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(Meinungs-)Klima auf Twitter

Mira Boler |  29. November 2019 |   |  Drucken

[gastbeitrag]: Mira Boler analysiert die Polarisierung der Twitterdebatte während des Klimastreiks 2019

Plakat beim globalen Klimastreik, 20.9.2019 in Berlin, Foto: Pauline Höhlich

Durch ihre wöchentlichen Demonstrationen und starke Präsenz der Fridays for Future-Bewegung in den Medien erzeugte das Thema Klimawandel in diesem Jahr viel Echo – darunter Zustimmung und Gegenwind. Der „Schulstreik für das Klima“ wurde nicht nur zum Streitthema zwischen Schüler*innen, Eltern und Lehrpersonal, sondern sogar auf der internationalen politischen Ebene verhandelt. Die mittlerweile international agierende Bewegung zog große mediale Aufmerksamkeit auf sich und stößt Debatten auf vielen gesellschaftlichen Ebenen an. Was mit dem anhaltenden Engagement stieg, war auch die Resonanz und Vehemenz der Gegner*innen klimaschützender Maßnahmen. Die Polarisationen um die Initiatorin der Bewegung Greta Thunberg stachen unter anderem in sozialen Netzwerken hervor und wurden wiederum medial aufgegriffen.

Mit dem Fokus auf kurze Statements in Form von Tweets, Retweets, kommentierten Bilder oder Links ist der mitgliederstärkste[1] Mikroblogging-Dienst Twitter die digitale Plattform für (teil)öffentliche Debatten. Verfolgt man dort gesellschaftlich relevante Themen, wie die Klimadebatte, durch Abonnement bestimmter Hashtags oder Accounts themenspezifischer Akteur*innen, ergibt sich ein – verzerrtes[2] – Abbild der gesellschaftlichen Diskurse. Das vielfältige Nachrichten- und Meinungsangebot auf Twitter ermöglicht es nur nach solchen Äußerungen zu filtern, denen man von vorne herein zustimmen würde.

Der soziologische Begriff der Echokammer steht als Metapher für ebendiese sozialen Räume, in denen (z. B. politische) Meinungen und Informationen verbreitet werden, die ein ausschließlich zustimmendes Echo hervorrufen. Gegenläufige Einstellungen können sich dagegen nicht behaupten. Sich mit einstellungskonformen Inhalten zu umgeben ist komfortabler als sich ständig mit anderen Weltanschauungen ernsthaft auseinanderzusetzen und die eigenen Einstellungen und Wissensbestände kontinuierlich zu reflektieren. In einer solchen Lebensumgebung werden geschlossene Weltbilder produziert und aufrechterhalten[3].

Echokammern bieten als homogene Räume den Nährboden für die Polarisationen von Einstellungen. Auch kann das Level an Empörung durch die Diskussion ansteigen. Man bestätigt sich, stachelt sich an und schaukelt sich hoch. Polarisation wird zudem verstärkt durch eine betonte Gruppenidentität (z. B. die Klimaschützer oder auch die Skeptiker) und die Vergegenwärtigung des Vorhandenseins einer outgroup (die „reaktionären Leugner“; die „naiven Klimajünger“)[4]. In Folge dieser Prozesse kann die Gesellschaft außerhalb der Echokammer immer fremder erscheinen und ihre Einstellungen und Argumente per se als schlicht falsch oder bewusst manipulierend gewertet werden. Dies führt häufig zu der Annahme einer gegnerischen Haltung des Gegenübers[5]. Der Widerhall der eigenen Meinung und Ausschluss von divergenten Einstellungen und Informationen führt außerdem zu einer Überschätzung der Häufigkeit und Relevanz der eigenen Einstellung und somit zu einer verzerrten Meinungsklimawahrnehmung[6].

