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Leidende Künstler

Wolfgang Martynkewicz |  29. April 2013 |   |  Drucken

[präsentiert]: Wolfgang Martynkewicz schreibt in der aktuellen INDES-Ausgabe über die Wirkung von Krisen auf kreatives Schaffen.

Kreativität wird häufig als abgehobener, schwereloser Zustand beschrieben, bei dem das Ich – mit einem Wort Freuds – nicht mehr »Herr im eigenen Hause« ist. Immer wieder hat man sich bemüht, dem Begriff ein festes Fundament zu geben und das »Kreative« genauer zu fassen. Doch schon über die Frage, was eigentlich kreative Potenziale sind und welche Merkmale eine kreative Person oder ein kreativer Prozess haben muss, besteht in der Wissenschaft Uneinigkeit. Ganz problematisch wird es aber, wenn es um die sogenannte »außergewöhnliche Kreativität« geht; sie entzieht sich beharrlich allen neurobiologischen Erklärungsversuchen. Das hat damit zu tun, dass die eigentliche Ressource dieser Kreativität im Unbewussten vermutet wird – ein Ort, der bekanntlich nur schwer zu vermessen und zu ergründen ist. In einem aber sind sich, wenn ich es recht sehe, die meisten Forscher einig: Man kann die »außergewöhnliche Kreativität« nicht oder nur sehr begrenzt stimulieren und beeinflussen. Das macht sie – gerade für die empirische Wissenschaft – zum Mysterium.

Gleichwohl hat man natürlich Anstrengungen unternommen, sich diesem Mysterium zu nähern und es aufzuklären. Ein Weg, der schon im 19. Jahrhundert beschritten wurde, war die Erforschung der Biografien kreativer Persönlichkeiten, der sogenannten Geistesgrößen. Diese Tradition ist mit ihren Werturteilen und Spekulationen bekanntermaßen problematisch. Wenn ich im Folgenden kreativ-schöpferische Menschen, »Künstler« im weitesten Sinn des Wortes, in den Blick nehme, dann nicht, um das vermeintliche Mysterium ihrer Kreativität aufzuklären, sondern um die Wirkung von Krisen auf ihr Schaffen zu verdeutlichen.

Am 7. August 1914 rückte Ludwig Wittgenstein als Freiwilliger ein. Er wurde einem Artillerie-Regiment bei Krakau zugeteilt und beginnt nun ein Tagebuch zu führen. In seiner ersten Eintragung vom 9. August heißt es: »Werde ich jetzt arbeiten können?? Bin gespannt auf mein kommendes Leben.«[1] Wittgenstein zog in den Krieg und hatte alle seine Aufzeichnungen im Gepäck. Er wollte ein philosophisches Buch schreiben, das nicht nur die »Grundlagen der Logik« behandelt, sondern, wie er sagt, »zum Wesen der Welt« vordringt.[2] Das kühne Projekt erhält später den Titel »Tractatus logicophilosophicus« und wurde 1922 erstmals in Buchform veröffentlicht.

Wittgensteins Biograf Ray Monk hat den eigenwilligen Philosophen als manisch-depressiven Menschen charakterisiert und dazu zahlreiche Belege angeführt. Bertrand Russell schreibt über seinen Schützling am Trinity College: »Sein Temperament ist intuitiv und launisch, wie das eines Künstlers.«[3] Wittgenstein stecke »voll brodelnder Leidenschaft«, neige zu Wutanfällen, dann wieder schmolle er, ziehe sich tagelang zurück, sei deprimiert und am Boden zerstört. Russell gegenüber sagte Wittgenstein, er wolle »etwas Vollkommenes schaffen oder gar nichts«[4].

