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Der Maidan als Ort der Demokratie

Johann Zajaczkowski |  17. Dezember 2015 |   |  Drucken

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[gastbeitrag]: Johann Zajaczkowski über den Maidan als real existierende Utopie.

Vor zwei Jahren begann im Herzen Kiews, auf dem Platz der Unabhängigkeit, die „Revolution der Würde“. Schon heute wird der blutige Winter 2013/2014 als visuelles Epos kanonisiert. Das ist schade, führt es doch am eigentlichen Faszinosum der Revolution vorbei – nämlich an ihrem utopischen Kern.

Die Maidan-Revolution forderte von Anfang an demokratische Werte ein. Die EU diente dabei als Archetyp und Projektionsfläche. So stand der Wunsch, dass die Ukraine eine „normale“ europäische Demokratie werden solle, im Zentrum der Auseinandersetzung – zumindest in der ersten Protestwoche, die sich dieser Tage zum zweiten Mal jährt.

Diese kurze Anlaufphase begann als maßgeblich von Studierenden getragener Protest gegen die unvermittelte Ablehnung des EU-Assoziierungsabkommens durch die Regierung Janukowitsch und wird als „Euromaidan“ bezeichnet. Die Idealisierung, die bereits im Begriff enthalten ist, manifestierte sich ganz konkret in einer selektiven Entpolitisierung des Protestcamps: Während EU- und Ukrainefahnen allgegenwärtig waren, galt für die ukrainischen Parteien und Politiker ein strenges Banner- und Fahnenverbot.

Doch am Ende jener Woche, in der Nacht vom 30. November auf den ersten Dezember 2013, wurde das friedliche Protestcamp brutal niedergeknüppelt. Dieser Einsatz exzessiver Polizeigewalt erwies sich in mehrfacher Hinsicht als Turning Point:

"Es geht nicht um Europa sondern um..."

Ausstellung auf dem Maidan 2015: „Es geht nicht um Europa sondern um…“

In einer Gesellschaft, die ihre nachfolgenden Generationen vergöttert und kaum Erfahrung mit offener staatlicher Gewalt hat, wirkte die Nachricht von der Niederschlagung regelrecht wie ein Schock. Durch die Empathie mit den jungen Opfern wuchs der Protest bereits am Folgetag zu einer breiten anti-autoritären Massenbewegung mit hunderttausenden Teilnehmenden in zahlreichen ukrainischen Städten heran. Keine Revolution ohne Solidarität, Vertrauen und gegenseitigen Respekt. Damit war der positive emotionale Zusammenhalt der im Entstehen begriffenen Utopie gesichert.[1]

Fast noch wichtiger war die eigentümliche Verschmelzung von Transzendenz und Immanenz, die sich im Zuge der Revolution herausbildete und letzterer zu ihrer Einzigartigkeit verhalf. Was ist damit gemeint? Im Augenblick der Gewalterfahrung machte der Begriff der „Revolution der Würde“ die Runde, der weit über die Assoziation der Ukraine mit Europa hinausging – und vielmehr den idealtypischen Wesenskern einer Demokratie in den Blick nahm: Würde und Selbstbestimmung eines jeden Menschen, die schon beim verzweifelten Akt der Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi den Ausschlag gegeben und den Arabischen Frühling ausgelöst hatten.

Gleichzeitig gewann das immanente Moment der Revolution an Bedeutung – einmal im Sinne eines Beuys’schen „Gesamtkunstwerks“ bzw. einer „sozialen Skulptur“, die spontan aus dem Treiben der Protestler entstand;[2] schließlich auch ganz profan durch die materielle Kraft des Faktischen, also durch die zunehmende Verbarrikadierung und arbeitsteilige Institutionalisierung des Protestcamps. Beide Elemente waren notwendig, um die Demonstranten mehrere Monate lang bei eisigen Temperaturen unter null Grad auf den Barrikaden ausharren zu lassen.

In Deutschland begegneten viele Menschen der Maidan-Revolution mit mildem Interesse. Das Ereignis verhallte einfach im ewigen Gleichklang der Nachrichten. Bestenfalls wurde es fremderlebt, d.h. über Bilder, Videos, Texte und Gespräche mit Ukrainerinnen und Ukrainern mittelbar erfahrbar gemacht. Doch die räumlich und zeitlich zerfaserte mediale Vermittlung der Komplexität des Maidan brachte einige Verkürzungen mit sich.

Dies trifft teils auf die eigentliche Revolutionserfahrung zu, die in all ihren Facetten von Stofflichkeit und physischen Erlebens zwangsläufig unvermittelbar bleiben musste. Erst recht blieb die transzendente Dimension des Maidan auf der Strecke. Die ukrainische Künstlerin Yevgenia Belorusets, die auch in Deutschland breit rezipiert wird, hat dazu geschrieben: „The Maidan is […] a place of hidden political currents that can be perceived physically, but not intellectually.“[3]

Zwei Jahre nach Beginn der Proteste zeichnet sich bereits ab, welche Aspekte der Revolution der Würde durch die Historiografie kanonisiert werden – es sind in erster Linie die Aufnahmen von den Straßenschlachten, den Barrikaden, den Helden dieses Aufstandes, deren zusammengeworfene Ausrüstung wie ein Vorgriff auf die Postapokalypse wirkt.

