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„Wo ist die Verantwortlichkeit der Journaille?“ – Die Medienkritik der Wirtschaftselite

Teresa Nentwig |  25. August 2015 |   |  Drucken

Quelle: Jorma Bork@pixelio & kasina@pixelio

[analysiert]: Teresa Nentwig über die Sicht von Unternehmern und Managern auf die Medien.

„Lügenpresse, Lügenpresse!“ schallte es im Winter 2014/15 auf den Demonstrationen der Pegida-Anhänger. Denn von den etablierten Zeitungen und Sendeanstalten hielten diese nichts. Wie hingegen die deutschen Spitzenunternehmer und -manager die Medien sehen, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, für die bundesweit rund 160 Unternehmer und Manager, darunter Vorstandsmitglieder von Dax-Konzernen und Geschäftsführer großer Familienunternehmen, interviewt worden sind.

Und auch hier gilt: Das Ergebnis ist für Zeitungen, Magazine und Fernsehsender wenig erfreulich, denn viele der Gesprächspartner zeigten sich äußerst medienkritisch, ja: „Nicht Gewerkschaften, nicht sozialdemokratische Parteien, nicht einmal die Linke oder unerbittlich quengelnde NGOs sind die Hauptfeinde der Wirtschaftselite, sondern ‚die Medien‘“, wie es in der Studie heißt.[1] Diese Feststellung ist insofern bemerkenswert, als in den Interviews niemandem konkret die Frage gestellt wurde, wie er die Medien in Deutschland sieht – stets kamen die Interviewten selbst auf die „vierte Macht im Staat“ zu sprechen, wie der Vorstandsvorsitzende einer AG die Medien bezeichnete.[2]

Auffällig ist darüber hinaus, dass die Medienkritik vielgestaltig ist. So wurde mehrfach allgemein das in den Medien vorherrschende Prinzip des Only bad news are good news beklagt. Denn indem Medien „immer nur die negativen Seiten“ schilderten, machten sie „Gemeinwohl und ein konstruktives Miteinander kaputt“. Mit ihrem Eindruck, dass in den Medien „negative Dinge“ dominierten, liegen die Interviewten übrigens richtig; Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Berichterstattung über schlechte Nachrichten in den letzten Jahrzehnten zugenommen und sich „Negativismus“ als eigener Nachrichtenwert etabliert hat.

Als weitere abträgliche Merkmale der hiesigen Medienlandschaft identifizierten die Unternehmer und Manager die „Überspitzung, Pauschalierung, einseitige Darstellung von Sachverhalten“, „eine Tendenz zur Akzeleration, aber gleichzeitig zur Veroberflächlichung“, „einen Trend zur Personalisierung und Skandalisierung“ sowie „eine immer stärkere Orientierung an Meinung und nicht an Sachverhalten“.

In diesem Zusammenhang wurden die Medien wiederholt für das schlechte Bild der Wirtschaftskapitäne, das nach Ansicht zahlreicher Interviewpartner in der deutschen Gesellschaft herrsche, verantwortlich gemacht. Und zwar zum einen, indem sie zu wenig auf „Erfolgsgeschichten“ und „gute Beispiele“ eingingen. Stattdessen berichteten sie vorzugsweise über „Abfindungen in Millionenhöhe“, „Millionengehälter“, „Gehaltsexzesse“, „Korruption“, „Steuerhinterziehungen“, „Steuerflucht“ und „auf reine Gewinnmaximierung“ ausgerichtete Firmen. Zusätzlich gefördert durch eine „überhöhte“ und „verallgemeinerte“ Darstellung, erschienen die Manager als „profitgierige Typen, die sich die eigenen Taschen füllen“, während der Unternehmer als „menschenverachtender Raffzahn“ und „Räuber“ herüberkomme. Die einzelnen „schwarzen Schafe“, die es durchaus gäbe, prägten so das Bild, das die Öffentlichkeit von der Wirtschaftselite habe, und beschädigten es damit „massiv“, so die Argumentation.

Repräsentative Bevölkerungsumfragen ergeben in der Tat immer wieder, dass Unternehmer in Deutschland kein besonders hohes Ansehen genießen und dass das Image der Manager noch weit schlechter ist. Zugleich bestätigen mehrere Studien, dass die Wirtschaftsberichterstattung in Deutschland „eine Tendenz zur Negativität und Selektivität“[3] besitze – die Realität werde negativer dargestellt, als sie ist.[4]

Alles in allem steht hinter der Medienkritik v.a. ein Gefühl, das in mehreren unserer Gespräche geäußert wurde: Man fühle sich als Unternehmer von der Öffentlichkeit nicht „ausreichend gewürdigt“. „Verantwortlich zu sein und Verantwortung zu tragen“, so die Klage, werde „nicht honoriert“, wie es der Geschäftsführer einer GmbH ausdrückte. Dass die Medienkritik der Unternehmer und Manager derart heftig ausgefallen ist, hat aber noch eine weitere Ursache: Einige von ihnen haben offenbar selbst negative Erfahrungen mit den Medien gemacht. „Ungerechtigkeit erlebe ich zum Beispiel, wenn ich angegriffen werde in den Medien für Tatbestände, die so nicht zutreffend sind. Dass also mir Dinge vorgeworfen werden, die einfach nicht stimmen“, so ein Geschäftsführer.

