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„Können Frauen auch Bürgermeister werden?“

Nina Hölscher & Yvonne Wypchol |  10. Dezember 2012 |   |  Drucken

[analysiert]: Nina Hölscher und Yvonne Wypchol über die Darstellung mächtiger Frauen in Fernsehserien.

„Können Frauen auch Bürgermeister werden?“. Diese Frage kommt im Rahmen der Göttinger Kinderdemokratie häufig auf. Obwohl mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin und sechs Bundesministerinnen hohe Staatsämter weiblich besetzt sind, wollen Kinder immer wieder wissen,  ob Frauen eigentlich „Bürgermeister“, „Bundespräsident“ oder „Bundeskanzler“ werden können. Vor allem Mädchen im Grundschulalter erkundigen sich nach politischen Führungspositionen von Frauen. Eine Erklärung lässt sich unter anderem in der medialen Repräsentation finden.

Für den Bereich der journalistischen Nachrichtenmeldungen in Deutschland ist das Geschlecht als Kategorie von entscheidender Bedeutung für die Häufigkeit sowie für die Art und Weise der Berichterstattung. Quantitativ jedenfalls wird über Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen weniger berichtet – sie sind somit grundsätzlich wesentlich seltener ‚sichtbar‘. Dies trifft auch zu, wenn die Präsenz weiblicher Politikerinnen ins Verhältnis zu ihrer Ämterbesetzung in der Politik, also ihrer realpolitischen Abbildung, gesetzt wird. Und auch auf qualitativer Ebene finden sich Unterschiede: Politikerinnen werden vor allem im Kontext so genannter ‚weicher‘ Politikfelder, wie etwa Familie, Soziales oder Gesundheit, erwähnt. Im Nachrichtenbereich sind also zweifellos geschlechtsgebundene Beschreibungen vorzufinden. Nun lässt sich fragen, wie die Darstellung mächtiger Frauen in fiktiven Formaten erfolgt.

Durch Erzählungen werden Leitbilder sowie Identifikationsmuster geschaffen. Hier sticht insbesondere die Entwicklung amerikanischer Fernsehserien der letzten Jahre ins Auge. Zunächst gilt es, einen Wandel dieser seriellen Fernsehformate festzuhalten: Wer heutzutage dem Inhalt folgen möchte, muss aufpassen: Ein bloßes „Sich-berieseln-Lassen“ wird zur Frustration führen. Denn Serien werden inzwischen so erzählt, dass eine erhöhte Aufmerksamkeit oder ein mehrmaliges Anschauen für das Verstehen unerlässlich sind. Nicht nur wird der Ereignisverlauf immer komplexer, auch die Darstellung der Hauptfiguren wird psychologisch aufgeladen, charakterlich facettenreicher. Und noch etwas hat sich verändert: Das Rollenverständnis der weiblichen Protagonistinnen. Ganz offensichtlich rücken diese vermehrt in den Fokus der Erzählungen.

 Auch hierbei hat allerdings eine Entwicklung stattgefunden. Nur wenige Jahre zurückliegende Kultserien wie „Sex and the City“ oder „Desperate Housewives“ zeigten noch vor allem Frauenbilder des Vamps, des nach Liebe suchenden Frauentyps oder der weiblich-selbstbewussten Hausfrau. Zwar spielte die Karriere eine Rolle im Leben dieser Protagonistinnen, sollte dabei aber vor allem den beruflichen Erfolg untermalen und/oder das Konsumverhalten rechtfertigen. Eine klare Darstellung von weiblichen Machtpositionen blieb aus – waren die Lebensbereiche und Szenarien doch stets typisch weiblich geprägte: der Freundinnenkreis, die Familie, das Singledasein oder die zu organisierenden Partys.

In aktuelleren Serien mit weiblichen Hauptdarstellerinnen, wie „The Good Wife“ oder „Damages“, scheinen derartige Themen eine untergeordnete Rolle zu spielen; vielmehr rücken hier Machtdynamiken in das Zentrum der Erzählung.

Angelehnt an zahlreiche realpolitische Skandale der letzten Jahre, z.B. um Hillary Clinton oder Elizabeth Edwards, wird in „The Good Wife“ die Frage aufgeworfen, wie es eigentlich den „guten Ehefrauen“ danach ergeht. Häufig kommt ihnen im Sog des Skandals vor allem die Rolle der stummen Begleiterin bzw. der wackeren Unterstützerin weiterer Karriereambitionen ihrer Ehemänner zu. Ausgangspunkt der Geschichte in „The Good Wife“ ist somit ein Sex- und Korruptionsskandal um Peter Florrick (Chris Noth), seines Zeichens gewählter Generalstaatsanwalt von Cook County. Im Mittelpunkt der weiteren Erzählung, welche nach der Verhaftung von Peter Florrick beginnt, steht seine Ehefrau Alicia Florrick (Julianna Margulies). Diese beginnt nach 13 Jahren Hausfrauendasein wieder ihren ehemaligen Beruf als Anwältin auszuüben: zum einen, um ihre Familie zu versorgen, zum anderen, um den eigenen Ruf wiederherzustellen. Im Laufe der Serie entwickelt sich Alicia Florrick vom Opfer der öffentlich gedemütigten Gattin mehr und mehr zur wiedererstarkten, erfolgreichen Karrierefrau, die schließlich an ihrem Ehemann vorbeizieht. Die Serie dreht dementsprechend gewisse weibliche Attribute um: Die ehemals schwache, betrogene Ehefrau wird nicht nur aufgrund ihrer persönlichen Entwicklung zur Heldin der Geschichte, sie beherrscht sogar die Machtspiele in ihrer neuen Kanzlei ebenso gut wie ihre Kollegen.

