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Der Tortenwurf als Protestform

Marius Becker |  18. Oktober 2016 |   |  Drucken

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[kommentiert]: Marius Becker zur Geschichte und Einordnung des politischen Tortenwurfs in die Palette aktueller Protestformen

Im Kontext der gegenwärtigen Flüchtlingskrise sind PolitikerInnen erneut Opfer von Tortenattentaten (auch „Tortungen“ genannt) geworden: So trafen die AfD-Funktionäre Beatrix v. Storch und Albrecht Glaeser am 28. Februar 2016 in Kassel zwei Sahnetorten, während die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, am 28. Mai 2016 auf dem Magdeburger Bundesparteitag mit einer Schokoladentorte beworfen wurde. Dieser Beitrag setzt die jüngsten „Tortungen“ von PolitikerInnen in Kontext mit ihrem Protestpotenzial und blickt auf die Geschichte des „politischen Tortenwurfs“. Der Autor distanziert sich hierbei ausdrücklich von den beschriebenen Lebensmittelattentaten; Ziel dieses Beitrags ist keinesfalls, derartige Aktionen nachträglich zu legitimieren.

Warum werden PolitikerInnen Opfer von Lebensmittelattentaten? Die Hintergründe beider diesjährigen Tortenwürfe liegen offenkundig in der öffentlichen Aushandlung der Flüchtlingspolitik: Das Berliner Künstlerkollektiv Peng! hatte das AfD-Bundesvorstandsmitglied v. Storch im Februar 2016 in Kassel bei einer Parteiveranstaltung mit zwei Torten attackiert,[1] aufgrund von Äußerungen zum Schusswaffengebrauch an der deutschen Grenze gegen Flüchtende[2] im Besonderen und der Politik der AfD im Allgemeinen. Auf dem begleitenden Blog rief es zum „tortalen Krieg“ [sic!] gegen die Alternative für Deutschland auf, Menschen hätten an der „moralischen Außengrenze des Landes von der Torte Gebrauch gemacht“, die AfD verlasse den ,,Boden von Ethik, Moral und Menschenrechten“, die Backwaren zeigten den ,,süßen und klebrigen Zorn der demokratischen Mehrheit“[3].

Peng! dokumentierte die Aktion umfangreich mit einem Video, dem Projektblog und auf Twitter: „Tortenboden: 89 Cent, Sprühsahne: 99 Cent, Storchs Gesicht: Unbezahlbar. #tortalerkrieg“[4]. Beatrix v. Storch protestierte auf Facebook, indem sie ein Foto von sich veröffentlichte, auf dem die Spuren der Attacke deutlich zu sehen waren. Sie verglich den Angriff mit Attacken gegen andere AfD-PolitikerInnen – man werde sich davon jedoch nicht abschrecken lassen und weiter Politik machen[5]. Auch der AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen wurde von einer Torte getroffen, am 29. August 2016 im niedersächsischen Seevetal – in diesem Fall tiefgekühlt[6].

Der Tortenangriff auf Sahra Wagenknecht erfolgte laut der Initiative „Torten für Menschenfeinde“ ebenfalls aufgrund ihrer Äußerungen in der Flüchtlingspolitik; nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht hatte sich Wagenknecht mit den Worten geäußert: „Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht eben auch verwirkt“, und war dafür von ihrer eigenen Partei stark kritisiert worden.[7] Die Initiative sprach in ihrem Flugblatt gegen Wagenknecht von Gemeinsamkeiten zwischen ihr und v. Storch: Beide teilten sich Torten im Gesicht und flüchtlingspolitische Ansichten, es gebe große Gemeinsamkeiten zwischen beiden Parteien, Wagenknecht liefere „ideologische Munition“ für v. Storch und die AfD.[8]