Das ist schade, führt es doch am eigentlichen Faszinosum der Revolution vorbei – nämlich an ihrem utopischen und basisdemokratischen Kern.

Frei nach dem Motto „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ konnten sich alle, die wollten, einbringen – klassen-, schichten- und milieuübergreifend. In einem Interview beschreibt eine Frau, dass sie sich mit ihrem teurem Pelzmantel zu keinem Zeitpunkt unwohl gefühlt habe.[4] Auch andere berichteten, dass sie sich in ihrem Leben noch nie so sicher gefühlt hätten wie auf dem Maidan. Selbst Hunger leiden musste niemand auf dem Platz. Umliegende Gebäude wie das Rathaus oder der Hauptsitz der Gewerkschaft wurden umfunktioniert zu selbstorganisiertem Pressezentrum, Schlafstätte oder Ambulanz.

Damit ist auch ein wichtiger Unterschied zur Orangen Revolution 2004 benannt: Während sich diese gegen etwas – nämlich die Wahlfälschung zugunsten von Janukowitsch – gerichtet hatte, barg die gelebte Utopie auf dem Platz der Unabhängigkeit den Keim für einen alternativen Gesellschaftsentwurf.

Doch selbst eine real existierende Utopie hat ihre Schattenseiten. Denn auch diese muss den physikalischen Regeln innerhalb des Raumes, in dem sie sich entfaltet, gehorchen. Bisher nahmen sämtliche Revolutionen in der Ukraine auf dem Maidan ihren Lauf. Der Begriff selbst kommt aus dem Persischen und bedeutet so viel wie „Platz“. Jede historische Genese des Begriffes muss zu dem Schluss kommen, dass damit ein Kristallisationspunkt von Öffentlichkeit gemeint ist.

Seit der Orangen Revolution 2004 steht das Wort außerdem für landesweite Proteste. 1990 etwa – der Maidan hieß damals noch Leninplatz – fanden dort Studentenproteste statt, die im Jahr darauf im Unabhängigkeitsreferendum der Ukraine mündeten. 2004 begann die Orange Revolution mit ein paar Zelten der Jugendbewegung „Pora“ (dt.: „Zeit“); 2010 brachte dann der sogenannte „Steuermaidan“ seine Unzufriedenheit mit einer geplanten Steuerreform zum Ausdruck.

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Der Maidan und die darauf zuführende Hauptstraße mit dem für ungeübte Zungen unaussprechbaren Namen „Chreschtschatyk“ standen vollkommen im Dienste des sozialistischen Klassizismus der Stalin-Ära[5] – also einer totalitären Architektur, deren Aufgabe darin bestanden hat, politische Devianz zu verhindern und Öffentlichkeit nur im Top-down-Modus zu bestimmten Anlässen herzustellen.[6] Die Breite der Allee, die Länge der Magistrale: Sie bieten Platz für Militärparaden zum Tag des Sieges, garantieren aber auch eine freie Schusslinie.

Während der Revolution der Würde zeigte sich, welch schwieriges Terrain die Protestierenden zu erobern und zu halten hatten. Der Maidan liegt an der Schnittstelle zwischen dem Regierungsviertel und dem historischen Händler- und Handwerkerviertel Podil, dessen präsowjetisches Straßenbild in erster Linie von Studierenden der stark ukrainisch sozialisierten und sozialisierenden Kiew-Mohyla-Universität geprägt ist und damit in jeglicher Hinsicht die Antithese zum sowjetischen Downtown bildet. Diese Studierenden gehörten zu den Ersten, die dem Ruf zum Maidan folgten – und dafür eigens von ihren universitären Verpflichtungen befreit wurden.

Die Zugangsmöglichkeiten sind sehr begrenzt, ein Hügel trennt die Viertel voneinander. Auf dem Maidan konnten Spezialeinheiten der Regierung von mehreren Seiten auf das Protestcamp stoßen, das Regierungsviertel selbst liegt auf einer kleinen Anhöhe. Im Winter 2013/2014, als die Bäume keine Blätter mehr trugen, hatten die Scharfschützen, die sich in den Regierungsgebäuden verschanzten, freie Sicht auf die Protestler, die über die Institutska-Straße direkt vom Maidan aus in das Regierungsviertel eindringen wollten. Zuvor hatten sie es über die parallel verlaufende Gruschewski-Straße versucht, die durch einen versteckten Zwischengang mit der Institutska-Straße verbunden ist. Noch heute liegt dort ein Haufen vergessener Pflastersteine, die für die Straßenschlacht herausgebrochen worden sind.

Aus dieser räumlichen Grundkonstellation ergeben sich unzählige Möglichkeiten, den utopischen Gehalt des Maidan auch auf der Mikroebene der Daily Routine zu fassen: Da ist etwa die Geschichte vom Funicular. Da der Weg von Podil zum Maidan über den Andreassteig vereist und besetzt war, blieb nur der Weg über die Standseilbahn, um Wasserkanister und Verpflegung zu den Demonstrierenden zu bringen. Als die Damen, welche die Seilbahn betrieben, das hehre Motiv für die Nutzung erkannten, sahen sie sogleich davon ab, einen Fahrpreis zu verlangen – fortan diente die Bahn als wichtiges Transportmittel.

