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„Die politische Dimension des Videos stieß überwiegend auf Ablehnung“

Lino Klevesath; Annemieke Munderloh |  26. Juli 2019 |   |  Drucken

[nachgefragt] Lino Klevesath und Annemieke Munderloh über die Rezeption von Online-Videos aus dem Spektrum des radikalen Islam.

In Ihrer soeben erschienenen Studie „Scharia als Weg zur Gerechtigkeit? Eine Analyse der Rezeption eines salafistischen Online-Videos durch junge Muslim*innen“ untersuchen Sie die Rezeption des YouTube-Videos „Was ist Scharia?“ von Marcel Krass, der als ein bekannter Akteur der salafistischen Szene in Niedersachsen gilt. Warum haben Sie diesen Fokus gewählt?

Lino Klevesath: In der öffentlichen Diskussion um eine Radikalisierung junger Muslim*innen wird Online-Videos mit radikalislamischen Inhalten eine große Wirkung zugeschrieben. Häufig wird vermutet, dass der Konsum von derartigen Clips dazu führen könnte, dass junge muslimische Gläubige die Mehrheitsgesellschaft pauschal abwerten, ja sogar die Mehrheit der Muslim*innen als zu „angepasst“ ablehnen und sich am Ende isolieren oder gar zur Gewalt greifen. Es gibt allerdings kaum Studien dazu, die tatsächlich untersuchen, wie junge Muslim*innen Videos aus dem radikalislamischen Spektrum wahrnehmen. Bekannt ist nur, dass junge Menschen – ob muslimisch oder nicht – in ihrer Freizeit das Internet in hohem Maße zum Konsum von Videos nutzen und dass Akteure wie Krass dort verhältnismäßig viele Views verzeichnen. Mit Zugriffszahlen im vierstelligen oder fünfstelligen Bereich sind das zwar keine Reichweiten, die etwa mit denen von Influencern wie „Rezo“ vergleichbar wären, es ist aber dennoch eine erhebliche Verbreitung. Wir wollten daher mehr über die Wahrnehmung dieser Clips durch junge Muslim*innen wissen.

Wir haben uns den YouTube-Kanal von Marcel Krass genauer angeschaut, da er einer der bekanntesten salafistischen Akteure in Niedersachsen ist. Wir haben ein Video von ihm mit Inhalten gesucht, die aus unserer Sicht politisch relevant sind, also nicht nur die persönliche Lebensführung thematisieren, und haben uns deshalb für den Clip „Was ist Scharia?“ von 2014 entschieden, der über 8000-mal angeschaut wurde und in seiner Langfassung über fünfzig Minuten lang ist. Wir haben das Video im Rahmen von Fokusinterviews insgesamt zwanzig jungen Menschen in einer von uns auf knapp zehn Minuten gekürzten Fassung vorgespielt. Wir haben sie gefragt, was für Gefühle und Gedanken sie mit dem Gesehenen und Gesagten verbinden. Zehn dieser Befragten sind Personen, die sich selbst als muslimisch bezeichnen, zehn sind nicht-muslimisch.

 

Sie sprechen von „radikalislamischen Inhalten“. Was genau verstehen Sie unter „radikal“?

Annemieke Munderloh: Uns ist bewusst, dass das Wort „radikal“ im allgemeinen Sprachgebrauch vornehmlich negativ besetzt ist. Gerade in Verbindung mit „Islam“ assoziieren viele Menschen das Wort pauschal mit Extremismus oder Dschihadismus. Wir hingegen verstehen „radikalen Islam“ als eine Sammelbezeichnung für verschiedenste muslimische Bewegungen. Sie haben jedoch gemeinsame Nenner: einerseits die Ablehnung des religiösen oder politischen Status quo – bis hin zu einem Streben nach grundlegenden Veränderungen der politischen Ordnung in muslimischen oder nicht-muslimischen Ländern, und andererseits eine Mission, die eben mehr umfasst als reine gottesdienstliche Praxis und Bewahrung religiöser Tradition.

