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Martin Schulz: Von Würselen über Brüssel nach Berlin

Anne-Kathrin Meinhardt |  25. Januar 2017 |   |  Drucken

[analysiert]: Anne-Kathrin Meinhardt über die politische Karriere des Martin Schulz.

Nun also doch: Martin Schulz soll Kanzlerkandidat werden. Noch im Sommer 2010 wollte er der Bitte von Sigmar Gabriel, in die Bundespolitik zu wechseln, nicht entsprechen.[1] Und noch im Januar dieses Jahres berichtete Spiegel Online, dass Schulz die Möglichkeit, neuer Bundeskanzler zu werden, auszuschließen schien.[2] Nachdem Gabriel nun allerdings auf diesen Posten sowie den Parteivorsitz verzichtet hat, öffnet sich für Schulz ein Gelegenheitsfenster, mit dem kaum einer gerechnet hat.

Dabei stand bereits seit November 2016 fest: Martin Schulz kandidiert nicht erneut für das Amt des EU-Parlamentspräsidenten, sondern will – nun doch – seine politische Karriere in der deutschen Bundespolitik fortsetzen. Damit gab der 61-Jährige sein besonders hochrangiges EU-Amt zugunsten einer damals noch ungewissen Zukunft in der Bundespolitik auf. Mit seiner nun bevorstehenden Kanzlerkandidatur kann dieser Karriereweg als bisher einzigartig bezeichnet werden.

Wie kam es zu diesem einzigartigen Werdegang?

Fußballer, Alkoholiker, Buchhändler, Kommunalpolitiker, EU-Parlamentspräsident: Die Laufbahn von Martin Schulz ließe sich auf fünf Wörter reduzieren. Doch damit würde man seiner Persönlichkeit und seiner Karriere nicht gerecht werden. Bevor er es irgendwann steil bergauf schaffte, war es für Schulz zunächst tief bergab gegangen: Die Schule musste er nach der 11. Klasse verlassen, nachdem er zwei Mal sitzengeblieben war; eine Knieverletzung führte dazu, dass er Profifußball als Karriereziel aufgeben musste – und so wandte sich Schulz dem Alkohol zu. Er wurde abhängig, unternahm einen Selbstmordversuch.[3] Dieser Tiefpunkt seines Lebens ist zugleich dessen Wendepunkt: Schulz begann eine Therapie und eine Ausbildung zum Buchhändler.

Zeitgleich engagierte er sich erneut in der SPD – nachdem er bereits mit 19 Jahren in die Partei eingetreten war. Eigentlich ein Wunder, dass er sich die Sozialdemokraten aussuchte – schließlich war seine Mutter eine Mitgründerin des CDU-Ortverbandes von Würselen, seiner Heimatstadt. Mit 31 Jahren wurde Schulz schließlich Würseler Bürgermeister. Acht Jahre später, 1994, wurde er zum ersten Mal ins Europaparlament gewählt. Einer Anekdote nach soll er dort bereits am ersten Abend gesagt haben, eines Tages auf dem Sitz des Parlamentspräsidenten Platz nehmen zu wollen – 2012 wurde dies zur Realität. Nach vier Jahren als Präsident an der Spitze des EU-Parlaments geht Martin Schulz nun einen anderen Weg und wechselt in die Bundespolitik, die ihm völlig neu ist.[4] Damit steht ihm nun nicht nur eine parteiinterne Wahl – auf dem Bundesparteitag muss er schließlich noch formell zum Vorsitzenden gewählt werden –, sondern v.a. der Bundestagswahlkampf bevor.

Doch so ungewöhnlich dieser Werdegang auch erscheint: Ein für deutsche Politikerinnen und Politiker konventioneller Verlauf politischer Karrieren ist auch bei Martin Schulz erkennbar: die Ochsentour. Mit seiner politischen Aktivität hatte er auf kommunaler Ebene begonnen, ehe es für ihn nach Brüssel auf die EU-Ebene und schließlich dort in eine Spitzenposition ging. Allerdings stellt Schulz eine statistische Ausnahme dar: Gerade einmal neun Prozent der „hochrangigen deutschen Politiker“[5] haben wie er kein Abitur.