Ob der Begriff der Echokammer auf die Diskussionen rund um das Streitthema Klima anwendbar ist, um die verhärteten Fronten der scheinbar unvereinbaren Positionen beschreibend zu erklären, sollte eine Netzwerkanalyse aufzeigen. Die Datengrundlage der Analyse bilden Hashtags und Mentions auf Twitter mit Klimabezug am 20. September 2019, dem Tag des weltweiten Klimastreiks, der zeitlich mit dem Klimakabinett der Bundesregierung zusammenfiel. Im Rahmen der Netzwerkanalyse bot es sich an, unterschiedlich konnotierte Hashtagnutzung auf homogene Teilöffentlichkeiten zu überprüfen. Die Voreinstellungen der Plattform Twitter sind so beschaffen, dass Informationen außerhalb des Meinungsspektrums der Echokammer theoretisch zugänglich sind. Orientiert am amerikanischen Modell der American Six[7], stellten Metag, Füchslin und Schäfer[8] im deutschen Kontext fünf Idealtypen der Einstellung zum Klimawandel[9] fest, die das Meinungsspektrum prägen. In der Auswahl der Hashtags orientierte ich mich an den Concerned Avtivists (besorgte (Klima)Aktivisten) und Doubtful (Klimazweifler), die meiner Auffassung nach Gegenpole darstellen. Da Hashtags thematisch markiert und für ein spezifisches Publikum intendiert sind, öffnen sie die Teilöffentlichkeiten der potenziellen Echokammern.[10]

 

Die graphisch dargestellten Datensätze wurden mit Hilfe von netlytic erhoben und umfassen 2500 Tweets, die von den Nutzer*innen mit den spezifischen Hashtags versehen wurden. Die Darstellung zeigt die Kommunikationsnetzwerke anhand von Mentions – also Nennung und Verlinkung anderer Twitter Accounts. Zunächst soll unter dem #Klima die allgemeine Klimadebatte abgebildet werden. Hauptakteur im allgemeinen Klimanetzwerk war @fridaysforfuture mit 92 Nennungen. Unter den dominantesten Akteuren fanden sich außerdem @fff_frankfurt, @gretathunberg, @sciforfuture, @eff_future (Entrepreneurs for future), die Accounts der Regierungsparteien @cdu und @spdbt, sowie Vertreter der Medien (@welt und @tazgewzitscher). Die allgemeine Klimadebatte ist also dominiert von einer anscheinend umfassenden Öffentlichkeit. Allerdings finden sich auch hier klimakritische Stimmen. Beispielweise in einem Cluster, das sich abseits des Zentrums um die Accounts von @alice_weidel und den Nachrichtenkanal @welt bildet. Inhaltlich dominiert dieses Dataset der #Klimastreik. Die Akteure sind innerhalb abgetrennter Cluster verbunden, die wahrscheinlicher untereinander interagieren. Gerade das Netzwerk der allgemeinen Klimadebatte zeichnet sich durch mehrere, größere separierte Cluster abseits der Kerngruppe aus.

Für den deutschen Kontext ergibt es Sinn, die „besorgten Aktivisten“ als klimapolitisch aktivste Gruppe als einen Pol der Einstellungen zum Klima zu betrachten. Die Teilöffentlichkeit der besorgten (Klima)Aktivisten konzentrierte sich am Tag des internationalen Klimastreiks hinter den verschiedenen Schreibweisen der von Fridays for Future genutzten Hashtags #AlleFürsKlima, #AlleFuersKlima, #AllesFürsKlima und #AllesFuersKlima. Reziprozität war in allen drei Datensets nahezu nicht vorhanden. Eine hohe Reziprozität bestünde bei wechselseitiger Kommunikation. Das hieße beispielsweise Antwort seitens der genannten Accounts auf Tweets oder Retweets. Es wird also in der Klimadebatte eher über- als miteinander geredet. Im name network des besorgten (Klima)Aktivismus finden sich unter den meistgenannten Accounts vor allem Akteure, die mit der Fridays for Future Bewegung assoziiert sind (@sciforfuture und @gretathunberg) sowie weitere umweltaktivistische Akteure wie @extinctionrebellion. Häufigste Nennung fand @fridaysforfuture, sowohl als Akteur wie auch als #fridaysforfuture, was in Anbetracht der Hashtagauswahl zu erwarten war. Nur in diesem Datenset findet die Tagung des Klimakabinetts häufige Erwähnung.

