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Multidisziplinäre Ideengeschichte

Felix Butzlaff |  16. Juli 2015 |   |  Drucken

[kommentiert]: Felix Butzlaff über den Workshop „Zeitgenössisches politisches Denken in Deutschland seit 1989“ in Kiel

Seit einem guten Jahr ist an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ein DFG-Projekt angesiedelt, in dessen Rahmen ein Team um die Ideengeschichtlerin Tine Stein mit ihren Mitarbeitern Tobias Bartels, Katarina Marcisch (u.a.) der Frage nachgeht, in welchen Bahnen und Formen sich das zeitgenössische politische Denken in Deutschland seit 1989 entwickelt hat. Inhaltlich und methodisch ist dies ein bemerkenswerter Versuch der Annäherung an ein durchaus unübersichtliches und amorphes Feld. Denn aufgrund der wenigen verstrichenen Zeit haben bis dato eine Kanonisierung und Einteilung in Gelungenes und zu Vernachlässigendes, in Strukturen und Interpretationslinien der einzelnen Denkschulen noch gar nicht erfolgen können. Das Projekt betritt also, in einer Art Sortierfunktion, wissenschaftliches Neuland. Nun, fünfzehn Monate nach dem Projektstart, wurden auf einem Workshop am 9./10. Juli 2015 in Kiel erste Ergebnisse diskutiert.

Hierzu wurden nun gut 25 Politikwissenschaftler unterschiedlichster Hintergründe zusammengebracht. Sie sollten Methodik, Zugang und erste Interpretationen diskutieren und gleichzeitig mit verschiedenen Binnenperspektiven vergleichen, um so auch von anderer Warte aus auf das beackerte Feld zu blicken. Und ohne dem Projekt vorgreifen oder aber die noch im Entstehen begriffene Arbeit mitsamt ihren Reflektionen in die Öffentlichkeit tragen zu wollen, gab es gleichwohl einige Aspekte dieser Diskussion, die aus Perspektive des Autors und Teilnehmers an der Konferenz einen kurzen Tagungskommentar rechtfertigen.

Das Ergebnis war ein intensives Kolloquium, das sich durch etliche formale Eigenschaften wohltuend von bisweilen abgeklärten akademischen Ritualen abhob: Zum einen lockerten die Struktur der Örtlichkeit und v.a. die Gliederung der Vorträge und Koreferat den Charakter des konventionellen Konferenzformats auf. Gleichzeitig wurde die inhaltliche Diskussion intensiviert, indem stets zwei 15-minütige Vorträge zum selben Thema von einem gleich langen Koreferat kritisiert wurden, worauf eine Diskussion in größerer Runde folgte. Zum anderen tat sein Übriges, dass – auch dies anders als schon oft gesehen – die meisten Teilnehmer fast die gesamte Tagung über anwesend waren, sodass dem roten Faden anhand von Leitfragen über zwei Tage hinweg gemeinsam gefolgt werden konnte.

Eine der treibenden Fragen des Teams um Stein bemüht den Kontext der Einordnung: Hat eine gedankliche Vorstrukturierung des politischen Denkens an parteipolitische Stränge noch eine Relevanz? Sind die Ideenpfeiler „Konservatismus – Liberalismus – Sozialismus/Sozialdemokratie – ökologisches politisches Denken“ noch Konstanten, die das Feld ordnen können? Zusammen genommen: Spielen diese „alten“ Strömungen für das zeitgenössische politische Denken noch eine Rolle, sei es in der Selbstzuschreibung oder aber in inhaltlich-historisierenden Analogien? Und, nicht zuletzt: Sind die parteipolitischen bzw. organisatorischen Vorstrukturierungen dieser „Strömungen“ das geeignete Mittel, um das politische Denken zu kartografieren, welches sich ja keineswegs zwangsläufig an die Repräsentanten des Parlamentarismus angliedern muss?

Neben den jeweiligen Gliederungspunkten, welche die einzelnen Strömungen auf ihren Gehalt abklopften und in denen anhand der Vorträge (jeweils zwei zu den oben genannten vier Strömungen) diskutiert wurde, was sich inhaltlich in den jeweiligen Bereichen getan hat – was Hauptthemen und Stoßrichtungen, was Konjunkturen und Erregungsparameter gewesen sind –, wurde es immer dann besonders interessant, wenn es zu Vergleichen kam. Die Entwicklung einer Vorstellung von ideologischer Konsistenz und Exklusivitätsansprüchen etwa, die in ihrem Sinkflug vielleicht einen roten Erzählfaden des politischen Denkens ausmachen mag, war ein Thema sämtlicher Panels.

Darüber hinaus aber sind es v.a. zwei Pfeiler der Diskussion, die dem Autoren – als Nicht-Ideengeschichtler – besonders eingeleuchtet haben: zum einen die Betonung der Offenheit für Ausweise des politischen Denkens, die nicht allein in kleinen, abgeschlossenen Elitenzirkeln zu finden seien, sondern zwar das politische Denken als Intellektuellengeschichte begriffen, sich aber ebenso in den Debatten der (etwa) parteipolitischen Umsetzung zeitgenössischer Repräsentationsideen kristallisierten; und zum anderen die Frage nach den Plausibilitätsvoraussetzungen politischer Ideen durch die Füllung bzw. Deutung von „Unbestimmtheitsstellen“, die auch durch Duktus, Sprache und v.a. Habitus im politischen und auch im nur halbpolitischen Alltag Überzeugungskraft entfalten müssen. Denn nur auf diese Weise, unter Einbezug der Wirkung und Reichweite einer Strömung oder ihrer Teile, könne gelingen, am Ende aus einer rein intellektuell abgeschlossenen Landschaft von Zirkeln eine Perspektive auf das politische Denken als Zeitdiagnose zu gewinnen. Dazu gehört auch die Frage nach der Größe etwaiger Debatten und Diskussionen ebenso wie die nach der Tonlage der politischen Landschaft insgesamt, der einzelnen Bedeutung eines politischen Denkens in der Tradition der jeweiligen Strömung überhaupt (die im Vergleich zueinander durchaus unterschiedlich sind) und natürlich die Gretchenfrage, wie man mit Phänomenen wie Pegida etc. umgeht.

Sympathisch dabei erscheint aus politikwissenschaftlicher Gesamtperspektive, wie sehr hier unterschiedliche Disziplinen ineinander greifen könnten: die historisch blickende Politikwissenschaft, die Parteienforschung, die Organisationssoziologie, die Ideengeschichte, auch Anleihen bei der Literaturwissenschaft – von all diesen Perspektiven lässt sich ein Beitrag zum Erkenntnisinteresse erwarten. Und dass sich einem Feld mit gemeinsamem Blick induktiv genähert wird, ist in der Politikwissenschaft an vielen Stellen nicht gerade üblich.

So bleibt zu hoffen, dass nicht der Weg vermeintlicher Objektivierung über ein allzu grobes Erkenntnisverfahren beschritten wird, das den Textkorpus des politischen Denkens nach mathematischem Gewicht zerteilt. Sondern dass stattdessen die Stärken des offen auf die fragmentierte Empirie blickenden Vorgehens beibehalten werden.

Felix Butzlaff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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