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Nicht mehr wiederzuerkennen

Felix M. Steiner |  30. Juli 2013 |   |  Drucken

[nachgefragt]: Interview mit Wolf von Lojewski über seine Zeit in den USA

Wolf von Lojewski war viele Jahre Auslandskorrespondent der ARD. Von 1971-1974 und von 1987-1991 war er unter anderem in den USA als Korrespondent tätig. Im Interview spricht er über seine Erfahrung der deutsch-amerikanischen Beziehungen, die Veränderung Amerikas und warum Obama an den Erwartungen scheitern musste.

Herr Lojewski, Sie waren mehrfach als Korrespondent in den  USA tätig. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika ist durch ganz verschiedene Ereignisse geprägt. Wie würden Sie das Verhältnis der beiden Länder in den letzten Jahrzehnten am ehesten beschreiben?

Im sogenannten „Zwischenmenschlichen“ freundschaftlich, von Sympathie geprägt und durch nichts ernsthaft in Gefahr zu bringen. In Politik und Wirtschaft verwirrend und mehr und mehr durch auseinanderlaufende Interessen zerfasert.

Welches Deutschlandbild haben Sie bei ihren Aufenthalten in Amerika erfahren?

Ein manchmal etwas naives und zu folkloristisches. Wobei zu berücksichtigen ist, dass sich – zu meiner Zeit – die amerikanischen Medien nicht halb so viel den Kopf über die Deutschen zerbrachen wie die Deutschen über die Amerikaner. Oft, wenn sich unsere europäischen Nachbarn und vor allem wir selbst über eine unserer Unarten erregten und ich als Korrespondent der ARD gefordert war, meinem Beitrag zu einem „Brennpunkt“ zu leisten, habe ich den Kollegen beichten müssen: “Leute, zu dem Thema gibt es eine Meldung in der New York Times auf der Seite 34, keine Fernseh- oder Radiosender hat diese Krise auch nur erwähnt. Keiner meiner amerikanischen Nachbarn hat mich darauf angesprochen. Amerika ist unsere Aufregung völlig wurscht…“ Zugegeben, in dem Bericht habe ich das dann immer etwas diplomatischer ausgedrückt.

Die Amerikaner waren seit 1945 – zumindest für Westdeutschland – eine Schutzmacht, ein großer Bruder. Ist die verhältnismäßig große Aufregung, die in Deutschland über amerikanische Politik häufig hochkocht, die Enttäuschung über ein Vorbild?

Solche Enttäuschungen über den großen Bruder gab es immer. Sie gab es zu Zeiten des Vietnam-Krieges, die gab während Richard Nixons Watergate-Affäre, es gab sie, wenn Ronald Reagan zu Besuch kam. Der Unterschied zu heute ist allerdings, dass wir so große Erwartungen an den jetzigen Amtsträger hatten und gewiss auch noch haben. Wir haben geglaubt, er sei endlich so einer, wie wir Europäer uns den idealen Präsidenten vorstellen. Aber auch Obama muss sein politisches Umfeld und die aktuellen Erwartungen und Ängste seiner Landsleute nehmen, wie sie sind. Guantanamo ist da ein klassisches Beispiel. Das ist ein Skandal, so zu tun, als müsse man nur auf amerikanischem Boden menschliche Grundrechte  achten und dürfe im Ausland foltern und quälen. Ich muss gestehen, dass ich in diesen und vielen anderen Fragen, die um die persönliche Freiheit kreisen, „mein“ Amerika nicht mehr wiedererkenne.

Sie waren auch während des Vietnamkrieges als Korrespondent in den USA. Damals gab es auch in Deutschland gewaltige Proteste gegen den Krieg. 2003 verweigerte Deutschland dann die Gefolgschaft im Irakkrieg. Inwiefern haben solche Ereignisse das Verhältnis verändert?

Amerika überdenkt inzwischen das Spektrum seiner Führungsrolle, und die Europäer überdenken ihre Rolle auch. Hier hat man große, sozusagen zusammenschweißende Ziele, dort ist das gemeinsame Interesse zweifelhaft. Aus deutscher Sicht war dieser zweite Irak-Krieg ein dubioses Unternehmen. Und das „Nein“ Gerhard Schröders traf diese Stimmung in der deutschen Bevölkerung und sicherte ihm die Wiederwahl. Vielleicht war es undankbar, auf jeden Fall nicht von jener Dimension, um mit der Schicksals-Partnerschaft im Kalten Krieg verrechnet zu werden. Das war etwas für die Geschichtsbücher, und wir Deutschen haben allen Grund, den Amerikanern auf ewig dankbar zu sein. Die deutsche Einheit war für sie keine leere, pathetische Floskel, wie etwa für die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die in den entscheidenden Tagen eiskalt erklärte: „Ja, wir waren uns über Jahrzehnte einig und haben es auch immer gesagt, daß wir die deutsche Einheit wollen. Aber da gingen wir doch davon aus, daß es  ja doch nichts wird!“ Auch der Franzose Mitterand war nicht mehr begeistert, als die reale Chance plötzlich da war. Die Amerikaner standen zu ihrem Versprechen. Präsident Reagan hat mir einmal erzählt, er habe sich immer vorgestellt, es gebe solch eine Mauer entlang des Mississippi quer durch Amerika. So etwas sei doch unnatürlich, so ein Monstrum müsse weg. In der politisch hochkomplexen und gefährlichen Situation des Zusammenbruchs der Sowjetunion mag eine solche Sicht etwas simpel oder gar naiv gewesen sein. Aber amerikanische Klarheit und – wenn man so will – Naivität kann auch eine starke Kraft sein. Wenn sie ja sagen, meinen sie auch ja.

Obama reiste als US-Präsident sehr spät zum offiziellen Staatsbesuch nach Berlin. In der deutschen Medienlandschaft war fast eine Enttäuschung darüber wahrzunehmen. Ist diese Enttäuschung vielleicht auch die Erkenntnis, dass Deutschland für die Amerikaner bei weitem keine so große Rolle spielt wie die USA hierzulande?

Das mag sein. Aber in all den Jahren vor diesem Besuch habe ich den Ruf und die allgemeine Sehnsucht nie verspürt: Wann, oh wann  kommt endlich Obama? Erst, als er da war, kam die Klage auf.

Besonders 2008 wurde Obama bei seinem Besuch in Berlin sehr umjubelt. Mittlerweile ist die Euphorie auch in Deutschland abgekühlt. Wie erklären Sie sich diese Begeisterung für einen amerikanischen Politiker?

Er strahlt etwas Menschliches, etwas sehr Sympathisches aus. Vor allem: Er kann reden. Das sind wir von unseren Politikern nicht gewohnt

Musste Obama nicht an den Erwartungen scheitern?

Er hatte nun einmal das Pech, daß bei seinem Amtsantritt die Finanzmärkte und die Wirtschaft zusammengebrochen waren. Das begrenzte seine Möglichkeiten auf allen Feldern, es nahm seinem Start den Schwung. Die Amerikaner, wir Europäer – und eben auch ich – haben nun einmal Wunder von ihm erwartet. Aber auch ein amerikanischer Präsident ist eben nur ein Politiker und seine Möglichkeiten sind begrenzt.

Das Interview führte Felix M. Steiner. In der aktuellen Ausgabe unserer Radiosendung „Unter der Lupe“ ist ebenfalls ein Interview mit dem Pressesprecher der amerikanischen Botschaft in Berlin zu hören.

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