Was bedeuten diese Beispiele nun für die Eignung von Tortungen als einer politischen Protestform? Der Protest- und Bewegungsforscher Dieter Rucht hat den Tortenwurf als neuere Protestform bereits 2012 wahrgenommen: Der Tortenwurf sei erst in einer „Überflussgesellschaft“ möglich geworden, denn in Zeiten von Lebensmittelknappheit habe es keine derartige Verschwendung von Lebensmitteln geben können.[9] Zuerst in Stummfilmen als humoristisches Element verwendet, habe der Tortenwurf seine politische Bedeutung erstmals im Protest der Studentenbewegung der 1960er Jahre in den USA und Deutschland unter Fritz Teufel mit der Frankfurter „Tortenschlacht“ 1968 erhalten. Diese Protestform zeichne sich laut Rucht durch die Provokation einer möglichst bildgewaltigen Reaktion der Schadenfreude beim Publikum aus – wobei die angegriffene Person durch die Torte eine „ironische Gabe“ erhalte. Je mehr Bild- oder Videomaterial von der Aktion existiere, desto erfolgreicher sei der Protest, da sich das imponierend wirkende Material schnell verbreite.[10]

Folgt man Ruchts Ansicht, können die Attacken auf v. Storch und Wagenknecht als hochgradig massenwirksam bezeichnet werden: Sie wurden von einem Projektblog bzw. einem eher klassischen Flugblatt flankiert und konnten durch das Echo der Bilder in Massenmedien und Social Media die von den Aktivisten beabsichtigte breite Wirkung erzielen. Das Thema der Flüchtlingskrise trägt neben der Wahl der Protestform zu dieser Wirkung bei – auch wenn die Tortungen überwiegend scharf verurteilt worden sind. Wie bei bereits erwähnt, ist der Ursprung des Tortenwurfs in der Filmbranche zu finden, als Stilmittel etwa seit den 1920er Jahren verbreitet, etwa im Film „The Battle of the Century“[11] des Komikerduos Laurel und Hardy, auch als „Dick und Doof“ bekannt, dem laut Karasek „größten Sahnetorten-Film aller Zeiten“, in dem bei einer Straßenschlacht bis zu 4.000 Torten verwendet worden seien.[12]

Die Verwendung des Tortenwurfs als politische Protestform kann in Deutschland als unkonventionelle Partizipationsform politischer Gewalt (gegen Personen) eingeordnet werden.[13] Lebensmittelattentate gegen Politiker sind dabei nichts Neues: So traf es bereits hochrangige Politiker wie den Ex-Bundeskanzler Kohl 1991, 1996 und 2000[14] oder den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff 2011[15], jeweils mit Geschossen wie Eiern oder Windbeuteln. Vergleichsweise neu an den kürzlichen Tortenattacken ist die einfachere Inszenierung dieser Ereignisse durch die Digitalisierung der Gesellschaft, die Ausbreitung sozialer Medien und die Existenz eines Reizthemas wie dem der Flüchtingskrise.

Dass diese Vorkommnisse auch ein Indiz für einen steigenden Respektverlust gegenüber PolitikerInnen darstellt, kann jedoch bezweifelt werden: Fehlender Respekt gegenüber PolitikerInnen ist kein neues Phänomen; jedoch tritt er infolge der Flüchtingsthematik, in deren Rahmen die Tortenangriffe zu betrachten sind, erneut und tagespolitisch verstärkt hervor. Bei der jüngsten Konfrontation zwischen PolitikerInnen und Bürgern am Rand des Tages der Deutschen Einheit in Dresden[16] blieb es indes bei verbalen Attacken gegenüber der Politik. Dort flogen keine Eier, Windbeutel oder Torten. Warum der Lebensmittelprotest in der Rückschau v.a. aus dem linken Spektrum stammt, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden; erklärende Faktoren könnten aber die historisch vorherrschende Prägung der Tortungen seit der Studentenbewegung der 1960er Jahre oder das satirische Moment der Attacken sein – gleichwohl auch linke Politiker von Torten und Ähnlichem getroffen wurden.

Es konnte gezeigt werden, dass der Tortenwurf als politische Protestform einen vergleichsweise neuartigen Charakter besitzt. Seine besondere Dynamik im Vergleich zu anderen Protestformen gewinnt er durch den vermehrten Einsatz von sozialen Medien beim symbolisch-körperlichen Angriff, der die PolitikerInnen in aller Öffentlichkeit bloßstellt. Die Reaktionen des Publikums zeigen die erfolgreiche Provokation der Tortenwerfer beim Streben nach maximaler Aufmerksamkeit.