Wittgenstein hoffte, dass der Krieg für ihn selbst und sein Werk zum Katalysator wird. Im Tagebuch hält er minutiös sein Arbeitspensum fest, er nutzt jede freie Minute, um sein Projekt voranzutreiben: »Es ist schwer, mit leerem Magen und unausgeschlafen dem Geiste zu dienen! Aber was wäre ich, wenn ich es nicht könnte.«[5] In vielen Eintragungen wird deutlich, dass die beharrlich aufrechterhaltene geistige Arbeit eine unverzichtbare Stütze war, um das banale Leben hinter der Front zu ertragen. Die Bedeutung der geistigen Arbeit für Wittgenstein nimmt mit der Zeit zu, der »Tractatus« entwickelt sich zum Überlebensprojekt: »Arbeite. Sonst geht’s mir schlecht. Laß dich nur nicht von den gemeinen Menschen bearbeiten.«[6] Als er im Frühjahr 1916 an die Front abkommandiert wird, hält er unverdrossen an der Arbeit fest, er gibt ihr jetzt aber einen neuen, quasi religiösen Sinn: »Arbeite nur fort, damit du gut wirst.«[7] Während die Mittelmächte auf dem Vormarsch waren und sich die Krise an der Ostfront zuspitzte, schrieb Wittgenstein über Abbild-Theorie, Logischen Atomismus und die Analyse der Logik. Er fragte nach der Beziehung von Sprache und Welt, ob es einen inneren Zusammenhang gibt, eine Ordnung – und worin sie besteht. Gottlob Frege, mit dem Wittgenstein während des Krieges korrespondierte, wunderte sich, dass Wittgenstein noch immer Zeit und Kraft für wissenschaftliche Arbeiten fand. Frege selbst nahmen die Kriegsereignisse so ein, dass er in seiner Produktivität völlig gelähmt war.

Wittgenstein wird zwischen 1916 und 1918 an verschiedenen Frontabschnitten eingesetzt, am Ende des Krieges gerät er in italienische Gefangenschaft. Er ging mit der festen Absicht in den Krieg, ein bedeutendes Werk zu schreiben. Der Krieg zwang ihn zur Disziplin, die geistige Arbeit wurde zu einer Überlebensbedingung. Nun könnte man sagen, der Krieg war für ihn nur ein Mittel, aber kein innovatives Moment, schließlich hatte er schon seit 1911 an seinem Projekt gearbeitet. Doch Krieg und Krisenerfahrungen – auch Monk weist darauf hin – führten zur Veränderung des ursprünglichen Konzepts. Es kamen ethische Überlegungen, Bemerkungen über den Tod und den Sinn des Lebens hinzu. Bemerkenswerterweise sind es gerade diese Sätze, die das Werk berühmt gemacht haben und die noch heute wie eine Offenbarung klingen: »Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.«[8] Und natürlich der abschließende Satz, der zum geflügelten Wort geworden ist: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.«[9]

Wittgenstein war jedoch eine Ausnahme. In den meisten mir bekannten Fällen wirkten Krieg und existenzielle Krisenerfahrungen auf kreative Menschen geradezu paralysierend.

Auszug aus: Wolfgang Martynkewicz: Leiden und Größe, in: „Krisen – Crashs – Depressionen“, INDES, H. 1/2013. Wer mehr über das Leiden der „Geistesgrößen“ erfahren will, kann in der aktuellen INDES nachlesen [LINK].

 


[1] Ludwig Wittgenstein, Geheime Tagebücher. 1914–1916, hg. u. kommentiert von Wilhelm Baum. Vorwort von Hans Albert, Wien 1991, S. 13.

[2] Wittgenstein zit. nach Ray Monk, Wittgenstein. Das Handwerk des Genies. Aus dem Englischen übertragen von Hans Günter Holl und Eberhard Rathgeb, Stuttgart 1992, S. 160.

[3] Bertrand Russell zit. nach Monk, S. 59.

[4] Ebd., S. 59, S. 76 u. S. 74.

[5] Wittgenstein, Geheime Tagebücher, Eintragung vom 18.09.1914, S. 23.

[6] Ebd., Eintragung vom 29.04.1915, S. 63.

[7] Ebd., Eintragung vom 20.07.1916, S. 73.

[8] Ludwig Wittgenstein, Tractatus logicophilosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung, Frankfurt a. M. 1969, S. 114.

[9] Ebd., S. 115.


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