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Moloch und Minusmensch

Christopher Schmitz |  10. Juli 2014 |   |  Drucken

[analysiert:] Christopher Schmitz über Black Metal als postmoderne Gegenwartsdiagnose

Was der industrialisierten Moderne des Vorkriegseuropas der Impressionismus war, ist dieser Tage vielleicht der Black Metal. Die Impressionisten des beginnenden 20. Jahrhunderts brachten ihre Skepsis gegenüber der Moderne mittels Musik und Malerei zum Ausdruck; die Metaller von heute mit Hilfe von melancholischen Texten, düsteren Tonwelten und schwarzdunkler Ästhetik. In beiden Epochen wird deutlich: Gesellschaftliche Veränderungsprozesse rufen neben verheißungsvollem Willkommensrufen oftmals auch Widerspruch und Angst hervor. Die Binsenweisheit, dass Kunst eine Interpretation des Kulturellen (und seiner Schattenseiten) darstellt, zeigt auch die Musik des Black Metal.

Black Metal als musikalische Subkultur entstand etwa Ende der 1980er in Skandinavien und war zunächst jahrelang öffentlich kaum sichtbar. Die Musikerinnen und Musiker stellten die Gesellschaft und ihre Grundfesten als solche umfassend in Frage. Es wurde rebelliert, revoltiert und provoziert, Satanismus hieß die lauteste Maxime. Grenzen des Etablierten und Erlaubten – kulturelle Normen und gesellschaftlicher Konsens – wurden ignoriert und demonstrativ überschritten. Diese Formen der Sub- und Gegenkultur, „die sich ebenso dem Leibhaftigen und den Bräuchen der Wikinger verbunden fühlten, eine von christlichen Werten geprägte Gesellschaft jedoch prinzipiell ablehnten“[1], konnten vielleicht nur in Skandinavien entstehen, in dünnbesiedelten Landstrichen, langen, dunklen Wintern und einer Gesellschaft im festen Griff einer sozialdemokratisch-protestantischen kulturellen Hegemonie.

„Vermutlich gibt es keine zweite Jugendbewegung, bei der sich eine Verweigerungshaltung so sehr ins Gemeingefährliche verkehrte wie in der norwegischen Black-Metal-Szene.“[2] Schließlich blieb es nicht nur Rhetorik und Bühnenbild, es blieb auch nicht bei satanischen Texten und okkulter Symbolik: Als etwa die Genre-Legende Emperor 1994 ihr Debüt veröffentliche, verbüßten drei Bandmitglieder bereits ihre Haftstrafen. Kristian „Varg“ Virkenes, Gründer der Band Burzum, bekennender Antisemit und Rechtsextremist, saß zwischen 1993 und 2009 eine Freiheitsstrafe wegen Mordes an einem Musiker der Band Mayhem und der Brandstiftung an drei norwegischen Kirchen ab. Wegen dieser Historie und einer in weiten Teilen immer noch nur halbherzig vollzogenen Abgrenzung zum Rechtsradikalismus und Neonazismus wird Black Metal bisweilen noch heute zu Recht sehr skeptisch und kritisch betrachtet.[3]

Indes gibt es einige Bands, die sich als Vertreter einer neuen, avantgardistischen Strömung bezeichnen lassen können. Musikalisch ist der Unterschied marginal. Die Differenz zum klassischen Black Metal findet sich vor allem auf der Textebene. Individualität und Einsamkeit bilden nach wie vor die Kernmetaphorik, haben sich jedoch in ihrer Bedeutung umgekehrt und sind zur erschreckenden Realität geworden. War den frühen Vertretern des Genres die vermeintlich starre Konformität, die Ordnung, das moralische Korsett der Gesellschaft ein Dorn im Auge, und sehnten sie sich nach einer Sprengung dieser Ketten, so reagiert die Avantgarde nun mitunter verängstigt auf den Prozess des gewaltsamen und erzwungenen „Vereinzelt-Werdens“[4].

Thematisiert werden nunmehr die Schattenseiten der Individualisierung, die Auflösung tradierter Rollen- und Gesellschaftsmuster ohne adäquaten Ersatz. Ein großer Teil dieser neuen Gefühle drückt sich in Symboliken aus, die dies über einen negativen Bezug zur Architektur von Städten versinnbildlichen. So heißt es bei der der Band Todtgelichter:

„Ich tauche in ein Meer von Lampen. Ich sehe euch und bin doch allein.
Strömend Schatten, Erinnerungen, vergänglich kreuzende Schicksale.
Ein Hauch eines Lebens.“[5]

