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Müssen die denn immer streiten?

Jöran Klatt |  24. Oktober 2014 |   |  Drucken

[kommentiert]: Jöran Klatt über die Rezeption des Historiker-Tags bei den Angehörigen der eigenen Zunft.

Seit dem Historikertag ist nun einige Zeit ins Land gegangen. Und nach dem Göttinger Treffen im September 2014 wird dem einen oder anderen Teilnehmer inzwischen aufgefallen sein, dass das mediale Echo, gemessen an vorherigen Austragungen, vergleichsweise gering geblieben ist. Im persönlichen Gespräch – zugegeben: eine sehr subjektive Perspektive – kam man kaum umhin, darüber eine gewisse Enttäuschung zu spüren (letztendlich sind HistorikerInnen traditionell sehr öffentlichkeitsaffin). Dieses 50. Aufeinandertreffen der Zunft scheint im gemeinsamen kollektiven Gedächtnis vor allem sequentiellen Charakter anzunehmen: Der Historikertag war ein Ritual. Doch liest man ihn als eben solches, fällt auf: Er war auch wichtig.

Die Erwartungshaltung an Historikertage ist jedenfalls groß. In der Vergangenheit gab es immer wieder große Kontroversen, wie den Historikerstreit, die Fischerkontroversen oder die Goldhagen-Debatte, die das ganze Fach über die Feuilletons in die Öffentlichkeit geradezu zogen.[1] Aus der Retrospektive stellen diese Ereignisse für HistorikerInnen auch (gefühlte) Idealtypen einer Diskursverdichtung dar, die ihnen eine gewisse Strahlkraft der Relevanz verleihen. An diesen Zeiten musste sich auch die diesjährige Zusammenkunft wieder messen lassen. Dies erklärt zumindest den Eindruck einer leichten Enttäuschung über den ausgebliebenen Disput.

Doch Rituale deuten nicht automatisch auf Stagnation hin. Im Gegenteil: In einer Gemeinschaft, wie sie auch die HistorikerInnen darstellen, sind sie nicht selten gar ein Ausdruck von Bewegung. Der Ethnologe Victor Turner hat angemerkt, „daß Rituale besondere Phasen in sozialen Prozessen markieren, in denen Gruppen sich inneren Veränderungen […] und ihrer äußeren Umwelt anpassen.“[2] So trafen sich viele der Besucher als alte Bekannte, hörten vertraute Stimmen, pflegten so beruflich entstandene Freundschaften und hegten die gemeinsame kollektive Identität. Dabei erfüllen solche Rituale für soziale Gruppen, vor allem eben in Zeiten des Wandels, nicht zu unterschätzende sinnstiftende Funktionen.

Dieser Wandel kommt in der Geschichtswissenschaft von außen wie von innen. Hausgemacht ist einerseits eine andauernde Theoriedebatte, die zu einer Heterogenität des Faches geführt hat, welche für Außenstehende allerdings meist unsichtbar bleibt. Es herrscht eine Gleichzeitigkeit verschiedener Denkschulen von historistischer Geschichtswissenschaft, marxistisch geprägter Sozialhistorie über Mikro- und Alltagsgeschichtliche sowie Diskursanalyse bis hin zur Postmoderne. Wenn der Historikertag also vielleicht auch keinen neuen Historikerstreit ausgelöst hat, so wäre der Schluss, die HistorikerInnen hätten nichts mehr zu streiten, wohl verfehlt.

Das Interesse an der sogenannten Emotionengeschichte als einem umstrittenen neuen Ansatz wirkt so fast wie ein Ausdruck der eigenen emotionalen Situiertheit. Auffällig sind die nicht zuletzt sehr emotionalen Begriffe, die die (z.T. radikal) verschiedenen Ansätze der Geschichte einen. Ob klassische politikhistorische Themen, z.B. „Sonderweg“ und Erster Weltkrieg, oder die von den neuen Ansätzen hervorgebrachten Themenwie die Geschichte der Homosexualität oder des Popkulturellen: Sie erscheinen in emotionalen Gewändern, in Fragen nach Schuld, Sühne, Aufarbeitung, Trauer, Wut, Anerkennung. Diese neuen Themen bereichern das Fach auch aufgrund fruchtbarer, aber eben auch harter, bisweilen emotional geführter Theoriedispute. Die HistorikerInnen sind selbst eine emotional community (Barbara Rosenwein). Die Emotionenhistorie ist dabei das aktuelle Endprodukt einer lange andauernden Debatte um sogenannte cultural turns, also kulturtheoretische Paradigmenwechsel. Die Geschichte der Homosexualität wiederum, wie allgemein die Historisierung der Sexualität, verdankt ihre Existenz u.a. der Hinwendung zur Mikro- und Alltagshistorie seit den 1980er Jahren, deren VertreterInnen man zu Beginn mal mehr, mal weniger liebevoll „Barfußhistoriker“ nannte.[3]

