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Kinderdemokratie: Was denken Kinder über den Bürgermeister?

Yvonne Blöcker |  29. Juni 2016 |   |  Drucken

[analysiert]: Yvonne Blöcker über das Politikbild von Kindern am Beispiel von Benjamin Blümchen.

Unterschiedliche Publikationen haben gezeigt, dass Kinder politische und demokratische Inhalte wie auch Institutionen wahrnehmen.[1] Hierbei spielen Sozialisationsinstanzen wie z.B. die Medien eine Rolle. So hat etwa Gerhard Strohmeier festgestellt, dass auch Hörspielsendungen wie „Benjamin Blümchen“ oder „Bibi Blocksberg“ politische Inhalte vermitteln.[2] Gerade der Neustädter Bürgermeister personifiziert die Politikseite in diesen Sendungen – wobei ihm negative Attribute zuzuschreiben sind: So tritt er immer wieder korrupt, verantwortungslos, unorganisiert und egoistisch auf, umgeht demokratische Instanzen und trifft seine Entscheidungen autokratisch. Dieser Umstand veranlasste das Forschungsprojekt „Göttinger Kinderdemokratie“ (2011–2014), einen Blick darauf zu werfen, wie Schülerinnen und Schüler im Grundschulalter den Ausschnitt einer Hörspielfolge von „Benjamin Blümchen“ reflektieren, in der v.a. der Bürgermeister gemäß obiger Beschreibung auftritt.

Im Rahmen dieser Forschung wurde ein Ausschnitt des Hörspiels „Benjamin Blümchen als Förster“ (Folge 76) vorgespielt: Darin tauschen der Bürgermeister und die Reporterin Karla Kolumna ihre konträren Meinungen zum geplanten Bau einer Autobahnanbindung aus, was einer Streitsituation ähnelt. Der Bürgermeister, der zunächst den Bau der Straße, die durch den Wald führen soll, befürwortet, erklärt, dass die Vorteile für den Tourismus und die Wirtschaft zu berücksichtigen seien; außerdem will er schneller zu seiner Tante reisen können. Schließlich betont er noch, dass doch er derjenige sei, der hier bestimme. Karla Kolumna hingegen verweist darauf, dass dazu der Wald abgeholzt werden müsse und bereits eine Straße zur Autobahn bestehe, die lediglich einer Sanierung bedürfe – sie verlässt daraufhin das Rathaus und betont, dass die Entscheidung nicht stillschweigend hingenommen werde. In dieser Folge zeichnet sich ab, dass die Bürgerinnen und Bürger von Neustadt den Bau der neuen Straßen missbilligen, insbesondere Benjamin Blümchen und seine Freunde sind dagegen und organisieren am Ende der Folge einen Protest, der den Bürgermeister schließlich zum Einlenken bewegt.

Im ersten Schritt sollten die Kinder ihre Eindrücke zu der vorgespielten Situation schildern.[3] Dabei stellte sich heraus, dass der Bürgermeister immer wieder als „stur“ und „nicht umweltfreundlich“ empfunden wurde. Ein Schüler resümierte über den Bürgermeister, dieser sei „[s]o wie in jedem Hörspiel. Nur an sich denkend.“ Ein anderer Schüler ergänzte: „Der macht immer so einen Mist.“ Ein weiterer Schüler stellte in diesem Zusammenhang sogar fest:

„Das [die Situation zwischen dem Bürgermeister und Karla Kolumna, Anm. Y.B.] ist irgendwie genau das Gegenteil von Demokratie. Sie streiten sich die ganze Zeit. Schreien sich an, plappern ins Wort und sind eigentlich genau das Gegenteil von demokratisch.“

Streit wird hier also negativ gesehen, v.a. weil die andere Meinung nicht adäquat gehört werde. Zwar ist dies ein berechtigter Kritikpunkt; doch sind Konflikte ein wesentlicher Teil des politischen Systems und des politischen Diskurses, sie sind notwendig, um unterschiedliche Interessen auszuhandeln.[4] Der Umgang mit Konflikten bzw. mit Streit[5] ist dabei von besonderer Bedeutung: Die Konfliktfähigkeit eines Menschen, sprich: das Aushalten von Gegnerschaft, wird – insbesondere in der politischen Bildung – als wesentliche Grundlage demokratischen Handelns verstanden – d.h. die Kompetenz, „sich konstruktiv streiten zu können, also eigene Interessen vertreten, sich in andere hineinversetzen und es aushalten zu können, wenn man sich nicht durchsetzen kann“[6]. Als der oben zitierte Schüler gefragt wurde, was denn demokratisch für ihn sei, antwortete er: „Also wenn sie einander ausreden, also hätten ausreden lassen.“ Für ihn war wichtig, dass die andere Seite gehört wurde und genügend Raum bekam, um die eigenen Standpunkte mitzuteilen. Die Bedeutung dieses Aspekts betonten auch andere Schülerinnen und Schüler: „Man sollte sich die Meinung von anderen anhören.“

