen, wie dieser zwischen studentischem Protest, konservativer Gegenwehr und strukturellen Abhängigkeiten die Hochschulpolitik gestaltete.

Der fünfte Vortrag der Tagung stammte von Steffen Sammler vom Braunschweiger Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung. Sammler untersucht derzeit in dem vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderten Projekt „Neues Wissen in neuen Medien?“ die Entwicklung neuer Lehrmaterialien für den gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht in Zeiten medialen Wandels und sozialer Öffnung im 20. Jahrhundert.[6] Entsprechend dem Tagungstitel konzentrierte er sich in seinem Vortrag auf die 1960er und 1970er Jahre, für die er ein offenes Zeitfenster feststellte. Dieses schlug sich z.B. in der Entwicklung eines Schulfernsehens nieder, über das der NDR historisch-politische Bildung vermitteln wollte.

Der letzte Vortrag stammte von Olaf Gisbertz, der zurzeit eine Vertretungsprofessur für die Geschichte und Theorie von Architektur und Stadt an der FH Dortmund innehat. Untermauert mit sehr anschaulichen Abbildungen, zeigte er auf, wie sich das Unbehagen am modernen Städtebau in den 1960er und 1970er Jahren in Architekturkritik niederschlug. Diese wurde von verschiedener Seite aus geübt, etwa von Bürgerinitiativen, politischen Gremien und Journalisten. So veröffentlichte der Spiegel 1969 die Titelgeschichte „Zukunft verbaut. Wohnen in Deutschland“.[7] In der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover waren es vor allem das Ihme-Zentrum und das Kröpcke-Center, deren Betonarchitektur die Gemüter erhitzte.

Insgesamt handelte es sich um eine sehr interessante Tagung, die das Thema „Die ‚langen‘ 1960er Jahre in Niedersachsen und Bremen“ unter verschiedenen Facetten behandelte. Nachdem die ersten drei Vorträge die Jugendbewegung in dieser bewegten Zeit in den Mittelpunkt gestellt hatten, thematisierten die letzten drei Vorträge Entwicklungen im Bildungs- und Kulturbereich. An alle sechs Referate schlossen sich zahlreiche anregende Nachfragen und weiterführende Hinweise aus dem Publikum an. In einer Zeit, in der zu Recht weiterhin die Gleichberechtigung von Frauen gefördert wird, hat die Autorin lediglich die Tatsache ein wenig wehmütig zurückgelassen, dass alle sechs Vortragenden (neben den beiden Moderatoren) männlich waren – wie übrigens bereits bei der letzten Arbeitskreistagung am 1. April 2017. Sicherlich gibt es auch Frauen, die derzeit zu einem Thema forschen, das unter den Tagungstitel gefallen wäre.

Dr. Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Vgl. die Satzung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen e.V., Neufassung vom 25.07.2017, S. 1, URL: https://www.historische-kommission.niedersachsen.de/download/124144 [eingesehen am 06.11.2017].

[2] Vgl. ebd., S. 4; Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen e.V.: Arbeitskreise, URL: https://www.historische-kommission.niedersachsen.de/startseite/aktuelles_veranstaltungen/arbeitskreise/arbeitskreise-114384.html [eingesehen am 06.11.2017].

[3] Das Tagungsprogramm ist online einsehbar unter: https://www.historische-kommission.niedersachsen.de/download/123586 [eingesehen am 06.11.2017].

[4] Vgl. Siegfried, Detlef: „Trau keinem über 30“? Konsens und Konflikt der Generationen in der Bundesrepublik der langen sechziger Jahre, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 45/2003, S. 25–32, hier S. 25; ders./Hodenberg, Christina v. (Hrsg.): Wo „1968“ liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik, Göttingen 2006.

[5] Kufferath, Philipp: Peter von Oertzen (1924–2008). Eine politische und intellektuelle Biografie, Göttingen 2017.

[6] Ausführlich zu dem Projekt vgl. Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung: Neues Wissen in neuen Medien? Gesellschaftswissenschaftlicher Unterricht in Zeiten medialen Wandels und sozialer Öffnung im 20. Jahrhundert, URL: http://www.gei.de/abteilungen/schulbuch-und-gesellschaft/neues-wissen-in-neuen-medien-gesellschaftswissenschaftlicher-unterricht-in-zeiten-medialen-wandels-und-sozialer-oeffnung-im-20-jahrhundert.html [eingesehen am 06.11.2017].

[7] Vgl. dazu die Titelseite der Spiegel-Ausgabe vom 03.02.1969 und o.V.: Es bröckelt, in: Der Spiegel, 03.02.1969, URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45845356.html [eingesehen am 06.11.2017].


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