Lino Klevesath: Genau. Implikationen für das jeweilige Demokratieverständnis oder eine Gewaltaffinität der Anhänger*innen hat diese Klassifizierung hingegen per se nicht, auch wenn einige Teile des Spektrums als anti-demokratisch oder gewaltbereit beschrieben werden können. In diesem Zusammenhang ist uns auch wichtig zu betonen, dass wir den so definierten radikalen Islam in all seinen Ausprägungen als Teil der deutschen Gesellschaft verstehen, als Teil der politischen Kultur. Es geht uns folglich nicht um die Benennung eines wie auch immer gearteten „Außen“.

 

Worum geht es in dem Video denn genau und warum sind die Inhalte politisch relevant?

Annemieke Munderloh: Marcel Krass argumentiert in seinem Video, dass die Scharia klare Regeln für alle Lebensbereiche des Individuums, den Umgang mit seinen Mitmenschen und das gesellschaftliche Miteinander beinhalte. Diese Gebote seien von Gott festgelegt. Für Krass ist klar, dass der Mensch zwar ohne Gerechtigkeit nicht leben könne, aber von Natur aus nicht in der Lage sei, selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Seiner Meinung nach ist daher die Beachtung und Anwendung der göttlichen Gebote der einzig mögliche Weg, um ein gutes Leben zu führen und das tiefe Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu stillen. Menschengemachte Gesetze seien zwangsläufig ungerecht, denn Gerechtigkeit könne nur von Gott kommen. Für Muslime sei es daher nicht angemessen, in einem nicht-islamischen Staat mit menschengemachten Gesetzen zu leben. Daraus leitet Krass auch politische Forderungen ab: Alle Muslime auf der Welt würden nach einem gemeinsamen Staat streben, wo sie nach den Regeln der Scharia leben können. Krass versteht Muslime also nicht nur als Menschen mit einer bestimmten Religionszugehörigkeit, sondern als eine eigene nationale Gemeinschaft. Es gebe verschiedene Mittel, einen solchen Staat zu erreichen. Krass will zwar den Einsatz von Gewalt ausdrücklich nicht gutheißen, erklärt aber, Gewaltanwendung ließe sich unter bestimmten Umständen nicht verhindern. Vor allem dann nicht, wenn Menschen ein bestimmtes Ziel unbedingt erreichen wollten.

 

Und wie haben nun die Muslim*innen auf das Video reagiert?

Lino Klevesath: Sehr unterschiedlich. Die politische Dimension des Videos stieß überwiegend auf Ablehnung – meistens wurde Zustimmung zur Gesellschaftsordnung in Deutschland geäußert und die Vorstellung verworfen, dass Muslime unbedingt einen islamischen Staat anstreben müssten. In seltenen Fällen wurden auch mal Sympathien für diese politische Vorstellung geäußert. Aber häufiger bekamen wir zu hören, dass die Regeln der Scharia für die persönliche Lebensführung entscheidend seien. Dafür sei kein muslimischer Staat nötig, auch wenn die Religionsausübung mitsamt der Beachtung aller Gebote in Deutschland manchmal schwierig sei. In anderen Fällen wiederum wurden die Inhalte von Krass komplett abgelehnt und die Scharia etwa in Gänze als „veraltet“ zurückgewiesen. Das ruhige Auftreten von Krass und sein leicht verständlicher Vortragsstil wurden jedoch meist positiv wahrgenommen – teilweise wurde ihm sogar ein Vorbild-Charakter zugeschrieben.