Marius Becker arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Siehe o.V.: Tortenangriff auf AfD-Politikerin von Storch, in: Spiegel Online, 28.02.2016, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/tortenangriff-auf-afd-politikerin-beatrix-von-storch-a-1079771.html [eingesehen am 04.10.2016].

[2] Siehe o.V.: AfD-Vizechefin will Polizei sogar auf Kinder schießen lassen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2016, URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/beatrix-von-storch-afd-vizechefin-will-polizei-sogar-auf-kinder-schiessen-lassen-14044186.html [eingesehen am 15.08.2016].

[3] Künstlerkollektiv Peng!: Tortenbefehl – Tortaler Krieg gegen die AfD, 28.02.2016, URL: https://tortenbefehl.wordpress.com/2016/02/28/tortaler-krieg-afd/ [eingesehen am 15.08.2016].

[4] Künstlerkollektiv Peng!: Tortenboden: 89 Cent, Sprühsahne: 99 Cent, Storchs Gesicht: Unbezahlbar. #tortalerkrieg, Twitter-Meldung vom 28.02.2016, URL: https://twitter.com/PengBerlin/status/703955305365778432/ [eingesehen am 15.08.2016]

[5] Siehe Storch, Beatrix v.: Facebook-Post zum Tortenangriff vom 28.02.2016, URL: https://www.facebook.com/BeatrixVonStorch/photos/pcb.1064471476927630/1064469850261126/?type=3&theater [eingesehen am 04.10.2016].

[6] Siehe o.V.: AfD-Chef Meuthen mit tiefgefrorener Torte beworfen, in: Spiegel Online, 30.08.16, URL: html [eingesehen am 21.09.2016].

[7] Siehe Denkler, Thomas: Wagenknecht streitet mit den Linken, in: Süddeutsche Zeitung, 13.01.2016, URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/linke-sahra-wagenknecht-streitet-mit-ihrer-partei-1.2816652/ [eingesehen am 15.08.2016].

[8] Siehe o.V.: Torten für Menschenfeinde, in: Indymedia linksunten, URL: https://linksunten.indymedia.org/de/node/180471/ [eingesehen am 15.08.2016].

[9] Siehe Rucht, Dieter: Wandel der Protestformen. Erleben wir eine neue Kultur des Widerspruchs?, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Jg. 2 (2012), H. 1, S. 6-13, hier S. 10 f.

[10] Siehe ebd.

[11] Siehe o.V.: Alles in Schlagsahne (1927), The Battle of the Century (original title), URL: http://www.imdb.com/title/tt0017664/ [eingesehen am 15.08.2016].

[12] Siehe Karasek, Helmut: Die Lust alles kurz und klein zu schlagen, in: Der Spiegel, 15.08.1988, URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13530542.html [eingesehen am 15.08.2016].

[13] Siehe Barnes, Samuel Henry/Kaase, Max: Political Action. Mass Participation in Five Western Democracies, Beverly Hills 1979, S. 66 f.; Niedermayer, Oskar: Bürger und Politik. Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen – Eine Einführung, Wiesbaden 2001, S. 213 f.

[14] Siehe o.V.: Alt-Kanzler Kohl getroffen, in: Spiegel Online, 30.11.2000, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/windbeutelwurf-alt-kanzler-kohl-getroffen-a-105581.html [eingesehen am 05.10.2016].

[15] Siehe o.V.: Eier-Attacke auf Bundespräsident Wulff, in: Hamburger Abendblatt, 14.04.2011, URL: http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article107998861/Eier-Attacke-auf-Bundespraesident-Wulff.html [eingesehen am 05.10.2016].

[16] Siehe o.V.: Demonstranten beschimpfen Merkel und Gauck, in: Spiegel Online, 03.10.2016, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/tag-der-deutschen-einheit-pegida-demonstranten-beschimpfen-merkel-und-gauck-a-1114974.html [eingesehen am 05.10.2016].


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