Noch unklar ist bislang, welcher der beiden Aspekte im Wahlkampf dominieren wird: die Erfahrung einer klassischen Ochsentour oder der unkonventionelle Schritt von der EU-Parlamentspräsidentschaft in den Kanzlerwahlkampf und an die SPD-Parteispitze? Zur Beantwortung dieser Frage können derzeit freilich nur Indizien gesammelt werden; schließlich gilt es abzuwarten, wie der Weg von Martin Schulz in der deutschen Politik verlaufen wird. In den Medien heißt es dazu zum Beispiel: „Schulz kommt von einem anderen Stern – ob die Wähler das mögen?“[6] Dabei wird skeptisch auf dessen Quasi-Seiteneinsteiger-Rolle in der deutschen Politik geblickt. Seine schwache politische Verwurzelung in der deutschen Wählerbasis wird für ihn sicherlich eine Herausforderung werden; denn in der breiten Bevölkerung ist Schulz bislang weniger bekannt als andere Spitzenpolitiker, die ihre Karriere auf Bundesebene absolviert haben. Hinzu kommt, dass selbst in der SPD viele unsicher sind, welche Ansichten Schulz zu bestimmten Themen eigentlich vertritt.[7]

Allerdings sollten seine Chancen nicht unterschätzt werden: Bereits seit Monaten scheint Schulz den Schritt in die Bundespolitik geplant zu haben – ließ er sich doch immer wieder auf zahlreichen Veranstaltungen der Bundes-SPD blicken. Und im Oktober 2016 stimmten bei einer Forsa-Umfrage wesentlich mehr Befragte für Schulz als für Gabriel, als Antwort auf die Frage, wen sie im Falle einer Direktwahl des Regierungschefs wählen würden.[8] Auch das „ZDF-Politbarometer“ vom 13. Januar 2017 zeigt diese Tendenz: Träte Gabriel gegen Angela Merkel an, bekäme er 26 Prozent der Stimmen, Merkel sechzig Prozent; würde jedoch Schulz gegen Merkel antreten, fiele das Verhältnis 37 zu 47 Prozent aus.[9]

Angesichts der dargestellten Schwächen von Schulz ist das durchaus erstaunlich. Dabei profitiert er wohl davon, gleichzeitig als guter Rhetoriker und als Mann des offenen Wortes zu gelten, dem es gelingt, trotz manch unbequemer Aussagen im Gespräch zu bleiben. Und obwohl Martin Schulz zuweilen als nüchtern bezeichnet wird: Im Grunde blüht er für seine Ideen und möchte diese seinen Zuhörern über die Parteigrenzen hinweg vermitteln – keine schlechte Voraussetzung für einen Wahlkampf.

Anne-Kathrin Meinhardt ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Vgl. Feldenkirchen, Markus: Unter Eierköppen, in: Spiegel Online, 11.03.2013, URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91464848.html [eingesehen am 19.12.2016].

[2] Siehe Böll, Sven/Knaup, Horand: Schulz gibt Rennen um SPD-Kanzlerkandidatur auf, in: Spiegel Online, 30.12.2016, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/martin-schulz-offenbar-nicht-kanzlerkandidat-der-spd-a-1127920.html [eingesehen am 05.01.2017].

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Caspari, Lisa: Martin Schulz – Der Zerrissene, in: Zeit Online, 14.10.2016, URL: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-10/martin-schulz-spd-kanzlerkandidat-eu-parlament/komplettansicht [eingesehen am 19.12.2016].

[5] Vgl. Gruber, Andreas K.: Der Weg nach ganz oben. Karriereverläufe deutscher Spitzenpolitiker, Wiesbaden 2009, S. 98.

[6] Schmid, Thomas: Niemand weiß, was Martin Schulz eigentlich will, in: Welt.de, 05.12.2016, URL: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article159964233/Niemand-weiss-was-Martin-Schulz-eigentlich-will.html [eingesehen am 19.12.2016].

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Hagen, Kevin: Kanzlerfrage: Schulz beliebter als Gabriel, in: Spiegel Online, 12.10.2016, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/martin-schulz-in-kanzler-umfrage-vor-spd-chef-sigmar-gabriel-a-1116205.html [eingesehen am 19.16.2016].

[9] Vgl. o.A. : Große Zustimmung für härteres Vorgehen gegen „Gefährder“, in: www.zdf.de, 13.01.2017. URL: https://www.zdf.de/politik/politbarometer/politbarometer-abschiebehaft-100.html [eingesehen am 23.01.2017].


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