Oder die Geschichte vom Nationalen Kunstmuseum, das hinter den feindlichen Linien lag und dessen Personal große Angst hatte, dass die Berkut-Spezialeinheiten ihre Scharfschützen auf dem Dach des Museums positionieren würden. Ein Jahr vor dem Beginn der Revolution hatte das Personal seinen eigenen kleinen Sieg gegen das autoritäre System errungen, indem es sich gegen die Ernennung eines präsidentennahen Museumsdirektors gewehrt und stattdessen einen transparenten Bewerbungsprozess durchgesetzt hatte.[7]

Oder die Geschichte von den Wehrpflichtigen des Innenministeriums, die als menschliche Schutzschilde vor Regierungsgebäuden ausharren und etliche Angriffe über sich ergehen lassen mussten. Anstatt sie als Teil der „Polizistenschweine“ oder „Regimefreunde“ anzusehen, interpretierte man ihre undankbare Aufgabe als Ausdruck des menschenverachtenden Wesens der Regierung Janukowitsch, was eher Mitleid denn Abscheu hervorrief.[8]

Und nicht zuletzt der Moment der Wahrheit, als deutlich wurde, dass der Maidan in den drei Monaten des Widerstands und der Gegenwehr gegen die staatlichen Repressalien reale Macht akkumuliert hatte – und gleich dem Realität gewordenen Hobbes’schen Leviathan agierte: „Der Maidan ist entsetzt, der Maidan fordert …, der Maidan muss sicherstellen, dass …“[9]

Dieser soziale Körper setzte am 21. Februar 2014 ein wahres Volksvotum durch, indem er den von den Oppositionsparteien ausgehandelten Deal mit Janukowitsch ausschlug und dadurch dessen Flucht besiegelte. Damit war das unmittelbare Ziel der Revolution erreicht.

Epilog

Genau zwei Jahre nach dem Beginn der Revolution lässt sich der Unabhängigkeitsplatz auch als Sinnbild für den Anbruch des Postmaidan-Zeitalters lesen. Dieses ist nach bisherigem Stand der Dinge so eng wie nie zuvor mit dem Westen verbunden. Wie auch immer die Zukunft der Ukraine aussehen wird: Die Erfahrungen, die auf dem Maidan gemacht worden sind – gute wie schlechte –, haben sich unwiderruflich in das kollektive Gedächtnis des Landes eingebrannt.

Für die Literaturwissenschaftlerin Tamara Hundorova stellt der Maidan angesichts des tausendfachen Leidens und Sterbens in der Ostukraine eine schwärende, offene Wunde dar.[10] So bleibt zu wünschen, dass sich diese Wunde irgendwann schließt und vernarbt; denn jede Narbe erzählt eine Geschichte, und die Geschichte des Maidan wäre die Geschichte einer gelebten Utopie.

Johann Zajaczkowski hat Politikwissenschaft und Öffentliches Recht in Trier und in Warschau studiert und arbeitet derzeit als Fachlektor an der Kiew-Mohyla-Akademie.

 

Eine längere Version dieses Textes erschien bereits hier.

[1] Vgl. Gomza, Ivan/Koval, Nadiia: The Winter of Our Discontent: Emotions and Contentious Politics in Ukraine during Euromaidan, in: Kyiv-Mohyla Law & Politics Journal, H. 2/2015, S. 39-62, hier S. 46–49.

[2] Vgl. Tscherepanin, Wasil: Майдан: повернення Європи [Maidan: Die Rückkehr Europas], in: Politytschna Krytyka, H. 5/2014: нам нема що втрачати, крім наших майданів [Wir haben nichts zu verlieren – außer unseren Helden vom Maidan], S. 5-9, hier S. 7.

[3] Belorusets, Yevgenia: Maidan: Collected Pluralities, in: Prostory, H. 8/2014: Documenting Maidan, S. 6-10, hier S. 6.

[4] Vgl. Gomza/Koval 2015, S. 52.

[5] Erbaut 1949 nach einem Entwurf des ukrainischen Architekten Anatoly Dobrowolski.

[6] Siehe Kravchuk, Yustyna: The Revolution Square, in: The Book of Kyiv, Kiew: Medusa-Verlag 2015, S. 187–189.

[7] Vgl. Radynskyi, Oleksiy: Battle for the Museum, in: The Book of Kyiv, Kiew: Medusa-Verlag 2105, S. 175–179.

[8] Vgl. Gomza/Koval 2015, S. 53.

[9] Münchmeyer, Tobias: World Spirit on Foot, in: Prostory, H. 8/2105: Documenting Maidan, S. 25.

[10] Siehe Hundorova, Tamara: Maidan as a Sympton: Trauma, Wound, and Crypt, in: Krytyka, 16.04.2014, URL: http://krytyka.com/en/community/blogs/maidan-symptom-trauma-wound-and-crypt [eingesehen am 02.12.2015].


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