Die Neonbeleuchtung einer Stadt wird zum Bildnis einer Umwelt, der der Sinn zunehmend abhandenkommt. Leben und Beziehungen sind nur noch schattenhafte, flüchtige Schemen, zweidimensionale Konturen auf schmutzigem Grund. Die Band Lantlôs widmete dieser Thematik gar ein ganzes Album und bereits die ersten Zeilen des Eröffnungssongs „Minusmensch“ lassen keinen Zweifel an der empfundenen Zerrissenheit und Melancholie, mit der die Stadt und die Menschen in den Blick genommen werden:

„The grey wind covered the last windows with dust
Where are all the souls?
buried and expelled,
degenerated to ghostlike shells.”[6]

Lethargie ist ein bestimmendes Motiv und wird von der Band fjoergyn schließlich direkt mit der tristen Architektur der grauen Betonbunker einer Großstadt verknüpft und mit dem Tod der Phantasie gleichgesetzt:

„Die Lethargie schwebt in der Luft, und alles scheint befallen.
Nur der Beton steht wo er wuchs, mit seinen starren Krallen.
tief im Erdreich eingegraben, alle Farbe aus ihm zehrend
und der Phantasie im Geiste den Weg in diese Stadt versperrend.“[7]

Die Stadt gerät im Black Metal zur schrecklichen Verheißung. In ihr finden sich Androhung, Vollzug und Erlebnis einer tief empfundenen, melancholischen Einsamkeit: „Jeder ist allein. Leben heißt einsam sein.“[8] Der Wind hat sich in dieser avantgardistischen Spielart des Black Metal gedreht. Eine Kunstrichtung wurde von den Forderungen, die sie selber herbeisehnte, über- und eingeholt und die Realität schlug auf die Metaphorik zurück. Das Soziale wird in eine Kakophonie des Pessimismus eingebettet, in der die Suche nach einem Sinn, der das Sein zusammenfügt, Halt und Orientierung gibt. Doch ging in der Musik trotz ihres Gegenwartspessimismus nicht jeder utopische Moment verloren. So formulieren Nocte Obducta die Hoffnung auf eine Besserung jenseits der selbst eingeschlagenen Pfade in der Vergangenheit:

„Der Finsternis, die wir erdachten, erwuchsen neue Pfade,
die kannten einen Weg ans Licht, obschon sie voller Schwärze.
Der Taumel der Gefühle war der Hirte dieser Wege,
denn das Ziel all jener Reisen war ein Spiegelbild der Herzen.“[9]

Teile des Black Metal wirken damit wie ein Kommentar auf die Gegenwart. Sie kleiden gesellschaftliche Zäsuren, Brüche und Unsicherheiten, die offen gewordenen Enden der eigenen Biographie in ein Gewand oftmals melancholischer – doch nicht per se hoffnungsloser – Lyrik. So wird ein neuer Kristallisationspunkt gerade dadurch gestiftet, dass diese Gefühle der Einsamkeit und Isolation keine Einzelschicksale sind. Niemand ist allein in der Einsamkeit, sondern gerade durch die Einsamkeit mit anderen verbunden.

Avantgardistischer Black Metal vollzieht diese Verbindung der Vereinzelung. Als bedrohlich empfundene Aspekte gesellschaftlicher Modernisierung werden dadurch reflektiert und gleichzeitig musikalisch brachial untermalt. Dies wirkt wie ein Leitstrahl: „Inmitten einer Kakophonie von Signalen, in der alle Aussichten kaleidoskopisch verschwimmen, in einer Situation, in der die einzige Konstante die permanente, kurzfristige, plötzliche Veränderung ist, scheint ein solcher Fluchtpunkt die Uniformität der Gleichheit zu sein.“[10]Eine solche Musik wird damit zu einem Soundtrack der flüchtigen Moderne.

Christopher Schmitz ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1]  Zwirner, Heiko: Willkommen in der Finsternis, online einsehbar unter http://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article6957017/Willkommen-in-der-Finsternis.html [eingesehen am 27.06.2014].

[2]  Ebd.

[3]  Vgl. beispielsweise Inselmann, Simon: Täter Black Metal, Black Metal – Topoi des Bösen No. 1, in: Litlog http://www.litlog.de/taeter-black-metal/ [27.02.2014].

[4]  Beck, Ulrich: Tragische Individualisierung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik Jg. 52 (2007) H. 5, S. 577–584, hier S. 578.

[5]  Todtgelichter, Neon, Album: Angst, 2010.

[6]  Lantlôs: Minusmensch, Album: .Neon, 2010.

[7]  fjoergyn: Betonlethargie, Album: Monument Ende, 2014.

[8]  Todtgelichter: Moloch, Album Angst: 2010.

[9]  Nocte Obducta: Und Pan spielt die Flöte, Album: Nektar Teil 2: Seen, Flüsse, Tagebücher, 2005.

[10]  Bauman, Zygmunt: Leben in der flüchtigen Moderne, IWM-Vorlesungen für die Wissenschaften vom Menschen, Frankfurt am Main 2007, S. 101 f.


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