Die Herausforderungen von außen hingegen sind zwar nicht neu, aber nach wie vor ungelöste Probleme. Zu nennen ist hier vor allem die zunehmende Digitalisierung des wissenschaftlichen Arbeitens. In einem hierfür eigens angelegten Panel diskutierten die HistorikerInnen jedoch vor allem über deren Folgen, was die Zukunft des Publizierens anbelangt. Hierbei ging es um die Bedrohungen des Stellenwertes des individuellen Autors durch das digitale Autorenkollektiv. Die (durchaus berechtigte) Sorge um die kommerzielle Zukunft des Endproduktes der HistorikerInnen überschattete jedoch die Möglichkeiten. Möglichkeiten, auch epistemische, etwa die Produktion neuer digitaler multimedialer Erkentnissendprodukte, blieben leider weitgehend undiskutiert.[4]

Den Ritualcharakter des Historikertages merkte man indes am deutlichsten, wo man versuchte große öffentlichkeitstaugliche Debatten zu eröffnen oder an vergangene anzuknüpfen. Die gut besuchte „Debatte“ zwischen Christopher Clark und Gert Krumeich über die Schuldfrage des Ersten Weltkrieges, aber auch die Diskussion über Hans-Ulrich Wehlers „Sonderwegsthese“ waren Sektionen, die die klassischen Themen deutscher Historiographie auf den Plan riefen.

Indes waren beide Panels verschiedene Ausdrücke natürlicher Prozesse im Bereich wissenschaftlicher Reflexion. In ersterer begegneten sich zwei gut aufeinander eingespielte Kontrahenten, deren angekündigter Disput in einer wohlgefällig (aber äußerst unterhaltsam) menschelnden Einigkeit mündete. In zweiterer wurde vor allem eine eigentliche Kontroverse historisiert. Dies zeigt, dass in Deutschland mehr und mehr die verschiedenen Formen des Erinnerns selbst ein Gegenstand des Erinnerns werden und damit erst eine nötige Metaebene erreichen.[5] Nichtsdestotrotz wehte in beiden Panels ein Hauch vergangener Zeiten durch die Göttinger Hörsäle. Man merkt, das auch die Geschichtswissenschaft selber Rituale, Mythen und soziale Symbole hat, die – um noch einmal Turner zu folgen – „soziale und kulturelle dynamische Systeme“ sind, „die im Zeitverlauf sowohl an Bedeutung verlieren und gewinnen“ als auch „ihre Form verändern“.[6]

Auch wenn es also keine große Debatte gab, sollten die HistorikerInnen den 50. Historikertag in Göttingen einen Erfolg nennen. Denn auch wenn er eben mehr Ritual als Ereignis war, die Außenwirkung weitgehend ausblieb, so erfüllte er für das Fach als Institution eine wichtige Funktion in Zeiten des Wandels. Die Hinwendung zu Themenkomplexen wie der Emotionengeschichte mag wie eine Begeisterung für „Mode-Labels“[7] anmuten, aber sie zeugt von einem andauernden Prozess, in dem die Geschichtswissenschaft versucht, ihren Horizont und die eigenen Theorien zu erweitern. Dabei geht es nicht darum, das Triviale im Elfenbeinturm zu zelebrieren, sondern wesentliche Funktionsweisen der Gesellschaft zu beleuchten. Hierfür hat sich die HistorikerInnenzunft mit dem Historikertag eine Portion Normalität gegönnt, Ritual statt Revolution und die Performance der Communitas statt einer Show in den Feuilletons. Das war mal nötig.

Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Sabrow, Martin; Jessen, Ralph; Große Kracht, Klaus (Hrsg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte, Grosse Kontroversen seit 1945, München 2003.

[2] Turner, Victor: Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt am Main 1989, S. 30.

[3] Ulrich, Volker: ‚Barfußhistoriker‘ – Woher sie kommen, was sie wollen, in: Die Zeit, 2.11.1984.

[4] Siehe hierzu: Haas, Stefan: Vom Schreiben in Bildern. Visualität, Narrativität und digitale Medien in den historischen Wissenschaften, in: zeitenblicke 3|2006, http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Haas/index_html.

[5] So betonten etwa Christina von Hodenberg und Bernd Weisbrod (auch im Widerspruch) jeweils die historische Situiertheit der „Sonderwegsthese“. Von Hodenberg betonte die Relevanz der Generation 45er sowie die daraus resultierende Funktion der These und Weisbrod nannte die Bielefelder-Schule dagegen eine „politisch-strategische Clique“.

[6] Turner, Ritual zum Theater, S. 31.

[7] Kaube, Jürgen: Die These vom Sonderweg war ja selbst einer, in: FAZ, 29.09.2014, S. 9.


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