Um den Konflikt zu entschärfen, erklärten die Schülerinnen und Schüler immer wieder, dass die Bürgerinnen und Bürger der Stadt zum Straßenbau gefragt werden sollten, z.B. in Form einer Abstimmung oder einer Unterschriftenaktion. Eine Schülerin kritisierte dabei allerdings: „Aber das wäre sinnlos, weil der Bürgermeister sagen würde, wenn ihr dort unterschreibt, bekommt ihr zehn Euro Prämie.“ Offenbar wurde die Gefahr eines „Schummelns“ gesehen – weil dies dem dargestellten Charakter des Bürgermeisters entsprechen würde. Als die Idee aufkam, die Bürgerinnen und Bürger für oder gegen die neue Straße abstimmen zu lassen, verwies eine Schülerin auf ein weiteres Problem:

„Und dann […] erklärt die Kolumna was darüber und dann erklärt der Bürgermeister was darüber und dann dürfen die Leute darüber nachdenken, die Wahl abstimmen und dann sehen wir, wie es ausgefallen ist. Das könnte man auch machen, es wäre zwar immer noch gemein, falls die Wahl, naja, doof ausfällt. Aber wenigstens würde das Volk auch noch ein bisschen mitbestimmen.“

Hier wird ein wichtiger Aspekt angesprochen: Die Wahlmöglichkeit beteiligt die Bürgerinnen und Bürger und eröffnet damit eine gewisse Offenheit, wie das Ergebnis ausfallen könnte. Dann besteht allerdings die Herausforderung, diese Entscheidung auch zu akzeptieren, selbst wenn das Ergebnis nicht gefällt. Die Akzeptanz von demokratischen Mehrheitsentscheidungen ist folglich eine weitere Herausforderung.

Im nächsten Schritt wurde konkret gefragt, wie ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin im Idealfall zu sein habe und was für dieses Amt von Bedeutung sei. So wurde immer wieder erläutert, er oder sie müsse „fair“ und „nett“ sein. Ein Schüler merkte jedoch an: „Der Bürgermeister muss nicht nett sein, aber er muss sehr gerecht sein.“ Gerechtigkeit wurde v.a. damit verbunden, dass sich der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin andere Meinungen und Interessen anhören müsste – diese Eigenschaft betrachteten auch andere Schülerinnen und Schüler als besonders wichtig. Auch hier verdeutlichen sich wieder die Bedeutung, die Akzeptanz und der Umgang mit Meinungsunterschieden.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Schülerinnen und Schüler den Neustädter Bürgermeister bei „Benjamin Blümchen“ kritisch reflektiert haben und immer wieder die Bedeutung von Meinungspluralismus aufgekommen ist.[7] Ihnen war der gerechte Umgang mit Meinungsunterschieden besonders wichtig: Die andere Meinung sollte gehört werden, was zugleich einen guten Bürgermeister oder eine gute Bürgermeistern ausmache. Ferner zeigten die Schülerinnen und Schüler Lösungswege wie bspw. Abstimmung und Unterschriftenaktionen auf, damit sich die Konfliktsituation entschärft lassen würde – im Idealfall sollte eine Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger erfolgen.

Yvonne Blöcker promoviert über das Demokratieverständnis von Kindern mit Migrationshintergrund. Sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes „Kinder und Demokratie„.

[1] Vgl. z.B. Dondl, Jakob: Politik-Lernen in der Grundschule. Überlegungen zur politischen Bildung anhand einer Studie zu demokratischen Vorstellungen von Viertklässlern, Bad Heilbrunn 2013; Vollmar, Meike: König, Bürgermeister, Bundeskanzler? Politisches Wissen von Grundschülern und die Relevanz familiärer und schulischer Ressourcen, Wiesbaden 2012.

[2] Vgl. Strohmeier, Gerhard: Politik bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 41/2005, S. 7–16.

[3] Die nachfolgenden Ergebnisse und Zitate stammen aus einer Demokratierallye mit einer 3. Klasse. Die Klasse wurde in Kleingruppen aufgeteilt (zu je fünf bis sechs Schülerinnen und Schüler).

[4] Vgl. Reinhardt, Sibylle: Demokratie heißt Konflikt. Wie lernt man das in der Schule?, in: Berliner Republik, H. 3/2012, URL: http://www.b-republik.de/archiv/demokratie-heisst-konflikt-wie-lernt-man-das-in-der-schule [eingesehen am 09.06.2016].

[5] Zum Thema Kinder und Konflikte vgl. Hölscher, Nina: Kinder und Konflikte – Überlegungen zu einer demokratischen Streitkultur, in: Blöcker, Yvonne/Hölscher, Nina (Hrsg.): Kinder und Demokratie. Zwischen Theorie und Praxis, Schwalbach/Ts. 2014, S. 153–174.

[6] Hansen, Rüdiger: Die Kinderstube der Demokratie. Partizipation in Kindertagesstätten, in: Textor, Martin R. (Hrsg.): Kindergartenpädagogik. Online-Handbuch, URL: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1087.html [eingesehen am 11.05.2016].

[7] Für Unterrichtsmaterial zum Thema Meinungspluralismus siehe URL: http://www.demokratie-goettingen.de/content/uploads/2013/01/Arbeitsbl%C3%A4tter-zur-Demokratieerziehung-in-der-Grundschule.pdf [eingesehen am 09.06.2016].


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