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Sprachlos in Hildesheim?

Christopher Schmitz |  29. Oktober 2014 |   |  Drucken

[kommentiert]: Christopher Schmitz berichtet von der Hildesheimer Tagung über sexuelle Revolution und Kindheit.

Ende September fanden sich an der Universität Hildesheim Expertinnen und Experten für ein schwieriges Forschungsfeld ein. Die Tagung „Zwischen notwendiger Entgrenzung und problematischer Enttabuisierung. Sexuelle Revolution und Kindheit im historischen Kontext der 1970er/80er“ (Tagungsprogramm) war, wie die Erziehungswissenschaftlerin und Mitveranstalterin Prof. Dr. Meike Sophia Baader in ihrem Grußwort hervorhob, direkt von einer im Frühjahr 2013 gestarteten gesellschaftlichen Debatte inspiriert: Damals hatte sich, anlässlich der geplanten Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit, ein Streit über die pädophile Programmatik der Grünen in den 1980er Jahren entzündet, der den Bundestagswahlkampf durchziehen sollte. Hieraus leitet sich zugleich eine der Kernfragen der Tagung ab: Wie kann es angesichts der in jüngerer Zeit publik gewordenen massenhaften Vorfälle sexualisierter Gewalt in ganz Europa sein, dass sich die Debatte in Deutschland lediglich auf die Schuld des links-alternativen Milieus und ihres parteipolitischen Repräsentationsorgans, der Grünen, konzentriert?

In ihrer Keynote lieferte die New Yorker Historikerin Prof. Dr. Dagmar Herzog eine mögliche Erklärung: Die „68er“ seien in ihren emanzipativen Bestrebungen weniger gegen die tradierte Sexualmoral des Nationalsozialismus als eher gegen die neue sexuelle Prüderie der Adenauer-Ära zu Felde gezogen – ohne diesen Unterschied selbst zur Kenntnis zu nehmen. Dies ermögliche nun gerade konservativen Formationen die Schuldzuweisung gegenüber linksalternativen Kreisen, da es die Überwindung der Adenauerʼschen Sexualmoral gewesen sei, die in problematische Entgrenzungen geführt habe. In der Debatte des letzten Sommers hätten die massenhaft verbürgten Missbrauchsfälle in anderen, nicht-linksalternativen Kontexten daher kaum noch eine Rolle gespielt. Dies sei, so Herzog, eine mögliche Folge einer paradoxen „Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem“, die damals in Bezug auf Ursprünge der Sexualmoral geherrscht habe.[1]

Auch heute noch seien derartige Ungleichzeitigkeiten auszumachen. Eine davon hob der Rechtssoziologe Prof. Dr. Harry Willekens in seinem Vortrag über die Aporien des Strafrechts heraus, das seiner Meinung nach zwischen rechtspolitischer Befähigung und sexualpolitischer Einschränkung der Jugendlichen oszilliere. Einerseits würden Jugendliche insgesamt immer früher immer mehr Rechte bekommen, während die freie Entfaltung ihrer Sexualität aus dieser Entwicklung tendenziell ausgenommen sei, da sie wieder verstärkt reguliert werde.

Diesen Punkt griff auch die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Dr. des. Julia König auf, als sie über das „Verschwinden des ‚Kindlichen‘ in der kindlichen Sexualität“ sprach. Zunächst als historische Kategorie präsentiert, sollte dieser Begriff die Proklamation und die – stellenweise – Verehrung von intergenerationeller Sexualität in den 1970er und 1980er Jahren beschreiben. Gemeint ist damit jene Bewegung, die Pädophilie aus der medizinisch definierten Kategorie der sexuellen Perversion herauslösen und aus ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung befreien wollte. Im Kielwasser der Liberalisierung des Sexualstrafrechts und auch der gesellschaftlichen Werte- und Moralvorstellungen verfolgte sie das Ziel, nach der Homosexualität auch der Pädophilie den Status den Charakter des Abnormen und Krankhaften zu nehmen. Eben dazu sei die Überwindung der generationellen Differenz vonnöten gewesen. Jener Schranke also, die rechtlich und moralisch den sexuellen Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern wie Jugendlichen reguliert und tabuisiert. Diese generationelle Differenz wurde im Rahmen von damaligen Debatten aufzuweichen und aufzuheben versucht, die Sexualitätskonzepte der Kinder wurden jenen der Erwachsenen angeglichen und Differenzen damit eingeebnet. Dabei seien den Kindern jedoch vor allem die Gefühle und Interpretationen von Erwachsenen oktroyiert worden, während ihre tatsächlichen Bedürfnisse und das kindliche Erleben vernachlässigt worden seien.