Die am Klimawandel Zweifelnden machen 10% der deutschen Bevölkerung aus.[11] Damit sind sie prozentual die kleinste Gruppe. Sie sind dem Konzept Klimawandel gegenüber skeptisch eingestellt und bezweifeln eine anthropogene Ursache. Das Datenset Klimazweifel setzt sich aus Tweets mit #Klimahysterie, #Klimalüge, #Klimadiktatur, #Klimapanik, #Klimawahn und #Klimaschwindel zusammen, die den (menschengemachten) Klimawandel anzweifeln und Klimaaktivisten um Fridays for Future kritisch gegenüberstehen. Von den drei untersuchten Datensets sind die Nutzer*innen der klimazweifelnden Hashtags am stärksten untereinander verbunden, wobei keines der Netzwerke eine große Dichte aufwies. Häufigste Erwähnung fanden die Accounts @afdimbundestag und @afd, um die sich das dichteste Cluster des Netzwerkes bildet. Neben #Klimahysterie finden sich einige Hashtags, die man als Crosspostings bezeichnen kann (#fridaysforfuture; #gretathunberg; #greta; #fff; #fridays4future). Das könnte darauf deuten, dass bewusst oder unbewusst versucht wird, Anschluss an eine breitere Öffentlichkeit zu finden. Auffallend ist ebenfalls, dass einige der dominanten Akteure, zivile individuelle Akteure sind. Die Vertreter einer zweifelnden beziehungsweise skeptischen Einstellung scheinen weniger formal organisiert zu sein.

Auf Twitter ist es durchaus möglich an nicht einstellungskonforme Informationen zu gelangen. Von einer strikten Trennung der Nutzer*innen nach Einstellungsprofil kann nicht die Rede sein. Trotzdem zeichnen sich separierte Kommunikationscluster ab, die nicht jedem Akteur gleichermaßen zugänglich sind. Äußerst dominante Akteure, die ihre Positionen verbreiten, verzerren die Wahrnehmung des Einstellungsspektrums zusätzlich. Wenn doch verschiedene Einstellungen aufeinandertreffen, ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass die Nutzer*innen geneigt sind, nicht-einstellungskonforme Argumente anzunehmen oder weiter zu teilen.

Da sich die Netzwerkeigenschaften der drei Datensets nicht gravierend voneinander unterscheiden, kann man wohl nicht von einer einseitigen Verschließung vor abweichenden Einstellungen sprechen. Wie bereits Wolf Schünemann für parteispezifische Facebook-Kommunikation feststellte: Die Angst vor der Echokammer ist übertrieben“[12] – zumindest sind sie technisch nicht hermetisch abgeschlossen. Jedoch deutet die Clusterbildung sehr wohl auf (Teil-)Öffentlichkeiten hin, deren Effekte unter anderem auf Twitter sichtbar werden.  Dies entspricht der Vorstellung einer „second-order diversity“ Gesellschaft als heterogenes Gebilde, die aus den verschiedensten nach innen homogenen Teilgruppen besteht. In ihrer Öffentlichkeit ist Platz für die weitreichenden Argumente und Meinungen ihrer kollektiven Akteure.[13] Dies fördert eine Politisierung der Bevölkerung und aktive gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Kapseln sich allerdings die Mitglieder einer Echokammer vollständig ab, sodass eine Extremisierung immer weiter voranschreitet, kann das im Falle des Aufeinandertreffens mit Andersdenkenden tatsächlich gefährlich werden. Wer Greta Thunberg oder anderen Klimaaktivist*innen den Tod wünscht, trägt nicht zu einer konstruktiven Debatte bei. Um heterogenen und demokratischen Austausch in der Digitalität zu fördern, müssen Dienstleister der sozialen Medien wie Twitter entsprechende Nutzungsmöglichkeiten bereitstellen und die Nutzer*innen nicht kategorisch die Sicht auf gegenläufige Einstellungen verhindern.