Bei der Analyse haben wir schließlich festgestellt, dass die inhaltliche Bewertung des Videos stark mit dem Religionsverständnis der jeweiligen Rezipient*innen zusammenhing: Wer ein orthodoxes Islam-Verständnis zum Ausdruck brachte – also den Koran und die mündliche Überlieferung, die Sunna, grundsätzlich als verbindlich erachtete – stimmte auch vielen Aussagen von Krass zu, auch wenn die politischen Forderungen meistens abgelehnt wurden. Wer hingegen den Islam nicht-orthodox interpretiert und Koran und Sunna für sich als nicht verbindlich erachtet oder nur in einem nicht-wortwörtlichen Sinne verstehen will, konnte mit den Ideen von Krass meist nichts anfangen. Zudem konnten wir bei einzelnen Interviewpartner*innen unabhängig vom Religionsverständnis eine autoritäre Tendenz feststellen. Das äußerte sich in einer gewissen Affinität zu Gewalt und autoritären politischen Lösungen, wie zum Beispiel in der Befürwortung der Todesstrafe. Diese autoritäre Tendenz konnten wir auch bei einigen Nicht-Muslim*innen feststellen, deren Rezeption wir in der in ein paar Monaten erscheinenden Langfassung unserer Studie auswerten.

 

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihren Ergebnissen?

Annemieke Munderloh: Da es sich bei unserer Untersuchung um eine qualitative Studie handelt, können wir natürlich keine Aussagen darüber treffen, wie viele Muslim*innen in Deutschland oder Niedersachsen den politischen Vorstellungen von Krass zustimmen oder sie ablehnen. Aus unserer Sicht legt das Ergebnis aber nahe, dass es zwischen Anhänger*innen der salafistischen Szene und anderen orthodoxen Muslim*innen keine klare Grenze in Bezug auf die Interpretation der Scharia oder politische Ordnungsvorstellungen gibt. Salafist*innen wollen bei ihrer Islam-Auslegung der Religionspraxis der ersten drei Generationen der Muslim*innen (den sogenannten „Salaf“) folgen. Diese gelten als besonders fromm, da sie entweder den Propheten Mohammed persönlich kannten oder dessen Nachfolger, sodass ihr Islamverständnis als noch unverfälscht bewertet wird. Andere orthodoxe Muslim*innen hingegen beschränken sich bei der Interpretation der islamischen Quellen nicht auf diese drei Generationen. Sie sind tendenziell stärker bereit, die Interpretation der Gebote dem modernen europäischen Kontext anzupassen. Sie halten aber grundsätzlich genau wie Salafist*innen an der Verbindlichkeit der islamischen Quellen und der in ihnen enthaltenen Gebote fest. Aus diesem Grund können viele Inhalte in salafistischen Videos auch auf Zustimmung bei orthodoxen Muslim*innen stoßen, die nie eine salafistisch geprägte Moschee besuchen würden. Das ist unserer Meinung nach aber kein Grund, gleich die Alarmglocken zu läuten. Wer derartige Videos schaut, ist nicht zwangsläufig antidemokratisch oder gar offen für die Anwendung von Gewalt. Viele der Rezipient*innen versuchen vielmehr, die Befolgung der Gebote im Privaten und die demokratische Teilhabe in der Politik pragmatisch miteinander zu verbinden.

 

Und was bedeuten die Ergebnisse für Ihren weiteren Forschungsprozess?

Lino Klevesath: In der Langfassung unserer Studie, die in einigen Monaten erscheinen wird, wollen wir auch die Rezeption der Nicht-Muslim*innen in den Blick nehmen. Wir wollen wissen, ob auch bei ihnen die Inhalte und die Machart des Videos auf gewisse Sympathien stoßen oder ob derartige Clips eher dazu beitragen, negative Stereotype über den Islam zu verfestigen. Einige der sich explizit als praktizierende Christ*innen bezeichnenden Gesprächspartner*innen ziehen zudem teilweise interessante Vergleiche zwischen den beiden Religionen. Auch werden wir noch die Rezeption weiterer Videos in den Blick nehmen, in denen beispielsweise das Türkeibild deutscher Medien, die wahrgenommene mediale Berichterstattung über Muslim*innen hierzulande, oder auch das islamische Bild von Menschen jüdischen Glaubens thematisiert wird.

 

Lino Klevesath und Annemieke Munderloh arbeiten am Göttinger Institut für Demokratieforschung und sind Autor*innen der gerade erschienenen StudieScharia als Weg zur Gerechtigkeit? Eine Analyse der Rezeption eines salafistischen Online-Videos durch junge Muslim*innen“.

 

Das Interview führte Katharina Trittel.


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