Ein solches Verhalten der Medien wird von den betroffenen Unternehmern und Managern aber nicht nur als Unrecht wahrgenommen, sondern kann in ihren Augen auch einen Betrieb in dessen Existenz gefährden. „Wo ist die Verantwortlichkeit der Journaille?“, fragte vor diesem Hintergrund eine Managerin beinahe anklagend. Im Zusammenhang mit der medialen Neigung, Unternehmen zu „verurteilen“, wie es das Vorstandsmitglied einer AG ausdrückte, wurde von mehreren Befragten auch die Stiftung Warentest attackiert, die ein Unternehmer sogar als „Verbrecher“ bezeichnete, während ein anderer ihr „Züge von Größenwahn“ vorwarf.

Cover „Sprachlose Elite?“Wie unsere Studie ergeben hat, betraf die Kritik nicht nur die privaten Medien, sondern auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Öffentlich-rechtliche Sender schnitten in den Interviews zwar in der Regel besser ab als das Privatfernsehen. So gab bspw. ein Unternehmer an, regelmäßig im „ersten oder zweiten Programm“ die Nachrichten zu schauen, aber „kein RTL und kein so’n Scheiß“ anzumachen, denn da komme nur „Dreck“. Doch es gab auch mehrere Gesprächspartner, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz unverhohlen kritisierten. „Teilweise“ würde er „gar nicht mehr den öffentlich-rechtlichen Anspruch auf Informationsweitergabe erfüllen, sondern einfach Meinung machen“, stellte ein Vorstandsvorsitzender fest, während ein anderer Topmanager speziell die Talkshows im „staatlichen Fernsehen“ angriff, deren „Gastgeber […] sich selbst verwirklichen und auch auf die Quote schielen und die auch nicht im Sinne einer Aufklärung arbeiten wollen“. Daneben sagten mehrere Befragte mit Nachdruck, dass es keine Medien gebe, denen sie vertrauten.

Auffällig an unseren Interviews mit Angehörigen der Führungsspitze der deutschen Wirtschaft ist aber auch, dass nach der regelrechten Medienschelte wiederholt der Wert der Pressefreiheit hervorgehoben wurde; so etwa von einem Unternehmer, der bereits mehrfach negative Erfahrungen mit den Medien gemacht habe: „Aber andererseits sind es wahrscheinlich die Preise, die wir zahlen müssen, um Pressefreiheit zu haben, dass auch eine unsinnige Meinung verbreitet werden kann. Das Gegenteil wäre Pressezensur, das wollen wir auch nicht.“ Auch mehrere seiner Kollegen betonten, dass sie selbstverständlich für Pressefreiheit seien und dass diese „nicht eingeschränkt“ werden dürfe.

Und doch: Die Forderung einer Topmanagerin, dass die Medien verantwortlicher handeln müssten – so wie sie selbst „die Verantwortung hier für unseren Laden und für meine Produzenten übernehme“ –, gilt es ernst zu nehmen. Zwar dürfte die Gefahr gering sein, dass den Massenmedien die Unternehmer und Manager als Kunden weglaufen. Denn schon jetzt hat kaum einer der befragten Unternehmer und Manager mehr ein Abonnement einer großen Tages- oder Wochenzeitung. „Ich habe alle Zeitungen abgeschafft. Ich habe eine einzige Tageszeitung, das ist meine Heimatzeitung“, konstatierte ein Gesprächspartner. Doch auch damit dürfte er bereits eine Ausnahme sein; denn die meisten Unternehmer und Manager benutzen lediglich das Internet, um sich zu informieren, oder sie nehmen im Flugzeug als Lektüre, was ihnen die Stewardess gerade reicht.

Dass die deutsche Wirtschaftselite von Sylt bis München, von Düsseldorf bis Berlin den Glauben an einen Qualitätsjournalismus verloren hat, darf die Medien aber nicht vollkommen unberührt lassen. Denn mit der Medienkritik der Unternehmer und Manager steigen auch deren Distanz und Zurückhaltung – schon jetzt sind Wirtschaftsbosse nur noch selten Talkshowgäste; viele scheuen Interviews und andere öffentlichkeitswirksame Auftritte, um nicht komplett ausgeleuchtet zu werden und ins Visier zu geraten – so wie Guttenberg möchte man nicht enden. Dadurch finden ihr Sachwissen und ihre Einschätzungen nicht den Weg in die Öffentlichkeit. Hier gilt es, wieder wechselseitiges Vertrauen herzustellen.

Hinzu kommt, dass die beschriebenen Phänomene ein Hindernis für das regelmäßig geforderte politische Engagement der Wirtschaftsführer darstellen. So ist der Geschäftsführer eines großen Unternehmens zwar der Meinung, dass wir in Deutschland Unternehmer bräuchten, „die auch in die Politik gehen“. Er selbst würde auch „gerne politisch mitarbeiten“, aber momentan schließt er das für sich aus, denn er „hätte nicht für fünf Pfennig Lust“, dass „jedes Wort, das man gesagt hat“, von den Medien auf die „Goldwaage“ gelegt werde. Das müsse er sich nicht „antun“.

Dr. Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Walter, Franz/Marg, Stine: „The business of business is business, not civics“. Unternehmer in Deutschland – Fazit und Ausblick, in: dies. (Hrsg.): Sprachlose Elite? Wie Unternehmer Politik und Gesellschaft sehen, Reinbek bei Hamburg 2015, S. 286–350, hier S. 315.

[2] Dieses und alle folgenden Zitate stammen aus den von den Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeitern geführten Interviews.

[3] Castendyk, Oliver u.a. (Hrsg.): Wirtschaftsbilder in der Fernsehunterhaltung. Eine Analyse der Langzeitreihen „Tatort“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, Marburg 2013, S. 14.

[4] Vgl. ebd.


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