In der anschließenden Diskussion wurde dieses Phänomen in eine Reihe von Pendelbewegungen der Sexualitätsdiskurse ab Mitte des 20. Jahrhundert eingeordnet. Auf der Bahn dieses Pendels sei die Debatte nunmehr, im Vergleich zu den 1970er und 1980er Jahren, an ihrem diametralen Höhepunkt angekommen. Der Pädagoge und Religionsphilosoph Prof. Dr. Micha Brumlik, der auf der Tagung über antike Päderastiekonzepte und ihre Verwendung in der Neuzeit referiert hatte, bemerkte, dass die maßgebliche Funktion des Pädosexualitätsdiskurses heutzutage vornehmlich darin bestehe, beglaubigen zu können, dass nunmehr alles erlaubt sei – eben außer der Pädophilie. Zugleich werde trotz einer weitgehenden Sexualisierung der Gesellschaft paradoxerweise das Konzept der Sexualität aus der Kindheit verbannt. Kinder würden rhetorisch nahezu komplett desexualisiert dargestellt. Gleichzeitig würden Jugendliche, kaum dem Kindesalter entwachsen, medial wie Erwachsene inszeniert. Während der Tagung konnte so zeitweilig der Eindruck gewonnen werden, als gebe es gegenwärtig es nur zwei Pole im Sexualitätsdiskurs: die Kinder und die Erwachsenen. Die Psychologin und Sexualtherapeutin Dr. Sophinette Becker wies als erste darauf hin, dass die Rolle der Jugendlichen kaum berücksichtigt werde.

Diese permanenten Widersprüche – die Verleugnung der Sexualität im Kindlichen einerseits und der nahezu kompletten Sexualisierung der Gesellschaft andererseits – ließ die Teilnehmenden der Tagung eine gewisse Sprachlosigkeit gegenüber dem eigenen Forschungsgegenstand und der aktuellen Debatte feststellen. Wie Meike Sophia Baader auch im Resümee ihres Vortrages deutlich machte, sei es gerade im diesem gegenwärtigen Klima der absoluten Gleichsetzung vom Reden über Taten und den Taten selbst sehr schwierig, eine Position und Sprache zu finden.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma wurde während der Tagung nicht formuliert. Zwar betonte Prof. Dr. Werner Thole, Erziehungswissenschaftler aus Kassel, in seinem Kommentar am Ende die Notwendigkeit einer „Neumodulation der generationellen Ordnung“ – allerdings ohne diesen Begriff näher auszuführen oder zu erläutern, wie diese Anpassung vonstattengehen könnte. So fällt die Perspektivformulierung auf die zuvor konstatierte Sprachlosigkeit zurück, ohne darüber hinauszukommen.

Vielleicht, so ließe sich anmerken, bräuchte es für diese Perspektive eine Metapher jenseits der Pendelbewegung. Diese kennt lediglich ein Auf und Ab und lässt wenig Raum für Gedanken abseits dieser Bewegung. Eine Möglichkeit wäre, weniger an der generationellen Ordnung anzusetzen als vielmehr am gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussionsklima. Dann gleicht die momentane Situation weniger einer Pendelbewegung als eher einer Art Auto-Immun-Reaktion: Zur Aufrechterhaltung der im Zuge problematischer Entgrenzungsversuche angegangenen (und letztlich erfolgreich verteidigten) Linie zwischen Erwachsenen und Nicht-Erwachsenen kam es zu einer Art Re-Tabuisierung: Um die Sexualität der Kinder zu schützen (Jugendliche werden hier begrifflich mit ihnen gleichgesetzt), ist es in einem nahezu komplett durchsexualisierten gesellschaftlichen Umfeld notwendig, eben diese Sexualität schlichtweg zu verleugnen. Dies verdichtet sich dann bspw. in Aussagen wie jener der Journalistin Birgit Kelle: „Unsere Kinder brauchen nicht Zugang zu Sexualität, wir müssen sie eher davor schützen, denn sie ist bereits allgegenwärtig in ihrem Leben.“[2]

So gesehen hat sich die Verteidigung der kindlichen Sexualität im Kleid eines Tabus gegen die früheren Verteidiger verselbstständigt und ihnen die Sprache geraubt. Die Gegen-Revolution der „geschichtlichen Sieger“ hat sozusagen ihre Kinder gefressen. Oder vielmehr deren Sexualität.

Christopher Schmitz arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Vgl. Herzog, Dagmar: Paradoxien der sexuellen Liberalisierung, Göttingen 2013.

[2] Vgl. Birgit Kelle: „Puff für alle“ als pädagogisches Stilmittel, in: The European 23.11.2014, http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/8250-sexualunterricht-dildos-leder-und-vaginalkugeln (23.10.2014).


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