In der Serie „Damages“ entwickelt sich die Handlung entlang der Machenschaften in einer New Yorker Anwaltskanzlei, wobei in jeder Staffel ein großer Fall zu lösen ist. In der ersten Staffel stellt sich beispielsweise die Herausforderung, einen abzockerischen Unternehmer, angelehnt an den Enron-Skandal, zu überführen, welcher seine Mitarbeiter um Millionen Dollar gebracht hat. Im Mittelpunkt stehen hierbei vor allem die beiden Hauptdarstellerinnen Patty Hewes (Glenn Close) und Ellen Parsons (Rose Byrne). Während es Patty als Star-Anwältin versteht, sich grundsätzlich aller Mittel der Macht zu bedienen, um ihren Willen zu bekommen, entwickelt Ellen, welche zu Beginn der ersten Staffel zu Pattys Protegée wird, ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Taktiken. Daraus ergibt sich im Zentrum der Erzählung eine konstante Auslotung der Frage, inwieweit der Zweck die Mittel heiligt. Beide Hauptdarstellerinnen bewegen sich dabei stets in einem Netz aus Täuschungen und Machtspielen – wie man es Frauen zuweilen nicht zu zutrauen vermag. Denn zu sehen sind letztendlich zwei Karrierefrauen, welche sich im Lauf der Handlung sowohl eine Art „Katz-und-Maus-Spiel“ liefern, als auch sich in ihrer Rücksichts- bzw. Schonungslosigkeit im Vergleich zu den männlichen Protagonisten nichts nehmen lassen.

Während die wohl prominenteste Fernsehanwältin der 1990er Jahre, Ally McBeal (Calista Flockhart), in jeder Folge eher mit der Frage zu kämpfen hatte, welche Neurose sie heute zu überwinden vermag bzw. ob sie am Ende des Tages vielleicht doch noch ihre große Liebe findet, treiben Alicia Florrick, Patty Hewes und Ellen Parsons deutlich andere Themen um. Sie sind Karrierefrauen, die ihren Erfolgen auch konsequent nachgehen und diese selbstbewusst einfordern. Dabei verstehen sie es, die mit der Position einhergehende Macht entsprechend zu verteidigen und für sich nutzbar zu machen. Der Wunsch nach einem erfolgreichen Privatleben steht nicht ausschließlich im Zentrum ihres Handelns, wie dies etwa bei „Sex and the City“ oder „Desperate Housewives“ vordergründig der Fall ist. Jedoch weist Jenna Goudreau in „TV’s Best-Loved Career Women“[1] auf einen entscheidenden Punkt hin: Auch wenn sich die Darstellung weiblicher Protagonistinnen insoweit gewandelt hat, als dass deutlich mehr Karrierefrauen sichtbar sind und prominente Rollen in erfolgreichen Fernsehserien einnehmen und diese Frauen zudem andere Qualitäten aufweisen als vorherige Leitbilder, gibt es dennoch kaum Beispiele, die Privatleben und Karriere erfolgreich vereinen. Der Misserfolg im Privatleben bietet im Fall von „The Good Wife“ schließlich erst den Startschuss für die eigentliche Handlung und die Entwicklung der weiblichen Protagonistin. Auch in „Damages“ sind beide Figuren ebenso gezeichnet von privaten Rückschlägen. Damit bleibt trotz all des Vorbildcharakters der zunehmenden Darstellung erfolgreicher Karrierefrauen das Dilemma bestehen, dass beruflicher Erfolg mit hohen Kosten für das Privatleben der Frauen verbunden zu sein scheint.

Der Frage, ob Frauen auch Bürgermeister werden können, wird somit auf der einen Seite hoffnungsvollerweise entgegengewirkt. Auf der anderen Seite existiert das weibliche Dilemma der Work-Life-Balance fort und wird auch im fiktiven Format der Serie nicht zugunsten eines neuen weiblichen Leitbildes aufgelöst: Weiterhin besteht der Eindruck, für Erfolg müssen Frauen ein erfülltes (zukünftiges) Privatleben aufgeben.

Nina Hölscher und Yvonne Wypchol arbeiten am Göttinger Institut für Demokratieforschung.



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