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Mangelnde Narrative und ausgebliebener Politikwechsel

Franz Walter |  15. September 2011 |   |  Drucken

Halbzeit für Schwarz-Gelb (2)

[kommentiert]: Franz Walter über die Erosion der bürgerlichen Machtbasis

„Schalalalala“

Mit diesem Kampfrefrain begrüßte der jungliberale Teil des deutschen Bürgertums am 27. September 2009 die neue parlamentarische Mehrheit des altbürgerlichen Lagers im Bundestag. Zu Tausenden hatten sich die Euphorisierten am Abend des Wahlsonntags in Berlin Unter den Linden 10 – die eigene Parteizentrale bot einfach nicht genug Platz – in den angemieteten Räumen des Römischen Hofes eingefunden. Und als ihr strahlender Held langer Oppositionsjahre um 19:11 Uhr das Foyer betrat, da waren weniger bürgerliche Dezenz als plebejische Stadiongesänge angesagt: „So sehen Sieger aus!“, grölte das siegestrunkene Bürgertum Guido Westerwelle zu. „Schalalalala“

2010 war den bürgerlichen Chören der Republik nicht mehr nach Triumphgeheul zumute. Niemand wollte noch „Schalalalala“ intonieren. Mit den Christdemokraten konnte man gar Mitleid bekommen. Über Jahrzehnte war die CDU die große Volkspartei und Weichenstellerin der alten Bundesrepublik. Sie besaß ein feines Sensorium für die Stimmung im Volke. Vorbei.

Adenauer und lange auch Kohl hatten noch vor Selbstbewusstsein gestrotzt, weil sie Mehrheit und Mitte der Gesellschaft eindeutig hinter sich glaubten. Das gab der CDU insgesamt ihre Sicherheit, Humus und Frucht der bundesrepublikanischen Gesellschaft, des „Rheinischen Kapitalismus“, der Konsens- und Mittelstandsgesellschaft zu sein. Diese Sicherheit aber ist fort. Die neuen Mittemilieus der Republik leben weder kulturell noch politisch im synchronen Einklang mit der Christdemokratie. Ihr Glaube an das christdemokratische Reziprozitätsmodell – wer etwas leistet, darf sich des Aufstiegs und Wohlstands gewiss sein – ist perdu.

Begonnen hatte dieser Prozess bereits während der 1990er Jahre. Irgendwann in diesem Jahrzehnt zerfiel auch die christdemokratische Wählerschaft in gegensätzliche Mentalitäten und Einstellungen. Da waren weiterhin die Traditionsgruppen von deutschnationalen Protestanten auf der einen und Sozial- bzw. ländlichen Mittelstandskatholiken auf der anderen Seite. Und zudem entstand ein neues Jungbürgertum, das mit all den überlieferten christdemokratischen Einstellungen zunehmend weniger anfangen konnte. Die gewerblichen Jungbürger der globalen Wirtschaftstätigkeit hier gaben nichts mehr auf Heimatfolklore und soziale Verantwortung. Die jungen Postmaterialisten dort suchten Autonomie, diskursive Offenheit und Vergemeinschaftungen jenseits ständischer Überlieferungen und unhinterfragter Autoritäten. Das deutsche Bürgertum, aus dem sich zuvor der Kern des breiten christdemokratischen Bündnisses gebildet hatte, bekam so nach und nach tiefe Risse.

Erschwerend kam hinzu, dass es über den klassischen Kitt für die neuen Fugen nicht mehr verfügte. Mit der Furcht vor der linken Gefahr ließ sich das neubürgerliche Lager nicht mehr sammeln und zusammenschweißen, zumal in der vergreisenden Gesellschaft mit vergleichsweise geringer Jugendarbeitslosigkeit bislang auch kein juveniler „Mob“ verängstigte Konservative zurück in die Arme der den wehrhaften Sicherheitsstaat postulierenden Christlichen Union trieb. Die früher straßenkämpferischen Grünen verbürgerlichten durch und durch, wurden von Revoluzzern zu Wahrern. Konservative Menschen fanden so allmählich Gefallen an der neuen Partei der Nachhaltigkeit und Schöpfungsschützer.

Zumal: Über drei Jahrzehnte hatten klassische Konservative und Frontmänner der christdemokratischen Partei gegen denselben Gegner gekämpft: die 68er und ihr permissives Verhältnis zu Moral und Sitte, zu Institutionen und Verpflichtungen, zu Gott und Kirche. Aber zuletzt kämpften die prominenten Figuren der CDU nicht mehr gegen 68. Es schien eher, als goutierten gerade sie die Freiheiten eines aller Zügel entledigten Individualismus. Man tobte sich kokettierend auf Facebook aus, stieß sich noch als 40-Jähriger munter die Hörner ab. Ja, mehr noch: Man gewann den Eindruck, die alten linken Gegner mit 68er-Prägung hatten dies alles längst hinter sich gelassen, waren in den letzten Jahren eher zur Bodenhaftung zurückgekehrt, in die Häfen fester Beziehungen und kalkulierbarer Gewohnheiten eingelaufen.

Das wurde zu einer neuen Schnittstelle von geläuterten 68ern und neuem Konservatismus. Ein Beispiel: Eine ganze Generation von jungen Bauern und Winzern formierte sich in den letzten beiden Jahrzehnten, die ihren Wertekonservatismus gegen den Veräußerungskonservatismus der Väter wandte, sich in ihrer Wiederentdeckung der Natur und Traditionen auf die Groß- und Urgroßväter besann. Das war genuin konservativ, aber es war nicht sentimental, nicht verkitscht.

Denn es rechnete sich sogar, wie der Bedeutungs- und Preiszuwachs deutscher Rieslinge traditioneller Machart im Wettbewerb der Weine dieser Welt zeigte. Nur: Die neuen Christdemokraten haben politisch nicht in solchen zukunftsfähigen Traditionalitäten kalkuliert. Daher ging ihnen eine ganze Kohorte in einst pechschwarzen Regionen und christdemokratischen Hochburgen von den Fahnen – im Frühjahr 2011 hin zu den Grünen. Eine Erosion der klassischen Milieus, wie oft behauptet, hatte dabei keineswegs stattgefunden. Allein: Das Milieu hatte sich verändert. Und die Christdemokraten hatten es ignoriert. Daher schmolz ihnen politisch weg, was sozialkulturell keineswegs aus den Regionalkulturen in Westfalen, an der Mosel, in Baden verschwunden ist.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Dieser Artikel basiert auf seinem Beitrag in der neuen Instituts-Publikation „Halbzeitbilanz“.


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