 

Mira Boler studiert Sozialwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen und hat am Göttinger Institut für Demokratieforschung das Seminar „Politische Kultur der Digitalität“ besucht.

 

[1] Vgl. Newman, Nic et al.: Reuters Institute Digital News Report 2019, in Reuters Institute 2019, URL: https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/inline-files/DNR_2019_FINAL.pdf. [eingesehen am 23.09.2019].

[2] Unter Ausschluss aller Nicht-Nutzer*innen und Überrepräsentation jüngerer, technik-, medien- und debattenaffine Nutzer*innen

[3] Vgl. Lütjen, Torben: Die Politik der Echokammer. Wisconsin und die ideologische Polarisierung der USA. Bielefeld 2016.

Lütjen, Torben): Die große Entzweiung. Wie Amerika in politische Echokammern zerfiel, in: Bundeszentrale für politische Bildung, URL: http://www.bpb.de/apuz/247359/wie-amerika-in-politische-echokammern-zerfiel?p=0 [eingesehen am 15.07.2019].

[4] Zu Gruppenpolarisation siehe: Sunstein, Cass: Going to extremes. How Like Minds Unite and Divide. New York 2009.

[5] Vgl. Hardin, Russell): The Crippled Epistemology of Extremism. In: Albert Breton, Gianluigi Galeotti, Pierre Salmon und Ronald Wintrobe (Hg.): Political Extremism and Rationality. Cambridge 2002, S. 3–22.

[6] Vgl. Schweiger, Wolfgang et al.: Algorithmisch personalisierte Nachrichtenkanäle. Begriffe, Nutzung, Wirkung. Wiesbaden 2019.

[7] Vgl. Leiserowitz, Anthony/Edward Maibach/ Connie Roser-Renouf (2009): Global Warming`s Six Americas 2009. An Audience Segmentation Analysis, in: Yale Project on Climate Change, URL: https://climatecommunication.yale.edu/publications/global-warmings-six-americas-2009/. [eingesehen am 23.09.2019].

[8] Vgl. Metag, Julia/Füchslin, Tobias/Schäfer, Mike:: Global warming’s five Germanys: A typology of Germans‘ views on climate change and patterns of media use and information. In: Public understanding of science Jg. 26 (2015), H. 4, S. 434–451.

[9] Alarmed, Concerned Activists, Cautious, Disengaged, Doubtful

[10] Vgl. Conover, M. D et al.: Political Polarization on Twitter. Conferene Paper, URL: : https://www.researchgate.net/publication/221297916. [eingesehen am 17.09.2019].

[11] Vgl. Metag, Julia; Tobias Füchslin, und Mike Schäfer: Global warming’s five Germanys: A typology of Germans‘ views on climate change and patterns of media use and information. In: Public understanding of science Jg. 26 (2015) H. 4, S. 434–451, hier S. 444.

[12] Schünemann, Wolf J./Steiger, Stefan/Kliche, Fritz und Fritz Kliche: Die Angst vor Echokammern ist übertrieben. Ein Rückblick auf den Wahlkampf 2017 im Netz, in: netzpolitik.org, URL: https://netzpolitik.org/2019/die-angst-vor-echokammern-ist-uebertrieben-ein-rueckblick-auf-den-wahlkampf-2017-im-netz/#spendenleiste. [eingesehen am am 12.09.2019].

[13]Vgl. Sunstein: Going to extremes, S. 150.


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